Archiv der Kategorie: Bürgerinitiativen

Mobilmachung gegen Motorräder: Odenwälder rebellieren gegen den Lärm der Easy Rider

Gleich zwei Artikel in der aktuellen Ausgabe des Odenwälder Echo handeln von den Nöten lärmgeplagter Bürger, die Maßnahmen gegen das zu laute und zu häufige Brummen zweiradtreibender Motoren verlangen.
Die CDU-Fraktion der kleinsten hessischen Gemeinde Hesseneck behauptet, dass im Ortsteil Schöllenbach an sonnigen Wochenenden „Spitzenwerte von 600 Motorrädern pro Stunde“ erreicht worden seien.
Der Gemeindevertretungsvorsteher und Lärmexperte Rudolf Brandel (SPD) hat an einigen Sonntagen den Lärm höchstselbst gemessen:

>An einem Tag von 9.30 bis 15.30 Uhr vom Balkon seines Wohnhauses aus, am zweiten direkt neben der Straße. „Die Phon-Stärken lagen im Schnitt über 80 Dezibel“, sagte er, „und Ausreißer gingen bis in 95 DBA“. Eine dritte Messung an einem Feiertag ergab ähnliche Lautstärken<

Nachfolgend weitere Auszüge aus dem Bericht von Elmar Streun:

>In der kleinsten Gemeinde Hessens, in Hesseneck, rumort es derzeit gewaltig. Die in diesem Jahr angesichts außergewöhnlich vieler sonniger Tage früh begonnene Motorradsaison belastet besonders die Menschen im südlichen Odenwald. Gerade an den Wochenenden, wenn auch sonst arbeitende Bürger daheim sind und sich im Freien aufhalten, setzt meist schon bald ein reger Zweiradverkehr ein. Während manches Motorenbrummen bei niedrigen Touren und in vernünftigem Tempo noch erträglich scheint, geht das Geräusch hochtourig rasender Maschinen den Leuten gehörig auf die Nerven.
Zu dem nicht nur störenden, sondern teils gar gesundheitsschädlichen Krach kommt die Unfallgefahr auch für andere Verkehrsteilnehmer.
Und nicht zuletzt müssen manche jener bereits unter den Belastungen leidenden Bürger dann auch noch helfen, wenn es gilt, verunglückte Motorradfahrer zu retten oder sogar tot zu bergen. Das alles ist nicht nur unschön, es erreicht zuweilen eine Grenze der Belastung, die schnell überschritten erscheint.< Quelle: Odenwälder Echo, Kradfahrer strapazieren Bürgergeduld, 5. 5. 2007

Die nicht fern liegende Kleinstadt Amorbach, einst das Lieblingsidyll von Theodor W. Adorno, will gar einen kompletten Abschnitt der B47 für Motorräder sperren:

>Die bayerische Stadt Amorbach wird offiziell beantragen, die Bundesstraße 47 zwischen Amorbach und Boxbrunn zeitweise für Motorräder zu sperren. Gelten soll das Fahrverbot bei schönem Wetter von April bis Oktober an Samstagen, Sonn- und Feiertagen von 7 bis 22 Uhr, wie der Stadtrat einstimmig beschlossen hat. Die Chance auf eine tatsächliche Verwirklichung der Idee folgt aus einem Schreiben des Bayerischen Landesamts für Umwelt, das in diesen Tagen bei der Stadt einging und über das Bürgermeister Peter Schmitt informierte.

Die Stadt hatte vor einiger Zeit die Behörde aufgefordert, zu den Auswirkungen von Motorradlärm in der Nachbarschaft der B 47 gutachtlich Stellung zu beziehen. Dabei wurde darauf verwiesen, dass diese Strecke zu einer Rennstrecke geworden ist, die zu hohen Lärmimmissionen im Siedlungsgebiet Amorbach-West führt. Das Landesamt für Umwelt hat 2006 auf dem Balkon eines Anwesens der Danziger Straße Geräuschmessungen vorgenommen. […]

Bürgermeister Peter Schmitt sagte, dass ihn bei einer kürzlichen Fahrt nach Boxbrunn rund 32 Motorradfahrer verkehrswidrig überholt hätten.<
Quelle: Odenwälder Echo, Amorbach will Bundesstraße sperren, 5. 5. 2007

Eine weitergehende Web-Initiative „Laut ist out“ kann man wohl nicht ganz ernst nehmen:

>Helfen auch Sie mit, daß die ständig zunehmende Belastung der Städte und Strassen durch Motorräder ein Ende hat. Unterstützen auch Sie die Gesetzesvorlage zur Verschärfung der Emissionswerte, dem generellen Fahrverbot für Motorräder während der Sommermonate, sowie während den Ferienzeiten, an Sonn- und Feiertagen. < [Hervorhebungen von uns]

Ernstgemeint war dagegen ein Referat von Ulrich Schulz (Uni Leipzig) über „Motorradfahren und Lärm„:

>Die Auswertung der Befragung zeigte, daß der Sound des Motorrades von vielen Fahrern als integraler Bestandteil des Designs, des Styling und des Erscheinungsbildes der Maschine gesehen wird. Bei Chopperfahrern sind diese Tendenzen besonders ausgeprägt. Fahrer, die nicht-originale Abgasanlagen nutzen, sind besonders engagierte Motorradfahrer. Generell wird ein kraftvoller, satter und teilweise ein mächtiger Klang gewünscht. Dieser wird von den Fahrern meistens angenehm, manchmal auch erregend empfunden.<

Eine nüchterne Auskunft über Schallquellen und ihre Folgen liefert das Lärmometer der Fördergemeinschaft gutes Hören (FGH):

180 dB(A) Spielzeugpistole am Ohr abgefeuert
170 dB(A) Ohrfeige aufs Ohr, Silvesterböller nahe dem Ohr
160 dB(A) Airbag-Entfaltung in unmittelbarer Nähe
120 dB(A) Schmerzschwelle
Gehörschaden schon bei kurzer Einwirkung möglich
110 dB(A) Martinshorn aus 10 m Entfernung
häufiger Schallpegel in Diskotheken
100 dB(A) Presslufthammer in 10 m Entfernung
häufiger Pegel bei Musik über Kopfhörer
85 dB(A) Hörschaden bei Einwirkdauer von 40 Stunden pro Woche möglich
80 dB(A) vorbei fahrender lärmarmer LKW in 7,5 m Entfernung
stark befahrene Autobahn
70 dB(A) Dauerschallpegel an Hauptverkehrsstraße tagsüber
65 dB(A) erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei dauernder Einwirkung
Dauerschallpegel an Hauptverkehrsstraße nachts
50 dB(A) Kühlschrank aus 1 m Entfernung
40 dB(A) Lern- und Konzentrationsstörungen möglich
geringer Straßenverkehr hinter Doppelglasfenstern bei
1 m Entfernung
35 dB(A) sehr leiser Zimmerventilator bei geringer Geschwindigkeit
25 dB(A) Atemgeräusch in 1 m Entfernung
0 dB(A) Hörschwelle