Archiv der Kategorie: Todesschüsse in Fürth

Polizeilich unterstützter Suizid in Heppenheim: SEK-Kommando feuerte auf lebensmüden Rentner 12 Schüsse ab

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Es ist erstaunlich: Nachdem in verschiedenen Web-Foren herbe Kritik an dem Polizeieinsatz an Heilig Abend in Heppenheim geübt wurde, erfährt die Öffentlichkeit (erst) 4 Tage später nun eine neue Variante des Tathergangs – die freilich nicht mit einem (angeblichen) Augenzeugenbericht übereinstimmt.
Im Leser-Forum der WELT behauptete am 26. 12. ein (angeblicher) Augenzeuge mit dem Pseudonym „LONDONER“:

>Ich kann nur erzählen, was ich gesehen habe. Der Mann hatte in jeder Hand je ein Messer: eins war sehr groß (Fleischmesser) von etwa 20 cm. Das andere war kleiner aber auch scharf.
Die SEK-Männer waren in voller Montur: mit Helmen und Schutzwesten. Ich habe 2-3 von ihnen vor der Küchentür gesehen. Ich konnte sehen, wie er nur das große Fleischmesser geworfen hat.
Da war zwischen ihm und der Küchentür ca. 2-3 Meter.
Wo genau die Beamten in dem Moment standen, konnte ich nicht genau sehen: aber ich schätze ca. 2 meter entfernt, da sie genau in diesem Moment angefangen haben die Küche zu stürmen.<

Teilweise decken sich diese Aussagen mit späteren Mitteilungen der Staatsanwaltschaft – was für die Glaubwürdigkeit von „LONDONER“ sprechen könnte. Eigentlich könnte bzw. dürfte aber nur ein bei dem Einsatz beteiligter Polizist gesehen haben, was „LONDONER“ sah bzw. berichtete! Schwer vorstellbar ist jedenfalls, dass das SEK-Kommando einem Wohnungsnachbarn erlaubte, den Einsatz vom Flur aus zu verfolgen.Bild
Auch ein Blick durch das Schlüsseloch oder von außen mit einem Fernglas in die im 5. Stock eines Hochhauses gelegene Wohnung dürfte kaum so detailgewürzte Beobachtungen ermöglichen. Sehr wahrscheinlich also, dass „LONDONER“ ein beteiligter Polizist war, der seine (wahre? vollständige?) Aussage im Forum der Tageszeitung WELT vielleicht sogar mit Kollegen und / oder dem Einsatzleiter abgesprochen hatte. Wie auch immer. Keine Rede war jedenfalls vom Einsatz eines Elektroschockgeräts (Taser) – weder in den Polizeiberichten der folgendenen 3 Tage noch in dem Bericht von LONDONER.
Wohl aber war in mehreren kritischen Kommentaren gerügt worden, dass der Einsatz eines Taser (bzw. anderer, nicht letal wirkender Waffen) unterlassen wurde.
Nun also, nachdem sich die Kritik an dem Polizeieinsatz mehrt und ein (ernstzunehmendes?) Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde, hört man – nach 4 Tagen – dass angeblich doch ein Taser eingesetzt worden sei. SPIEGEL Online, FOCUS Online, WELT Online … sie alle konnten ihren Lesern nur die „halbe“ Wahrheit mitteilen, weil die sonst um ihr öffentliches Prestige besorgte Polizei diesen nicht unwesentlichen Umstand in ihren ersten Berichten (scheinbar) „vergessen“ hat.
HR-Online schreibt nun: „Die von dem Gerät verschossenen Elektroden seien im Oberkörper und Oberschenkel des 120 Kilogramm schweren Mannes gefunden worden, berichtete ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Freitag in Darmstadt.“
Es werden der Fragen wohl nicht weniger, sondern mehr. Zumal ein anderer Heppenheimer von einem Arzt erfahren haben will, der Renter sei auch in den Rücken getroffen worden.

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Irgendwie bleibt die Abfolge der jeweiligen Aktionen dennoch dubios: Das SEK-Kommando (wieviel Mann?) dringt (gewaltsam?) in die Küche ein, der Rentner hält (eins? zwei?) Messer in seinen Händen. Es gibt Aufforderungen, Drohungen? Dann Schüsse mit dem Taser in Oberkörper und Oberschenkel des Rentners. Dann wirft der Mann ein Küchenmesser.
HR-online schreibt:
>Anders als von den Polizisten erwartet sei der Mann nach dem Elektroschlag aber nicht kampfunfähig gewesen, sondern habe mit großer Wucht eines seiner beiden Messer geworfen. Es habe mit dem Griff voran eine Sperrholzwand zerschlagen, nachdem es einen Polizisten leicht verletzte.<
Der Rentner hält noch immer ein (Küchen?) Messer in den Händen und ist im Begriff es zu werfen? Oder er stürzt damit auf die schwerbewaffneten Polizisten?
Jedenfalls ist dann auf den Mann, den man doch vor einem Suizid bewahren wollte, aus vollen Rohren geschossen worden. 12 Schüsse. Selbst bei einem Terroristen wäre man wohl sparsamer mit Munition umgegangen.

Es behauptet ja niemand, die beteiligten Polizisten seien wegen des Einsatzes an Heilig Abend frustriert gewesen und hätten dann ihre Frustration an dem verwirrten und dann auch aggressiven alten Mann ballernd abreagiert.

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Nach Pfusch riecht hier freilich vieles.
Wer die Arbeit der Staatsanwaltschaft Darmstadt in den letzten Jahren verfolgte und zwar immer dann, wenn Parteifreunde oder „befreundete“ Behörden ungut involviert waren, wird und braucht an eine seriöse Aufklärung des wahnwitzigen Dramas an Heilig Abend in Heppenheim nicht zu glauben.
Der laut Darmstädter Echoerfahrene OberstaatsanwaltArno Siebecker weiß jedenfalls schon jetzt, dass dieses Verfahren „keine Routine“ ist und bei welchen Folgen es für die Verantwortlichen bleiben wird:

>Drei Tage nach dem gewaltsamen Tod eines 66 Jahre alten Rentners in Heppenheim gibt es auch aus Sicht der Staatsanwaltschaft mehr Fragen als Antworten. Für den erfahrenen Oberstaatsanwalt Arno Siebecker ist dieses Ermittlungsverfahren alles andere als Routine: „Die Dramatik ist unbeschreiblich. An Heiligabend versucht die Polizei, jemanden zu retten, und das Gegenteil tritt ein. Das ist ein Fall, den alle Beteiligten ihr Leben lang nicht vergessen werden“, so beschrieb Siebecker gestern die menschliche Seite dieses Falles, in dem die Darmstädter Ermittlungsbehörde zu klären hat, wie sich der Polizeieinsatz in der Heppenheimer Weststadt so zuspitzen konnte. […]
Ein sauberes Verfahren sei notwendig, um jeden Verdacht der Mauschelei zu vermeiden, sagte Siebecker.< Quelle: Darmstädter Echo, Kugeln in Arm, Beine und Körper, 27. 12. 2007 [[Hervorhebungen und Links von uns]

[UPDATE: Der hier zitierte Echo-Artikel „Kugeln in Arm, Beine und Körper“ ist bei echo-online derzeit nicht abrufbar. Lediglich der Google-Cache zeigt den Artikel noch an. Versucht man dort, zur „aktuellen Seite“ zu kommen, wird mitgeteilt, „dass der Artikel nicht mehr verfügbar ist oder inzwischen gelöscht wurde“. Auch im Online-Archiv des Echo ist der Artikel nicht mehr auffindbar.]

Ein sauberes Verfahren sei notwendig, um jeden Verdacht der Mauschelei zu vermeiden, sagte Siebecker“ …..
Wer die Behörde und die Herren schon etwas besser kennt, kann solche Aussagen als vorgezogenen Faschingsscherz deuten.

[Selbst das Darmstädter Echo, das mit dem Treiben der örtlichen Ermittlungsbehörden meistens sehr nachsichtig ist, sieht bereits „Parallelen zum Fall in Fürth„: „…Sechs Monate später, Anfang Februar 2007, wurden die Ermittlungen gegen die Beamten wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung eingestellt. Die Polizisten hätten aus Notwehr gehandelt, teilte die Staatsanwaltschaft Darmstadt mit. Der Schusswaffengebrauch sei gerechtfertigt gewesen; das hätten Gutachten und Zeugenaussagen belegt.“] UPDATE: In einem aktuellen Bericht des Darmstädter Echo, der vor wenigen Minuten online gestellt wurde, werden weitere Details genannt. Demnach hatte die Polizei die Wohnung des Rentners über mehrere Stunden hinweg observiert:

>Wie Siebecker berichtete, hatte die Polizei im Verlauf mehrerer Stunden die Wohnung observiert. Deshalb sei klar gewesen, dass sich der Mann mit zwei Schlachtermessern mit jeweils 30 Zentimeter langen Klingen bewaffnet hatte.[…] Die Polizei wusste, dass sich der Mann in der Küche verbarrikadiert und die Türklinke mit einem Stuhl blockiert hatte. <

Fatal sei der Einsatz also nicht verlaufen, weil die „Bewaffnung“ und die Reaktion des in seiner Wohnung verschanzten Mannes nicht vorhersehbar war, fatal sei er verlaufen, weil der bis vor kurzem verschwiegene (angeblich eingesetzte) Taser versagt habe. So lautet auch die Überschrift des Artikels: „Schüsse, weil Elektroschocker versagt„. Die weiteren Details über den Ablauf decken sich teilweise wieder mit den Schilderungen von „LONDONER“ – nur dass der von einem Elektroschocker nichts bemerkt hatte:

>Nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft haben drei Polizisten die Wohnung betreten. Ein SEK-Mitglied sei mit dem Elektroschocker ausgerüstet gewesen, ein Kollege habe ihn mit gezückter Pistole begleitet, der dritte habe ein Brecheisen eingesetzt.[…] Bis zu diesem Zeitpunkt sei alles nach Plan verlaufen, sagte der Oberstaatsanwalt. Auch der Schuss aus dem Elektroschocker sei vorschriftsmäßig gesetzt worden. Eine der Elektroden habe den Oberkörper getroffen, die andere das Bein. Doch anderes als zu erwarten war, fiel der 1,80 große und 120 Kilogramm schwere Mann nicht zu Boden, sondern warf mit einem der beiden Messer. Daraufhin hätten zwei der drei Polizisten das Feuer eröffnet. Wie groß die Wucht des Wurfes war, sei daran zu erkennen, dass das Messer zunächst die Hand eines der Polizisten streifte, diesen dabei leicht verletzte und anschließend mit dem schweren Griff die Sperrholzwand des Küchenschranks durchschlug. Geschossen hat laut Ermittlungsakte der Polizist, der zuvor mit dem Elektroschocker getroffen hatte, sowie der Kollege, der seine Dienstwaffe bereits gezogen hatte. Die Schüsse aus der Waffe, die der Beamte mit dem Elektroschocker abgab, seien in den Oberkörper eingedrungen. Wie berichtet, wurden nicht nur die Arme getroffen, sondern die Projektile drangen weiter bis zur Lunge und anderen Organen vor. „Der Elektroschocker wurde offenbar sachgemäß eingesetzt, aber er zeigte keine Wirkung“, so der Oberstaatsanwalt. Warum das Elektroschockgerät nicht wirkte, dafür gibt es keine Erklärung… möglicherweise lag das an seiner Körperfülle, so eine Vermutung der Staatsanwaltschaft.<Quelle: Darmstädter Echo, Schüsse, weil Elektroschocker versagt – Ermittlungsverfahren wird Monate dauern, 28. 12. 2007

Die Frankfurter Rundschau gibt die Erklärung der Staatsanwaltschaft Darmstadt so wieder:

>Die Rekonstruktion des Tathergangs fußt vor allem auf den Aussagen zweier Beamter, von denen einer von außen das Geschehen in der Wohnung überwachte. Nachdem die Verhandlungsgruppe acht Stunden versucht hatte, mit dem Bewohner ins Gespräch zu kommen, sei sie zur Überzeugung gelangt, dass dem Mann so nicht beizukommen sei.[…] Auf die Kontaktversuche habe der Mann aggressiv reagiert. Der außen postierte Beamte habe gesehen, wie er in der Küche immer wieder zu zwei Messern griff. Weil Gefahr bestand, dass er sich etwas antue oder aus dem Fenster stürze, sei gegen Mitternacht der Zugriff erfolgt. Mit einem Taser wollte das dreiköpfige SEK-Team den Mann überwältigen. Die Elektroschocks trafen ihn an Brust und Oberschenkel, verfehlten aber ihre Wirkung: Der 120 Kilo schwere Mann habe sich geschüttelt und ein Fleischermesser mit 30-Zentimeter-Klinge nach den Beamten geschleudert; das Messer habe mit dem Griff voran ein Möbelstück durchschlagen. Zwei Polizisten feuerten, derweil der 66-Jährige mit dem anderen Messer auf sie zugestürzt sei. Am Ende fielen laut Siebecker elf bis zwölf Schüsse, die den Mann in Beinen und Armen trafen. Einer der Schüsse drang in die Lunge vor, was zu den tödlichen Verletzungen führte. Welcher der beiden Beamten ihn abgefeuert hat, müsse ein Gutachten ergeben.< Quelle: Frankfurter Rundschau, Staatsanwalt untersucht tödlichen Einsatz – Elektrowaffe der Polizei wirkte nicht, 29. 12. 2007 [Hervorhebungen und Links von uns]

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Warum hat einer der 3 Beamten das Geschehen in der Wohnung „von außen“ überwacht? Er muss sich doch innerhalb der Wohnung befunden haben, um mit seinem Brecheisen die Küchentür aufzubrechen?

Erstaunlicherweise wird im Bergsträßer Anzeiger (morgenweb.de) am 29. 12. der Ablauf wieder anders dargestellt:

unmittelbar nach dem Aufbrechen der mit Stühlen verbarrikadierten Küchentür (habe der Mann) ein Messer mit einer zirka 30 Zentimeter langen, spitz zulaufenden Klinge in Richtung der SEK-Beamten geworfen.“
Und:
Im gleichen Augenblick feuerte einer der SEK-Spezialisten ein bis drei Schüsse auf den Rentner ab, der ein zweites Fleischermesser in seiner Hand hielt. Als dieser auf die Eindringlinge zugehen wollte, schoss ein weiterer Beamter eine ganze Salve ab.“

Wie Hohn klingt dann das:

Aufgabe und Ziel des Polizeieinsatzes war es, den 66-Jährigen vor sich selbst zu schützen.“

Widersprüchlich geht es weiter:

Bild„Wie Oberstaatsanwalt Siebecker aus den Vernehmungsakten eines Beamten zitierte, der nicht zu den Schützen zählte, zielten die Spezialisten auf die Beine des Mannes, woraufhin dieser zu Boden sackte und dann auf die Arme. Dabei soll ein fehlgeleiteter Schuss in die Brust des Heppenheimers eingedrungen sein.“
Während es in der Frankfurter Rundschau noch hieß, der Mann sei mit dem „anderen Messer auf sie zugestürzt„, heißt es nun, er sei nach Schüssen auf seine Beine „zu Boden“ gesackt.
Warum danach von den „Spezialisten“ weitergeschossen wurde („eine ganze Salve„) – „auf die Arme“ und „fehlgeleitet“ in die Brust – war das vielleicht mit Übereifer zu erklären?

Gegen Ende des Artikels heißt es dann noch:

>Die Ermittlungsbehörde werde den Vorfall, auch im Hinblick auf die sensibilisierte Öffentlichkeit, einer „besonders sorgfältigen“ Überprüfung unterziehen, erklärte Siebecker. Mit dem Ergebnis der Untersuchungen ist nicht vor dem Ablauf von einigen Monaten zu rechnen.< [[Hervorhebungen von uns]

Im Darmstädter Echo wurde der Zeitrahmen präziser gefasst:

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass das Ermittlungsverfahren frühestens Mitte des nächsten Jahres abgeschlossen ist.“

Warum eigentlich so spät?

Könnte das daran liegen, dass „frühestens Mitte des nächsten Jahres“ ausreichend Gras über dem Grab des erschossenen Rentners gewachsen ist und die Öffentlichkeit den Fall mit seiner „unbeschreiblichen“ Dramatik dann so weit vergessen hat, dass sie die vorhersehbare Einstellung des Verfahrens nicht mehr hinterfragt?
Oder deutlicher formuliert: Hofft man darauf, dass die „sensibilisierte“ Öffentlichkeit, in 6 Monaten soweit desensibilisiert ist, dass man ihr das Ergebnis der „besonders sorgfältigen Überprüfung“ besser verkaufen kann?

Augenzeugenbericht zu Todesschüssen in Heppenheim: Erschoss Polizei psychisch kranken Rentner tatsächlich aus „Notwehr“?

Solche „offenen Fragen“ werden nun auch in einer aktuellen dpa-Meldung gestellt:

>Nach einer Messerattacke auf Polizisten ist ein 66-Jähriger in Heppenheim von Sondereinsatzkräften erschossen worden. Zu dem Vorfall am späten Heiligabend blieben auch gestern noch viele Fragen offen. Die näheren Umstände werden derzeit untersucht, sagte ein Sprecher des ermittelnden Landeskriminalamtes in Darmstadt. Zum Beispiel sei noch unklar, wer der Schütze war und ob es sich tatsächlich um Notwehr handelte.< Quelle: echo-online.de, Heppenheim: Polizei erschießt 66-Jährigen – Offene Fragen, 27. 12. 2007 [Hervorhebungen von uns]

UPDATE: Der hessische Rundfunkt berichtet aktuell, dass die für die Todesschüsse Verantwortlichen voraussichtlich der „Körperverletzung mit Todesfolge beschuldigt“ würden.

Konkret heißt es in dem Bericht:

>Der Mann, der an Heiligabend in Heppenheim von einem Sondereinsatzkommando der Polizei erschossen wurde, ist von etlichen Kugeln getroffen worden. Die Schüsse stammten aus verschiedenen Waffen.
Wie ein Sprecher der ermittelnden Staatsanwaltschaft Darmstadt am Donnerstag mitteilte, war der Mann vor allem an Beinen und Armen getroffen worden und an seinen Wunden verblutet. Eine genaue Zahl der an der Leiche gefundenen Einschüsse nannte der Sprecher nicht. Ein oder mehrere Schüsse seien vom Oberarm in den Brustbereich gegangen, wo ein Lungenlappen verletzt wurde.[…]
Die Schussbahnen sprächen dafür, dass die Polizisten den Mann kampfunfähig machen wollten, sagte der Justizsprecher ohne genauere Kenntnis der übrigen Ermittlungsakten. Diese sollen am Freitag vom Landeskriminalamt bei der Anklagebehörde eintreffen. Was das Sondereinsatzkommando nach über acht Stunden Nervenkrieg dazu veranlasst hat, die Wohnung zu stürmen, blieb am Donnerstag ebenso unbeantwortet wie die Frage nach den Schützen.
Wenn sich der Sachverhalt so erhärte, würden die verantwortlichen Beamten voraussichtlich der Körperverletzung mit Todesfolge beschuldigt werden, sagte der Sprecher. Ein sauberes Verfahren sei notwendig, um jeden Verdacht der Mauschelei zu vermeiden.
Im Laufe des Ermittlungsverfahrens könne sich beispielsweise auch herausstellen, dass bei den Beamten kein Verschulden zu erkennen sei.< Quelle: hr-online.de, Tödlicher Polizeieinsatz – Mehrere Kugeln aus zwei Waffen, 27. 12. 2007 [Hervorhebungen von uns]

Das Darmstädter Echo meldet, dass die (von manchen als korrupt beurteilte) Staatsanwaltschaft Darmstadt ein „Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung mit Todesfolge eingeleitet“ hat.

In verschiedenen Web-Foren wird das Vorgehen des SEK-Kommandos kontrovers diskutiert. Warum wurde der psychisch kranke Rentner nicht mit Tränengas außer Gefecht gesetzt, hätte er nicht zur Aufgabe bewegt werden können – etwa durch Abstellen des Stromes oder der Heizung?
Die meisten mögen nicht glauben, dass ein mehrköpfiges Polizeikommando, das für solche Situationen geschult ist, zu keiner besseren „Lösung“ kommen konnte.
Schließlich hatte man mehrere Stunden Zeit, sich auf die Situation und die Person einzustellen. Dass der verwirrte Mann beim Stürmen seiner Wohnung mit Messern gegen die Polizisten vorgehen würde, hatte er angedroht. Die Beamten waren insofern keiner unvorhersehbaren Situation ausgesetzt.
Keine Geiseln, keine Bombe(n), keine unmittelbare Gefahr für unbeteiligte Dritte … der Polizei dürfte es schwer fallen, der Öffentlichkeit ein solches Vorgehen als professionell zu verkaufen.

Im Leserforum der WELT findet sich inzwischen auch der Bericht eines (angeblichen) Augenzeugen. Unklar ist allerdings, wie er der Szenerie so nahe kommen konnte, sollte er kein beteiligter Polizist gewesen sein.
Er schreibt:

>Ich kann nur erzählen, was ich gesehen habe. Der Mann hatte in jeder Hand je ein Messer: eins war sehr groß (Fleischmesser) von etwa 20 cm. Das andere war kleiner aber auch scharf.
Die SEK-Männer waren in voller Montur: mit Helmen und Schutzwesten. Ich habe 2-3 von ihnen vor der Küchentür gesehen. Ich konnte sehen, wie er nur das große Fleischmesser geworfen hat.
Da war zwischen ihm und der Küchentür ca. 2-3 Meter.
Wo genau die Beamten in dem Moment standen, konnte ich nicht genau sehen: aber ich schätze ca. 2 meter entfernt, da sie genau in diesem Moment angefangen haben die Küche zu stürmen.
Vor dem Sturm hatte er die ganze Zeit geschrieen „Zurück, Zurück“.
Vor dem Sturm hat es der Psychologe oder ein anderer Polizist wahrscheinlich geschafft, ihn zu überreden die Messer weg zu legen, er ist ans Fenster gegangen und gezeigt, dass er keine Messer in den Händen mehr hat und dann hat er wieder nach ein paar Minuten die Messer gegriffen und sie sich an den Hals gesetzt.
Zwischen dem Wurf und den Schüssen vergingen nur ein paar Sekunden. Ob es zum Kampf kam, konnte ich nicht sehen. Was mit dem zweiten Messer war, sah ich auch nicht. Der Mann sah relativ groß aus. Auf dem Tisch standen Flaschen, möglich ist, dass er was getrunken hat. Man hatte beim Sturm das Gefühl, dass die Situation sich absolut in die falsche Richtung entwickelt hat.<

Der gleiche (angebliche) Augenzeuge behauptet an anderer Stelle, er habe 4 bis 8 Schüsse gehört.

Klaus Kühlewind schreibt in der Frankfurter Rundschau, dass der Heppenheimer „mit mindestens sechs, wahrscheinlich noch mehr Kugeln niedergestreckt“ wurde. Dies gehe aus dem Obduktionsbericht hervor:

>Laut Obduktion soll der Mann Einschüsse in beiden Unter- und in beiden Oberschenkeln haben, die durchaus von jeweils einer Kugel stammen könnten. Außerdem sei er in den linken Arm sowie dreimal in den rechten Arm getroffen worden; zwei Projektile seien in die Lunge eingedrungen.<

Schon im Forum der WELT wollte ein Leser wissen, wo und von wieviel Kugeln der Mann getroffen wurde:

>Die Obduktion läuft zwar noch aber soviel ist bekannt: Der Mann wurde von 2 Schüssen getroffen. 1 davon in den Rücken (Höhe Schulterblatt, lt. einem Heppenheimer Arzt).

Der Mann hatte nicht die geringste Chance, schon als das SEK gerufen wurde war sein Schicksal besiegelt. Wie kann er es auch wagen, die Polizei zwischen den Feiertagen zu stören. Wo die doch soviel zu tun haben unsere Bürger vor gestörten U-Bahn-Schlägern zu schützen, oder auch nicht…<

[Hervorhebungen von uns]

Im Forum von focus.de schrieb schon am 25. 12. ein „Nachbar des Erschossenen„:

>Ich kann nur sagen, dass der gestrige heilige Abend ein sehr tragisches Ende hatte, damit hatte keiner gerechnet. Der Mann war etwas verwirrt, aber nicht aggressiv.
Ich versteh nicht warum man ihn nicht vorher überwältigen konnte, er wollte aus dem Fenster springen und saß eine Weile auf dem Fensterbrett, Sprungtuch war auch schon aufgebaut.
Es ist einfach traurig, dass es keine andere Lösung gab.< [Hervorhebungen von uns]

Ebenfalls im Forum von focus.de geht einer „als Psychiater„, von „Totschlag“ aus und fragt nach der Rechtsgrundlage für das Stürmen der Wohnung:

>Ein angeblich hilfloser 66jähriger geht mit „Messern“ (wievielen) auf durchtrainierte und geschulte Polizisten des SEK los, die in seine Wohnung eingedrungen waren. Auf welcher Rechtsgrundlage eigentlich? War ein Psychiater oder Arzt anwesend, oder wenigstens ein Psychologe. Hatten die Beamten Erfahrung in Umgang mit depressiven Störungen? Als Psychiater kann ich nur von Totschlag ausgehen.<

Ein Bericht im Bergsträßer Anzeiger (online unter morgenweb.de) lässt noch offen, ob gegen den (oder die) Todesschützen ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet wird. Zitiert wird dort der Pressesprecher des Hessischen Landeskriminalamtes Udo Bühler.

>Ob die Schüsse aus ein und derselben oder mehreren Waffen stammten, wie viele Beamte geschossen haben und wo die tödlichen Kugeln den 66-Jährigen trafen, wollte die Polizei nicht sagen. Aufschluss darüber soll die Obduktion der Leiche bringen, die heute oder morgen in der Rechtsmedizin in Frankfurt vorgenommen wird.

Bühler machte auch keine Angaben darüber, wie viele Polizisten vor Ort waren und woher sie kamen. Die Spurensicherung am Tatort wurde noch in der gleichen Nacht durchgeführt. Geschosse und Hülsen wurden sichergestellt.

Am gestrigen zweiten Weihnachtsfeiertag wurde die Vernehmung der am Einsatz beteiligten Spezialkräfte fortgeführt. Nach Abschluss der Ermittlungen durch das LKA in Wiesbaden wird die zuständige Staatsanwaltschaft Darmstadt darüber befinden, ob gegen den/die Beamten ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet wird oder ob die Schussabgabe gerechtfertigt war und aus einer Notwehrsituation heraus geschah.<

In dem Bericht wird darauf hingewiesen, dass es sich um geschulte Einsatzkräfte gehandelt habe:

>Bei beiden Spezialeinheiten (Anm.: SEK und Verhandlungsgruppe) handelt es sich um geschulte Polizeibeamte, die bei Sonderfällen, unter anderem bei Geiselnahmen, Entführungen und Amokläufen, eingesetzt werden. Die Verhandlungsführer sollen beruhigend auf den oder die Täter einwirken und diesen zur Aufgabe bewegen. Trotz stundenlanger Verhandlungen gelang dies im Fall des depressiven Heppenheimers nicht.< ([Hervorhebungen von uns]

Ziemlich peinlich klingt, was bei shortnews.de ein Webreporter mit dem Autorenkürzel jsbach zu der Sache meint:

>Da der Mann bereits psychische Probleme hatte und vermutlich die Weihnachtsstimmung mit dazu beigetragen hat, blieb wahrscheinlich den Beamten keine andere Wahl, als zu schießen. Ein tragischer Vorfall und das ausgerechnet am Heiligen Abend.<

Im Forum von shortnews.de wird allerdings mehrheitlich daran gezweifelt, ob es tatsächlich „keine andere Wahl“ gab, als den Verwirrten totzuschießen.

Es wird dort sogar ein ähnlicher und angeblich persönlich erlebter Fall geschildert, der nicht weniger skandalös wäre, wenn das Geschilderte denn tatsächlich so zutrifft:

>Ein trunkener Mann ist in der Bahn unterwegs und hat in einer Plastiktüte ein kleines Messer dabei. Modell „Schweizer Taschenmesser“ , Klinge etwa 7-8 cm.
Die Strassenbahn wird angehalten , es kommen 3 Streifenwagen mit je 2 Beamten und holen den betrunkenen Mann raus aus der Bahn. Die Beamten haben Westen an, Schlagstöcke in den Händen und 2 haben Pfefferspay in der Hand und 2 der Beamten haben eine gezogene und entsicherte Schusswaffe auf den Mann gerichtet.
Nachdem der trunkene Mann , der weder aufrecht stehen noch geradeaus gehen kann, die Ladung Pfefferspray direkt in die Augen bekommen hat, versucht er sich instiktiv zu wehren und fuchtelt etwas mit dem Messer rum. Einer der Beamten fühlt sich bedroht und schiesst dem Mann aus 3 Metern direkt in die Brust. Natürlich ist der Mann sofort verstorben. Passiert ist das direkt an der Haltestelle gegenüber von meiner Wohnung.< (Quelle: Webreporter „K-rad„)

Frohe Weihnacht: Südhessische Polizei erschießt an Heilig Abend depressiven Rentner

UPDATE: Das Darmstädter Echo berichtet nun ausführlich über das Drama, das sich an Heilig Abend in der Dr.-Heinrich-Winter-Straße in Heppenheim abspielte.
Offenbar wurden auf den psychisch kranken Mann, der wohl auch unter Verfolgungswahn litt, „vier oder fünf, vielleicht sogar noch mehr Schüsse“ abgegeben.
In dem Artikel heißt es weiter:

>Der 66-Jährige hatte schon vor mehreren Jahren als Alleinstehender eine Zwei-Zimmerwohnung im fünften Stock des Hauses Dr.-Winter-Straße 5 bezogen. Vorausgegangen war seine Scheidung. Er hinterlässt zwei erwachsene Kinder. Bis er in Rente ging, arbeitete er als Koch.

In dem mehrgeschossigen Gebäude in der Heppenheimer Weststadt leben vornehmlich Besitzer von Eigentumswohnungen. Nach Recherchen des ECHO haben sie den Mann als „manisch depressiven Menschen“ erlebt. In schlimmen Phasen habe er „nachts schon mal damit begonnen, die Möbel herumzurücken“. Seine Stimmungslage sei schwankend gewesen, sagen Nachbarn. Offenbar hat der Mann auch unter Verfolgungswahn gelitten. „Er hat immer davon geredet, dass der Geheimdienst hinter ihm her sei“, weiß ein Bewohner aus mehreren Gesprächen. Aus Sicht des Ohrenzeugen ist er zum Opfer einer Kette unglücklicher Umstände geworden. Ein anderer Nachbar meint: „Er hat sich wahrscheinlich gefühlt wie ein Tier, das man in die Enge getrieben hat.“

Beobachter sprechen davon, dass neben Polizeipsychologen auch ein Seelsorger das Gespräch mit dem Mann suchte. Später habe sich sogar ein Mitbewohner aus dem Hausbeirat eingeschaltet und „von Balkon zu Balkon“ Kontakt mit ihm aufnehmen wollen. „Sei vernünftig, mach’ die Tür auf“, habe er ihm geraten – erfolglos. <

Keine 17 Monate ist es her, dass zwei Polizisten an einem Sonntagmorgen im südhessischen Fürth mit Todesschüssen eine Ruhestörung stoppten. Ein Sonderling hatte am Rohbau seines Hauses gewerkelt und die von Nachbarn gerufenen Polizisten (angeblich) mit einer Axt bedroht.

Nun hat die südhessische Polizei an Heilig Abend in Heppenheim einen 66 Jahre alten Mann erschossen, der sich in seiner Wohnung verbarrikadiert hatte. Er hatte keine Geiseln genommen, unmittelbar konnte er nur sich selbst bedrohen.
Als dann um 23:45 Uhr der Zugriff erfolgte bzw. seine Wohnung gestürmt wurde, fielen die tödlichen Schüsse.
Damit wurde erreicht, dass sich der alte Mann nicht mehr selbst umbringen konnte. Ein seltsamer polizeilicher „Erfolg“.

Nachstehend die Meldung der südhessischen Polizeidirektion:

>Bei einem Schusswaffengebrauch mit tödlichem Ausgang durch ein Spezialeinsatzkommando der Polizei ist in der Nacht zum Dienstag ein 66 Jahre alter Heppenheimer in seiner Wohnung ums Leben gekommen. Er hatte die Polizisten mit Messern angegriffen. Der Mann galt als depressiv und war mehrfach in psychiatrischer Behandlung.

Am Montagnachmittag, gegen 15.30 Uhr begann nach einem Hinweis von Familienangehörigen der Polizeieinsatz. Zunächst war von einer hilflosen Person die Rede. Als die Beamten der Polizeistation Heppenheim an der Wohnung in der Dr.-Heinrich-Winter-Straße eintrafen, reagierte der Sechsundsechzigjährige nicht. Mit Hilfe der Feuerwehr wurde die Tür geöffnet. Als die Beamten die Wohnung betraten, verbarrikadierte sich der Mann in seiner Küche. Dabei drohte er zunächst, aus dem Fenster zu springen, dann aber damit, ein Blutbad anzurichten, wenn die Polizei nicht seine Wohnung verlassen würde. Die Beamten zogen sich zurück und verständigten daraufhin das Spezialeinsatzkommando sowie die Verhandlungsgruppe.

In der Folgezeit war der Mann nicht davon zu überzeugen, aufzugeben und sich der Polizei zu stellen. Gegen 23.45 Uhr erfolgte der Zugriff. In der Wohnung wurden die Beamten von dem Sechsundsechzigjährigen massiv mit Messern angegriffen. Hierbei kam es zum Schusswaffengebrauch gegen den Angreifer. Der 66-jährige Heppenheimer erlag noch am Tatort seinen Verletzungen. Das Hessische Landeskriminalamt hat die Ermittlungen.< Quelle: ots/polizeipresse.de, Schusswaffengebrauch mit tödlichem Ausgang, 25. 12. 2007

Der souveräne polizeiliche Umgang mit dieser (Not-) Situation wird u.a. auf „Welt Online“ von Lesern kommentiert:

> isidoro meint:

“ Mal gespannt was uns von den Behörden jetzt wieder für ein Scheiß vorgesetzt wird als Erklärung. Wahrscheinlich hätte es gereicht die Wohnung zu verlassen und einen Psychiater hinzuschicken, aber Deutschland schickt sich an, sich zu einem Überwachungs-und Polizeistaat zu entwickeln…

Jörg meint:

„oh mein Gott, ….. Polizei, Feuerweher, SEK …. Kranker tot! Vielleicht hätte noch die Bundewehr anrücken sollen, für Ordnung und Sicherheit im Land (Wohnung).“

warum meint:

„Wahnsinn – hatten die denn keinen Psychologen für den psychisch KRANKEN (….ist eine Krankheit wie jede andere auch !!!) hinzugezogen ?
Den Mann mit anderen Mitteln ausser Gefecht zu setzen, hätte durchaus genügt…. Die Welt wird immer verrückter.“

Franz meint:

„Warum wird mit einem psychisch gestörten Menschen noch stundenlang sinnlos verhandelt?
Und ob man ihn gleich erschiessen musste, ist doch sehr fragwürdig. Etwas CS-Gas oder ein Schuss ins Bein hätte es bestimmt auch getan. Einen einzigen Mann überwältigen müssen Polizeibeamte können, auch ohne ihn gleich zu erschießen!
Aber bei dem schießwütigem SEK ist ja nichts anderes zu erwarten!
Erstaunlich, dass für einen 66 Jährigen mit einem Messer bewaffneten Mann gleich ein Sondereinsatzkommando notwendig ist.
Wenn gleich zu solchen dramatischen Mitteln gegriffen wird, kann die ganze Sache ja nur in eine Katastrophe enden.
Die SEK-Typen sind ja nicht gerade für ihre Feinfühligkeit berühmt.
Ich habe selber mal SEK-Beamte kennenlernen dürfen und kann sagen, dass deren Job nicht spurlos an denen vorbei geht. Pathologisch recht fragwürdig, diese Leute!
Hätte man auf das SEK verzichtet, wäre der Mann wahrscheinlich noch am Leben!
Aber erst schießen und dann fragen. So arbeitet das SEK!“<

In dem Artikel der WELT heißt es:

>Nachdem sich der 66-Jährige stundenlang in seiner Wohnung verbarrikadiert hatte, wurde er am späten Heiligabend von Beamten eines Sondereinsatzkommandos erschossen. Dabei habe es sich um Notwehr gehandelt, betonte die Polizei in Darmstadt. Der Mann habe die Polizisten mit Messern bedroht.
Am Montagnachmittag hatten Angehörige die Polizei alarmiert, ihr Verwandter sei hilflos. Der 66-Jährige galt als depressiv und war schon mehrfach in psychiatrischer Behandlung. Als die Beamten eintrafen, reagierte der Mann nicht. Die Feuerwehr öffnete die Tür. Daraufhin verbarrikadierte sich der 66-Jährige in der Küche. Er drohte mit einem Sprung aus dem Fenster im fünften Stock oder einem Blutbad, wenn die Beamten seine Wohnung nicht verlassen würden. Daraufhin zog sich die Polizei nach eigenen Angaben zurück und verständigte das Sondereinsatzkommando (SEK).
Als der 66-Jährige auch nach stundenlangen Verhandlungen nicht aufgeben wollte, stürmte das SEK die Wohnung. Dort bedrohte der Mann die Beamten nach Polizeiangaben mit Messern. Dabei kam es zum Schusswaffengebrauch. Wie viele Schüsse fielen und wo sie den 66- Jährigen trafen, wollte die Polizei nicht sagen. Das soll bei einer Obduktion am Mittwoch oder Donnerstag festgestellt werden. Der Mann lebte allein in der Wohnung.< Quelle: welt.de, Polizei erschießt Depressiven am Heiligabend, 25. 12. 2007 [Hervorhebungen und Links von uns]

Auf focus.de meint ein Leser:

>Es ist doch absolut lächerlich, dass die Polizei nicht im Stande ist einem 66 Jährigen verwirrten alten Mann ein Messer abzunehmen ohne ihn dabei zu erschießen. Was lernen die denn in der Ausbildung? Einfach schockierend und erschreckend zugleich.<

Der Rechtsanwalt Werner Siebers schreibt in seinem Weblog ‚ Strafprozesse und andere Ungereimtheiten‚ :

>Ich sehe die Notwehrsituation plastisch vor Augen, wie ein 66-Jähriger ein gerade zufällig eine Küche stürmendes SEK so angreift, dass man sich nur durch einen Todesschuss retten kann.

Eine Einzelperson in einer Küche ohne Geiseln schläft irgendwann ein, und wenn es zwei Tage dauert, in solcher Lage ist jede Entscheidung richtig, nur eine ist falsch: das Stürmen!<

Ein anonymer Leser kommentiert sarkastisch:

>Möglicherweise sollte ja durch das Stürmen ein Suizid verhindert werden. Das ist geglückt. Der Mann kann jetzt einem katholischen Begräbnis innerhalb der Stadtmauern entgegensehen. Fröhliche Weihnachten.<

Ein weiterer Leser schreibt:

>Denke eher das SEK musste mal das (wohl schlecht) geübte ausprobieren… Na ja, nur ärgerlich das hier sicher keine nennenswerten Folgen für die Verantwortlichen zu befürchten sind… In diesem fällt mir nur eins ein: Weidmanns Heil!<

Noch deutlicher wird über den „Weihnachtlichen Kollateralschaden“ im Weblog „GeistesWelt“ geurteilt:

>Ist die Frage, ob er vor dem Aufkreuzen der Sicherheitskräfte als “gemeingefährlich” oder nur -wie in den Pressemitteilungen gesagt- als “hilflose Person” galt. Trifft zweites zu, dann war der Einsatz völlig überflüssig gewesen, man hätte ihn auch in seiner Wohnung ungestört lassen können.
Und wenn man schon “Sondereinsatzkommandos” hinzuzieht (man muß mal drauf achten bei solchen Meldungen kommen die ganz schnell dazu, als wäre in jeder Stadt ein Nest mit denen), dann sollte man erwarten, dass sie so einen Gegner im Nahkampf unschädlich machen.
Mit der Pistole einen Menschen zu erschießen ist so einfach, dass könnte ich auch selber und niemand bräuchte dazu teure Beamten. Ich möchte hier keine solche Sicherheitskräfte, die allenfalls auf dem Niveau einer südamerikanischen Todesschwadrone sich bewegen…<

Offene Fragen zur „Tödlichen Bescherung“ sieht auch Marco Kanne in seinem Weblog „opponent“:

>Wie ist es möglich, dass ein Polizeibeamter eines Spezialeinsatzkommandos [das sind die, die den ganzen Tag nur die möglichst unblutige Lösung von brenzligen Situationen jeglicher Art üben] mit dem Angriff eines alten Mannes, der nur mit Messern bewaffnet ist, nicht klarkommt? […]
Wenn der alte Mann einen SEK-Beamten überwältigt und ihm ein Messer an die Kehle gehalten hätte, wären tödliche Schüsse durchaus gerechtfertig. Nur müsste sich die Polizei in diesem Falle fragen lassen, wie es überhaupt dazu kommen konnte.<

Fürth: Deeskalation trotz Axt in der Hand – Paranoiker lässt sich auf Garagendach von Polizei zur Aufgabe überreden

Was vorgestern von der Polizeidirektion Südhessen über einen Polizeieinsatz in Fürth berichtet wurde, weist Ähnlichkeiten mit einem Polizeieinsatz im August letzten Jahres auf, bei dem – ebenfalls in Fürth – ein wegen Ruhestörung angezeigter Mann von zwei Polizisten (angeblich aus Notwehr) erschossen wurde.
Diesmal scheinen die eingesetzten Polizisten aber die Kunst der Deeskalation beherrscht zu haben – obwohl sie erneut mit einem psychisch Gestörten konfrontiert waren, der zunächst eine Axt in der Hand hielt und sie danach mit einem stumpfen Metallgegenstand bedrohte.

>Am Sonntag, 04.02.2007, ab 15:50 h, rief ein 24-jähriger Mann aus Fürth mehrfach über Notruf bei der Polizeistation Heppenheim an und teilte mit dass er von Männern verfolgt wird. Einen genauen Sachverhalt konnte er nicht angeben. Eine Streife wurde nach dort entsandt. Die Person konnte dann in der Jet-Tankstelle in Fürth festgestellt werden. Er hielt sich dort auf und hielt zeitweise (bevor die Streife vor Ort war) eine Axt in der Hand, ohne mit der Axt jemanden konkret zu bedrohen.

Bei Eintreffen der Streife legte er die Axt ab und ging zunächst auf die Streife zu, sprach mit der Streife, um dann unvermittelt zu flüchten. Er gab an, die Polizeistreife sei überhaupt nicht die Polizei. Er wurde dann in der Inselstraße wieder gesichtet. Zwischenzeitlich hatte er sich mit einem stumpfen Metallgegenstand bewaffnet. Mit diesem Gegenstand bedrohte er die eingesetzte Streife. Aufgrund des Verhaltens wurden weitere Streifen von den Polizeistationen Bensheim, Erbach und Heppenheim angefordert. Die Person flüchtete sich letztendlich auf ein Garagendach in der
Inselstraße und konnte dort durch die eingesetzten Streifen zur Aufgabe überredet werden.
Er wurde in Gewahrsam genommen und durch die Polizei in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.< Quelle: ots/polizeipresse.de, Fürth: Verwirrter Mann löst Polizeieinsatz aus, 4. 2. 2007

Todesschüsse in Fürth: Ermittlungen gegen Polizisten erwartungsgemäß eingestellt – Ruhestörer „zwang“ zur Notwehr

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Video: hr-online.de


Es war zu erwarten: Das in Darmstadt geführte Ermittlungsverfahren gegen zwei südhessische Polizisten wegen Verdachts der fahrlässigen Tötung eines Ruhestörers wurde nun eingestellt.
Am 6. August letzten Jahres, einem Sonntagvormittag, war ein 55 Jahre alter Mann aus Fürth (Kreis Bergstraße/ Odenwald) im Rohbau des von ihm zuvor weitgehend in Eigenregie errichteten dreieinhalbstöckigen Mehrfamilienhauses erschossen worden. Die beiden Polizisten, eine Polizeioberkommissarin und ein Polizeikommissar, hatten insgesamt 4 Schüsse auf den Mann abgegeben – angeblich aus Notwehr bzw. aus Nothilfe.
Der kleingewachsene Mann habe sich der Polizistin bis auf 1,5m mit erhobenem Beil genähert und habe ihre Aufforderungen, stehen zu bleiben und die Axt niederzulegen, ignoriert.
Das kann so abgelaufen sein und klingt dennoch unwahrscheinlich – trotz eines rechtsmedizinischen Gutachtens, das die Version der beiden Polizisten (angeblich) bestätige.

Ob sich nun auch für den Grünen-Landtagsabgeordneten Jürgen Frömmrich alle Fragen erledigt haben? Der hatte nach den tödlichen Schüssen in Fürth Aufklärung von Innenminister Bouffier verlangt – ob nämlich „die tödlichen Schüsse nicht zu vermeiden gewesen wären.“

Wie es dazu kommen konnte, dass ein banaler Polizeieinsatz wegen Ruhestörung mit tödlichen Schüssen endet, beschäftigt auch die in Heppenheim ansässige Redaktion des Starkenburger Echo nach eigenen Worten „seit mehr als vier Monaten„. Solange gehe man der Frage nach, wie es „dazu kommen “ konnte.
Die ECHO-Redakteurin Marion Menrath kennt den Fall, sie war einen Tag nach den Todesschüssen am Tatort und sprach mit Nachbarn.
Ihr Artikel „Eine Axt, vier Schüsse„, erschienen im Rahmen eines Jahresrückblicks für 2006 in Echo Online, verrät große Skepsis an der Begründung des fatalen Polizeieinsatzes und ebenso an der Verlässlichkeit (bzw. Objektivität) der staatsanwaltlichen Ermittlungen.
Für das meist bieder berichtende Blatt klingt es fast schon sensationell, wenn von geteiltenMeinungen in der Redaktion“ die Rede ist, wenn „einige“ Redakteure / Journalisten auch vier Monate nach dem Geschehen noch immer fragen, ob denn die beiden Polizisten (mit ihrem Vorwissen) „die Situation nicht anders lösen“ konnten. Erstaunlich auch die (leise) Kritik an der Staatsanwaltschaft in Darmstadt, die dem Kenner des ECHO-Jargons einen wie auch immer gearteten (Justiz-) Skandal signalisiert.
Nachfolgend der Artikel von Marion Menrath, dessen besonders nachdenkenswerte Passagen hervorgehoben wurden:

> Eine Axt, vier Schüsse – Polizeieinsatz: Zwei Beamte erschießen einen Ruhestörer in Fürth – Die Staatsanwaltschaft in Darmstadt tut sich schwer mit der Aufklärung

Das Haus an der Erzbergstraße in Fürth (Kreis Bergstraße) hat sich kaum verändert. Aber die Baustelle wurde aufgeräumt, der Bauwagen, ein Container, ein Sandhaufen und das Gerümpel sind verschwunden. An der Hauswand sind Steine aufgeschichtet; zwei große Schaufeln lehnen daneben. Eine normale Baustelle – wenn da nicht das rot-weiße Flatterband der Polizeiabsperrung wäre.
In diesem Rohbau ist am 6. August, einem Sonntagvormittag, ein 55 Jahre alter Fürther bei einem Routineeinsatz zweier Polizisten erschossen worden. Er war der Besitzer und Bauherr des dreieinhalbstöckigen Mehrfamilienhauses, an dem er seit über zehn Jahren weitgehend alleine gewerkelt hatte. Aus den Ermittlungen wegen Ruhestörung wurde tödlicher Ernst.

Wie konnte es dazu kommen? Dieser Frage geht die ECHO-Redaktion in Heppenheim seit mehr als vier Monaten nach.

Der Einsatz war um 10.20 Uhr, eine erste Meldung des Zwischenfalls erreichte die Redaktion gegen 16.30 Uhr.
Axtangriff führt zum Einsatz der Schusswaffe nach einer Ruhestörung“ lautete der spröde Titel.
Welche Brisanz hinter der Meldung steckte, wurde erst beim Lesen deutlich und daran, dass die Meldung vom Hessischen Landeskriminalamt aus Wiesbaden kam und nicht vom Polizeipräsidium Südhessen in Darmstadt:

Nach bisherigen Ermittlungen wurden die beiden Polizeibeamten durch den 55-jährigen Mann aus Fürth mit einer Axt angegriffen. Es kam zum Schusswaffengebrauch gegen den Angreifer, hierbei wurde der Mann tödlich verletzt.“

Soweit der Auszug. An jenem Sonntag gelang es noch, den Tatort in der Fürther Kerngemeinde einzugrenzen, die ECHO-Fotografin Evi Church hinzuschicken und beim Fürther Bürgermeister Gottfried Schneider ein Stimmungsbild über einen schwierigen und sozial auffälligen Menschen einzuholen, bei dem die Polizei offenbar wegen des Baulärms zu jeder Tages- und Nachtzeit auf der Baustelle ein und aus ging.

Montag, 7. August: Ich machte mir morgens selbst ein Bild von dem Ort und redete mit Nachbarn. „Der war nicht groß, hätte man den nicht anders überwältigen können“, wundert sich ein Nachbar.
Ein anderer schildert ihn als „sehr aggressiv“. Angehörige haben Kerzen aufgestellt.
Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Darmstadt die Ermittlungen übernommen. Oberstaatsanwalt Klaus Reinhard schildert nach der Obduktion erste Ergebnisse: Demnach haben beide Polizisten zusammen vier Schüsse abgegeben. Zwei Kugeln streiften die rechte Körperhälfte des Mannes, eine prallte vom Axtstiel ab. Die vierte tödliche Kugel drang unterhalb des rechten Arms in die Lunge ein und traf die Hauptschlagader. Ohrenzeugen haben gehört, dass der Fürther zuvor aufgefordert wurde, stehen zu bleiben und die Axt niederzulegen.

Dienstag, 8. August: Neue Details über den Toten kommen ans Licht: Der Mann soll in einem Fürther Supermarkt mit dem Messer herumgefuchtelt haben und wegen psychischer Probleme in Behandlung gewesen sein. Der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Heini Schmitt , meldet sich zu Wort und verteidigt die beiden Beamten, einen Mann und eine Frau, gegen Vorverurteilungen. Als ehemaliger Nachbar hat Schmitt den Fürther vor zehn Jahren kennen gelernt Schon damals habe ihm dieser eine laufende Motorsäge vor die Nase gehalten, als er sich wegen des Baulärms beschwerte. Er schildert den Tod als tragisches Ende einer Entwicklung.

Mittwoch, 9. August: Von der Staatsanwaltschaft gibt es nichts Neues. Der Staatsanwalt vertröstet auf nächste Woche. Seitdem sind keine wesentlichen Informationen dazugekommen. Mal müssen Schuss- und Waffengutachten abgewartet, ein Nachgutachten eingeholt werden, oder der Fall verzögert sich, weil die Anwälte der Polizisten die Akten zur Einsicht haben. Eine Stellungnahme will Sprecher Ger Neuber erst abgeben, wenn alle Fakten klar sind.

Warum gingen beide Beamten in den von der Straße nicht einsehbaren Rohbau, ohne Verstärkung anzufordern? Wer gab welche und wie viele Schüsse ab, in welcher zeitlichen Abfolge und aus welcher Entfernung? All dies ist ungeklärt.

Die Meinungen in der Redaktion sind geteilt. Hätte man mit diesem Vorwissen die Situation nicht anders lösen können, fragen einige. Sie denken an einen spektakulären Fall vor zehn Jahren, als im November 1996, ebenfalls in Fürth, ein 34 Jahre alter türkischer Familienvater nach einer Auto-Verfolgungsfahrt von einem Polizisten erschossen wurde. Dieser wurde zwei Jahre später wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldbuße von 5100 Mark verurteilt.

Andere erinnern an die Personalknappheit der Polizei und dass weitreichende Entscheidungen oft in Sekundenbruchteilen gefällt werden müssen. Auch für Polizisten gilt der Notwehrparagraf.

Montag, 18. Dezember: Beide Polizisten seien wieder im Dienst, aber die nicht abgeschlossenen Ermittlungen seien für sie „sehr, sehr belastend“, sagt Heini Schmitt. Er wünsche sich eine baldige Entscheidung. Andererseits sei ihm ein sorgfältiges Gutachten und ein sauberer juristischer Ablauf wichtiger.

Der Rohbau in der Erzbergstraße wird wohl von den Brüdern des Toten fertiggestellt. Das Gebäude sei kürzlich vom Ortsgericht geschätzt worden, erläutert Bürgermeister Schneider. Dies sei Voraussetzung für einen Erbschein für die Erbengemeinschaft gewesen.

Die Zeitung soll Fragen beantworten, nicht neue aufwerfen. Sogar Fragezeichen in der Überschrift gelten als verpönt. Manchmal lassen sich diese Fragen aber nicht nach einem Tag klären. Manchmal reichen viereinhalb Monate nicht aus.< Quelle: Darmstädter Echo, Eine Axt, vier Schüsse, 30. 12. 2006 [Hervorhebungen von uns]

Die (angeblich nun bestätigte) Version der beiden Polizisten vom Ablauf des Einsatzes wurde vorgestern im ECHO so beschrieben:

>Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft gingen beide Beamte auf das Grundstück und zu dem rückwärtigen Eingang des Hauses. Dort hätten sie ihre Anwesenheit mit dem Ruf „Polizei“ deutlich gemacht, worauf der Fünfundfünfzigjährige geschrieen habe „haut ab, verschwindet“. Der Polizeikommissar habe das Haus durch die offene Terrassentür betreten und sei dort sofort auf den Fürther getroffen .

Der Mann habe in der linken Hand einen Hammer gehalten und mit der rechten nach einem Beil gegriffen, sei schnell auf die Beamten zugegangen und habe geschrien, sie sollten abhauen, sie hätten hier nichts verloren. Beide Beamte hätten ihn aufgefordert: „Legen Sie die Axt weg, bleiben Sie stehen, die Axt runter, lassen Sie die Axt fallen“. Dies haben die auf der Straße stehenden Zeugen bestätigt.

Zwischenzeitlich hatten die Beamten ihre Waffen gezogen. Den Einsatz von Pfefferspray hätten sie ausgeschlossen, weil der Mann eine Brille und einen Hut getragen habe und dies die Wirksamkeit beeinträchtig hätte. Der Fürther habe jedoch nicht auf die Aufforderungen reagiert und sich der Polizeioberkommissarin bis auf etwa 1,50 Meter mit erhobenem Beil genähert. Als die Polizistin, die bereits bis zu einem Gartenzaun zurückgewichen war, nicht weiter ausweichen konnte, schossen die Beamten insgesamt vier Mal .

Zwei Schüsse streiften den rechten Körperbereich des Mannes, einer traf den Stiel des Beils. Ein weiterer Schuss trat unterhalb der rechten Achselhöhle in den Körper des Verstorbenen ein.< Quelle: Darmstädter Echo, Polizisten handelten in Notwehr, 2. 2. 2007

Die Hervorhebungen sollen den schwer begreiflichen Ablauf verständlicher machen … wenn es so ablief und wenn es überhaupt zu verstehen ist. Eine anonyme Kommentatorin schrieb am 23. August in den „Odenwald Geschichten“, sie kenne die Polizistin und könne sagen, dass die „komplett durchgeknallt“ sei.
Das wäre, wenn es denn zutrifft, auch ein mögliches Puzzlestück für das Verständnis des sonst schwer verständlichen Falles.

Warum sich übrigens der Einsatz von Pfefferspray (statt einer Schusswaffe) verboten haben soll, nur weil der krakeelende kleine Mann eine Brille und einen Hut trug, erschließt sich einem nicht ganz. Seit wann wirkt denn ein Spray nur auf „gerader Linie“ und lässt sich von Brillengläsern aufhalten?

Marion Menrath schrieb, dass die „Polizei offenbar wegen des Baulärms zu jeder Tages- und Nachtzeit auf der Baustelle ein und aus ging„.
Dies dürfte der entscheidende Grund für eine wohl auch auf Polizeiseite hoch emotionalisierte und aggressive Stimmung gewesen sein, die in den tödlichen Schüssen kulminierte.
Man wüsste auch gerne, wie gut sich die beiden Polizisten und der von ihnen erschossene Sonderling bereits kannten bzw. wie oft sie sich bereits gegenüber gestanden hatten. Wenn die Polizei ohnehin „zu jeder Tages- und Nachtzeit auf der Baustelle ein und ausging“ hätte es doch nahegelegen, jemanden hinzuschicken, der den Mann kannte und mit ihm umzugehen wusste.

Waren dem kleinen Mann die beiden (wohl auch körperlich überlegenen) Polizisten so „vertraut“, dass er sich ihnen bis auf 150cm genähert haben soll und soll ihm sein Leben und sein (in 10 Jahren mühsam errichtetes) Haus auf einmal so egal gewesen sein, dass er sich lieber erschießen lässt als die Axt fallen zu lassen bzw. der polizeilichen Aufforderung zu folgen??

Auch HR-Online berichtete über die Verfahreneinstellung und zitiert dazu den „rechtlichen Rahmen für tödliche Polizeischüsse“:

>Bei tödlich verlaufenen Polizeiaktionen bewegten sich hessische Beamte lange auf juristisch schwierigem Gebiet. Das hat der Landtag Ende 2004 mit einer Reform des Polizeigesetzes geändert. Seitdem sind gezielte Todesschüsse zur Abwendung von akuter Lebens- oder Gesundheitsgefahr ausdrücklich nicht strafbar.

Die einschlägige Formulierung die hessischen Polizeigesetzes lautet – fast wortgleich mit den Gesetzen der meisten anderen Bundesländer: „Schusswaffen dürfen gegen Personen nur gebraucht werden, um sie angriffs- oder fluchtunfähig zu machen. Ein Schuss, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit tödlich wirken wird, ist nur zulässig, wenn er das einzige Mittel zur Abwehr einer gegenwärtigen Lebensgefahr oder einer gegenwärtigen Gefahr einer schwerwiegenden Verletzung der körperlichen Unversehrtheit ist.“ (Paragraph 60, Abs. 2).< Quelle: hr-online.de, Polizisten mit Axt bedroht -Aus Notwehr erschossen, 1. 2. 2007

Ruhestörung und polizeiliche Todesschüsse in Fürth: Wie lange werden die kollegialen „Ermittlungen“ wohl dauern?


Am 6. August, einem Sonntag, erschossen zwei Polizisten in Fürth im Odenwald einen Ruhestörer.
Der 55 Jahre alte Karl-Heinz L. werkelte wieder einmal im Rohbau seines zum Teil bereits fertiggestellten Hauses – offenbar so lautstark, dass sich Nachbarn bei der Polizei beschwerten.
Die kam und kurz darauf war der Ruhestörer tot. Angeblich erschossen aus Notwehr. Der eher klein gewachsene Mann soll die beiden Polizisten mit einer Axt bedroht haben. Worauf beide angeblich nicht anders zu reagieren wussten als mit einem (faktisch) finalen Todesschuss.
Karl Heinz L. soll ein schwieriger, nerviger Zeitgenosse gewesen sein, aber keiner, der anderen ernsthaft etwas getan hätte, so beteuerte später sein Bruder.
Über die bei dem fatalen Einsatz beteiligte Polizistin und ihren Kollegen weiß man bislang weniger.

Am 23. August allerdings schrieb eine Kommentatorin in den Odenwald-Geschichten.de Folgendes:
>Ich kenne die betroffene Polizistin persönlich und kann euch sagen, dass die zum einen komplett durchgeknallt ist und zum anderen tatsächlich schon wieder arbeiten darf.< (Name und eMail-Adresse sind uns bekannt).
Wenn dies zutrifft, wären möglichweiser zwei „Durchgeknallte“ aufeinandergetroffen.
Eben dies könnte den ungewöhnlichen und tragischen Verlauf dieser „Begegnung“ erklären. Sowohl die angebliche „Drohung“ mit einer Axt (Reaktion auf ein „provokantes“ statt mäßigendes Auftreten der Polizisten?) als auch die dann tödlichen Schüsse, die mit größter Wahrscheinlichkeit wegen einer nur gestischen Drohung abgefeuert wurden.
Pro forma wird gegen die beiden Polizisten wegen fahrlässiger Tötung ermittelt.
Das Verfahren wird mit Sicherheit eingestellt werden … man könnte sich die erheblichen Kosten also sparen.
Die Justiz muss freilich zumindest den Anschein der Rechtsstaatlichkeit vorgaukeln. Wegen dieses Theaters wird daher monate- oder auch jahrelang „ermittelt“, obwohl das Ergebnis von vornherein feststeht.
In diesem Fall wird wohl ziemlich lange ermittelt werden – so lange nämlich, bis der Fall in der Öffentlichkeit weitgehend vergessen ist. Dann lassen sich die Akten leichter schliessen.

>Vier Monate nach den tödlichen Schüssen zweier Polizisten auf einen 55 Jahre alten Fürther in dessen Rohbau in der Erzbergstraße, liegt noch keine Bewertung des Geschehens durch die Staatsanwaltschaft Darmstadt vor. Es seien weitere Gutachten in Auftrag gegeben worden, mit denen unter anderem die Schusspositionen beider Polizisten geklärt werden sollen, sagte gestern der Sprecher der Staatsanwaltschaft Ger Neuber. Alle strafrechtlich relevanten Informationen müssten durch Sachverständige abgeklärt werden, das dauere seine Zeit. Ob die Ermittlungen noch in diesem Jahr abgeschlossen werden können, konnte er nicht sagen.
Fest steht nur: Beide Beamte gingen am 6. August, einem Sonntag, in den Rohbau des Mannes, um wegen Ruhestörung zu ermitteln. […] Dann schossen die Beamten vier Mal. Die tödliche Kugel trat unter dem rechten Arms des Mannes ein und traf dessen Lunge und Hauptschlagader.< Quelle: Darmstädter Echo, Polizisten-Schüsse weiter ungeklärt, 7. 12. 2006

Petra Gerster (ZDF) über die Todesschüsse in Fürth: „Diskussion um Angemessenheit des polizeilichen Handelns hat erst begonnen“


Das ZDF berichtet auf seiner Website über die polizeilichen Todesschüsse in Fürth, dort findet sich auch der von Petra Gerster kommentierte Video-Beitrag.
Die von ihr vorhergesagte Diskussion über die „Angemessenheit des polizeilichen Handelns“ findet auch in unserem Weblog statt.
So schreibt Gerhard Barnekow in seinem Kommentar: „Polizeibeamte sind immer unschuldig und sollten sie es auch nicht sein, findet sich ein Gutachter, der dies bescheinigt.
Sollten die beiden Polizisten noch eine passende Anwaltskanzlei für eine eventuelle Verteidigung benötigen, hier ein sicherer Tip: Anwaltskanzlei Gasser – Bouffier. Diese Kanzlei hat mit Polizeischüssen bereits Erfahrung und kann auf Freisprüche für Polizeibeamte verweisen. Da Gasser und Bouffier sogar Innenminister sind, liegt das Freispruchzertifikat zum Greifen nahe.
“ [Links von uns]

Barnekow ist selbst betroffen. Sein Sohn wurde bei einem fragwürdigen Polizeieinsatz erschossen. Der Fall wurde von Amnesty International (zusammen mit 17 weiteren Fällen) dokumentiert („Erneut im Fokus„, s.u.)

Andere verteidigen die Polizei im Allgemeinen und die 2 betroffenen Polizisten im Besonderen:

Außerdem sind die Beamten, und da müssen wir uns doch mal einig sein, nicht zu dem Einsatz gefahren, um den Angreifer zu töten. Er hat die Ursache für die gefolgte Reaktion gesetzt.“ (Alex).

Die erste Aussage ist natürlich zutreffend. Die zweite Aussage dagegen höchst zweifelhaft.
Warum sollte ein Sonderling, der immerhin verständig und geduldig genug ist, in langen Jahren durch viel eigene Arbeit ein beachtliches Haus zu erbauen, einfach so alles zerstören, indem er völlig grundlos zwei nur wegen einer Ruhestörung erschienene Polizisten mit einer Axt attackiert?
Warum sollte ein 55 Jahre alter, kleinwüchsiger und leicht behinderter Mann auf der Baustelle seines anscheinend weitgehend fertig gestellten Hauses zwei Polizisten mit einer Axt in Lebensgefahr bringen und sich selbst ins Gefängnis oder – wie geschehen – ins Grab?
Es ist zweifelhaft, ob der Mann auch nur vorbestraft war. Wie oder warum sollte er in dieser fatalen Begegnung zum die Axt schwingenden oder werfenden Psychopathen werden?
Bei den betroffenen Polizisten soll es sich um einen etwa 30 Jahre alten Mann und eine ebenfalls etwa 30 Jahre alte Frau handeln, die beide „diensterfahren“ seien – was das auch bedeuten mag.
Ist nicht auch dies denkbar: Dass ein noch junger Mann seiner ebenfalls jüngeren Kollegin zeigen wollte, wie man gegenüber einem kleinen, depperten Nervtöter mit markigen Worten und markigen Gesten auftritt? Vielleicht noch mit dem Revolver in der Hand? Oder wollte die Polizistin dem Kollegen zeigen, dass auch sie kein (weibliches) Weichei ist?
Und fühlte sich der kleine Mann durch die so oder auftretenden Polizisten einfach nur herabgewürdigt und fing zu zetern an … und die Axt war so zur Hand wie ein Besenstil, aber eben nur zum Zetern und um sich größer zu machen und nicht zum (irrwitzigen) Attackieren?
Die zwei (”übereifrigen”?) Polizisten werden mit dem Argument verteidigt, dass sie sicher nicht grundlos reagiert / geschossen hätten und ihre Kritiker ohne Kenntnis der Situation unbewiesene Vorwürfe in den Raum stellen.
Doch gilt das auch umgekehrt: Der Getötete soll angeblich wegen “Gewaltdelikten” bekannt gewesen sein … dabei ist schon zweifelhaft, ob er wegen der angeblichen “Delikte” überhaupt je angezeigt, angeklagt oder verurteilt wurde.

In nahezu allen Medien, die über den Fall berichteten, wurde als Fakt ausgegeben, was bislang nur Vermutung sein kann: Ein “Angriff” mit der Axt. Doch wahrscheinlicher ist, dass der kleine Mann mit der Axt nur gedroht oder gezetert hatte.
Und möglich ist, dass der junge Polizist und die junge Polizistin (sich?) zeigen wollten, dass sie mit der Waffe in der Hand nicht nur drohen konnten wie der “depperte” kleine Mann mit der Axt, sondern tatsächlich auch (treffsicher?) schießen konnten.

Interessant war, dass in einem (Echo-) Pressebericht von heute die Staatsanwaltschaft Darmstadt Schilderungen widersprach, die gestern vom hessischen GdP-Vorsitzenden Heini Schmit vorgebracht wurden.
Der hatte nassforsch behauptet, die beiden Polizisten seien “nur drei bis vier Meter von dem Fürther gestanden” und hätten “in dem Rohbau keine Rückzugsmöglichkeit mehr gehabt.”
Seine Folgerung: “Es gibt bisher nicht den geringsten Anlass, daran zu zweifeln, dass es für die beiden eingesetzten Kollegen eine unausweichliche Situation war.

Dazu heißt es nun im Echo: ”
Es sei zu früh, dazu bereits Aussagen zu machen, widersprach dagegen der Oberstaatsanwalt.

Und ansonsten: >Im Fall des von Polizisten bei einem Einsatz erschossenen 55 Jahre alten Fürthers (das ECHO hat ausführlich berichtet) sind in dieser Woche keine offiziellen Stellungnahmen mehr zu erwarten. Vor den Anhörungen der Beamten sollen die Gutachten und kompletten Ermittlungen abgewartet werden, teilte gestern der zuständige Oberstaatsanwalt Klaus Reinhard von der Staatsanwaltschaft Darmstadt mit. Dabei gehe es unter anderem um die Frage des Abstands der Polizisten zu dem Mann. Erst dann würden die Beamten vernommen. […] Über das weitere Geschehen in dem Rohbau können aber offenbar nur die beiden Polizisten Auskunft geben, da das Gebäude von außen nicht einsehbar war.” < Quelle: Starkenburger Echo, Tödliche Schüsse: Polizisten sind noch nicht vernommen worden – Neues erst nächste Woche, 10. 8. 2006

Eines verwundert an diesen “Ermittlungen” schon jetzt: Was spricht dagegen, die immerhin einer fahrlässigen Tötung verdächtigen bzw. (formell) beschuldigten zwei Polizisten möglichst schnell zu vernehmen …und zwar unabhängig voneinander?
Das wäre nämlich in allen anderen Fällen das übliche Vorgehen: So wird verhindert, dass sich die Erinnerung eintrübt, vor allem: So wird verhindert, dass sich zwei (vielleicht zu Recht) Beschuldigte vorher auf eine widerspruchsfreie Version des Geschehens verständigen.

Für das absurde Vorgehen der Staatsanwaltschaft gibt es eigentlich nur zwei Erklärungen:
1) Die beiden Beschuldigten verweigern sich bislang noch einer Vernehmung, da sie sich mit ihren Aussagen belasten könnten.
2) Die beiden Beschuldigten verweigern eine (frühe) Vernehmung nicht, aber die ermittelnden Kollegen von Polizei und Staatsanwaltschaft möchten den beiden Beschuldigten bewusst ermöglichen, sich “abzusprechen” und ihre Aussagen auf die sonstigen Ermittlungsergebnisse “abzustimmen”.

Amnesty International schreibt zu seiner Dokumentation “Erneut im Fokus”:
>Regelmäßig haben in den zurückliegenden Jahren Menschen in Deutschland Polizeibeamten vorgeworfen, sie misshandelt zu haben. In den meisten Fällen standen diese Menschen nicht im Verdacht einer schweren Straftat. In den von ai dokumentierten Fällen besteht der dringende Verdacht, dass Polizisten unverhältnismäßig Gewalt anwandten und sich der Misshandlung strafbar machten.
In einigen Fällen endete der polizeiliche Gewalteinsatz für das Opfer sogar tödlich: So starb im Mai 2002 der 31-jährige Stephan Neisius in einem Kölner Krankenhaus an den Folgen exzessiver Gewaltanwendung während seiner Festnahme sowie auf der Polizeistation. Der Fall Neisius ist einer der seltenen Fälle, in denen die beschuldigten Beamten tatsächlich zu Haftstrafen (auf Bewährung) verurteilt wurden.
Freigesprochen wurde hingegen der Polizist, der 2002 im thüringischen Nordhausen den 30-jährigen René Bastubbe erschoss. „So viel Ungerechtigkeit ist mir unbegreiflich“, sagt sein Vater, Gerhard Barnekow, der in ärztlicher Behandlung ist.[…]
Die strafrechtlichen Ermittlungen gehen in der Mehrzahl der Fälle zu langsam vonstatten und sind nicht unparteiisch und sorgfältig genug.
Beschuldigte Polizisten reagieren auf Strafanzeigen stereotyp mit Gegenanzeigen wegen „Widerstandes gegen die Staatsgewalt“. Nur wenige Fälle werden an Gerichte weitergeleitet. Die meisten beschuldigten Polizeibeamten wurden weder strafrechtlich noch disziplinarisch belangt. Keines der Opfer ist für das Erlittene finanziell entschädigt worden.[…]
Dass Staatsanwaltschaften Fälle offenbar viel zu selten den Gerichten zuleiten und zu einer polizeifreundlichen Interpretation der Vorfälle neigen, macht deutlich, dass in Deutschland eine unabhängige Beschwerdestelle fehlt. Etwa in der Art einer Ombudsperson für Menschenrechte, die Beschwerden entgegennimmt, ihnen nachgeht und die ermittelnden Stellen kontrolliert. Hierbei könnten Erfahrungen aus England, Nordirland und Portugal berücksichtigt werden.
< Quelle: Amnesty International, “Deutschland Erneut im Focus“, Februar 2004

Die insgesamt 93 Seiten umfassende ai-Dokumentation kann unter dieser Adresse als pdf-Datei geladen bzw. gelesen werden: „Vorwürfe über polizeiliche Misshandlungen und den Einsatz unverhältnismäßiger Gewalt in Deutschland“

„Tragisches Ende“: Hessischer GdP-Vorsitzender Heini Schmitt rechtfertigt tödliche Polizeischüsse in Fürth


>Der am Sonntagmorgen von Polizisten erschossene 55 Jahre alte Fürther soll bereits vor zehn Jahren aggressiv und sozial auffällig gewesen sein. „Ich habe damals die Anfangsphase als Nachbar miterlebt“, berichtete gestern Heini Schmitt, Vorsitzender des hessischen Landesverbands der Deutschen Polizeigewerkschaft, im Gespräch mit dem ECHO. Schon damals habe ihm der Mann einmal eine laufende Motorsense vor das Gesicht gehalten, als er sich bei ihm über den Lärm auf der Dauerbaustelle beschwerte, sagt Schmitt.
Auch eine körperliche Auseinandersetzung habe er mit dem Fürther gehabt. Trotz der geringen Körpergröße von nur 1,53 Meter sei der Mann durchaus kräftig gewesen; schließlich habe er die schweren Maurerarbeiten an dem Rohbau in der Erzbergstraße bewältigt.

Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft wehrte sich mit seiner Stellungnahme gestern gegen „teilweise tendenzielle Berichterstattung“ in anderen Medien, wo der Fürther von Angehörigen und Nachbarn als „friedfertiger und außerdem behinderter Mensch“ geschildert werde.
Soll man daraus schließen, dass Polizisten sich von Menschen mit diesen scheinbaren Eigenschaften mit einer Axt den Schädel spalten lassen müssen?“ fragt der Polizist provokant.
Seit zehn Jahren habe der Mann in einer Gratwanderung immer wieder probiert, wie weit er gehen könne, sagt dagegen Schmitt. Er sei mitten auf der Straße gefahren, um andere Autofahrer zu behindern oder habe in einem Fürther Supermarkt mit dem Messer rumgefuchtelt. Nach einem schweren Arbeitsunfall sei der Mann in Frührente gegangen. Er sei wegen psychischer Probleme auch in Behandlung gewesen.
Man könne sich die Frage stellen, ob andere Institutionen ihre Aufgabe hätten ernster nehmen müssen. „Dann wäre der Mann vielleicht gar nicht mehr auf der Baustelle gewesen“, betont der Gewerkschaftsvorsitzende. „Es hätte soweit nicht kommen müssen“, so Schmitt. So sei der Tod des Mannes das „tragische Ende einer Entwicklung“.
Ausdrücklich in Schutz nimmt er die beiden Beamten, die vier Schüsse auf den Fürther abgegeben haben. „Es gibt bisher nicht den geringsten Anlass, daran zu zweifeln, dass es für die beiden eingesetzten Kollegen eine unausweichliche Situation war, der man nicht anders begegnen konnte“, betont der Chef der Polizeigewerkschaft. Die beiden Polizisten – ein Mann und eine Frau – seien beide um die 30 und diensterfahren. […]
Nach den ersten Angaben der beiden Polizisten hätten sie nur drei bis vier Meter von dem Fürther gestanden und in dem Rohbau keine Rückzugsmöglichkeit mehr gehabt. „Über diese Distanz kann man eine Axt mit großer Wucht werfen“, unterstreicht Schmitt.
Zeugen hätten gehört, dass der Mann mehrfach aufgefordert wurde, die Axt niederzulegen. In dieser Lage hätte ein Schuss auf die Beine nicht mehr geholfen: „Dann kann er trotzdem die Axt werfen“.
Beide Polizisten hätten offenbar auf den rechten Oberarm und die Axt gezielt und so versucht, den Angriff abzuwehren. Das belegten zwei Streifschüsse am Oberarm und ein Treffer am Axtstiel. „Sie haben relativ gut getroffen“, so Schmitt. Ein Schuss sei dabei verrutscht und habe unglücklicherweise die Hauptschlagader getroffen.[…]< Quelle: Starkenburger Echo, „Tragisches Ende einer Entwicklung“, Tödliche Schüsse: Vorsitzender der Polizeigewerkschaft verteidigt Beamte, 9. 8. 2006 [Hervorhebungen von uns]

Kommentar: Was der hessische GdP-Vorsitzende – als ehemaliger Nachbar des Getöten und als (Polizei- und Gewerkschafts-) Kollege der verantwortlichen Polizisten – hier äußert, beantwortet nicht alle Fragen und wirft neue auf:
Der Getötete soll (nur bei der Polizei?) wegen „Gewaltdelikten“ bekannt gewesen sein. Wurde deswegen jemals Anzeige gegen ihn erstattet, wurde er deswegen angeklagt oder verurteilt? Wenn nicht: Wie glaubwürdig sind die ihm unterstellten „Gewaltdelikte“?
Ist es denkbar, dass ihm bei der Polizei – bedingt etwa durch die problematische „Bekanntschaft“ / Nachbarschaft mit dem GdP-Vorsitzenden Schmitt – ein Ruf vorauseilte, der die beiden verantwortlichen Beamten an diesem Sonntag morgen besonders aggressiv oder verächtlich auftreten ließ?
Denn wie und warum soll das bloße Erscheinen zweier Polizisten den allein wegen einer möglichen Ruhestörung angezeigten Mann so aggressiv machen, dass er eine Axt gegen sie erhebt – oder gar gegen sie zu werfen droht??
Der Mann war der Polizei gut bekannt: Dann sollte ihr auch bekannt gewesen sein, dass der 1.58m große bzw. kleine Mann nach einem Arbeitsunfall geistig und körperlich leicht behindert war.
Konnte man sich darauf nicht einstellen?
Man mag einfach nicht glauben, dass eine solche Situation – ein Sonderling werkelt (zu laut) am Sonntag auf der Baustelle seines Hauses, das ihm sein einziger, großer Lebenstraum ist – zwangsläufig in polizeilichen Todesschüssen kulminieren musste.

Nachdem bereits die Hessenschau über den Fall berichtet hatte, wurde er mittlerweile auch vom ZDF (Heute) aufgegriffen. Petra Gerster fragt am Ende des 1,5 minütigen Beitrags: „Ein kranker oder ein gewalttätiger Mann? Korrekte Reaktion oder dienstlicher Übereifer? Die Diskussion um die Angemessenheit des polizeilichen Handelns, sie hat gerade erst begonnen.“

Nach Todesschüssen in Fürth: Ermittlungsverfahren gegen Polizisten wegen Verdachts der fahrlässigen Tötung


>Die Staatsanwaltschaft leitete ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung gegen die Beamten ein, erklärte der Darmstädter Oberstaatsanwalt Klaus Reinhardt am Montag. Die Polizisten bekämen dadurch den Status von Beschuldigten und könnten die Aussage verweigern. Zuvor war die Leiche des 55-Jährigen obduziert worden.
Noch sind die Umstände des Polizeieinsatzes nicht bis ins Detail aufgeklärt. Klar ist bislang nur folgendes: Die Beamten wurden am Sonntagmorgen zu einer Baustelle in Fürth gerufen, wo der 55 Jahre alte Karl-Heinz L. ein Haus baute. Anwohner hatten sich bereits mehrfach über den Baulärm beschwert.
Was genau danach passierte, ist nun Gegenstand der Untersuchung. Nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen wurden die beiden Polizeibeamten bei ihrem Eintreffen von L. mit einer erhobenen Axt angegriffen. Zwei Mal hätten die Beamten ihn zuvor aufgefordert, die Axt hinzulegen und stehen zu bleiben, berichtete der Staatsanwalt unter Berufung auf Zeugen. Die Polizisten hätten den Angriff schließlich nur noch durch den Gebrauch ihrer Pistolen abwehren können.
Die Obduktion am Montagnachmittag ergab, dass der 55-Jährige von drei Kugeln getroffen wurde, wie Reinhardt sagte. Neben zwei Streifschüssen habe eine Kugel die Lunge und Aorta getroffen und den Mann getötet. Eine vierte Kugel traf den 40 Zentimeter langen Schaft der Axt. „Wir gehen derzeit von einem Angriff des Mannes mit erhobener Axt auf die Beamten aus„, sagte Reinhardt. Die Einleitung des Verfahrens gegen die Beamte bedeute keine neue Betrachtung des Vorfalls.
L.s Bruder Lothar erhebt dagegen schwere Vorwürfe gegen die Polizei. Die Beamten hätten sich zurückziehen müssen anstatt zu schießen. Es habe keine akute Gefahr bestanden. Auch die Nachbarn sind schockiert. Sie legten Blumen und Kerzen am Tatort nieder. L. baute seit rund zehn Jahren an seinem Eigenheim. Nach einem Arbeitsunfall war der 55-jährige sowohl körperlich als auch geistig leicht behindert, galt aber bei den meisten Nachbarn als friedlich. Der Polizei war L. allerdings schon länger bekannt, unter anderem auch wegen verschiedener Gewaltdelikten.
Es war die zweite tödliche Polizeiaktion innerhalb weniger Tage.[…]
Der Grünen-Landtagsabgeordnete Jürgen Frömmrich forderte Aufklärung vom Innenminister über die Fälle. Vor allem im Fall des 55-Jährigen sei er gespannt, ob die tödlichen Schüsse nicht zu vermeiden gewesen wären. Die nächste Sitzung des Innenausschusses findet am 6. September statt.< Quelle: hr-online.de, Toter bei Polizeieinsatz: Tödliche Schüsse werden untersucht, 8. 8. 2006

Auch die Hessenschau berichtete über den Fall. Der Film kann u.a. mit dem Windows Media Player und dem RealPlayer gesehen werden.

Der Bruder des Getöten betont, der sei „nie gewalttätig“ gewesen. Vor allem: Die Polizei hätte sich zurückziehen müssen, schließlich sei sein Bruder „allein“ gewesen, niemand sei da gewesen, den er bedrohen konnte: „Das ist, wie wenn sie im Garten hacken und es kommt einer und schießt sie tot.“
Der Nachbar Dieter Mentel betont, der Getötete sei „absolut harmlos gewesen“, er habe „keinem Menschen etwas getan.“
Dagegen meint der interviewte Polizeipsychologe, Prof. Rudolf Egg, „der Laie stellt sich das so vor, jemandem der herumfuchtelt, ins Bein zu schiessen. Wer es aber jemals probiert hat, der weiß, dass auf eine bewegende Person es gar nicht so leicht ist zu zielen.“

Entscheidend wird sein, aus welcher Entfernung beide (!) Polizisten auf den Mann schossen, dies vor allem sollte die gestern vorgenommene Obduktion klären.
War er von beiden weiter entfernt, hätten sie sich (falls er tatsächlich aggressiv auf sie zuging) auch schnell zurückziehen können.
Waren sie ihm aber nahe gewesen, stellt sich die Frage, ob sie ihre Pistolen schon (entsichert) in der Hand hielten … und warum.
Ganz nah können Sie ihm nicht gewesen sein, sonst hätte sie ihn nicht aufgefordert, „die Axt hinzulegen und stehen zu bleiben.

[Hielt er die Axt nur in der Hand oder fuchtelte und drohte er nur oder griff er die Beamten tatsächlich an mit der Absicht diese zu verletzen oder zu töten?]

Da die beiden Polizisten ausreichend Zeit und Gelegenheit hatten, ihre (wahre oder unwahre) Version des Geschehens miteinander abzusprechen, wird sich mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nie zweifelsfrei klären lassen, was sich an diesem Sonntag Morgen in Fürth tatsächlich abspielte.
Auch der Tatort, der u.a. Hinweise auf Distanz und Laufrichtung (und Geschwindigkeit) des Getöteten geben konnte, ließe sich ja theoretisch leicht manipulieren. Und es ermitteln natürlich Kollegen.
Das pro forma gegen die beiden Beamten eingeleitete Verfahren wird mit Sicherheit eingestellt werden.

Die Polizeigewerkschaft weist auf die eigenen Belastungen hin:
>“Wir stellen fest, dass die Gewaltbereitschaft gegenüber den Beamten bei allen Einsätzen – ob Verkehrskontrolle oder Festnahme – stark zugenommen hat“, sagt Polizeigewerkschafter Holecek. Dass recht selten geschossen und Menschen getötet würden, führt er auf die Ausbildung zurück: „Als Polizist müssen Sie binnen Sekundenbruchteilen entscheiden: Ist das eine echte Waffe? Wie reagiert das Gegenüber? Das wird ständig trainiert.“ Eines aber bleibe: die psychische Belastung. „Es gibt Polizisten, die noch 30 Jahre nach einem tödlichen Einsatz nachts schweißgebadet aufwachen.“< Quelle: hna.de, Axt gegen Pistole, 7. 8. 2006

HR-online erläutert auch den „rechtlichen Rahmen für tödliche Polizeischüsse„:
>Bei tödlich verlaufenen Polizeiaktionen bewegten sich hessische Beamte lange auf juristisch schwierigem Gebiet. Das hat der Landtag Ende 2004 mit einer Reform des Polizeigesetzes geändert. Seitdem sind gezielte Todesschüsse zur Abwendung von akuter Lebens- oder Gesundheitsgefahr ausdrücklich nicht strafbar.

Die einschlägige Formulierung die hessischen Polizeigesetzes lautet – fast wortgleich mit den Gesetzen der meisten anderen Bundesländer: „Schusswaffen dürfen gegen Personen nur gebraucht werden, um angriffs- oder fluchtunfähig zu machen. Ein Schuss, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit tödlich wirken wird, ist nur zulässig, wenn er das einzige Mittel zur Abwehr einer gegenwärtigen Lebensgefahr oder einer gegenwärtigen Gefahr einer schwerwiegenden Verletzung der körperlichen Unversehrtheit ist.“ (Paragraf 60, Abs. 2). […]
Was die Bedrohung des eigenen Lebens angeht, schützt den schießenden Polizeibeamten – wie jeden anderen Bürger – daneben natürlich der Notwehrparagraf des Strafgesetzbuches: „Wer eine Tat begeht, die durch Notwehr geboten ist, handelt nicht rechtswidrig. Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden.“ (Paragraf 32)
Seit 2002 gab es einschließlich des Falles vom Sonntag neun Tote bei Polizeiaktionen. Bisher sei in keinem der routinemäßig folgenden Ermittlungsverfahren eine strafrechtliche Schuld der Polizisten festgestellt worden, teilte der Sprecher des Innenministeriums, Thorsten Neels, am Montag mit.< [Hervorhebungen von uns]

Ein journalistisches Armutszeugnis muss man heute der Netzzeitung und N24 auszustellen. Beide verlagerten aus unerfindlichen Gründen den Tatort von Fürth nach Wiesbaden.

Weitere Informationen zu den Todesschüssen in Fürth auf dieser Seite.

Fürth: Polizei erschießt Ruhestörer nach (angeblichem) Angriff mit einer Axt


>Zum zweiten Mal innerhalb von nur drei Tagen hat sich die hessische Polizei nur mit Schüssen zur Wehr setzen können. In Fürth im Odenwald wurde am Sonntag ein 55 Jahre alter Mann erschossen. Er soll die Beamten zuvor mit einer Axt angegriffen haben.
Kurz nach 10 Uhr am Sonntagmorgen hatten Anwohner die Polizei in Heppenheim wegen Ruhestörung alarmiert. Massiver Baulärm drang von einer Baustelle, teilte das Landeskriminalamt (LKA) später mit.
Bei der Ankunft auf der Baustelle wurde die Streifenwagen-Besatzung auf einen 55-jährigen Mann aufmerksam, der sogleich mit einer Axt auf die Beamten losging. Die Polizisten konnten den Angriff nach Angaben eines LKA-Sprechers schließlich nur noch durch den Gebrauch ihrer Pistolen abwehren. Es fielen mehrere Schüsse. Der 55-Jährige starb noch am Tatort.
Vorschriftsmäßig hat die Staatsanwaltschaft Darmstadt ein Verfahren gegen die Polizisten eingeleitet. Eine Obduktion des Opfers wurde angeordnet. Die Ermittlungen des Landeskriminalamtes dauern noch an.< Quelle: hr-online.de, Notwehr: Polizei erschießt Ruhestörer; 6. 8. 2006 [Hervorhebungen von uns]

Ein Vorgang, der mehrere Fragen aufwirft. Vor einer doch wohl gut sichtbaren Axt (in der Hand eines Betrunkenen?) kann man sich normalerweise durch größeren Abstand schützen. Und Polizisten sollten so treffsicher sein, dass sie einen randalierenden (?) „Ruhestörer“ etwa durch einen Schuss auf dessen Beine matt setzen können. Wurden tatsächlich beide Beamten angegriffen, konnten sie tatsächlich beide den Angrif „nur noch durch den Gebrauch ihrer Pistolen abwehren“, mussten sie mehrere Schüsse abgeben, die zudem wohl auf den Oberkörper oder Kopf des Getöten gerichtet waren?
Das Polizeipräsidium Südhessen hat auf seiner Website zu diesem fatal endenden Einsatz erstaunlicherweise bislang nichts mitzuteilen.
Nur das Landeskriminalamt meldet: „Axtangriff führt zum Einsatz der Schusswaffe nach einer Ruhestörung.“

Update: Aus zwei verschiedenen Quellen werden heute weitere Details dieses Einsatzes bekannt.
Wir stellen Auszüge aus dem Artikel des Odenwälder Echo neben Auszüge aus einem Bericht, der bei Nonstopnews erschien. Die beiden Berichte unterscheiden sich signifikant. Das Odenwälder Echo outet sich ein weiteres Mal als Blatt der (hier polizeilichen) Obrigkeit – es schreibt, was diese zu hören wünscht:

Odenwälder Echo Nonstopnews
>An diesem Haus in der Erzbergstraße in Fürth soll ein 55 Jahre alter Fürther seit Jahren gearbeitet haben. Nachbarn alarmierten immer wieder wegen Ruhestörung die Polizei. Am Sonntag kam es dort zu einem tödlichen Zwischenfall: Der Mann soll die Beamten mit einer Axt angegriffen haben; diese schossen auf ihn.
Zwei Polizisten haben am Sonntagmorgen in Fürth einen 55 Jahre alten Mann erschossen. Nach bisherigen Ermittlungen habe der für Gewaltdelikte bekannte Mann die beiden Polizeibeamten mit einer Axt angegriffen, teilte das hessische Landeskriminalamt (LKA) am Nachmittag mit.
Laut LKA haben Anwohner gehört, wie der Mann aufgefordert wurde, die Axt niederzulegen. Dann seien Schüsse gefallen, durch die der Mann tödlich verletzt wurde.
Ein Streifenwagen der Polizeistation Heppenheim sei gegen 10.20 Uhr wegen Ruhestörung nach Fürth gerufen worden, so das LKA. Anrufer hätten sich beschwert, dass dort aus einer privaten Baustelle am Rohbau eines Einfamilienhauses erheblicher Baulärm dringe, erläuterte LKA-Sprecher Udo Bühler. Nachbarn hätten sich in der Vergangenheit bereits mehrfach wegen des Baulärms bei der Polizei beschwert.
Das kann der Fürther Bürgermeister Gottfried Schneider bestätigen. Die Polizei sei häufig auf der Baustelle in der Erzbergstraße gewesen, berichtet Schneider.
Die Bauarbeiten an dem Haus dauerten bereits seit zehn Jahren an; erst vor wenigen Monaten sei das Dach auf den Rohbau gesetzt worden.
Der Mann habe öfters auf der Baustelle so laut geschrien, dass dies noch einige Straßen weiter zu hören gewesen sei. „Die Nachbarn waren stark gestört“, betont Schneider. Es habe seit Jahren immer wieder Anzeigen wegen Ruhestörung gegeben. <
Quelle: Odenwälder Echo, Polizisten erschießen Mann -Der Tote soll für Gewaltdelikte bekannt gewesen sein, 6. 8. 2006

Interessant ist, wie dieser „halbamtliche“ Artikel den Leser manipuliert: „Der Tote soll für Gewaltdelikte bekannt gewesen sein„. Wer bezeugt das, welcher Art waren diese Gewaltdelikte, wie oft und in welchen Situationen kam es dazu? Wem war er „für Gewaltdelikte bekannt„?

Das kann der Fürther Bürgermeister Gottfried Schneider bestätigen.
Das hört sich an, als könne und würde der Bürgermeister (die „höchste Autorität“ in Fürth) die gesamte polizeiliche Version „bestätigen“.
Tatsächlich bestätigt er nur, dass der Mann mitunter genervt hatte bzw. die Ruhe einiger Nachbarn störte.
Nebenbei bestätigt er allerdings, dass der Mann bei der Polizei bekannt war. Man konnte also wissen, dass er kein gefährlicher Gangster war, sondern (mehrfach) behindert war.

>[…]Ersten Angaben zufolge handelt es sich bei dem Getöteten offenbar um einen seit einem Arbeitsunfall geistig und körperlich leicht behinderten Mann, der auf der betreffenden Baustelle seit Jahren ein eigenes Haus baute und schon mehrfach Auslöser von Beschwerden wegen Baulärms war.
Zudem war er aufgrund einiger andere Zwischenfälle polizeibekannt.
Die tödlichen Schüsse wurden ersten, noch unbestätigten Angaben von einer jungen Polizistin abgegeben.
Warum die Beamten den Nachbarn zufolge als laut und merkwürdig, aber wohl ungefährlichen Mann als derartige Bedrohung ansahen, dass in ihren Augen der Einsatz der Schusswaffe nötig wurde, ist derzeit noch unklar; weitere Hintergründe sind zur Stunde ebenfalls noch nicht bekannt. Staatsanwaltschaft und LKA haben umfangreiche Ermittlungen zur Klärung des Zwischenfalls eingeleitet.
Nachbarn zeigten sich empört über die tödlichen Schüsse und zündeten am Tatort Kerzen an.
Das Opfer war nach einem Arbeitsunfall Frührentner und hatte war seit zwei Jahren mit dem Bau eines Hauses beschäftigt.
Der Bruder des Opfers erklärte, es habe zwar öfter lautstarke Auseinandersetzungen gegeben, aber körperliche Gewalt sei ihm nicht bekannt gewesen. Zudem muss überprüft werden, in wieweit eine Gefährdung und Bedrohung möglich war, wenn man bedenkt, dass das Opfer nach Angaben von Nachbarn und Angehörigen gehbehindert war.<

Nonstopnews zitiert außerdem den Bruder des Getöten und Nachbarn:
>O-Ton Lothar Litzinger, Bruder (spricht starken hessischen Dialekt) (alle O-Töne auszugsweise & sinngemäß): „…mein Bruder war krank, er brauchte medizinische Hilfe…“,….sind reingerannt und haben ihn totgeschossen – wie in einem Rambo-Film…“, „…er war nicht gewalttätig, sondern hat nur Theater gemacht; er war laut…“, „…nach einem anderen Vorfall musste er in die Psychiatrie; das war bekannt, da hätten die Polizisten wissen müssen, was sie erwartet…“, „…er wurde oft schikaniert…“, „…war nur ein kleines Beil…“, „…ich muss der Polizei einen Vorwurf machen, war keine unmittelbare Gefahr…“, „…mein Bruder sieht sehr schlecht, er hat sich wahrscheinlich erschrocken, als die Polizisten kamen…

O-Ton Sebastian Lichtenberg, Nachbar: „…sind durch Schüsse wach geworden…habe den Mann hin und wieder gesehen…“, „…war offenbar etwas behindert…“, „…er war auffällig, haben schon einiges mitbekommen…

– O-Ton Helmut Driemer, Nachbar: „…weiß auch nicht, was da passiert ist…“, „…er hat eigentlich nie jemandem etwas getan, kannte ihn nicht als bösen Menschen…“

– O-Ton Claudia Roos, Anwohnerin: „wir wollen eine Kerze und Blumen niederlegen, weil wir nicht richtig finden, was passiert ist…“, „…haben ihn öfter auf seinem Fahrrad gesehen…“

– Claudia Roos und Kinder legen Blumen nieder, schreiben Zettel „Warum?

– O-Ton (Anonyme Anwohnerin): „…machen sich die Menschen, die die Polizei gerufen haben, Vorwürfe?…“, „…hat die Polizei richtig reagiert?…

– O-Ton Dieter Mentel, Nachbar: „….Er war nach einem Unfall zu Frührentner geworden…“, „…er war etwas merkwürdig, hat laut mit sich selbst gesprochen und gesungen…“, „…er war nach einem Überfall in der Psychiatrie; das war auch der Polizei bekannt…“ „…hat zehn Jahre an seinem Lebenstraum gebaut und nicht eine Nacht darin geschlafen; das ist tragisch…er hat niemandem etwas getan; wurde nur aggressiv, wenn er gehänselt wurde…“, „…der Lärm hat mich eigentlich nie gestört; verstehe nicht, warum man die Polizei rufen musste…“, „…es hieß, er wäre als gewalttätig bekannt: So ein Blödsinn!“ <

Quelle: Nonstopnews, Tödliche Schüsse aus Polizeiwaffe auf Baustelle: Polizisten schießen Ruhestörer nieder – 55-Jähriger durch mehrere Schüsse getötet, 7. 8. 2006

[Alle Hervorhebungen von uns]

Nonstopnews zeigt neben diesem Bericht noch 16 Fotos.

Inzwischen berichtet auch Spiegel Online über den Fall:

>[…] Die Beamten wollten heute Vormittag auf der Baustelle für Ruhe sorgen, als sie den Arbeiter mit der Axt in der Hand antrafen. „Die Anwohner hörten, dass die Polizisten ihn aufforderten, die Axt niederzulegen, was dieser jedoch nicht tat„, berichtete der Sprecher des Landeskriminalamtes in Wiesbaden. Daraufhin seien mehrere Schüsse gefallen.
Der Mann sei zuvor bereits wegen Gewaltdelikten in Erscheinung getreten. Der genaue Hergang müsse noch ermittelt werden.
Die beiden Beamten hätten noch nicht vernommen werden können. Die Staatsanwaltschaft in Darmstadt hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und eine Obduktion des erschossenen Mannes angeordnet.< […]

Führte bereits die (angebliche) Weigerung, die Axt niederzulegen, zu dem finalen (Rettungs?) Schuss?
Hindert die beiden Beamten eine Schockstarre, oder muss man sich vor einer Vernehmung absprechen, wie denn nun eine womöglich fahrlässige Tötung oder ein möglicher Totschlag widerspruchsfrei als unvermeidliche „Notwehr“ dargestellt werden kann?

Die Staatsanwaltschaft Darmstadt ist deutschlandweit für ihren bemerkenswerten „Ermittlungseifer“ bekannt – in allen irgendwie „politischen“ Fällen, in denen Rücksicht auf Personen zu nehmen ist, die gleicher als gleich sind.
So muss auch in diesem (für die Kollegen bei der Polizei) ziemlich peinlichen Fall mit einer brutalstmöglichen Aufklärung gerechnet werden.