Archiv der Kategorie: Literatur

Donnerwetter und Hagelstange: Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Karl Carstens, Richard von Weizsäcker versammelt auf dem Erbacher Friedhof – Wenn die Provinz sich bläht

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Wer es vergessen haben sollte: Der langjährige SPD-Vorsitzende und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt war von 1969 bis 1974 Bundeskanzler, sein Nachfolger Helmut Schmidt regierte die Bundesrepublik bis 1982, Helmut Kohl übernahm sein Zepter für die nächsten 16 Jahre, bis 1998. Richard von Weizsäcker war in der Zeit von 1984 bis 1994 Bundespräsident, Karl Carstens, sein Vorgänger, war es von 1979 bis 1984.
Sie alle hatten sich im August 1984 auf dem kleinen Friedhof in der kleinen Kreisstadt Erbach im Odenwald versammelt (Kohl übrigens als amtierender Bundeskanzler und von Weizsäcker als amtierender Bundespräsident).
Außerdem kamen zahlreiche weitere Prominente, etwa der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll und der damalige „Kirchenpräsident“ Helmut Hild.
Was für ein Tag, was für ein Anlass, was für ein Ort – und was für ein Blödsinn!

Zu lesen war das am 3. Januar 2008 im bundesweit bekannten Zentralorgan für unfreiwilligen Humor, dem Odenwälder Echo. In einem absolut ernst gemeinten, ca. 300 Wörter umfassenden Artikel wurde der Hintergrund und der Anlass des historischen Gipfeltreffens auf Odenwälder Boden ausgebreitet. Ein „wortgewaltiger und zeitlose Orientierung gebender Dichter“ war gestorben und wurde dort begraben, wo er und überhaupt der große Geist seit jeher ihre Wahlheimat hatten: Im Odenwald.
Kein Wunder also, dass sich hier, in der Kreisstadt Erbach die politische und künstlerische Elite Deutschlands ein historisches Stelldichein gab. Verabschieded wurde von seinen engen und höchsten Freunden der Schriftsteller Rudolf Hagelstange.
Da das Odenwälder Echo nicht nur eine hohe Kompetenz bei allem Historischen innehat, sondern auch für seinen investigativen Journalismus bekannt ist, für das Aufdecken von Affären, wundert es nicht, dass der historisch, literarisch und politisch kenntnisreiche Artikel über das Begräbnis von Rudolf Hagelstange auch einen unerhörten Skandal zur Sprache bringt. Man lese also dies:

>Dreizehn Jahre bis zu seinem Tod hat der Epiker, Lyriker, Essayist, Chronist und Journalist in Erbach gewohnt, ist aber heute selbst in der Stadtbücherei und im Buchhandel mit seinen Werken nicht vertreten.
Angesichts dieses Umstandes zeigten nicht nur die Referentin, sondern auch die Zuhörer eine gewisse Betroffenheit.<

In aller Bescheidenheit begann dieser Artikel also nicht mit der unerhörten Prominenz des Wahl-Erbachers, sondern mit dem erstmals erhörten völligen Versagen der Erbacher Stadtbücherei und des (nur lokalen?) Buchhandels.
Erst um dieses Versagen in seiner vollen Dimension verständlich zu machen, erwähnt der Artikel dann gewissermaßen en passant, wer hier so schmählich vergessen wurde und wer damals in stillem Schmerze angereist kam für das letzte Geleit. Ja, der damalige Bundeskanzler Kohl ließ sogar seine Amtsgeschäfte ruhen.
Aber zitieren wir doch direkt, warum sich eine „gewisse Betroffenheit“ einstellen muss:

>Dies auch angesichts der vielen Prominenten, die zu dessen Begräbnis auf den Friedhof von Erbach kamen.
Nicht nur der Schriftsteller Heinrich Böll hatte sich dazu eingefunden. Unter den Trauergästen waren auch Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Carl Carstens, Richard von Weizsäcker und Kirchenpräsident Helmut Hild. Der Autor war Träger des Verdienstordens mit Stern der Bundesrepublik Deutschland gewesen.<

Der Verfasser dieses Artikels ist leider nur mit seinem Autorenkürzel benannt: „e„. Wahrscheinlich steht „e“ redaktionsintern für „exzellent“.
In der Tat ist allein der unerhörte Fleiß des Autors exzellent. Nahezu jeden Tag bereichert „e“ das Odenwälder Echo. Es hallt von ihm in allen Ecken des Odenwaldes. Er schreibt so exzellent, dass sich Chefredakteur Gerhard Grodenwald die Mühe redaktioneller Überarbeitung meist schenken kann.
„e“ ist auch bescheiden, er bleibt gerne im Hintergrund und würdigt lieber die, von denen er schreibt. Hier, in dem gerade betrachteten Artikel, würdigt er die Referentin Inge Löw.

>Die Referentin Inge Löw zeichnete demnach engagiert, kenntnisreich und kompetent den Lebensweg Hagelstanges von Nordhausen bis nach Erbach nach.<

Bis hin zu seinem letzten Gang, möchte man hinzufügen, „kenntnisreich und kompetent“ bis hin zu denen, die Hagelstange auf seinem letzten Weg begleiteten: Brandt, Schmidt, Kohl, Weizsäcker, Carstens, Böll … Gab es zum Gedenken auch Böller?

Hinzufügen muss man, dass „e„, der Hauptautor und -akteur des Odenwälder Echo, nicht nur „kenntnisreich und kompetent“ über andere „Kenntnisreiche und Kompetente“ berichten kann, immer höflich im Hintergrund, er ist auch ungemein geduldig.
Der Event, über den er am 3. Januar 2008 im Ächo berichtete, lag da schon fast 3 Wochen zurück.
Die Literarische Teestunde in der Frauenwerkstatt der Evangelischen Kirchengemeinde von Erbach im Odenwald hatte nämlich stattgefunden am Freitag dem 14. (Dezember 2007).
(Leider wurde im Ächo-Artikel der genaue Termin nicht genannt. Es hieß dort nur: „War Rudolf Hagelstange ein verhinderter Seelsorger oder ist er ein vergessener Dichter? Dieser Frage ging dieser Tage in einer literarischen Teestunde, initiiert von der Religionspädagogin Hanne Aulich, ein interessierter Kreis im evangelischen Gemeindehaus nach.“ Die Hervorhebungen sind wieder von uns).
Warum waren „e“ und sein Redakteur Grünewald so geduldig und ließen sich für den Abdruck der Geschichte fast 3 Wochen Zeit?

Der Grund liegt natürlich in der besonderen Sorgfalt, die ein Bericht über ein so herausgehobenes Odenwälder Ereignis erfordert. Wann schon versammelt sich die gesamte politische Elite in Erbach?
Da muss sorgfältig recherchiert werden, das kostet Zeit, da sind 3 Wochen fast nichts.

Um so erstaunter, nein, umso enttäuschter ist man, wenn man heute dieses Demenzi im Ächo liest:

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>So groß die Hochachtung in Politik, Literatur und Gesellschaft für Rudolf Hagelstange (1912 – 1984) auch gewesen ist – bei der Beerdigung des zuletzt 13 Jahre in Erbach ansässigen Schriftstellers war die Prominenz bei weitem nicht in der Vielzahl und Stärke vertreten, wie der ECHO-Bericht über einen Erinnerungsabend der evangelischen Kirche falsch besagt hat (Ausgabe vom 3. Januar: „In Wahlheimat fast vergessen“).
Bei der wiedergegebenen Liste von Persönlichkeiten handelt es sich nämlich nicht um die der Trauergäste bei der Beerdigung, sondern um jene aller Kondolenzen, also auch der per Brief übermittelten Beileids- und Anerkennungsbekundungen.
Für die Fehlinterpretation bittet die Redaktion um Entschuldigung.<

Unterschrieben ist dieses Demenzi von Gerhard Grodenwald alias „gg“. Warum? Warum, möchte man ihn fragen, warum verdirbt er uns den Spaß?
Ist es nicht besser, an Gott zu glauben als an gar nichts, das fragte kompetent und kenntnisreich schon Blaise Pascal in seinen Pensées.
Und ist es für einen Odenwälder nicht auch besser, an ein politisches und spirituelles Mega-Gipfeltreffen im Odenwald zu glauben als an keines?
Wann ist man je wieder so bedeutsam?
Warum also verdirbt Gerhard Grodenwald seinen treuen Lesern den Spaß und den Glauben? Es geht, das sagt er doch auch, nicht um falsche Fakten, sondern nur um eine Fehlinterpretation.
(Unklar bleibt dabei freilich, wer was falsch interpretierte. Haben die Leser die falschen Fakten im Bericht – das „falsch besagte“ also – falsch oder richtig interpretiert?)
Jedenfalls sollte Gerhard Grodewald seine Leser die Geschichte doch weiter nach eigenem Gusto interpretieren lassen.
Wir wollen, weil es so schön und so traurig ist, weiterhin daran glauben, dass es nach dem Hambacher Fest (1832, westlicher Odenwald) und der Frankfurter Nationalversammlung (1848-1849, nördlicher Odenwald) nur noch ein weiteres, vergleichbares Zusammentreffen der demokratischen, republikanischen Repräsentaten Deutschlands gab: Auf dem Friedhof in Erbach (1984, zentraler Odenwald).
Es lebe der Zentralfriedhof und alle seine Toten!
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Das Demenzi von Gerhard Grodenwald (der nebenbei aus Karl Carstens undemenziert Carl Carstens machte) sollte nicht vergessen machen, dass seine Redaktion sich ganz im Sinne von Dr. Bernd Graff (Süddeutsche Zeitung) als eine Instanz des printigen Qualitätsjournalismus begreift.

Diese selbstbewusste Haltung demonstrierte wenige Tage vor dem Hagelstange-Artikel Grodenwalds Stellvertreter Elmar Streun.
Der berichtete am 29. 12. 2007: „Wenn eine Behörde sich um Kinder kümmert – Jugendamt trennt drei Tage vor Weihnachten eine Pflegefamilie in Höllerbach von ihren Zöglingen„.
Kein Spaß und keine Ironie, wohlgemerkt. Ein Titel, der absolut ernst gemeint war. Im Ächo, das sich irgendwo noch immer als Odenwälder Amtsblatt begreift, würde man nur im äußersten Notfalle Kritik an einem örtlichen Amt üben.
Eine sublime Kritik äußert Elmar Streun daher nur an einem anderen Odenwälder Pressedienst, dem von ihm zu Beginn erwähnten Pressedienst Hörnlein.

BildDer wird von ihm später – leicht verklausuliert – als „unbedarfter Beobachter“ etikettiert, weil aus dessen (bereits publizierter) Sicht das behördliche Vorgehen „nicht richtig“ war.
Nun ist aber keiner unbedarft, nur weil er etwas für falsch hält. Er ist es nur dann, wenn er dafür keine guten Gründe hat.

Es könnte sich bei Streuns Artikel um so etwas wie eine konzertierte Aktion gehandelt haben, denn genau einen Tag zuvor hatte das Odenwälder Landratsamt dem kritisch berichtenden Pressedienst vorgehalten:

>Die …Vorwürfe gegen die Behörde erweisen sich bei einer an der Wahrhaftigkeit orientierten Betrachtung des Sachverhalts als unzutreffend.<

Was heißen sollte, dass der (vom Landratsamt namentlich genannte) Pressedienst nicht an Wahrhaftigkeit orientiert sei.
Zur Erinnerung: Vom heimischen Computer einer Abteilungsleiterin in Horst Schnurs Odenwälder Landratsamt waren vor einiger Zeit unter dem Pseudonym „Micky“ Lobeshymnen zur Arbeit eben dieser Abteilung abgesandt worden. Als Kommentar für die Odenwald Geschichten.
Als unschlagbares Beispiel „einer an der Wahrhaftigkeit orientierten Betrachtung des Sachverhalts“.
Viele lachten über die Geschichte, die Frankfurter Rundschau berichtete darüber, das Odenwälder Ächo berichtete darüber nie – es berichtet lieber, als „bedarfter Beobachter“ über die in Erbach versammelten Trauergäste Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Karl Carstens, Richard von Weizsäcker und Heinrich Böll.

Karl Plagge war „einfach gut“: Israelischer Maler Samuel Bak erinnert an den „Schindler“ von Darmstadt

In Worte gemalt

Der 74 Jahre alte Autor und Maler, der heute in Tel Aviv und New York lebt, stellte am Montagabend bei einer Lesung in Darmstadts Jüdischer Gemeinde sein autobiographisches Buch vor: „In Worte gemalt – Bildnis einer verlorenen Zeit.“
In seinem Buch erinnert Samuel Bak auch an den Darmstädter Wehrmachtsoffizier Karl Plagge, dem er sein Überleben zu verdanken habe.

In einem Bericht des Darmstädter Echo heißt es dazu heute:

>„Damals war er einfach gut. Erst heute weiß man, dass er ein Held war“, sagt der jüdische Maler und Autor Samuel Bak über seinen Retter Karl Plagge. Durch den mutigen Einsatz des Darmstädter Wehrmachtsmajors in der Zeit von 1941 bis 1944 in Wilna überlebte Bak gemeinsam mit seiner Mutter den Holocaust. Für sein Engagement für verfolgte Juden ist Plagge durch den Staat Israel 2005 posthum als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet worden.
Bak wurde 1933 als Einzelkind in Wilna geboren. […]
Baks Vater war Zahntechniker. Da er sehr gut schweißen konnte, kam er in das von Plagge eingerichtete Arbeitslager. Zusammen mit seiner Mutter überlebte Samuel Bak den Holocaust in verschiedenen Verstecken, sein Vater wurde jedoch wenige Tage vor der Eroberung der Stadt durch die Russen von deutschen Soldaten erschossen.[…]
Mit seinem Besuch in Darmstadt schloss sich für Bak der Kreis. Sein Überleben bezeichnete er als Wunder, das er Plagge zu verdanken habe. Oft habe er Plagge durch das Lager gehen sehen und ihn stets erkannt, „weil der Mann hinkte“. Und damals „gab es nicht viele Männer in Uniform, die hinkten.“ […]
Genaueres über den „Darmstädter Schindler“ habe er erst durch das Buch von Michael GoodDie Suche – Karl Plagge, der Wehrmachtsoffizier, der Juden rettete“ erfahren.<

Über das Buch von Michael Good hieß es in der Berliner Zeitung:

>Die Eltern von Michael Good konnten im litauischen Wilna dem Holocaust entkommen. Gerettet hat uns und viele andere ein Wehrmachtsoffizier: Major Plagge, erzählen sie später ihrem Sohn.
Die Geschichte aber lebt nur in ihrer Erinnerung – sie ist nirgendwo dokumentiert. Wer war dieser mysteriöse Offizier? Was ist aus ihm geworden? Mehr als 50 Jahre später macht sich Michael Good auf, den Retter seiner Eltern zu suchen, ohne mehr zu kennen als seinen Namen und seinen Dienstgrad.
Die Recherche führt ihn über Jahre hinweg weltweit durch das Internet, bis er schließlich auf eine höchst ungewöhnliche Geschichte stößt. Das Buch erzählt die Geschichte der Juden von Wilna und die Geschichte eines Deutschen, der einen kleinen Teil von ihnen retten konnte.
Die Suche. Karl Plagge, der Wehrmachtsoffizier, der Juden rettete
Es stützt sich auf die Erzählungen der Familie des Autors, auf Interviews mit anderen Überlebenden und auf über 50 Jahre verschlossenene Wehrmachtsakten und Protokolle des Entnazifizierungsverfahren von Karl Plagge.
Nach und nach vervollständigt sich dabei das Bild eines Deutschen, der durch Menschlichkeit, Umsicht und Mut mehrere Hundert Juden vor der Erschießung und der Deportation in die Vernichtungslager rettete.
Es ist keine ganz bequeme Geschichte, die der jüdische Arzt Michael Good seit sechs Jahren in die Welt zu tragen versucht. Den Deutschen, so ahnt er, wird sie zeigen, dass Widerstand gegen den Holocaust auch in der Wehrmacht möglich war.
Juden wird sie beweisen, dass Nazis zu Lebensrettern werden konnten: Und dem Komitee Yad Vashem in Israel legte sie sogar die Bürde auf, ein NSDAP-Mitglied zu ehren. Es geht um die lang verschüttete, höchst ungewöhnliche Geschichte des Wehrmachtsmajors Karl Plagge aus Darmstadt.<

Die Wikipedia schreibt über den vor 50 Jahren gestorbenen Darmstädter u.a., dass er sich nach dem Krieg in einem Entnazifierungsverfahren auf eigenen Wunsch nicht als „Entlasteter“, sondern als „Mitläufer“ einstufen ließ:

>Karl Plagge studierte von 1919 bis 1924 Maschinenbau in Darmstadt.
1939 wird er als Ingenieuroffizier zur Wehrmacht eingezogen. Als Major war Plagge ab 1941 der Leiter des Heeres-Kraftfahr-Parks (HKP) 562 Ost im litauischen Vilnius.
Dank seiner stetigen Bemühungen, Juden in sein Arbeitslager zu holen und auch die Familien zusammenzuhalten, konnten etwa 250 Juden den Holocaust überleben. Er erkannte rechtzeitig, dass die Juden nur gerettet werden konnten, wenn sie unentbehrliche Arbeitsleistungen erbrachten. So ging die Gründung eines Arbeitslagers auf seine Initiative zurück und auch die Ansiedlung von privaten Textilfirmen, um Arbeitsplätze für die Frauen zu schaffen. In den Lagern wurden auch völlig ungebildete Arbeiter als „kriegswichtig“ eingestuft, was sie vor dem Zugriff der SS bewahrte.

Bevor die Wehrmacht 1944 Vilnius vor der anrückenden Roten Armee räumte, warnte Plagge die Zwangsarbeiter vor der drohenden Übernahme des Lagers durch die SS und verhalf vielen von ihnen zur Flucht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ er sich im Entnazifizierungsverfahren auf eigenen Wunsch als Mitläufer einstufen, obwohl er von der Spruchkammer als Entlasteter eingestuft werden sollte. Wie auch Oskar Schindler machte er sich bis zu seinem Tod Vorwürfe, zu wenige Menschen gerettet zu haben. Am 19. Juni 1957 ist Karl Plagge in Darmstadt an Herzversagen gestorben.<

Quelle: Wikipedia, [Hervorhebungen und Links von uns]

Der Verein „Geschichtswerkstatt“ konzipierte eine Ausstellung „Karl Plagge – Ein Gerechter unter den Völkern“. Sie ist noch bis zu den Herbstferien am Darmstädter Ludwig-Georgs-Gymnasium, das Plagge einst selbst besucht hatte, zu besichtigen.
Über die Eröffnung der Ausstellung hatte das Darmstädter Echo schon am 10. September berichtet.

Reinheimer Satirewoche: Deutschlands (kleine) Hauptstadt skurriler Verbrechen lacht über sich selbst

Das hat wohl doch System. Immer wieder macht Reinheim mit besonders skurrilen oder auch besonders dummen Verbrechen und Verbrechern von sich reden. So hatte vor gerade einem Jahr ein Koch seine mit einem Hammer erschlagene Vorgesetzte in seinem Garten in der Reinheimer Waldstraße verbuddelt.
Bekannt ist auch, dass sich in Reinheim gerade ältere Frauen nicht sicher fühlen können. So wurde im Juli diesen Jahres eine 81-Jährige in ihrer Wohnung vergewaltigt.
Nun wurden erneut zwei nicht mehr ganz junge Frauen attackiert. Auffallend ist diesmal die außergewöhnliche Tollpatschigkeit des Täters, der erst selbst zu Boden stürzt, später seine Beute fallen lässt und zuguterletzt festgenommen wird.

>Nach Angriffen auf zwei Frauen innerhalb weniger Minuten in Spachbrücken haben Beamte der Polizeistation Ober-Ramstadt bei der Fahndung einen 36 Jahre alten Mann aus Münster und einen 20-jährigen Reinheimer festgenommen.
Eine 55-Jährige war gegen 16.35 Uhr von einem Unbekannten in der Nähe des Sportplatzes attackiert worden, um ihre Handtasche wegzureißen. Dabei strauchelte die Geschädigte, der Täter stürzte und konnte schließlich ohne Beute flüchten.
Zehn Minuten später wollte unweit des ersten Tatortes eine 67-Jährige an Glascontainern ihr Leergut entsorgen. Dabei wurde sie offensichtlich von demselben Täter angegriffen, der ihren Rucksack aus dem Fahrradkorb riss. Die Geschädigte fiel mit ihrem Rad um und verletzte sich am Bein. Der Unbekannte flüchtete mit seiner Beute. Ein Zeuge nahm die Verfolgung auf, konnte den Täter nicht einholen, dafür aber erreichen, dass der Flüchtende den Rucksack fallen ließ.
Nur kurze Zeit später wurde in Georgenhausen der bis dahin Unbekannte in einem Fiat sowie der 20-jährige Fahrer festgenommen
. Beide Männer sind polizeibekannt und standen unter Drogeneinfluss.
Inzwischen ist der Jüngere auf freiem Fuß. Der Tatverdacht gegen ihn konnte nicht erhärtet werden. Die Ermittlungen gegen den Sechsunddreißigjährigen dauern an.< Quelle: ots/polizeipresse.de, Festnahmen nach Angriff auf zwei Frauen, 14. 9. 2007 [Hervorhebungen und Links von uns]

Es ist wohl kein Zufall, dass die kleine Stadt im Odenwald alljährlich die Reinheimer Satirewoche ausrichtet.
Die beginnt an diesem Sonntag, dem 16. 9. und endet am 23. 9. mit einem „satirischen Frühstück“.
Man sollte sich nicht wundern, wenn dort ein erbostes Satireopfer einen Satiriker mit Arsen im Kaffee zu meucheln versucht und sich durch ein unglückliches Vertauschen der Tassen selbst vergiftet. So geht es eben zu in Reinheim – oder so könnte es zugehen.
Auch das Darmstädter Echo kündigte schon am Donnerstag das kulturelle Großereignis für die kleine Stadt an. Zu Beginn wird da ein ganz Großer zitiert:

>„Was darf Satire?“ fragte Kurt Tucholsky in einem Essay. Seine lapidare Antwort: „Alles.“ <

So etwas gerade in einer kleingeistigen Provinz postuliert zu sehen, ist selbst gewissermaßen Satire.
Denn schon diejenigen, die sich dort selbst als Hüter der Kultur und des Fortschritts wähnen, haben nämlich größte Mühe, Tucholsky auch nur im Ansatz zu verstehen und seine Haltung zu beherzigen.
Die im Nachbarort Reichelsheim lebende „Kulturbloggerin“ Claudia Trossmann hat für ihre neueste verschwörungstheoretische Analyse („Schäuble und seine Terroristen„) zwar einen Kurzkommentar erlaubt, der ihren ernst gemeinten Beitrag immerhin als „Satire“ nicht schlecht findet.
Ein sachliches, ihr jedoch ungenehmes Feedback dürfte dagegen bis zum St. Nimmerleinstag auf Moderation warten.
Die Kulturfreundin und Bloggerin kann Kritik nämlich nicht ertragen und man sollte – in Sachen Kultur – froh sein, dass nicht sie, sondern die Physikerin Angela Merkel hier die politische Macht innehat.
Ein Satiriker, der sich im Sinne Tucholskys gegenüber der Macht „alles“ erlaubt, hätte gerade unter solchen Kulturfreunden die allerschlechtesten Karten.
Aktuell kann man raten, welches Feedback die Moderationsschranke der Kulturbloggerin anscheinend nicht überschreiten darf. Es sei hier verraten:

>Claudia, dann ist das also keine Satire und Du meinst es ernst: „Regierungen bestellen Terror, um ihre Bevölkerung in Angst und Schrecken zu halten.“
Ich dachte immer, dass im marxistischen Diskurs Regierungen kapitalistischer Staaten (einschläferndes) „Opium fürs Volk“ bestellen – etwa in Form von Religion?
Du erklärst die, denen der Terror gilt (wie in Madrid geschehen), zu dessen Urhebern. Stellst Du so leicht die Dinge auf den Kopf?<

Rezension zu „Anklage unerwünscht“ von Jürgen Roth, Rainer Nübel, Rainer Fromm


Vor dem Hintergrund des derzeitigen Justiz- und Politthrillers in Sachsen ist das Buch von Jürgen Roth und den Mitautoren Rainer Nübel und Rainer Fromm „Anklage unerwünscht“ mit Spannung erwartet worden. Die Recherchen zu diesem Buch haben bereits vor seinem Erscheinen im Eichborn- Verlag Teile des Netzwerkes der deutschen Mafia ins Licht der Medien gerückt.
Der Untertitel „Korruption und Willkür in der deutschen Justiz“ erklärt schon, wessen Interessen bei der unerwünschten – also verbotenen – Anklage eine Rolle spielen.

Selten hat das Erscheinen eines Buches bei den Beschriebenen eine so unmittelbare Welle der Rechtfertigung, Beschwichtigung, Tatsachenleugnung und die Hoffnung auf das schlechte Gedächtnis der Öffentlichkeit ausgelöst wie dieses Buch!
Es ist unmittelbare Zeitgeschichte!

Wegen seines politischen und später einmal historischen Gehalts ist „Anklage unerwünscht“ eine Empfehlung für kommunale Bibliotheken. Diesem Buch sind viele Leser zu wünschen.

Die Autoren schildern an ganz unterschiedlichen Fällen, dass Willkür und Korruption bei den deutschen Gerichten keine Einzelfälle sind, sondern sich flächendeckend über alle Formen der Gerichtsbarkeiten ausgebreitet haben.
Dabei sind Staatsanwälte und Richter Teil des Problems.

Im 2. Kapitel geben die Autoren Einblick in Unregelmäßigkeiten bei der hessischen Justiz. Es geht hier um die Ende 2004 für das Oberbürgermeisteramt in Offenbach nominierte Richterin Karin Wolski.
Ihr und ihrem Ehemann, einem Rechtsanwalt, legt der Bericht zur Last, sie hätten beträchtliche Vermögenswerte eines Klienten als vorgebliche Honorare eingestrichen. Dieser Fall wurde nie befriedigend ermittelt, sondern eingestellt!

Im 4. Kapitel unter der Überschrift „Verschweigen als System…“ haben die Autoren das Bekanntwerden des Sachsen-Skandals ausgelöst, ohne selbst die Brisanz vollständig überschaut zu haben.
Auch in Plauen haben sich nach der Wende kenntnisreiche Ex- DDR- Kader und freundliche „Aufbauhelfer“ aus den alten Bundesländern, aus Verwaltung und Justiz zusammengefunden.
Neue Strukturen mussten für die neue Bundesländer geschaffen werden.
Hier trafen auch Staatsdiener in Goldgräberstimmung zusammen, denen es vor allem um Macht, Geld und auch Sex ging.
So entstand eine Mafia- Struktur, die wegen der gegenseitigen Erpressbarkeit schwer offenzulegen ist. Denn jeder der Beteiligten muss schweigen, wenn er selbst geschützt bleiben will!

Die Autoren berichten über das dreckige Geschäft mit Prostituierten und Kinderprostitution. Sie zeigen am Einzelbeispiel die Vernetzungen der Verantwortlichen und wie sie die Ermittlungen verhindern.
Couragierte Bürgerrechtler um die Hilfsorganisation KARO wurden diffamiert und von der Justiz abgewiesen. Als UNICEF über die Prostitution mit Kindern berichtete, verspricht ein Leitender Angestellter des sächsischen Innenministeriums staatsanwaltliche Ermittlungen. Doch alles wurde heruntergespielt und vergessen.

Ebenso unterbleiben konsequente Ermittlungen zu den anderen Straftaten, wie Mord, Geldwäsche und die Verschiebung von großen Vermögenswerten.

In sieben Kapiteln mit zwei bis vier zur Thematik passenden Abschnitten, Einleitung und Nachwort und einem Anhang für die Quellen, ist das vorliegende Buch eine Fundgrube für gesellschaftskritische Bürgerbewegungen. Kriminalität in großem Stil, verübt von Regierungsbeamten bei Immobilienverkäufen und miesester Kinderprostitution sowie unaufgeklärten Morden werden kenntnisreich dargestellt.

Dankenswert sind die im Nachwort aufgezeigten Gedanken, wie der Krise begegnet werden kann und wo es bereits Ansätze zur Veränderung gibt.

Kritische und selbstbewusste Beamte einschließlich der staatlichen Juristen, die sich einzig dem Grundgesetz und den nachrangigen Gesetzen verpflichtet haben, stören im gegenwärtigen System.
Gewünscht sind pflegeleichte Staatdiener, die obrigkeitsstaatliches Handeln verinnerlicht haben.
Diese Aussage wird von Beispielen gestützt, in denen verantwortungsvolle Richter von eigenen Kollegen und Vorgesetzten „kaltgestellt“ wurden.

Die Autoren berichten ausgewogen. Sie sehen die unterschiedlichen Positionen. Die Waffe, die Demokraten benutzen, ist das Wort. Die Autoren haben die Wortlosigkeit mutig durchbrochen.

Cupido im Odenwald: Mädchen traumatisiert – Sexualtäter therapiert?

CupidoIn dem raffiniert konstruierten Thriller „Cupido“ (US-Ausgabe: Retribution) der amerikanischen Autorin Jilliane Hoffman erlebt die Jurastudentin Chloe gleich zu Beginn den „Alptraum jeder Frau„: In ihr Apartment hat sich ein Maskierter eingeschlichen, der sie brutal vergewaltigt.
(Als Staatsanwältin wird sie sich später an dem Psychopathen rächen, indem sie ihn für eine Mordserie verurteilen lässt, die er nicht verübt hat.)
Im ersten Schock gleicht dies dem Erlebnis einer jungen Frau aus dem Odenwald. In deren Schlafzimmer hatte sich ein mit Sturmhaube maskierter Sexualtäter eingeschlichen.
„Er wollte die junge Frau knebeln, entkleiden und sich dann selbst befriedigen“. So interpretierte die Darmstädter Staatsanwältin Katja Schick die Absicht des nun am Jugendschöffengericht Michelstadt verurteilten 21 Jahre alten Täters.

Für die junge Frau ging es gut aus, viel besser als für die 12 Jahre alte Vanessa Gilg aus Gersthofen, die am Faschingsdienstag 2002 von dem damals 19 Jahre alten Michael Weinhold mit über 20 Messerstichen erstochen worden war.
Verkleidet als Sensenmann hatte sich der Horrorfilmfan zuvor Zutritt in das Schlafzimmer des Mädchens verschafft.

Dass die junge Odenwälderin einen Schock erlitt und seither mit einem Trauma ringt, lässt sich verstehen. Im ersten Moment konnte sie nicht wissen, wie gut oder ungut dies enden würde.
Doch das laut Elmar Streunfür Odenwälder Verhältnisse ungewöhnliche Sexualdelikt“ endete nicht als Tragödie, sondern als Farce:

>Allein sein ungeschicktes Vorgehen verhinderte die Ausführung der Tat oder gar Schlimmeres. Der mit einer Sturmhaube Maskierte stieß gegen einen Tisch, wodurch das Opfer aus dem Schlaf erwachte, um Hilfe schrie und dem Angreifer ans Schienbein trat. Der ergriff die Flucht, zumal er damit rechnen musste, dass die Eltern des Mädchens alarmiert worden waren.

In deren Haus war er mit einem Schlüssel eingedrungen, den er bei einem Besuch Monate zuvor entwendet hatte. Seine Eltern und die der jungen Frau waren befreundet. Beim gemeinsamen Kirchgang war ihm das Objekt seiner Begierde aufgefallen. Bereits im Oktober 2005 hatte er erstmals die Abwesenheit der Bewohner, die mit ihrer Tochter im Gottesdienst weilten, ausgenutzt und drei paar Schuhe sowie Socken der Angebeteten gestohlen. Später tauschte er zwei Paar gegen andere und nahm schließlich einen Büstenhalter und einen Slip der jungen Frau an sich.

Auch lebte er sexuelle Phantasien aus, indem er eine Puppe im Haus seiner Eltern nach und nach entkleidete, fotografierte und im Genitalbereich beschädigte. Beweisaufnahmen zeigten die Plastikpuppe auch mit zugeklebtem Mund. Das Gericht erkannte darin Vorbereitungen seiner geplanten Tat, zumal er bei dem Überfall ebenfalls ein Stück Klebeband bei sich hatte. Außerdem trug er Einmalhandschuhe, um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen. […]<

Sein Psychiater zeigte sich vor Gericht optimistisch:

Der >Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie war es auch, der als Sachverständiger in der Gerichtsverhandlung ein gutes Wort für ihn einlegte. Er sprach von schwieriger pubertärer Entwicklung des Patienten, geringer Durchsetzungsfähigkeit und Verwirklichung eigener Impulse sowie der Gefahr des Abdriftens in eine Traumwelt. Die Tat und die Entdeckung seien ein heilsamer Schock für den Angeklagten gewesen.

Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Wolfgang Kitz verneinte der Psychiater eine Wiederholungsgefahr Er habe keinen Hinweis für aggressive Tendenzen gefunden, sagte er, mit der Einschränkung, dass man nicht in den Kopf eines Menschen schauen könne. Weder deute etwas auf erhöhte Gewaltbereitschaft noch auf Hypersexualität. Der Sachverständige sprach von einem Einzelfall und unreifer pathologischer Verliebtheit.<

Andere sehen bei Sexualtätern eine äußerst hohe Wiederholungsgefahr. Andrew Vachss behauptete 1993 in einem Artikel für die New York Times kategorisch: „Sexualstraftäter können nicht gerettet werden
Allerdings hatte er da wohl andere Kaliber vor Augen als den nun in Michelstadt verurteilten Altenpfleger. Der wurde schließlich zu einer Bewährungsstrafe verurteilt:

>So forderte die Staatsanwältin, ein Jahr und sechs Monate Jugendstrafe auf vier Jahre zur Bewährung auszusetzen mit der Auflage einer mindestens ein Jahr währenden Sexualtherapie und der Ableistung von 150 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Auch soll er die Verfahrenskosten tragen. Zu den bereits erwähnten strafmildernden Faktoren fügte sie die des Fehlens jeglicher Vorbelastungen hinzu. Verschärfend wertet Katja Schick aber „das perfide und geplante Vorgehen“ sowie das Entwenden des Hausschlüssels, um sich an der Tochter der Nachbarfamilie zu vergehen. Die sei allein vom Anblick eines Maskierten an ihrem Bett traumatisiert.

Das Urteil wich geringfügig vom Plädoyer der Staatsanwaltschaft ab: Das Jugendschöffengericht erachtete drei Jahre Bewährung für ausreichend und begrenzte die Arbeitsstunden auf 120, um eine weitere Ausbildung des derzeit arbeitslosen Altenpflegehelfers zu ermöglichen. Das Urteil ist rechtskräftig. Staatsanwältin Katja Schick und Pflichtverteidiger Christoph Müller (Erbach) verzichteten auf Rechtsmittel. Das Gericht hob auf Antrag des Verteidigers den Haftbefehl gegen seinen Mandanten auf.< Quelle: Odenwälder Echo, Pubertäre Irrungen gefährlicher Art, 8. 5. 2007 [Hervorhebungen und Links von uns]

Auch vor dem Landgericht Darmstadt wurde nun über eine seltsame Odenwälder Geschichte verhandelt – da allerdings wurde der wegen mehrfacher Vergewaltigung angeklagte Erbacher freigesprochen:

>Ein 32 Jahre alter Mann aus Erbach im Odenwald ist am Montag vom Landgericht Darmstadt vom Vorwurf der mehrfachen Vergewaltigung und Kindesmisshandlung freigesprochen worden. Das Gericht sah erhebliche Widersprüche in den Aussagen der ehemaligen Lebensgefährtin des Mannes, die ihn vor eineinhalb Jahren angezeigt hatte. Für eine handfeste Überraschung sorgte der Vietnamese in seinem Schlusswort: Er habe sich mit seiner Ex-Freundin und Mutter zweier gemeinsamer Kinder in der Mittagspause des Prozesses ausgesöhnt, sie wollten in Kürze heiraten.
Angeklagt worden war der als Bootsflüchtling vor 16 Jahren aus Vietnam geflohene Mann wegen Vergewaltigung seiner 29 Jahre alten Lebensgefährtin und der Misshandlung des eineinhalb Jahre alten gemeinsamen Sohnes. Um Geld für seine Spielleidenschaft von seiner Freundin zu erpressen, habe er das Kind vor den Augen der Frau wiederholt geschlagen und getreten, hieß es in der Anklage. Außerdem wurde ihm vorgeworfen, mit Schlägen versucht zu haben, Geld von seiner Lebensgefährtin für Spielhallenbesuche zu erpressen.< Quelle: Odenwälder Echo, Landgericht spricht Angeklagten frei – Vorwurf der Vergewaltigung unhaltbar – Ex-Freundin verwickelt sich in Widersprüche, 8. 5. 2007 [Hervorhebungen von uns]

Neues Buch von ZEIT-Reporterin Sabine Rückert über Justizskandal: „Unrecht im Namen des Volkes“

Unrecht im Namen des Volkes. Ein Justizirrtum und seine Folgen

Mitte Januar 2007 ist das zweite Buch der Gerichtsreporterin der ZEIT, Sabine Rückert, im Verlag Hoffmann und Campe erschienen: „Unrecht im Namen des Volkes“.
In kaum drei Wochen wurde es in der Szene der Bürgerrechtler, die sich mit dem gegenwärtigen Zustand der bundesdeutschen Justiz befassen, bekannt und diskutiert.
Sabine Rückert schildert einen Justizskandal, der in seiner kollektiven Ignoranz aus den meisten nie wirklich bekannt gewordenen Justizskandalen der Gegenwart herausragt.
Durch die Zwiespältigkeit der Helfer in unserer Therapiegesellschaft, die finsteren Seiten des deutschen Feminismus, eine außerhalb der Regeln arbeitende und ermittelnde Polizei und Staatsanwaltschaft und ein blindes Gericht kam es zu vernichtenden Fehlurteilen.
Die Autorin berichtet, wie ohne jede Plausibilitätskontrolle der Ermittlungen Urteile gefällt und desto härter vollzogen werden, weil die Verurteilten nicht „geständig“ sind.
In dem geschilderten Verfahren ersetzen Hysterie und kollektive Verdächtigung eine verantwortungsvolle Arbeit aller mit dem Fall professionell Befassten.
Diese Urteile sind dank der engagierten Arbeit der Autorin Sabine Rückert und des Hamburger Rechtsanwalts Johann Schwenn nach Jahren aufgehoben worden.
Die Justiz zögerte das nicht mehr aufzuhaltende Wiederaufnahmeverfahren (in 1999 und 2002) über Jahre hinaus, während die zu Unrecht Verurteilten weiter im Gefängnis eine bekanntermaßen unrechtmäßige Strafe absaßen! Erst seit Dezember 2005 bzw. Okt.ober 2006 sind die zu Unrecht wegen sexuellen Missbrauchs Verurteilen freigesprochen!
Nach vielen Jahren des Freiheitsentzuges und nach verantwortungslosem „Opfer“ – Schutz einer Lügnerin sind die Schäden für alle Betroffenen irreparabel.
Wer gern gute Krimis liest, kommt auf seine Kosten. Das Buch ist gut geschrieben, der Leser legt es schwer aus der Hand.
Wer aber tief in sich die Ahnung trägt, dass unser Rechtsstaat den Bürgern keine ausreichende Rechts-Sicherheit bietet (das sind immerhin 73% der befragten Bevölkerung), für den ist dieses Buch ein haarsträubendes Lehrstück über die „freischaffenden Möglichkeiten“ der Justiz in der Bundesrepublik Deutschland der Gegenwart.
Tote haben keine Lobby
Das Buch von Sabine Rückert deckt umfassend auf, ist sachlich und fair geschrieben. Es stellt einen großen Gewinn für eine spätere Aufarbeitung der gegenwärtigen Justizgeschichte unseres Landes dar.
Am Schluss des Buches wird noch vermerkt, dass der Rechtsanwalt Schwann im Oktober 2006 gegen Richter, Staatsanwaltschaft, medizinische Betreuer des „Opfers“ und schließlich gegen das selbsternannte Opfer Strafanzeige gestellt hat.
Die Strafanzeige wegen Rechtsbeugung gegen den verantwortlichen Richter am LG Osnabrück ist bereits abgeschmettert. Der Rechtsanwalt hat Beschwerde eingelegt.

Ich empfehle das Buch „Unrecht im Namen des Volkes“ wärmstens. Ich wünsche der mutigen Autorin und ihrem Buch viele Leser. Vom Grundgesetz ist nur die Öffentlichkeit als Wächter über die Justiz vorgesehen. Also muss die Öffentlichkeit auch ihre Aufgabe erfüllen, wenn sie mehr Rechtssicherheit wünscht! Dazu braucht sie solch gute Informationsquellen, also solche Bücher.

Die Albträume des Friedrich Merz: Ausstieg aus der Politik – Ab auf die schiefe Bahn?

Die Geschichte, die sich im nachfolgenden „Interview“ enthüllt, spielt zwar nicht im Odenwald, wurde dort aber ersonnen – vor 6 Jahren schon. Bereits damals konnte, wer wollte, erahnen, dass Friedrich Merz in seiner politischen Laufbahn irgendwann auf eine „schiefe Bahn“ geraten würde.
Nun zieht er sich tatsächlich aus der Politik zurück – wenn man seiner Ankündigung Glauben schenken will.
Oder wird er doch, wie das Schund-Blatt mutmaßte, Anführer einer neuen Partei?
Auch der Tagesspiegel spekuliert darüber, während bei Spiegel-Online – wie immer – die Skepsis überwiegt.
Dort erfährt man auch, dass der wilde Friederich im Jahr 2000 ganz hoch hinauf wollte:

>In Hochstimmung sei er von Stoiber zurückgekommen und habe Merkel erklärt: „Stoiber will nicht Kanzlerkandidat werden.“ Das mache dann eben er, Merz.
Offenbar verblüfft über seine eigene Kühnheit, habe Merz noch zu Merkel gesagt: „Aber Angela – was machst du dann?“<

Was „Angela“ heute macht, weiß man ja.
Auch ihre Karriere hätte sich, wie so oft, durch eine kleine, feine Wendung ganz anders entwickeln können.
Unsere Geschichte, die im Februar 2001 erstmals in einem Literaturportal (in der Kolumne ‚Wahre Worte‘) erschien, lässt erahnen, was in der ostdeutschen Pfarrerstochter an weiteren Talenten noch schlummern könnte:

Jenseits von 68 –
Die Albträume des Friedrich Merz

WW: Herr Merz, Hand aufs Herz: Hätten Sie vor 2 Jahren geglaubt, dass Sie mir heute in dieser Position gegenübersitzen?

Merz: Ohne Umschweife: Nein. Eine solche Entwicklung hatte ich zu diesem Zeitpunkt selbst nicht für möglich gehalten.

WW: Wie erklären Sie sich Ihre, nun, etwas überraschende Karriere?

Merz: Sie wissen, dass ich dem christlichen Weltbild verhaftet bin. Insofern könnte ich Ihnen einfach antworten: Der Mensch denkt und Gott lenkt.
Wer hätte denn 1989 geahnt, dass Nelson Mandela wenige Jahre später Staatspräsident eines neuen Südafrika sein würde? Immerhin saß er zu diesem Zeitpunkt seit über 20 Jahren im Zuchthaus.

WW: Sie wollen sich doch im Ernst nicht mit Nelson Mandela vergleichen?

Merz: Sehen Sie, ich unterscheide Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe. So viel Toleranz und Liberalität sollten Sie mir schon zugestehen.
Nein, ich wollte damit einfach sagen, wie nahe sich unten und oben manchmal sind.

WW: Damit mögen Sie ja Recht haben. Dennoch: Nelson Mandela führte einen Freiheitskampf und erhielt den Friedensnobelpreis.
Bei allem Respekt: Ich glaube nicht, dass Sie sich vergleichbare Leistungen an die Brust heften können.

Merz: Natürlich habe ich keinen Friedensnobelpreis erhalten. Das behauptet auch niemand. Sicher ist das, was Sie eine »überraschende Karriere« nennen, in diesem Sinne keine Ruhmestat. Ich bin Jurist, da benötige ich keine Belehrung.
Aber denken Sie an das, was man heute neudeutsch die message nennt: Anything goes, oder, wie ein japanischer Autohersteller wirbt: Nichts ist unmöglich. Insofern denke ich schon, dass auch ich heute etwas durchaus Emanzipatorisches verkörpere.

WW: Herr Merz, lassen Sie uns doch endlich Klartext reden: Sie sitzen seit einem Jahr im Zuchthaus, in Sicherheitsverwahrung. Sie sind rechtskräftig verurteilt wegen mehrfachen Bankraubs, in zwei Fällen mit Geiselnahme. Sie haben 3 Menschenleben auf dem Gewissen. Ihre Partnerin, mit der Sie diese Aktionen durchführten, hat kaltblütig weitere zwei Personen erschossen.

Merz: Einspruch, hier bringen Sie etwas durcheinander. Man konnte mir lediglich die Ermordung zweier Bankangestellter nachweisen. Richtig ist, dass meine Kollegin 3 Menschen erschossen hat. Nicht »kaltblütig«, wie Sie behaupten, sondern im Feuergefecht mit einer Übermacht schwer bewaffneter Polizisten, die uns buchstäblich keinen anderen Ausweg ließ.

WW: Wollen Sie damit etwa die Polizei für die Toten verantwortlich machen?

Merz: Ich frage Sie zurück: Warum ließ man uns in Gladbach nicht einfach abziehen und setzte das Leben der Geiseln aufs Spiel? War es nicht so, dass die Medien ihre »Bonnie und Clyde« – Story haben wollten, koste es, was es wolle?
Spielen Sie nicht die hysterische Hetze der Springer-Presse herunter.

WW: Herr Merz, wichtiger ist doch etwas anderes: Wie war es möglich, dass Sie als Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU in einer solchen Weise auf die schiefe Bahn gerieten? Historisch ist mir kein vergleichbarer Fall bekannt.

Merz: Denken Sie doch nur an Ernesto Che Guevara. Der war Präsident der kubanischen Nationalbank und bis 1965 Industrieminister. 1967 wurde er als Outlaw von bolivianischen Militärs erschossen.

WW: Mandela, Guevara … Hat der frühere Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU sein Herz für linke Revolutionäre entdeckt?

Merz: Kennen Sie meine politische Biografie? Ich war noch nie ein engstirniger Konservativer. Und natürlich hat sich nach diesen bitteren Erfahrungen mit der Staatsgewalt mein Verhältnis zur kapitalistischen Gesellschaftsordnung gewandelt. So etwas lässt einen nicht unberührt.

WW: Nochmals meine Frage: Wie konnte es dazu kommen?

Merz: Dazu muss man sich die Verhältnisse vor Augen führen, die damals herrschten. Die CDU war am Boden, unsere Parteikasse war praktisch leer. To be or not to be, das war die Frage. Mit der Existenz der CDU ging es auch um den Fortbestand eines vom christlichen Menschenbild geprägten Gesellschaftssystems.

WW: Und deswegen haben Sie sich entschlossen, eine Bank auszurauben?

Merz: Sie können mir glauben: Es war die peinvollste Gewissensentscheidung, die ich je in meinem Leben traf. So muss sich Graf Stauffenberg vor seinem Attentat auf Hitler gefühlt haben.

WW: Musste es ausgerechnet eine Filiale der Deutschen Bank sein?

Merz: Sollte es etwa eine Genossenschaftsbank sein? Nein, das hatte ausschließlich sachliche Gründe.

WW: Dass Ihre Parteikasse leer war, gut und schön. Aber was niemand versteht: Warum haben Sie das nicht delegiert, sondern höchstpersönlich…

Merz: Ich und Angela Merkel haben über diesen Punkt lange diskutiert. Die Frage, die sich uns stellte, war: Lässt sich so etwas geheim halten? Denken Sie an Nixon und Watergate. Die historische Erfahrung lehrt doch, dass am Ende alles herauskommt, wenn es vorher Mitwisser gibt.

WW: Das heißt, Sie beide haben niemanden in ihre Pläne eingeweiht?

Merz: Niemand. Es gab dazu keinerlei innerparteiliche Diskussionen. Angela Merkel und ich hatten entschieden, dass die Verantwortung für diese Aktion ganz allein von den Vorsitzenden der Fraktion und der Partei zu tragen war.

WW: Und dann lief die Aktion schief.

Merz: Ich rate davon ab, das so einseitig zu sehen. Sie müssen bedenken, dass wir unser vordringlichstes Ziel erreicht hatten. Es waren immerhin 500.000 DM, die wir erbeuten konnten. Dass einer der Bankkunden mir die Maske vom Gesicht reißen würde, war nicht vorauszusehen. Sicher stellte das eine politische Niederlage dar.

WW: Haben Sie sich in diesem Moment für den Schritt in den Untergrund entschieden?

Merz: Man muss das realistisch sehen. Nachdem ein anderer Bankkunde auch Frau Merkel die Maske herunterreißen konnte, bot die Parteiführung eine Angriffsfläche, die einen taktischen Rückzug ratsam erscheinen ließ.

WW: Sie haben sich bei der anschließenden Flucht den Weg freigeschossen.

Merz: Sicher, es mag in diesem kritischen Moment die eine oder andere Überreaktion gegeben haben. Wir mussten aber davon ausgehen, dass unsere Festnahme die ohnehin schwierige Situation der Partei noch weiter verschärfen würde.

WW: Hat es Sie überrascht, dass die CDU unmittelbar darauf ein Parteiausschlussverfahren gegen Sie und Frau Merkel eingeleitet hat?

Merz: Da erinnere ich mich anders. Der damalige Generalsekretär Laurenz Meyer rief mich per Handy an und machte den Vorschlag, dass ich und Frau Merkel auf einem außerordentlichen Parteitag zu den Vorwürfen Stellung beziehen.

WW: Wozu es nicht kam.

Merz: Nach Lage der Dinge war dies nicht der richtige Zeitpunkt. Ich war mir mit Frau Merkel darin einig, dass eine Rückkehr nur in einer Position der Stärke sinnvoll war. Es ging zunächst einmal darum, eine logistische Basis aufzubauen.

WW: Machen wir es kurz: Sie tauchten in den Untergrund ab, scharten einige Sympathisanten um sich und verbreiteten als Merz-Merkel-Bande mit Banküberfällen und Attentaten Angst und Schrecken.

Merz: Lassen wir doch solche polemischen Wertungen. In Wirklichkeit ging es doch um etwas ganz anderes.
Wissen Sie, was mir mein Vater mit auf den Weg gab?
»Junge, es ist nicht wichtig, was du tust. Aber tu das, was du tust, richtig.«
Wenn Sie so wollen, das ist ein katholischer Ethos, der einen in allen Etappen des Lebens begleitet.

WW: In der Öffentlichkeit wurde oft darüber spekuliert, dass Sie sich mit Ihren militanten Aktionen gegenüber Joschka Fischer profilieren wollten: Was du kannst, kann ich auch – oder besser.

Merz: Man sollte solche Motive im politischen Geschäft nicht überschätzen.
Jeder, der hier drin steckt, weiß: Es sind letzten Endes Sachzwänge, die den Ausschlag gaben. Wenn Sie mich aber schon so direkt fragen:
Natürlich kränkt das, wenn Sie in der Öffentlichkeit nur als braver Steuerexperte und Hausflötist hingestellt werden.
Man selbst weiß doch, dass der Mensch viel differenzierter ist.

WW: Sie hatten im Dezember 2000 dem Tagesspiegel in einem Gespräch anvertraut, dass auch Sie eine wilde Jugend hatten.
Der Tagesspiegel schrieb einleitend zu diesem Gespräch, ich zitiere: »Der Vorsitzende der Union hat seine Eltern und Lehrer gequält. Seine Freunde waren Bier, Schnaps und die Doors…«
Haben Sie sich bewusst zum »Struwwelpeter« bzw. zum »bösen Friederich« stilisiert, um neben Fischer auch als »ganzer Kerl« dastehen zu können?

Merz: Nein, das sehen Sie falsch. Mir ging es dabei eigentlich nur um die historische Wahrheit.

WW: Sprechen wir zuletzt über Ihre Verhaftung. Sie sind in einen Hinterhalt geraten.

Merz: Eine bittere Erfahrung. Ein Dolchstoß. Norbert Blüm hatte uns über Dritte ausrichten lassen, dass wir bei ihm Unterschlupf finden könnten. »Jungs, ihr könnt mir vertrauen.«
Er kann ja sehr jovial sein. Weil er sich aus dem politischen Tagesgeschehen zurückgezogen hatte, glaubten wir ihm. Ein großer Fehler.

WW: Am nächsten Morgen war das Haus von einer Armada schwer bewaffneter Polizisten umstellt.

Merz: Ja. Ich und Angela mussten mit erhobenen Händen und halb nackt heraus auf die Straße. So etwas vergisst man nicht.

WW: Sie beide haben sich während des Prozesses vehement dagegen gewehrt, als Bande bzw. als gewöhnliche Kriminelle behandelt zu werden. Was war denn nun das politische Programm Ihrer Christlichen Armee Fraktion?

Merz: In einem Wort: Die Bergpredigt.

WW: Herr Merz, Sie und Frau Merkel haben in diesen 2 Jahren eine Spur der Verwüstung und des Terrors in unserem Land hinterlassen. Finden Sie es nicht geschmacklos, hierfür das Evangelium zu zitieren?

Merz: Urteilen Sie nicht vorschnell. Wissen Sie, wie man über mich in 2000 Jahren sprechen wird?

WW: Nein, aber mir kommt gerade ein Verdacht: Joschka Fischer, einst Straßenkämpfer, Taxifahrer und Hehler von geklauten Büchern wurde gerade zum ersten Präsidenten der europäischen Union gewählt.
Sie selbst, Herr Merz, haben einen erschütternden Abstieg erleben müssen.
Müssen Sie sich in grandiose Vergleiche flüchten, um so ihr völliges Scheitern vergessen zu können?

Wärter: Fritz, die Besuchszeit ist um. Du musst zurück in deine Zelle.

[…]

Nun leuchtet sie noch heller: Die legendäre FACKEL von Karl Kraus ist komplett online


Regioblogger Peter Löwenstein hatte vor einiger Zeit den Versuch unternommen, die in den „Odenwald Geschichten“ obwaltende Methodik kritisch zu erfassen.

>Ich sage hier nichts zu Ihren polemischen Ausführungen. Und warum nicht? Ich sehe mich nicht dazu in der Lage, Ihrem Niveau zu folgen.
Ich komme nicht mit, was Sie eigentlich wollen!
Wollen Sie einen Vorgang dokumentieren? Dann tun Sie das. Oder wollen Sie eine polemische Fackel ins Dunkel des Odenwaldes halten? Auch gut, warum nicht.
Aber Sie machen beides gleichzeitig. Sie dokumentieren und polemisieren in Einem. Eine sachliche Wertung der von Ihnen polemisierten Vorgänge ist mir unmöglich.
Ihre Beiträge hier erstaunen mich, berühren mich, manches macht mich ziemlich traurig, anderes verwundert mich und hin und wieder lache ich herzlich beim Lesen.< [Hervorhebung von uns]

In der Antwort auf diese kritische Wertung wurde bereits auf den Wiener Publizisten Karl Kraus und dessen legendäre FACKEL verwiesen.
Um jedenfalls die Methodik der FACKEL besser zu verstehen, bietet sich jedem insoweit Verständnislosen seit Anfang Januar eine ultimative Lösung: Die FACKEL, die man in den 70er Jahren beim Frankfurter Verlag 2001 in der voluminösen Gesamtausgabe zwar günstig aber eben nicht umsonst erwerben konnte, steht nun komplett im Web. Frei von Urheberrechten, die Ende 2006 erloschen sind.
Die digitale FACKEL ist ein Projekt der österreichischen Akademie der Wissenschaften. Sie kann nach einer vorherigen Registrierung kostenlos genutzt werden.


Was wir umbringen. Die Fackel von Karl Kraus

Im Mandelbaum-Verlag erschien im Sommer letzten Jahres ein Buch , das „kenntnisreiche Essays renommierter Kraus-Forscher“ versammelt. Wir zitieren dazu den Klappentext:

>Vor 100 Jahren blitzte zum ersten Mal überall in Wien das leuchtende Rot der von Karl Kraus (1874- 1936) herausgegebenen Zeitschrift Die Fackel auf. Hymnisch verehrt, aber auch bodenlos gehasst wurde sie für ihre geballte Angriffslust, ihre sezierend scharfen Urteile, ihre hohe Sprachkunst und die Unerbittlichkeit ihres moralischen Anpruches. Pointiert kommentierte sie bis zum Tod ihres Herausgebers Politik und Gesellschaft sowie Kultur und intellektuelle Strömungen von der Jahrhundertwende bis zum Untergang der Ersten Republik.< Quelle: Mandelbaum Verlag

In der Neuen Züricher Zeitung hatte Paul Jandl vor einigen Tagen die Bedeutung von Karl Kraus für die heutige Blogosphäre skizziert:

>Nach der Bekanntgabe der Nachricht, dass die komplette «Fackel» im Netz steht, war das Rumoren auf Weblogseiten wie dem «Schockwellenreiter», dem «Polarduft» oder «Sodazitron» deutlich zu hören. Allein der etwas müde «Fackelblog» («in Memoriam Karl Kraus») hat die Sache verschlafen. Unter intellektuelleren Bloggern ist Karl Kraus längst als Vorfahr adoptiert. Wer wenn nicht er, hat durch seine Arbeit eine frühe Ahnung davon vermittelt, was ein parallel zur Weltlage laufender Hypertext sein kann. Der österreichische Journalist und Schriftsteller hat mühelos von anderen Publiziertes, Gesagtes und Gemeintes zu einem Gesamtwerk gebündelt, um es polemisch gegen den Strich zu bürsten.[…]
Karl Kraus war ganze fünfundzwanzig, als er die «Fackel» gründete. Er war kein vor dem Computer verdämmernder nerd, aber Egomane genug, um einsam zu sein. Ab 1912 schrieb nur noch der Herausgeber selbst im feuerroten Blatt. Die virtuelle Welt seiner Produktionsweise würde den heutigen Betreibern von Weblogs alle Ehre machen. Vorzugsweise nachts und allein in seinem Arbeitszimmer hat der Satiriker seine Tiraden und Kommentare verfasst.
Was fremdes, entlarvendes Zitat war, hat Kraus in einer Art frühem Copy- and-Paste-Verfahren seinen Texten einverleibt. Oft genügte das Zitat allein.

Mit jedem noch so entlegenen Thema hat Karl Kraus seinen kritischen Metadiskurs geführt und war dabei eitel genug, um an unmittelbare politische Wirkungen zu glauben. Und die haben seine roten Hefte, die in Wien mit einer Auflage von bis zu 30 000 Stück verkauft wurden, wahrlich nicht verfehlt. Das politische und publizistische Personal Wiens wurde von Kraus‘ Angriffen hinreichend erschüttert.
Wenn die Blogger dieser Welt auf Karl Kraus rekurrieren, dann geht es um dessen Anstiftung zur Debatte und die Fähigkeit, Öffentlichkeit dort herzustellen, wo sie bisher nicht war.
Die Utopie eines eigenständigen und medienunabhängigen Diskurses hat Karl Kraus verwirklicht, lange bevor die technische Demokratisierung für ein Übermass des Meinens sorgte. 50 000 Weblogs werden heute weltweit täglich eröffnet. Die Blogosphäre leidet an Blähung, während der frühe Blogger Kraus noch für den Nachruhm an Reduktion glaubte. < Quelle: Paul Jandl, Neue Züricher Zeitung, Die Plage der Unsterblichkeit –
Karl Kraus, der Vorfahr aller Blogger, ist mit seinen 22 500 «Fackel»-Seiten jetzt online
, 12. 1. 2007 [Hervorhebungen von uns]

Die exzellente, um juristische Themen kreisende Website 123recht.net, würdigt Karl Kraus auch für dessen scharfsinnige Justizkritik. Sie schreibt über ihn:

>Mit seiner in Wien herausgegebenen Zeitschrift „Die Fackel“ bezog er auf satirisch-provokante Weise Stellung zum damaligen politischen Geschehen. Dabei nahm er nicht nur den Bürokratismus oder korrupte Beamte aufs Korn, sondern auch Journalisten und Schriftsteller. Die Medien standen im Mittelpunkt seiner Kritik, die sich durch hohe Sprachkunst auszeichnete. […]
Dank seiner scharfen Urteile und seines gnadenlosen moralischen Anspruchs schuf er sich aber auch viele Feinde, er wurde mehrfach verklagt. Karl Kraus verstand sich allerdings sehr gut darauf, mit Zensur umzugehen. Durch das Zitieren bekannter Persönlichkeiten äußerte er indirekt seine eigene Meinung.
Manchmal druckte er einen Artikel ab, den er komplett aus einer anderen Zeitung übernommenen hatte, und versah diesen lediglich mit einer eigenen, meist satirischen Überschrift. Gerne stellte er auch verschiedene Meldungen nebeneinander und ließ die darin enthaltenen Gegensätze für sich sprechen.<

Insgesamt 6 justizkritische Artikel von Kraus stellt 123recht.net vor. Der erste („Aus dem Neandertal“) hört sich im Hartz 4- Zeitalter so gar nicht vergangen an:

>Eine arbeitslose, ungefähr vierzigjährige Frau reichte um die Arbeitslosenunterstützung ein. Der mit der Erhebung betraute Gendarm verlangte von der Frau die geschlechliche Hingabe und versprach ihr, dass sie in diesem Fall sehr rasch die Arbeitslosenunterstützung bekommen werde. Daraufhin warf die Frau den Gendarm mit Entrüstung hinaus und erhielt auch weiterhin keine Arbeitslosenunterstützung. Es erschien ein zweiter Gendarm bei der Frau, dem sie das Erlebnis mit dem ersten Gendarm erzählte. Dieser klagte daraufhin die Frau wegen Ehrenbeleidigung an. Das Gericht (im Lande Salzburg) schenkte den Aussagen der Frau keinen Glauben und verurteilte sie mit folgender Begründung:

1. Der Frau ist schon deshalb kein Glauben zu schenken, weil der Gendarm, ein fünfundzwanzigjähriger Mann, wenn er an eine vierzigjährige Frau ein derartiges Verlangen stellen sollte, abnormal sein müsste.
2. Wenn er abnormal wäre, müsste diese Tatsache seiner Dienststelle bekannt sein.
3. Davon ist aber der Dienststelle nichts bekannt, daher ist der Mann auch nicht abnormal und kann daher auch ein derartiges Begehren an eine vierzigjährige Frau gar nicht gestellt haben.<

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften wendet sich übrigens – der Bedeutung des Ereignisses bewusst – mit „Editorial Notes“ an die literaturwissenschaftliche Gemeinde weltweit :

>The Austrian Academy of Sciences is pleased to present:

AAC – Austrian Academy Corpus: AAC-FACKEL
Online Version: »Die Fackel. Herausgeber: Karl Kraus, Wien 1899-1936«
AAC Digital Edition No 1
www.aac.ac.at/fackel

The AAC digital edition of the journal »Die Fackel«, edited by Karl Kraus from 1899 to 1936, offers free online access to the 37 volumes, 415 issues, 922 numbers, comprising more than 22.500 pages and 6 million wordforms. The AAC-FACKEL contains a fully searchable database of the entire journal with various indexes, search tools and navigation aids in an innovative and highly functional graphic design interface, in which all pages of the original are available as digital texts and as facsimile images. […]

»Die Fackel« („The Torch“) was published in Vienna from April 1899 to February 1936 and was almost entirely self-authored by the satirist Karl Kraus who used language and press criticism to attack society and culture. Karl Kraus was born on 28 April 1874 in Jičín (Bohemia) and died on 12 June 1936 in Vienna. The work of Karl Kraus, in its many forms and variations, of which the journal is the core, can be regarded as one of the most important, although almost untranslatable contributions to world literature. It is a source for the history of the time, for its language and its transgressions. Karl Kraus in his own typical and idiosyncratic manner dealt with the themes of journalism and war, of sex and crime, of politics and corruption, of literature and lying. The influential journal »Die Fackel« comprises in literally thousands of texts an enormous thematic variety in a great number of different text types, such as essays, notes, commentaries, aphorisms, poems, drama and other literary expressions….<

Schallende Ohrfeige für türkische Justiz: Orhan Pamuk erhält als erster Türke den Literaturnobelpreis


… erst vor gut einem Jahr hatte ein Staatsanwalt des Istanbuler Bezirks Sisli den Schriftsteller vor Gericht gezerrt und wegen einer angeblichen Herabsetzung oder Beschädigung der „türkischen Identität“ und des „Türkentums“ angeklagt.
Pamuk hatte die Verbrechen an den Armeniern wiederholt beim Namen benannt – was die „Verbrechensbekämpfer“ in der türkischen Justiz aktiv werden ließ.
Der Name von Pamuk geht in die Literaturgeschichte und in die türkische Geschichte ein. Eigentlich sollte auch der Name des justizkriminellen Staatsanwalts in diese Geschichte eingehen, zumindest im Internet lässt sich solchen Gestalten heute ein bleibendes, virtuelles Denkmal setzen.

Die FAZ kommentierte diesen Vorgang damals so:

>Wie der Generalstaatsanwalt aus der bloßen Erwähnung historisch weitgehend verbürgter Opferzahlen ein Verbrechen wider das Türkentum konstruieren will, bleibt vorerst sein Geheimnis. Ebenso rätselhaft bleibt, warum ein Land, das seine Aufnahme in die Europäische Union energisch betreibt, einen seiner prominentesten kulturellen Botschafter mit Freiheitsentzug bedroht, weil er sagt, was in jedem Geschichtsbuch außerhalb der Türkei nachzulesen ist.
Orhan Pamuk befürwortet den EU-Beitritt seines Heimatlandes. Nun muß ihn neben der persönlichen Bedrohung besonders schmerzen, daß ausgerechnet sein Fall die Hoffnungen der Türkei erheblich schmälern könnte. Denn wer in Europa wird sich noch für die Aufnahme eines Landes aussprechen, das seine bedeutendsten Dichter verfolgt, weil sie historische Wahrheiten aussprechen? Wie immer der Prozeß ausgeht, er hat schon jetzt mehr darüber verraten, welches Verständnis der „türkischen Identität“ von Teilen der Justiz des Landes gepflegt wird, als dem türkischen Volk lieb sein kann.
Der Artikel 301/1 ist ein typischer Gummiparagraph, denn weder die „türkische Identität“ noch der Akt ihrer Herabsetzung sind darin näher definiert. So ist beides vollkommen ins Ermessen der Justiz gestellt und sind der Willkür Tür und Tor geöffnet. In jüngster Zeit soll der Paragraph Intellektuellen gegenüber bereits mehrfach aus der Mottenkiste der Repression gezogen worden sein, ohne daß es aber zu Verfahren gekommen wäre. <
Das ZDF weist in seinem aktuellen Bericht darauf hin, dass das Verfahren gegen Pamuk auf Grund internationalen Drucks im Januar eingestellt wurde, aber: „Zahlreiche andere Schriftsteller und Journalisten warten jedoch nach wie vor wegen desselben Vorwurfs auf einen Prozess.“ [Hervorhebung und Links von uns]

Sind deutsche Staatsanwälte zu gleichen nationalen Glanzleistungen fähig? Selbstverständlich, es bedarf nur eines kleinen Systemwandels und aufgrund historisch-empirisch verbürgter Erfahrung dürften schätzungsweise 90% des heutigen Justizpersonals auch dem gewandelten System treu dienen – auch wenn es dem heutigen Grundgesetz Hohn spräche.

Matthias Beltz: „Ist es denn wirklich undenkbar, dass es einmal Krieg geben wird um das hessische Michelstadt?“


Heute vor 4 Jahren starb der Frankfurter Kabarettist Matthias Beltz. Zeit, sich an ihn zu erinnern – mit seiner zeitlosen Charakterstudie des Hessen:

>Wo Hessen liegt, ergibt sich aus einem Blick auf die Landkarte. Was aber die Hessen sind, erfährt nur, wer sich vor dem Nichts nicht fürchtet. Als Hesse wird man nicht geboren, zum Hessen wird man gemacht! Hessen ist keine stammeseigene Religion sondern ein künstliches Gebilde, das zuletzt mit alliierter Hilfe nach dem 2. Weltkrieg gebastelt wurde. Zwischen Kassel und Frankfurt liegt nicht nur Oberhessen sondern eine ganze Welt.

Das sein als Hesse benennt keine Identität, es ist bloß eine steuererhebliche Zuordnung zu einer statistisch erfassten Bevölkerungsgruppe. Niemand sagt hier: “Ich bin stolz, ein Hesse zu sein!“. Die höchste Form des Stolzes äußert sich britisch unterkühlt als Verbundenheit mit der Heimat. Der Hesse trotzt der Welt, aber er feiert seine eigene nicht.

Hessen verstehen können nur derjenige und nur diejenige, die die ethnische Sondersituation Hessens kennen. Hessen ist umzingelt von lauter Deutschen, hat keinen direkten Zugang zum Meer, zu den Alpen und zum Ausland und daher keinen Kontakt zur Freiheit. Hessen ist ein ungeliebtes Land, was fatale Einflüsse auf die Seele der dort lebenden Menschen zur Folge hat.

Du dumm Sau, komm her, isch bresch dir alle Knoche!” “Isch habb doch gar nix gemacht!“-„Ewe drum sach isch dir´s ja auch noch im Gude!” Das ist diese Mentalität, groß in der Drohgebärde, klein in der folgenden Handlung.

Weil der Hesse und die Hessin die Betrogenen sind von Geschichte, Wetter und geografischer Lage, halten sie sich für von zu Haus aus benachteiligt. “Isch glaub, isch komm zu korz!” Es sind die Zukurzgekommenen, denen man nicht trauen darf, also Vorsicht, ihr Nichthessen, denn schon der hessische Fötus weiß es: “Das wird noch eng, aber da müssen wir durch!

Hessen liegt im Herzen Europas, daher rührt der ruchlose Schmäh herzloser fremder deutscher Stämme gegen ihr eigenes Zentrum. So gibt es einen Spruch aus Mainz, der in seiner hochdeutschen Form erst seine wahre Unfreundlichkeit zeigt: “Wir sind Mainzer/Ihr seid Hessen/Was wir scheißen/Tut ihr fressen.”

Zum letzten friedlichen Aufstand der Hessen gegen ihre Feinde kam es im Jahre 1984: “Was kommt denn da fürn wüster Krach aus Frankfurt, Darmstadt, Offenbach? Was lärmt in Kassel, Gießen und Wiesbaden bloß so gnadenlos? Was tut den Bayern, Schwaben, Friesen gründlich jeden Spaß vermiesen? Was tobt seit vielen Wochen schon? Ne schaurig, schöne Invasion! Erbarmen- zu spät- die Hesse komme!”

Darum gelten Hesse und Hessin gemeinhin, aber fälschlicherweise als dumm, was wirklich Dumme aus dem verblüffend schlicht wirkenden hiesigen Dialekt ableiten. Naturgemäß erschließt sich die Feinheit dieser elaborierten Sprache weder einem Hamburger Pfeffersack noch einem vorpommerschen Krautjunker. Denn hinter der scheinbar mangelnden Feinheit lauert Gemeinheit, unverstellt und geschichtlich notwendig aus harscher Erfahrung.

Wächst hier nicht Gefahr, ohne dass gleich auch das Rettende naht? Ja, denn solch optimistischer Unfug, aus jeder Gefahr Rettung hervorscheinen zu sehen, kann nur einem schwäbischen Lebensbejaher wie Hölderlin einfallen. Realistischer dagegen sehen Hessen die Welt: Unsere Grenzen sind willkürlich gezogen worden all die Jahrhunderte auf den Tischen der Herrschenden, die oft mit hessenfremden Mächten verbunden waren. Ist es denn wirklich undenkbar, dass es einmal Krieg geben wird um das baden-württembergische Walldürn, das bayerische Amorbach und das hessische Michelstadt, das Dreiländereck, in dem schon der Bauernkrieg tobte?
Der hessische Mensch wäre nicht überrascht, wir sind auf alles gefasst, denn der Rousseausche Gedanke, der Mensch sei von Haus aus gut, hat nie Heimat gefunden in Hessen. Die Hessen wissen aus alter Selbsterfahrung, das der Wilde nicht der Gute ist. Und darum sagen wir im Süden des Landes: “Wenn mir gebbe, gebbe mir gern; abber mir gebbe nix!” Das ist die hessische Einheit von Herzlichkeit und Wahrheitsliebe, mit der sich trefflich leben lässt, denn eigentlich sind alle Menschen in Hessen Fremde, die nicht das Bedürfnis haben, dass alle sich mögen müssen.<