Archiv der Kategorie: Geschichte

Karl Plagge war „einfach gut“: Israelischer Maler Samuel Bak erinnert an den „Schindler“ von Darmstadt

In Worte gemalt

Der 74 Jahre alte Autor und Maler, der heute in Tel Aviv und New York lebt, stellte am Montagabend bei einer Lesung in Darmstadts Jüdischer Gemeinde sein autobiographisches Buch vor: „In Worte gemalt – Bildnis einer verlorenen Zeit.“
In seinem Buch erinnert Samuel Bak auch an den Darmstädter Wehrmachtsoffizier Karl Plagge, dem er sein Überleben zu verdanken habe.

In einem Bericht des Darmstädter Echo heißt es dazu heute:

>„Damals war er einfach gut. Erst heute weiß man, dass er ein Held war“, sagt der jüdische Maler und Autor Samuel Bak über seinen Retter Karl Plagge. Durch den mutigen Einsatz des Darmstädter Wehrmachtsmajors in der Zeit von 1941 bis 1944 in Wilna überlebte Bak gemeinsam mit seiner Mutter den Holocaust. Für sein Engagement für verfolgte Juden ist Plagge durch den Staat Israel 2005 posthum als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet worden.
Bak wurde 1933 als Einzelkind in Wilna geboren. […]
Baks Vater war Zahntechniker. Da er sehr gut schweißen konnte, kam er in das von Plagge eingerichtete Arbeitslager. Zusammen mit seiner Mutter überlebte Samuel Bak den Holocaust in verschiedenen Verstecken, sein Vater wurde jedoch wenige Tage vor der Eroberung der Stadt durch die Russen von deutschen Soldaten erschossen.[…]
Mit seinem Besuch in Darmstadt schloss sich für Bak der Kreis. Sein Überleben bezeichnete er als Wunder, das er Plagge zu verdanken habe. Oft habe er Plagge durch das Lager gehen sehen und ihn stets erkannt, „weil der Mann hinkte“. Und damals „gab es nicht viele Männer in Uniform, die hinkten.“ […]
Genaueres über den „Darmstädter Schindler“ habe er erst durch das Buch von Michael GoodDie Suche – Karl Plagge, der Wehrmachtsoffizier, der Juden rettete“ erfahren.<

Über das Buch von Michael Good hieß es in der Berliner Zeitung:

>Die Eltern von Michael Good konnten im litauischen Wilna dem Holocaust entkommen. Gerettet hat uns und viele andere ein Wehrmachtsoffizier: Major Plagge, erzählen sie später ihrem Sohn.
Die Geschichte aber lebt nur in ihrer Erinnerung – sie ist nirgendwo dokumentiert. Wer war dieser mysteriöse Offizier? Was ist aus ihm geworden? Mehr als 50 Jahre später macht sich Michael Good auf, den Retter seiner Eltern zu suchen, ohne mehr zu kennen als seinen Namen und seinen Dienstgrad.
Die Recherche führt ihn über Jahre hinweg weltweit durch das Internet, bis er schließlich auf eine höchst ungewöhnliche Geschichte stößt. Das Buch erzählt die Geschichte der Juden von Wilna und die Geschichte eines Deutschen, der einen kleinen Teil von ihnen retten konnte.
Die Suche. Karl Plagge, der Wehrmachtsoffizier, der Juden rettete
Es stützt sich auf die Erzählungen der Familie des Autors, auf Interviews mit anderen Überlebenden und auf über 50 Jahre verschlossenene Wehrmachtsakten und Protokolle des Entnazifizierungsverfahren von Karl Plagge.
Nach und nach vervollständigt sich dabei das Bild eines Deutschen, der durch Menschlichkeit, Umsicht und Mut mehrere Hundert Juden vor der Erschießung und der Deportation in die Vernichtungslager rettete.
Es ist keine ganz bequeme Geschichte, die der jüdische Arzt Michael Good seit sechs Jahren in die Welt zu tragen versucht. Den Deutschen, so ahnt er, wird sie zeigen, dass Widerstand gegen den Holocaust auch in der Wehrmacht möglich war.
Juden wird sie beweisen, dass Nazis zu Lebensrettern werden konnten: Und dem Komitee Yad Vashem in Israel legte sie sogar die Bürde auf, ein NSDAP-Mitglied zu ehren. Es geht um die lang verschüttete, höchst ungewöhnliche Geschichte des Wehrmachtsmajors Karl Plagge aus Darmstadt.<

Die Wikipedia schreibt über den vor 50 Jahren gestorbenen Darmstädter u.a., dass er sich nach dem Krieg in einem Entnazifierungsverfahren auf eigenen Wunsch nicht als „Entlasteter“, sondern als „Mitläufer“ einstufen ließ:

>Karl Plagge studierte von 1919 bis 1924 Maschinenbau in Darmstadt.
1939 wird er als Ingenieuroffizier zur Wehrmacht eingezogen. Als Major war Plagge ab 1941 der Leiter des Heeres-Kraftfahr-Parks (HKP) 562 Ost im litauischen Vilnius.
Dank seiner stetigen Bemühungen, Juden in sein Arbeitslager zu holen und auch die Familien zusammenzuhalten, konnten etwa 250 Juden den Holocaust überleben. Er erkannte rechtzeitig, dass die Juden nur gerettet werden konnten, wenn sie unentbehrliche Arbeitsleistungen erbrachten. So ging die Gründung eines Arbeitslagers auf seine Initiative zurück und auch die Ansiedlung von privaten Textilfirmen, um Arbeitsplätze für die Frauen zu schaffen. In den Lagern wurden auch völlig ungebildete Arbeiter als „kriegswichtig“ eingestuft, was sie vor dem Zugriff der SS bewahrte.

Bevor die Wehrmacht 1944 Vilnius vor der anrückenden Roten Armee räumte, warnte Plagge die Zwangsarbeiter vor der drohenden Übernahme des Lagers durch die SS und verhalf vielen von ihnen zur Flucht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ er sich im Entnazifizierungsverfahren auf eigenen Wunsch als Mitläufer einstufen, obwohl er von der Spruchkammer als Entlasteter eingestuft werden sollte. Wie auch Oskar Schindler machte er sich bis zu seinem Tod Vorwürfe, zu wenige Menschen gerettet zu haben. Am 19. Juni 1957 ist Karl Plagge in Darmstadt an Herzversagen gestorben.<

Quelle: Wikipedia, [Hervorhebungen und Links von uns]

Der Verein „Geschichtswerkstatt“ konzipierte eine Ausstellung „Karl Plagge – Ein Gerechter unter den Völkern“. Sie ist noch bis zu den Herbstferien am Darmstädter Ludwig-Georgs-Gymnasium, das Plagge einst selbst besucht hatte, zu besichtigen.
Über die Eröffnung der Ausstellung hatte das Darmstädter Echo schon am 10. September berichtet.

Theologischer Zweifkampf in NS-Zeit: Erbacher Stadtpfarrer Otto Hahn (Bekennde Kirche) wetteiferte mit dem SA-Pfarrer Willy Maurer um die Gläubigen


Dabei soll Hahn obsiegt haben. „Die Mehrheit der Erbacher Christen„, so hieß es im gestrigen Bericht des Odenwälder Echo, „fühlte sich damals zu Hahn hingezogen.“
Über die historischen Hintergründe hatte die Pfarrerin und Notfallseelsorgerin Annette Herrmann-Winter beim Historischen Verein der Kreisstadt Erbach referiert.
Sie bezog sich u.a. auf Informationen, die dem Michelstädter Gymnasiallehrer und Heimatgeschichtler Hans Winter vorlagen.
Der hatte von Hahn persönlich die Kopie seines nicht öffentlich gemachten Anhangs zur Erbacher Kirchenchronik erhalten.
Erstaunlich übrigens, dass der bekennende Christ Hahn dort das Schicksal der Juden und der von den Nazis politischen Verfolgten offenbar mit keinem Wort erwähnte.

Der Sohn des Erbacher Pfarrers, der 1936 in Erbach geborene Hans Otto Hahn, machte später in der Evangelischen Kirche Karriere und wurde dort Vizepräsident des Diakonischen Werkes und Direktor des Hilfswerks „Brot für die Welt“.
Nachfolgend Auszüge aus dem gestrigen Echo-Bericht, der anscheinend eine Pressemitteilung des Historischen Vereins aufgegriffen hatte:

>An einer Fülle von Reibereien, Anzeigen bei der Polizei und persönlichen Konfrontationen – Hahn hatte in der Kriegszeit zuletzt sieben Kirchengemeinden zu betreuen – illustrierte der Referent dessen Alltag. Besonders nannte er die Auseinandersetzungen mit seinem Kollegen in Erbach, Willy Maurer, Mitglied der SA und Deutscher Christ. Selbst als ihm seine Verhaftung angedroht wurde, bat sich Hahn noch Zeit für eine Taufe aus. Freilich: Er blieb davon verschont, weil sich die Polizei weigerte, gleich 200 Pfarrer mit regimekritischer Einstellung zu inhaftieren.
Die Mehrheit der Erbacher Christen fühlte sich damals zu Hahn hingezogen, was sich in der Zahl seiner kirchlichen Handlungen ausdrückt: Deutlich mehr Taufen, Konfirmationen und Trauungen als sein Kollege Maurer. […]
Auch das konservativ-nationale Weltbild Hahns kam zur Sprache, das für viele Pfarrer seines Alters selbstverständlich war. Dies hielt ihn auch vom aktiven Widerstand gegen die Nazis ab. Dass Hahn in seinem Anhang zur Kirchenchronik das Schicksal der Juden und anderer politisch Verfolgter nicht erwähnt hat, führte Winter auf eben dieses Weltbild des Erbacher Seelsorger zurück.< Quelle: Odenwälder Echo, Zwei evangelische Pfarrer im Widerstand, 27. 11. 2006

Bereits in einem früheren Echo-Artikel (zum 100-jährigen Jubiläum des Evangelischen Posauenchors) war über diese Episode der Erbacher (Kirchen-) Geschichte berichtet worden.
Nachfolgend Auszüge aus dem am 27. 4. 2006 erschienen Artikel:

>Dem damaligen Stadtpfarrer Otto Scriba verdankt der Evangelische Posaunenchor Erbach seine Gründung im Jahr 1906 und damit die Tatsache, dass er jetzt sein hundertjähriges Bestehen feiern darf…
Die Posaunenchorbewegung und deren aus heutiger Sicht extreme Moralvorstellungen prägten das Wesen des Chores in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. So mussten Beitrittswillige eine Art Eid ablegen und dem Teufel entsagen; nach einer Probezeit wurden sie nach strengem Ritual aufgenommen; Alkohol war gänzlich verboten. In Erbach spöttelte man daher gelegentlich auch über den „Selterswasserverein“.
Nach der kriegsbedingten Ruhephase kam es zu Beginn der zwanziger Jahre zum Umbruch, den ein Pfarrer mit „starker sittlicher Verwilderung“ beschreibt, und dabei „Genusssucht, Sünden gegen das 6. und 7. Gebot sowie krankhafte Tanzwut“ beklagt. Flach, Autorität alter Art, wird nicht mehr anerkannt, der Chor durchlebt eine Krise, bis es 1926 unter dem jungen Pfarrer Friedrich von der Au zur Neugründung kommt.

Die Machtergreifung der NSDAP führt die Musiker in eine neue Krise. Der seit 1930 amtierende Stadtpfarrer Otto Hahn war kompromissloser Verfechter eines vom Staat unabhängigen Christentums, sein Kollege Willy Maurer hingegen „Deutscher Christ“ und Mitglied der SA. Hahn lässt Hitlerjugendfahnen auf dem Kirchturm entfernen und wird mehrfach von der Gestapo vorgeladen und mit Geldstrafen belegt. Es finden für beide Richtungen getrennte Gottesdienste statt, wobei Maurer stets nur eine Minderheit an Besuchern zu verzeichnen hat. Die meisten Gläubigen besuchen Hahns Gottesdienste.
Diese Richtungskämpfe wirkten sich auch negativ auf den Posaunenchor aus. Dirigent Christian Wegel bezeichnete sich ebenfalls als Deutscher Christ und weigerte sich, in einem Pfingstgottesdienst Hahns zu spielen, woraufhin ihn der Kirchenvorstand 1938 vom Amt des Posaunenchorleiters entband.< Quelle: Odenwälder Echo, Jubiläum: Evangelischer Posaunenchor Erbach floriert im 100. Jahr seines Bestehens – Zankapfel in der NS-Zeit, 27. 4. 2006

„In aller Stille“: Wie die Odenwälder Kleinstadt Beerfelden einen jüdischen Wohltäter und ihre jüdischen Mitbürger aus ihrer Historie verdrängte


Der prominenteste Einwohner von Beerfelden ist der Odenwälder Landrat Horst Schnur. Er ist zugleich der SPD-Ortsvereinsvorsitzende von Olfen, einem Beerfelder Stadtteil.
Was im Folgenden über Beerfelden und die dort seit langem regierende SPD zu sagen ist, geht deswegen auch Schnur an – es betrifft auch ihn.
Vor wenigen Tagen berichtete das Odenwälder Echo über den „späten Dank“ an einen „großzügigen Freund der Stadt“ Beerfelden.

Der großzügige Freund der Stadt war der in Beerfelden geborene Jude Abraham Salomon Rosenthal, der der kleinen Stadt 1929 „zum Zeichen der Liebe für diese Heimat“ 200 000 Reichsmark gespendet hatte.
Das ursprünglich für ein Volksbad und einen Kindergarten gestiftete Geld wurde von den Stadtoberen dann zur Armenstiftung umgewidmet (oder auch zur Haushaltssanierung verwendet?)
Noch heute kümmert sich eine ehrenamtliche Geschäftsführung um die Verwaltung des Stiftungsgeldes, das nun einen Wert von etwa 25 000 Euro besitzen soll.
Im Odenwälder Echo heißt es über dessen Verwendung: „Wer in Beerfelden zu den Ärmsten gehört, der bekommt einmal im Jahr über die staatlichen Hilfeleistungen hinaus unter die Arme gegriffen.
Dies sei eine „jahrzehntelang in aller Stille gepflegte Facette des Beerfelder Lebens.
Nun ehrt es zwar den Wohltäter selbst, wenn er Gutes tut und darüber nicht redet. Wenn allerdings anderein aller Stille“ mit seinem gespendetem Geld jahrzehntelang nach eigenem Gusto und möglicherweise zur Steigerung des eigenen Ansehens verfahren, muss das stutzig machen.
In diesem Fall ist es zumindest der amtliche Umgang mit dem tatsächlichen Spender, mit dem Juden Rosenthal, der Fragen aufwirft.
Während des Dritten Reichs verfügten die Stadtoberen in Beerfelden, dass das von Rosenthal gespendete Geld nur noch „Ariern“ zugute kommen sollte.
Nach dem Ende des Dritten Reichs setzte sich diese Praxis auch ohne Erlass fort – einfach deswegen, weil Beerfelden nunmehr „judenrein“ war, die letzten Beerfelder Juden waren ermordet worden – darunter auch eine 1860 in Beerfelden als Hannchen Rosenthal geborene Frau, womöglich eine jüngere Schwester des 1854 geborenen Salomon Rosenthal.

Die Stadtoberen von Beerfelden, seit Jahrzehnten gestellt von der SPD, hatten 60 Jahre Gelegenheit, den schändlichen Umgang mit dem Spender zu bedauern und ihm zumindest posthum zu danken.
Geschehen ist dies erst jetzt und das auch nur durch eine Initiative der Grünen.
Für Rosenthal wurde ein Gedenkstein gesetzt und ein Platz wurde nach ihm (um-) benannt.

Wer sich die Webpräsenz der Stadt Beerfelden anschaut, stellt fest, dass der ungewöhnliche Umgang mit einem ihrer jüdischen „Söhne“ gewissermaßen Methode hat.
Dass Rosenthal und seine Spende bzw. Stiftung dort nirgendwo erwähnt wird, mag man noch verstehen.
Nicht mehr verstehen kann man allerdings etwas anderes: In einem längeren Artikel zur Geschichte Beerfeldens („Historisches Beerfelden„) wird seines einstmals beträchtlichen jüdischen Bevölkerungsteils mit keinem einzigen Wort gedacht.
Erinnert wird u.a. an den 30-jährigen Krieg, an den großen Brand von 1810, an wirtschaftliche Not und Auswanderung.
Zu der 1861 noch 187 Menschen (ca. 7 % aller Einwohner) einschließenden jüdischen Minorität findet sich keinerlei Hinweis.
Nichts zur Sprengung der Synagoge während des Novemberpogroms 1938, nichts zur anschließenden Deportation der verbliebenen Beerfelder Juden in die Vernichtungslager.

Was die Zerstörung von Sachwerten angeht, mag der Brand von 1810 „die größte Katastrophe in der langen Beerfelder Geschichte“ gewesen sein.
Was sich aber zwischen 1933 und 1945 in der einstigen NSDAP-Hochburg abspielte, war menschlich und moralisch für Beerfelden die schlimmere Katastrophe.

Dies und diese Zeit wird in der offiziellen (Web-)Stadtgeschichte komplett ausgeblendet.


Auszug aus beerfelden.de



Diese Ausblendung ist mit Sicherheit keine zufällige, sondern eine beabsichtigte. Resultat eines Diskussionsprozesses, der vielleicht so aussah: „Soll man dazu etwas schreiben? Was? Am Besten gar nichts…“

Auf der Website alemannia-judaica.de wird getan, was Beerfelden auf seiner Website unterlässt.

Es wird dort der langen Geschichte der jüdischen Gemeinde in Beerfelden gedacht. Wir zitieren Auszüge:
>n Beerfelden bestand eine jüdische Gemeinde bis 1940/42. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17. Jahrhunderts zurück. 1691 lebten zwei jüdische Familien in der Stadt. Im Laufe des 18. Jahrhunderts stieg ihre Zahl auf acht Familien an (1797 werden folgende acht Schutzjuden genannt: Jonas, Elias, Salomon Feist, Hirz Salomon, Hirz Löb, Feist Moses, Hillel Salomon, Salomon Schlom). Bis 1817 nahm die Zahl auf 17 Familien zu (1820: 111 Personen, 1837 133 Personen). 1861 wurde die Höchstzahl jüdischer Einwohner mit 187 Personen erreicht (6,7 % der Gesamteinwohnerschaft). Danach ging sie durch Aus- und Abwanderung zurück: 1895 162 jüdische Einwohner, 1910 120). Die jüdische Gemeinde gehörte seit 1899 zum orthodoxen Bezirksrabbinat Darmstadt II. […]
Nach 1933 ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder (1933: 105 Personen) auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. 1936 wurden noch 68, Ende 1938 nur noch 23 jüdische Einwohner gezählt. 1942 wurden die letzten 12 jüdischen Einwohner (überwiegend ältere Menschen, aber auch zwei Kinder) über die Sammelstelle in Darmstadt in Vernichtungslager deportiert. Von den in Beerfelden geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem): Minna Haas geb. Sondheimer (1883), Moritz Haas (1878), Flora Lehmann geb. Salomon (1894), Abraham Marx (1873), Johanna Marx geb. Lorch (1877), Jonas Marx (1882), Selma Marx geb. Wallerstein (1884), Rabbiner Samson May (1868), Benjamin Reinheimer (1886), Hilde Reinheimer (1900), Irene Reinheimer (1921), Julius Reinheimer (1928), Rosa Reinheimer geb. Blumenthal (1893), Salomon Reinheimer (1925), Sofie Reinheimer (1879), Zerline Rosenthal geb. Marx (1863), Else Salomon geb. Leopold (1900), Erwin Salomon (1925), Inge Salomon (1928), Joseph Salomon (1880), Kurt Salomon (1898), Sally Salomon (1868), Siegfried Salomon (1892), Martha Strauss geb. Meyer (1887), Hannchen Wolf geb. Rosenthal (1860). […]
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge von SA-Leuten der SA-Standarte 186 durch eine Sprengung des Gebäudes zerstört.
An der evangelischen Kirche von Beerfelden befindet sich eine Gedenktafel mit der Inschrift: „Die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Beerfelden erinnern an alle ehemaligen jüdischen Mitbürger. Sie lebten durch lange Zeit mit uns in Frieden. Durch die tragischen Ereignisse der nationalsozialistischen Verfolgung, die viele Opfer forderten, mussten sie dieses Miteinander aufgeben. Heilig ist uns die Erinnerung an die Opfer ohne Zahl„.< Quelle: alemannia-judaica.de.

Die (falsch verbuchte?) Rosenthal-Spende: Eine „jahrzehntelang in aller Stille gepflegte Facette des Beerfelder Lebens“


Der 1854 in Beerfelden geborene Jude Abraham Salomon Rosenthal spendete Jahrzehnte später seiner Heimatstadt 200 000 Reichsmark. Schon als junger Mann war er in die Vereinigten Staaten ausgewandert und dort zu Reichtum gekommen.
Die alte Spende aus dem Jahr 1929 überdauerte die wechselvolle Geschichte und ist heute – umgewidmet in eine Stiftung – noch 25 000 Euro wert.
Damit werden noch immer sozial Schwache aus Beerfelden unterstützt. Die allerdings wussten die meiste Zeit wohl gar nicht, durch was bzw. durch wen sie da unterstützt wurden.
In einem aktuellen Bericht des Odenwälder Echo wird von „einer jahrzehntelang in aller Stille gepflegten Facette des Beerfelder Lebens“ gesprochen.
Erst die Grünen hätten nach Bekanntwerden dieser „Facette des Beerfelder Lebens“ angeregt, an den Spender bzw. Stifter zu erinnern.
Das Echo nennt es zutreffend einen „späten Dank„.
Man wüsste gerne, wer sich in all den Jahrzehnten die Wohltätigkeit auf die Brust heftete und ob den durch die Stiftung Unterstützten der Urheber bekannt war bzw. bekannt gemacht wurde.
Der Echo-Bericht spricht von einer „ehrenamtlichen Geschäftsführung„, die seit 1945 im Auftrag der Stadt die Stiftungsmittel verwalte und – „in aller Stille“ – wen? nach welchen Kriterien? finanziell unterstützt.

Während der NS-Zeit hatte die Stadt Beerfelden veranlasst, dass mit der Spende von Rosenthal nur noch „Arier“ unterstützt werden durften.
Gut möglich, dass die gleichen Personen, die vor 1945 für den entsprechenden Erlass verantwortlich waren, auch nach 1945 mit der Verwaltung der Stiftungsgelder betraut blieben – natürlich bei veränderter Parteizugehörigkeit (und wenig geänderter Gesinnung?)
Solche personellen Peinlichkeiten vor und nach der historischen „Stunde Null“ könnten der Grund für die seltsame „Stille“ sein, in der die Stiftung dann jahrzehntelang weiter wirkte.

Vermutlich zählte auch eine enge Verwandte von Rosenthal zu den Opfern des Holocaust. Mehr als zwei Dutzend Juden, die in Beerfelden geboren waren oder dort länger lebten, sollen von den Nazis ermordet worden sein. Darunter auch eine Hannchen Wolf, die laut Yad Vashem am 11. Juni 1860 in Beerfelden geboren wurde und später in Theresienstadt umkam. Ihr Mädchenname war Rosenthal. Sie könnte eine jüngere Schwester von Salomon Rosenthal gewesen sein.

Dass vor diesem Hintergrund eine seit Jahrzehnten von der SPD gestellte Stadtverwaltung erst heute öffentlich an Rosenthal erinnert und auch das erst nach einer Initiative der Grünen, ist bemerkenswert.

Nachfolgend Auszüge aus dem Bericht des Odenwälder Echo:

>Wer in Beerfelden zu den Ärmsten gehört, der bekommt einmal im Jahr über die staatlichen Hilfeleistungen hinaus unter die Arme gegriffen.
Die Möglichkeit dazu verdankt die Stadt am Berge einem gut 75 Jahre alten Zeichen der Mildtätigkeit. Gesetzt hat es 1929 der in den Vereinigten Staaten zu Reichtum gekommene Beerfelder Jude Abraham Salomon Rosenthal – und dafür nun posthum ein Dankessignal von Seiten des begünstigten Gemeinwesens erfahren: Stadträte und Stadtverordnete mit Bürgermeister Gottfried Görig an der Spitze stellten am Freitag in Anwesenheit weiterer Persönlichkeiten aus Politik, öffentlichem Leben und jüdischer Glaubensgemeinschaft einen Gedenkstein vor, der an den Wohltäter erinnert.
[…]
Zustande gekommen war die Entscheidung auf Initiative der Grünen-Fraktion, die damit auf das Bekanntwerden einer jahrzehntelang in aller Stille gepflegten Facette des Beerfelder Lebens reagiert hatte.
Dieser Umstand besteht in der vollständigen Erhaltung der uralten Spende Simon Rosenthals als Stiftung; rund 25 000 Euro macht sie nach der Währungsreform infolge des Zweiten Weltkriegs und der Umstellung dieses Jahrzehnts aus. Ausgestattet hatte der Urheber sie ursprünglich mit 200 000 Reichsmark und damit seinem persönlichen Bedürfnis Rechnung getragen, der Bevölkerung seiner Heimatstadt zu einem besseren Leben zu verhelfen.[…]
Abraham Salomon Rosenthal war am 22. März 1854 als siebtes Kind von Salomon und Rosa Rosenthal in Beerfelden geboren. Wie viele Zeitgenossen suchte er angesichts des schweren Auskommens in der Heimat sein Glück in der Auswanderung, die ihn schon mit 16 Jahren nach Nordamerika führte. Mit 300 Gulden Startkapital gründete er in New York einen Importhandel für japanische Seidenwaren und kam damit zu offenbar beträchtlichem Reichtum. Dies erlaubte es ihm ab 1903, auch für längere Zeit in seine alte Odenwälder Heimat zurückzukehren. Seine Wurzeln in Beerfelden müssen Rosenthal viel bedeutet haben, wie sich spätestens 1929 herausstellte, als er „zum Zeichen der Liebe für diese Heimat“ 200 000 Reichsmark spendete.< Quelle: Odenwälder Echo, Später Dank an großzügigen Freund der Stadt –
Lokalgeschichte: In Beerfelden erinnern nun Name eines Platzes und Gedenkstein an Abraham Salomon Rosenthal,
13. 11. 2006 [Hervorhebungen von uns]

Gedenkveranstaltung zur „Reichskristallnacht“ in Erbach: Leonie Kumpf erinnert sich an Mitbürger, die ihre Familie schikanierten


v.r. Leonie Kumpf, P. Bosse [Bild: spd-erbach.de]


>Der SPD Ortsverein Erbach und der DGB-Ortsverband Erbach-Michelstadt-Mossautal veranstalteten am 09. November gemeinsam eine Gedenk-veranstaltung zur Pogromnacht (Nacht vom 8. auf den 9. November 1938) im Sternensaal des Erbacher Brauhauses.
Als Organisator der Veranstaltung, stellvertretender SPD-Ortsvereins-vorsitzender und Vorstandsmitglied des DGB-Ortsverbandes begrüßte Hans-Jörg Hupp die Anwesenden.
Er hob hervor, dass es ihn freue, dass unter den vielen Besuchern so viele Jugendliche seien. Denn diese Veranstaltung sei auf Wunsch einiger Jugendlichen des Bündnisses „Odenwald gegen Rechts“ organisiert worden. Anschließend berichtete Frau Leonie Kumpf über ihre Erfahrungen aus der Nazi-Diktatur.
Sie erlebte diese Zeit als Tochter des Bürgermeister der Kreisstadt Erbach, Wilhelm Dengler, SPD, welcher durch die Nazis abgesetzt wurde. Sie ging auf die politischen Verhältnisse vor 1933 ein, auf die Machtübernahme des Nazis und in Folge dieser auf die Repressalien, die führende Mitglieder der SPD und KPD und deren Familien bis 1945 aushalten mussten.
Eine Zeit geprägt von Peinigungen. Denn solche Grundrechte, wie wir sie heute kennen, gab es damals nicht. So führten Kräfte der Polizei, der SS, SA und Gestapo willkürlich Hausdurchsuchungen durch, es wurden Briefe geöffnet, Menschen belauscht, Menschen ohne richterlichen Haftbefehl willkürlich in Haft genommen und in Konzentrationslager deportiert.
So kam 1933 Wilhelm Dengler als politischer Schutzhäftling, so benannten die Nazis zynisch diese Inhaftierten, in das Konzentrationslager Osthofen bei Worms und 1944 in das KZ Dachau. Viele kamen hier zu Tode.
Aufmerksame Zuhörer konnten dem Bericht von Frau Kumpf entnehmen, dass es Mitmenschen gab, die die Familie in aller Öffentlichkeit peinigten. Es war jedoch Wilhelm Dengler, der seiner Tochter auf den Weg gab, dass man nicht nachtragend sein darf. Kurz vor Kriegsende, als Erbach von den amerikanischen Streitkräften bombardiert wurde, wurde auch Familie Dengler ausgebombt. Sodass sie nach dem Krieg, wie so viele, nichts mehr hatten, als ihr nacktes Leben.
Wilhelm Dengler wurde erster von der amerikanischen Besatzung ernannter Bürgermeister im Odenwaldkreis. Wenig später wurde er als Landrat des Kreises Bergstraße eingesetzt und später dort durch demokratische Wahl bestätigt. Er blieb dies bis zu seinen Tod im Alter von nur 62 Jahren.
Nach diesem Bericht stellte sich Frau Kumpf den vielen Fragen der Anwesenden zu dieser Zeit. Diese Diskussionsrunde wurde vom neuen DGB-Ortsverbandsvorsitzenden Peter Bosse geleitet.< Bild- und Textquelle: spd-erbach.de, Gemeinsame Gedenkveranstaltung am 09. November mit Leonie Kumpf vor vollem Haus, 12. 11. 2006

Im Odenwälder Echo erschien dieser Bericht geringfügig abgeändert am 14. November.

Denglers unmittelbar Nachfolger als Landrat des Kreises Bergstraße war der Sozialdemokrat und Jurist Ekkehard Lommel. Er starb vor 6 Wochen im Alter von 92 Jahren.
Das Darmstäder Echo schrieb über seinen Lebensweg:

>Ekkehard Lommel wurde 1913 in Weilburg an der Lahn als Sohn eines Amtsrichters geboren. Der Vater fiel im Ersten Weltkrieg, als Ekkehard zwei Jahre alt war. Als Kind einer allein erziehenden Mutter, die als Schneidermeisterin und Schreibkraft die Witwenrente aufbesserte, wurde er von den Großeltern mitgeprägt. Zunächst studierte er in Gießen und Königsberg Rechtswissenschaften. Das Erste juristisches Staatsexamen legte er am Oberlandesgericht Darmstadt ab, danach war er Referendar am Amtsgericht Weilburg und promovierte 1938 in Gießen.
Hannover, Magdeburg und Wernigerode im Harz waren weitere Stationen seiner Laufbahn, bis er 1939 Soldat wurde. Beim Einsatz als Infanterieoffizier in der Nähe von Moskau traf ihn ein Geschoss, Lommel verlor den linken Arm. Im Genesungsurlaub arbeitete er in der Stadtverwaltung in Naumburg an der Saale und im Regierungspräsidium Merseburg.
Zurück an der Front kam er in amerikanische und britische Gefangenschaft. Nach seiner Entlassung trat er in die Geschäftsführung einer vom Hessischen Sozialminister geförderten Genossenschaft zur Arbeitsbeschaffung für Schwerbeschädigte ein. 1949 wechselte er ins hessische Innenministerium, bevor er am 30. März 1951 als Nachfolger von Wilhelm Dengler (SPD) zum Landrat gewählt wurde. Der Sozialdemokrat Ekkehard Lommel blieb 25 Jahre lang an der Spitze der Bergsträßer Kreisverwaltung.< Quelle: Darmstädter Echo, Trauer um Landrat Lommel, 4. 10. 2006

Reichskristallnacht & Brandanschlag Wiesenmühle: „Die Polizei blieb auf Befehl ihrer vorgesetzten Dienststelle in Erbach untätig“


Bild: feuerwehr-reichelsheim.de


Das Odenwälder Echo berichtet heute über eine Gedenkveranstaltung zur „Reichskristallnacht“ in Reichelsheim. Es solle sich derartiges nicht wiederholen, heißt es.
Vor über 4 Jahren, im Mai 2002, wiederholte sich doch etwas.
Auf die in Reichelsheim-Beerfurth gelegene Asylunterkunft „Wiesenmühle“ wurde ein schwerer Brandanschlag verübt, bei dem das Anwesen zerstört wurde und die über 20 Bewohner, darunter auch Kleinkinder, nur knapp mit dem Leben davonkamen.

Zur Reichelsheimer „Reichskristallnacht“ heißt es heute im Echo: „Die Polizei blieb auf Befehl ihrer vorgesetzten Dienststelle in Erbach untätig.“

Im Fall des versuchten, vielfachen Mordanschlags gegen die Bewohner der Reichelsheimer Asylunterkunft war die Polizeidienststelle in Erbach durchaus tätig – nur auf seltsame Weise.

Als wäre ein schwerer Anschlag auf ein Asylantenwohnheim nicht per se schon Anhaltspunkt genug für einen womöglich/wahrscheinlich fremdenfeindlichen Hintergrund, tönte die Polizei kurz nach dem Anschlag:
>Für eine rechtsextremistische Tat gebe es „keine Anhaltspunkte, weil wir hier nie Probleme mit Fremdenfeindlichkeit„, sagte der Sprecher der Polizei in Erbach. Es sei vielmehr von einem „Normalfall“ auszugehen.<
[Ist, so kann man nun fragen, ein professionell um 4 Uhr nachts ausgeführter Brandanschlag auf ein von über 20 Personen bewohntes Anwesen im Odenwald folglich „normal„?]


Unsere umgehende Reaktion auf diese messerscharfe und stringente „Analyse“: „Wetten, dass die (vermutlich fremdenfeindlichen) Brandstifter von Reichelsheim nie ermittelt werden

Genau so kam es. Nun könnte man sich überlegen, auf wessen „Befehl“ im Jahr 2002 Polizei und Staatsanwaltschaft von Anfang an bewusst nicht in die wahrscheinlichste Richtung (Rechtsextremismus) ermittelten, sondern in die unwahrscheinlichste („Normalfall“) und folgerichtig die tatsächlichen Täter nie ermitteln und fassen konnten – so dass sich der Odenwaldkreis weiterhin bundesweit rühmen kann, dass es „hier nie Probleme mit Fremdenfeindlichkeit“ gab.
Wäre für die Aufrechterhaltung dieses hehren touristischen Image nicht sogar die Vernichtung von Beweismitteln gerechfertigt?

Die Redakteure des Odenwälder Echo, die man 68 Jahre nach der Reichspogrom- bzw. Reichskristallnacht ohne weiteres zu den Widerstandskämpfern gegen die Nazi-Barbarei zählen muss, haben im Jahr 2002 das miese Spiel der Erbacher Polizei mitgemacht und in ihrem letzten Artikel zu dem Brandschlag sogar deren indikative Desinformation zur Überschrift erkoren: „Anschlag nicht politisch motiviert„.

So lügt man 64 Jahre nach der Reichskristallnacht und so lässt man die Brandstifter auf freiem Fuß – für ein Neues.

Bei wem sich hier ein irgendwie ungutes Gewissen regt: Man kann sich an einer Online-Unterschriftenaktion beteiligen und man kann dort einige schlichte Fragen an die Odenwälder Ermittler (und den wohl zuständiger SPD-Oberstaatsanwalt Georg Werner Balß) richten.

Nun aber zur moralischen Erbauung der heutige Echo-Bericht zum lang vergangenen Pogrom:

>Der jüdischen Opfer der Pogromnacht in Reichelsheim gedachten dieser Tage Schüler der zehnten Jahrgangsstufe der Georg-August-Zinn-Schule. […]
Studienleiterin Kirsten Gebhardt-Albrecht freute sich, den früheren Kollegen Reinhard Grünewald als Redner für die Feier begrüßen zu können. Als einer der wenigen lebenden Zeitzeugen und Autor des Buches „Gegen das Vergessen – Juden in Reichelsheim“ schilderte er den interessierten Jugendlichen eindrucksvoll die Geschehnisse des Novembertages vor 68 Jahren. […]
In den Nachmittagsstunden des 10. Novembers begannen SS- und SA-Mitglieder aus Reichelsheim, verstärkt durch einen SS-Sturmtrupp aus Bensheim, ihre Terroraktionen. Die in der Ortsmitte stehende Synagoge wurde im Innern zerstört, die Fenster zertrümmert, Juden wurden aus ihren Wohnungen getrieben, geschlagen, gedemütigt und ihres Eigentums beraubt. Es kam zu brutalen Misshandlungen. „Es gab Täter und Opfer“, so Grünewald, „aber es gab auch Zuschauer, die nichts dagegen unternahmen. Neugierig gingen sie in den Judenhäusern umher, schauten den Gewalttätern zu. Die Polizei blieb auf Befehl ihrer vorgesetzten Dienststelle in Erbach untätig.“[…]
Bei den Pogromen 1938 wurden 67 Reichelsheimer Juden verschleppt, darunter die junge Familie Seif mit drei kleinen Kindern, das jüngste gerade einige Monate alt. Bis auf zwei Reichelsheimer Juden kamen alle in Konzentrationslagern oder in Folge der Haft ums Leben. < Quelle: Odenwälder Echo, Damit Gräuel sich nicht wiederholen, 16. 11. 2006 [Hervorhebungen von uns]

Der Typus des „Zuschauers“, der Unrecht sieht und erkennt, aber nichts dagegen unternimmt, ist der Gaußschen Normalverteilung entsprechend der geläufigste Typus.
Dazu zählen z.B. auch die Leser eines solchen Artikels, die der Kritik im Wesentlichen zustimmen aber nichts weiter unternehmen.
An der genannten Online-Aktion etwa haben sich bislang nur 10 Personen beteiligt, darunter Stephan Krieger (WASG), Gabriele Müller (FDP) und Peter Bosse (DGB Michelstadt).

Von den Grünen kaum jemand (nur Frank Schellenberger) , von SPD und CDU ohnehin niemand. In diesen Parteien – zumindest im Odenwald – scheint der Typus des „Zuschauers“ auch auf der Funktionärsebene der dominante zu sein.

Nach 61 Jahren: Zweiter Weltkrieg fordert sein letztes Todesopfer durch Bombenexplosion bei Aschaffenburg


Das Main Echo berichtet heute: >Nahe der Fahrbachtalbrücke auf der Autobahn 3 in Fahrtrichtung Frankfurt explodierte bei Bauarbeiten heute morgen gegen 10.50 Uhr eine Fünf-Zentner-Bombe (250 Kilogramm) aus dem Zweiten Weltkrieg. Bei der Explosion wurde ein Arbeiter, der aus den neuen Bundesländern stammen soll, getötet.<
Die Frankfurter Rundschau schreibt ergänzend: >Der Fahrer einer Fräsmaschine sei auf der Stelle tot gewesen, teilte die Polizei mit. Mehrere Autofahrer, die zum Unglückszeitpunkt die Baustelle passiert hatten, seien verletzt, ihre Autos beschädigt worden.<
Eine Fotostrecke zeigt die Wucht der Explosion.
Auch Spiegel-Online zeigt vier Bilder vom Ort des Unglücks und liefert die aktuellsten Erkenntnisse über die Ursachen der Explosion:

>Völlig zerfetzt liegt die schwarz-gelbe Betonfräse im unfertigen Straßengraben der A 3 bei Aschaffenburg. Der 46-jährige Maschinenführer aus Dresden hatte keine Überlebenschance. Wie ein kleines Spielzeugfahrzeug flog die 25 Tonnen schwere Maschine durch die Luft, 500 Meter weit wurden einzelne Trümmer geschleudert. Eine Fünf-Zentner-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg hatte nach über sechs Jahrzehnten im Erdreich ihre tödliche Wirkung entfaltet.

Es war 10.53 Uhr, als Kollegen des Maschinenführers einen dumpfen Knall hörten. „Wir standen etwa 400 Meter weit entfernt an einem Bauwagen, trotzdem haben wir die Druckwelle noch gespürt“, erzählte ein Kollege. „Wir kannten ihn vom Sehen“, sagte ein anderer, „der war zwar nicht von unserer Firma, aber gekannt hat man sich schon, von der Brotzeit“. Neben dem Maschinenführer der Betonfräse, der noch an der Unfallstelle starb, erlitten vier weitere Bauarbeiter und eine Autofahrerin einen schweren Schock.

Die Maschine hatte an der Unglücksstelle „Trockenbeton unter die Erde gemischt und anschließend verdichtet“, erklärte der Polizeisprecher vor Ort. Die Fahrbahn soll hier auf sechs Streifen verbreitert werden, um die chronisch angespannte Lage auf der wichtigen Verkehrsachse zu verbessern. Der Fräsen-Kopf, der etwa 30 Zentimeter tief im Erdreich arbeitete, „muss dabei die Bombe zur Detonation gebracht haben“. Auch zehn Autos und zwei Häuser wurden durch Splitter getroffen und beschädigt.[…]
Einen rund acht Meter breiten und zweieinhalb Meter tiefen Krater riss die Bombe in die Asphaltdecke.[…]
250 Kilogramm Sprengstoff habe sie enthalten, ermittelten die Experten aus der Kraterform und Splitterfunden. Unklar blieb zunächst nur, ob es sich um ein amerikanisches oder britisches Exemplar handelt. Der Aschaffenburger Stadtteil Damm wurde bis 1945 bombardiert, weil dort Uniformen für das NS-Regime hergestellt wurden.<

Stephan Krieger (WASG Odenwaldkreis) nimmt in seinem Weblog ebenfalls Bezug auf dieses Unglück: „Ich fahre und fuhr selbst schon jahrelang diese Strecke – diese A 3, als ich alle 2 Wochen Schulung in Lohr hatte. Nicht auszudenken, dass man hier jahrelang über eine 5-Zentner-Bombe gefahren ist…!“



Der WASG-Landes- und Kommunalpolitiker betreibt seinen Weblog anscheinend schon seit August 2005. Zeit, um ihn freundlich darauf hinzuweisen, dass sich bei seinem Benutzernamen („wahlaternative“) ein überaus hartnäckiger Rechtschreibfehler eingeschlichen bzw. eingenistet hat. Zum Glück ist die Betriebsblindheit des Bloggers harmloser als die politische Blindheit des Politikers.

OB Walter Hoffmann: „Darmstadt spielte eine traurige Schlüsselrolle“ bei den Deportationen von Juden und Sinti in die Vernichtungslager

Deportationen im Volkstaat Hessen

Darmstadts OB Walter Hoffmann zeigte sich am letzten Sonntag bei der Einweihung des „Denkzeichens Güterbahnhof Darmstadt“ zur Erinnerung an die Opfer des Holocaust erstaunlich offenherzig.
So ungeschminkt hat selten ein Stadtoberhaupt die Verantwortung der eigenen Stadt und ihrer damaligen Einwohner bekannt:

> „Wir brauchen Orte der Erinnerung, denn ohne Erinnerung gibt es keine Zukunft.“ Oberbürgermeister Walter Hoffmann appellierte am Sonntag bei der Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Deportation von Juden und Sinti in die nationalsozialistischen Vernichtungslager in den Jahren 1942 und 1943, diese Ereignisse als Teil der Darmstädter Stadtgeschichte zu begreifen. „Darmstadt war Dreh- und Angelpunkt der Deportation von Juden und Sinti aus dem damaligen Volksstaat Hessen.“ Heute jedoch lebten in Darmstadt Menschen vieler verschiedener Nationen friedlich miteinander.
Hoffmann verwies zugleich darauf, dass diese „traurige Schlüsselrolle Darmstadts“ in der Mordmaschinerie der Nationalsozialisten durch zahlreiche Mittäter ermöglicht wurde – vom Eisenbahner über den Beamten bis hin zu Polizisten. Das Unrecht und die menschenverachtende Behandlung der mehr als 3400 Deportierten sei zudem für alle Darmstädter sichtbar gewesen: Vom in der Justus-Liebig-Schule eingerichteten Durchgangslager sind die Juden und Sinti vor den Augen der Bevölkerung zum Abtransport an den Güterbahnhof getrieben worden. Theresienstadt, Buchenwald, Auschwitz hießen die Zielorte, die die Mehrzahl der Deportierten nicht mehr lebend verlassen sollte.< Quelle: Darmstädter Echo, „Darmstadt spielte eine traurige Schlüsselrolle“, 25. 9. 2006 [Hervorhebungen von uns]

Auf der Website des „Denkzeichen Güterbahnhof“ werden „Fakten“ benannt – und die Verantwortung und Vorgehensweise der damaligen „Staatsdiener“:
>Von März 1942 bis September 1943 wurden über den Güterbahnhof Darmstadt über dreitausend jüdische Männer, Frauen und Kinder sowie Hunderte von Sinti-Familien aus dem damaligen Volksstaat Hessen in die „im Osten“ eingerichteten Todeslager transportiert.
Die Transporte wurden mit bürokratischer Genauigkeit organisiert – voller Gefühlskälte gegenüber den betroffenen Menschen. Gleichzeitig wurden die Betroffenen „legal“ ausgeraubt , sofern das nicht schon vorher durch Gesetze geschehen war. Sie durften nur wenige persönliche Dinge mitnehmen.
Mit ebenso bürokratischer Genauigkeit notierten brave Beamte die Namen und Anschriften der Deportierten.
Die „Initiative Denkzeichen Güterbahnhof“ hat es sich zwei Ziele gesetzt:
-> Errichtung eines Mahnmals für die über den Güterbahnhof Darmstadt deportierten Juden und Sinti.
-> Dokumentation der Namen der Deportierten und – wo authentisch möglich – auch Berichte über die Deportation als Zeichen gegen das Vergessen von Menschen und Taten.< [Hervorhebungen von uns]

Man sollte fragen, ob und wie unter veränderten Umständen erneut „brave Beamte“ in ähnlicher Weise Unrecht exekutieren würden.

Auf denkzeichen-gueterbahnhof.de sind die Namen der damals (auch aus dem Odenwald) in die Vernichtslager deportierten Juden und Sinti aufgelistet.

Gedenkstätte zerstört

Die Darmstädter Gedenkstätte wurde in der Nacht nach dem WM-Fußballendspiel (10. 7. 2006) durch Vandalismus teilweise zerstört.

Bildquelle: denkzeichen-gueterbahnhof.de

In der Terrorfalle: Gerd Koenen über gesichtslose Global-Guerillas, metaphysischen Schrecken und gefährliche Hysterie

Ein lesenswertes Essay des in Frankfurt lebenden Historikers Gerd Koenen ist heute bei Spiegel Online zu lesen.
Koenen ist Experte für „totalitäre Massenbewegungen“, zu denen er den Islamismus zählt: In den 70er Jahren war er Funktionär des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW) und wandelte sich später zu einem weithin anerkannten Historiker.
Über seine Homepage gerd-koenen.de gelangt man zu exzellentem Lesefutter: Unter anderem zu seiner 765 Seiten umfassenden Dissertation aus 2003: „Deutschland, der Westen und die Revolutionierung Russlands 1914-1924„. Sie steht als pdf-Datei zum kostenlosen Download bereit.
Die Dissertation kann zusammen mit seinem aktuellen (bei C.H. Beck erschienen) Bestseller „Der Russland-Komplex“ gelesen werden.

Nachstehend Auszüge aus seinem Spiegel-Essay:

>Terrorismus ist weniger eine militärische als eine psychologische Kampfform. Er ist darauf angelegt, einen Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt zu provozieren, durch den sich die Fronten verwischen, Ursachen und Wirkungen verkehren und Konflikte zu einem scheinbar unlösbaren Knoten schürzen. Zu seinen stärksten Wirkungen gehören eine allgemeine moralische Ermüdung und Indifferenz und eine zunehmende Verwirrung der Begriffe und Maßstäbe.
In diesem Sinne hat der panislamistisch auftretende, global operierende Terrorismus, der mit dem 11. September 2001 seinen weltgeschichtlichen Auftritt hatte und uns seitdem unter der phantomhaften Chiffre „al-Qaida“ mit einer nicht abreißenden Serie von mörderischen Selbstmordattentaten und sadistisch inszenierten Geiselnahmen im Bann hält, einen bedeutenden Teilsieg errungen.
Wenn es ein strategisches Traumszenario des Emirs Bin Laden und seines Chefideologen Sawahiri gab, dann war es ungefähr wohl das, was wir seit dem Einmarsch der alliierten Truppen im Irak im Frühjahr 2003 täglich beobachten. Statt sich mit Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft auf den Kampf gegen die Hintermänner des terroristischen Angriffs auf New York und Washington, auf die Ausschaltung ihrer Aktionsbasen in Afghanistan und Pakistan sowie auf die Stabilisierung dieser geopolitischen Schlüsselländer zu konzentrieren, ist die angegriffene Weltmacht unter Führung von Präsident Bush in die Falle eines globalisierten und ideologisch aufgeladenen „Kriegs gegen den Terror“ gegangen.
Damit verfällt die Vormacht der offenen und demokratischen Gesellschaften des Westens, wie in den trübsten Jahren des Kalten Kriegs und der antikommunistischen Counter-Insurgency, von Korea bis Vietnam, von Chile bis El Salvador, in unberechenbare Hysterien und entledigt sich ihrer entscheidenden Einflussinstrumente und Waffen, nämlich ihrer zivilen und sozialökonomischen Attraktivität.[…]<

SPD-Ortsbezirk Rai-Breitenbach gedenkt seiner Gründung vor 60 Jahren

Mit einer laut Echo-Untertitel „akademischen Feier„.

>Ortsbezirksvorsitzender Werner Schwinn erinnerte an die Anfänge der örtlichen Sozialdemokratie nach 1945. Es waren Karl und Peter Schwinn, der ab April 1945 von der amerikanischen Militärverwaltung als kommissarischer Bürgermeister eingesetzt war, Fritz und Johann Orth, Lorenz Hartmann, Leonhard Fertig, Johann Franz, Jakob Körber und Konrad Rapp, die drei Wochen vor der ersten Gemeinderatswahl den Ortsverein der SPD gegründet hatten. In seiner ersten Sitzung am 22. März 1946 wählte der Gemeinderat Peter Schwinn einstimmig zum ehrenamtlichen Bürgermeister. Unter Schwinn, der bis 1959 amtierte und sich dabei auf eine SPD-Mehrheit stützen konnte, seien trotz großer Probleme wichtige Aufgaben bewältigt worden: Noch vor der Währungsreform wurden die alte Schule aufgestockt, im Hinterdorf der Raibach abgedeckt, Straßenbau und Kanalisation voran getrieben, der Sportplatz hergerichtet und Neubaugebiete erschlossen.
Schwinns Nachfolger Edgar Gerlach führte die Amtsgeschäfte bis 1969, die danach vom Beigeordneten Karl Reeg kommissarisch bis 1970 übernommen wurden. Krönung der Entwicklung in diesen Jahren war das Entstehen der Georg-Ackermann-Schule.
Einem Beschluss des Gemeinderats zufolge schloss sich Rai-Breitenbach ab Januar 1971 mit Neustadt zu einer Verwaltungseinheit zusammen, die neun Monate später in der neu gegründeten Stadt Breuberg aufging. In diesem ebenfalls mehrheitlich sozialdemokratisch geprägten kommunalen Zusammenschluss habe sich die Entwicklung von Rai-Breitenbach als Breuberger Stadtteil weiterhin im Sinne der Ortsbürger positiv vollzogen. < Quelle: Odenwälder Echo, Erinnerung an den Wiederbeginn, 10. 1. 2006