Archiv der Kategorie: Fusion Erbach-Michelstadt

Gescheitert: Fusion von Erbach und Michelstadt „für Jahrzehnte“ weg vom Tisch


So lässt sich der von dem Bürgervotum tief enttäuschte Erbacher Bürgermeister Harald Buschmann in verschiedenen Medien zitieren – auch im Wiesbadener Kurier, dessen Bericht zur gescheiterten Fusion der beiden Odenwälder Kleinstädte nachstehend zitiert wird:

>Erbach und Michelstadt hätten ein in Hessen einmaliges Exempel statuieren können. Doch aus der freiwilligen Städte-Hochzeit zur Vermeidung doppelter Ausgaben in den Nachbarkommunen wird nun erstmal nichts. Praktisch in letzter Sekunde zogen die Wähler beider Orte am Sonntag in Bürgerentscheiden die Notbremse. Sie verweigerten ihren Bürgermeistern und Lokalparlamenten die Gefolgschaft und legen die für 2009 geplante Gründung der Odenwald-Metropole Erbach-Michelstadt damit vorerst auf Eis.
In einer ersten Bewertung sieht Erbachs Stadtoberhaupt Harald Buschmann (CDU) nun harte Zeiten auf die Menschen in beiden Städten zukommen:
Für die Bürger wird das bitter werden. Sie werden nach und nach spüren, dass sie eine riesige Chance verpasst haben.“
In nicht allzu langer Zeit würden sie auch an den Haushalten erkennen, dass „uns das Wasser bis zum Halse steht„.
Sein Michelstädter Kollege Reinhold Ruhr (Überparteiliche Wählergemeinschaft ÜWG) sagte enttäuscht: „Die erhofften Synergien der Fusion werden sich jetzt nicht einstellen. Das bezahlen nicht die Lebenden, die entschieden haben, sondern das bezahlen die Kinder.“

Ob es in naher Zukunft einen neuen Anlauf für eine Fusion der lange verfeindeten und um Unternehmensansiedlungen konkurrierenden Nachbarn geben wird, steht in den Sternen.
[…]

Für Buschmann und Ruhr ist der ehrgeizige Plan hingegen bis auf weiteres gescheitert:
Solche Chancen kommen normalerweise nur alle paar Jahrzehnte„, sagte Buschmann, der das Votum auch als Misstrauensvotum verstand: „Die Gegner haben gesagt, die Bürgermeister würden den Leuten etwas vormachen. Und wenn die Leute das geglaubt haben, dann haben sie eigentlich geglaubt, wir sagen die Unwahrheit. Und das ist schon happig.“

Dabei hatte Buschmann nichts unversucht gelassen, sein Ziel zu erreichen und sogar angekündigt, nicht selbst für das Bürgermeisteramt von Erbach-Michelstadt zu kandidieren.
Damit wollte er jenen den Wind aus den Segeln nehmen, die ihm Eigeninteresse vorwarfen: „Alles wurde überdeckt von persönlichen Anfeindungen. Mir wurde Eigennutz unterstellt, weil ich mehr Geld verdienen wolle. Das finde ich ätzend„, hatte er schon im Juli gesagt.

Buschmann und Ruhr hatten die Fusion zum Jahresbeginn vorgeschlagen und seither mit zahlreichen Bürgerversammlungen für ihr Projekt geworben. Bei den Gegnern stießen sie aber ebenso auf taube Ohren wie etwa Hessens Justizminister Jürgen Banzer (CDU), der den Bürgern vorausgesagt hatte, sie würden erheblich profitieren. […]
Auch der Bund der Steuerzahler Hessen hatte das Projekt gelobt und dies mit „erheblichen Einsparungen“ begründet, die „ein leuchtendes Beispiel für andere Kommunen in Hessen“ sein könnten.

[…] Bei einer Wahlbeteiligung von 53 Prozent in Michelstadt und 49,4 Prozent in Erbach lehnten in der größten Stadt im Odenwald 54,9 Prozent der Wähler die Fusion ab, in der Kreisstadt 52,2 Prozent. Ruhr sah in dem Votum einen Beleg dafür, dass wenig junge Menschen an der Abstimmung teilgenommen haben: „Für die ist diese Stadt (Erbach-Michelstadt) schon gelebte Selbstverständlichkeit.“ < Quelle: Wiesbadener Kurier, „Für die Bürger wird das bitter werden“, 13. 11. 2007 [Links und Hervorhebungen von uns]

Mit seiner Schnellanalyse mag Ruhr recht haben. Für die Älteren wären die Wege zu städtischen Einrichtungen nach einer Fusion da oder dort länger geworden. Ein für sie entscheidendes Kriterium, das sie mehrheitlich den Zusammenschluss ablehnen ließen.
Wurden solchen Sorgen bedacht und wurde von den Fusionsbefürwörtern deutlich gemacht, wie man nachteiligen Auswirkungen einer Fusion begegnen wollte?

Warum gelang es anscheinend nicht, mehr junge Menschen zur Teilnahme an dem Bürgerentscheid zu mobilisieren?

Erbach-Michelstadt: Fusionsgegner jubeln über 4000 Unterschriften für einen Bürgerentscheid


BÜRGERBEGEHREN

Das bedeutet, dass nahezu jeder achte Bürger der zukünftigen Odenwald-Metropole die Fusion (so) nicht will. Wenn sich die Zahl der Gegner und Skeptiker in der beabsichtigten Bürgerfragung nochmals verdoppeln würde, könnte die Fusion gestoppt werden.
„Stolz auf unsere Mitbürger“ bzw. 1934 Unterschriften sind die Initiatoren des Michelstädter Bürgerbegehrens bzw. des noch ausstehenden Bürgerentscheids.
Die Initiatoren des Erbacher Bürgerbegehrens freuen sich bestimmt nicht weniger, nur hat deren Webmaster die zugehörige Website zuletzt am 31. Juli aktualisiert.

Nachfolgend ein Bericht des Pressedienstes -pdh-:

>Erbach/Michelstadt (pdh) Die Zusammenarbeit in den beiden fusionswilligen Odenwälder Städten Erbach und Michelstadt klappt schon recht gut, allerdings nicht in dem Sinne der beiden Bürgermeister.
Die Bürgerinitiativen, die sich gegen eine in ihren Augen vorschnelle Fusion aussprechen und die Bürger das Thema entscheiden lassen wollen, haben eine überwältigende Anzahl von Unterschriften für eine Bürgerbefragung zusammengetragen.
Um einen Bürgerentscheid erreichen zu können, mussten in Erbach 1022 und in Michelstadt 1278 gültige Unterschriften gesammelt werden. Am Vortag der offiziellen Übergabe an die beiden Stadtverwaltungen präsentierten die Initiatoren aus Erbach 2050 und in Michelstadt 1934 Unterschriften, also weit mehr als für ein Bürgerbegehren notwendig.
Am Dienstagvormittag übergaben Abordnungen der parteiübergreifenden Bürgerinitiative in beiden Städten die gesammelten Listen an die Stadtverwaltungen in Michelstadt und Erbach. Die Magistrate werden nunmehr die Unterschriften auf Korrektheit überprüfen. Bis zum 16. März 2008 muss der Bürgerentscheid durchgeführt werden, sofern in der Handhabung keine Formfehler aufgetreten sind. Die Initiatoren möchten die Bürger beider Städte jedoch gern bereits in der ersten Novemberhälfte 2007 zur Stimmabgabe bewegen. Eine Zusammenlegung mit der Landtagswahl wird abgelehnt, weil das intensiv diskutierte Fusionsthema im Wahlkampf untergehen könnte. Eine Fusion könnte gestoppt werden, wenn nur 25 Prozent der Wahlberechtigten für die Absage stimmten und die Befürworter keine höhere Stimmenanzahl bekämen.
Getrübt wurde die Befriedigung der Organisatoren über die hohe Resonanz in der Bevölkerung durch Berichte einiger Initiatoren über Beeinträchtigungen der Unterschriftensammlungen durch Bedrohungen von Geschäftsleuten und Privatpersonen, auch telefonische Beeinflussungsaktionen, an denen das Erbacher Rathaus und sogar der Verwaltungschef kräftig mitgemischt haben sollen.
Die Mitstreiter aus CDU und SPD sind demnach auch in ihren Parteien und Fraktionen nicht ohne Anfeindungen geblieben.
Dennoch sprach Graf Eberhard zu Erbach-Erbach am Montagabend bei der Präsentation der Unterschriftensammlungen von einer schallenden Ohrfeige für die handelnden Fusionsbefürworter. So wie praktiziert dürfe man mit Bürgern und ihren Rechten nicht umgehen. Die Einwohner beider Städte könnten nunmehr selbst über ihre Zukunft entscheiden, sagte die ehemalige Landtagsabgeordnete der CDU, Inge Velte. Es werde der erste harte Wahlkampf, in dem über Parteigrenzen hinweg zusammen gefochten werde.< Bild und Text: -pdh-

Das pdh-Foto zeigt (von links) die Initiatoren des Bürgerbegehrens: Gerhard Grünewald (CDU), Inge Velte (CDU), Michael Gänssle (ÜWG), Bernd Rodemich (CDU), Graf Eberhard zu Erbach-Erbach, alle Erbach und die Michelstädter Kampagnenführer Patricia van Meulebroeck und Lutz Hasenzahl.

Die Odenwälder haben anscheinend ein Talent sich zu zerstreiten. Zunächst war es ein von Erbachs Bürgermeister Buschmann gewünschter Baumarkt, der zu einem jahrelang währenden und juristisch ausgefochtenen Kleinkrieg zwischen Michelstadt und Erbach führte. Nun ist es die von Buschmann gemeinsam mit Michelstadts Bürgermeister Ruhr geplante Fusion beider Städte, die zu neuem Zwist führte: Zwischen den Parteien, innerhalb der Parteien und sogar innerhalb von Familien.
So gab sich vor einer Woche im Odenwälder Echo Franz Graf zu Erbach-Erbach (82) mit luziden Argumenten als Befürworter der Fusion zu erkennen. Befragt zu seinem fusionskritischen Sohn Erbgraf Eberhard zu Erbach-Erbach mochte er den mit keinem Wort würdigen:

>ECHO: Ist im Umkehrschluss für Sie die Bewegung zur Überprüfung des Fusionsbeschlusses per Bürgerentscheid eine Bewegung gegen den Fortschritt? Immerhin gehört Ihr Sohn, Erbgraf Eberhard zu Erbach-Erbach, ja zu den Vertrauensleuten für eine Volksabstimmung.

Graf Franz: Wenn die Einwohner von Erbach und Michelstadt über das Zusammengehen ihrer Städte mitbestimmen wollen, halte ich das für eine legitime Forderung. Gegen eine Volksabstimmung habe ich deshalb keine Vorbehalte.
Ich hoffe nur, dass die Einwohner der Linie ihrer Bürgermeister und der ihrer Mitstreiter folgen und in Diskussion wie Votum dafür sorgen, dass die Fusion wie vorgesehen zum 1. Januar 2009 vollzogen werden kann. Denn jede Verschiebung würde die Gefahr bergen, dass der Vereinigungsprozess wieder zerfasert und schließlich ganz zum Erliegen kommt. Und ich hege die Befürchtung, dass einige Verfechter des Bürgerbegehrens zwar öffentlich nur für eine Verschiebung des Zusammenschlusses plädieren, in Wahrheit aber genau auf diesen Effekt setzen. Den Bürgermeistern gratuliere ich zu Selbstlosigkeit und Geradlinigkeit.<

Versteckt sich da womöglich eine indirekte Würdigung des Erbgrafen? Indem er nämlich dessen Gegnern zu etwas gratuliert, was er dem eigenen Sohn hier anscheinend nicht attestieren mag: „Selbstlosigkeit und Geradlinigkeit“.

Heute machte Ruhr nochmals deutlich, wieviel er für die angestrebte Fusion zu opfern bereit ist. Auf jeden Fall viel Zeit. Seine im Pro-Fusionsportal erbach-michelstadt.eu nachzulesende Antwort an den fusionsskeptischen Uli Schleussner umfasst satte 2000 Wörter bzw. 6 DIN-A4 Seiten.
Auch sein Erbacher Kollege Buschmann geht in diesem Forum vielfach und ausführlich auf Fragen von Bürgern ein.

Dabei gehen die Anfeindungen an die Substanz. Buschmann hatte bereits Anfang Juli überraschend mitgeteilt, nicht mehr für das Amt des Bürgermeisters kandidieren zu wollen.
Auf hr-online.de war am 6. 7. 2007 zu lesen:

>“Das finde ich ätzend„, sagte Erbachs Bürgermeister Harald Buschmann einen Tag nach der beschlossenen Fusion der beiden Odenwald-Städte zu Anfeindungen gegen seine Person. „Mir wurde Eigennutz unterstellt, weil ich mehr Geld verdienen wolle„, sagte der Christdemokrat und kündigte am Freitag an, nicht noch einmal für das Amt des Bürgermeisters zu kandidieren. Er bedauere diese Entwicklung, wolle aber das Projekt nicht belasten.[…]
Das ist am Schluss keine Fusion, sondern Konfusion„, sagte Michelstadts Bürgermeister Reinhold Ruhr an die Adresse von Erbacher Abgeordneten, die die Fusion der beiden Städte im Odenwald verschieben wollten. Während die Abgeordneten in Michelstadt einstimmig für den so genannten Grenzänderungsvertrag votierten, stimmten in Erbach 11 Abgeordnete gegen das Projekt, 18 dafür.<
[Sämtliche Hervorhebungen in den zitierten Texten sind von uns]

Andere freuen sich über neue Freundschaften: Die langjähriger Odenwälder CDU-Landtagsabgeordnete und Fusionsskeptikerin Inge Velte erwartet (s.o.) einen „harten Wahlkampf, in dem über Parteigrenzen hinweg zusammen gefochten werde.“
Velte stand freilich schon früher bedeutenden Personen konkurrierender Parteien, etwa Landrat Schnur (SPD), durchaus sehr nahe.

Odenwälder Vereinigungsorgie: Nach Erbach & Michelstadt geben sich auch Reichelsheim & Fränkisch-Crumbach das Ja-Wort – Fusion perfekt


Lode Maser

Diese überraschende Meldung des Pressedienstes -pdh- können eigentlich nur die Odenwälder Ureinwohner in seiner wahren Bedeutung so richtig verstehen:

>Kosteneinsparungen und eine große Anzahl Synergieeffekte versprechen sich die Gemeinden Reichelsheim und Fränkisch-Crumbach bei der geplanten Zusammenlegung der beiden Orte im Oberen Gersprenztal. Während einer gemeinsamen Sitzung der Gemeindevertretungen am vergangenen Mittwoch wurde nunmehr der Zeitablauf der Städtefusion festgelegt.

Zeitgleich mit der Bürgermeisterwahl in Reichelsheim im September 2008 sollen die Einwohner beider Gemeinden auch über die Zusammensetzung des neuen Stadtrats befinden. Durch die Fusion wird der neue Ort Fränkisch-Reichelsheim Stadtrechte erhalten und mit 12.955 Einwohnern zweitgrößte Stadt im Odenwaldkreis nach Erbach/Michelstadt sein, die innerhalb der nächsten drei Jahre fusionieren wollen. Sinn und Zweck der angestrebten Vereinigung ist es, sich in einer Zeit des schnellen Wandels für die Zukunft richtig zu positionieren. Dennoch sollen Reichelsheimer und Crumbacher Stadtteile ihre Identität weiterhin behalten.

Auf der anderen Seite sei es jedoch wichtig, nach Michelstadt/Erbach eine weitere Stadt mit einer großen Einwohnerzahl in dieser Region zu etablieren. Auf diese Weise könne man am besten zum Wohl der Bevölkerung agieren, sagten die Bürgermeister Lode und Maser bei einer gemeinsamen Pressekonferenz. Ziel sei die Stärkung der ländlich geprägten Region in einem zusammenwachsenden Europa. Bei einer Fusion könne man dann auch über eine effizientere Verwaltung nachdenken. Es müssten nicht alle Verwaltungsteile doppelt in beiden Städten vorgehalten werden. Damit könnten die Personalkosten gedrückt und die Verwaltung optimiert werden. Für die erste Wahlperiode wird das Gebilde jedoch von zwei Bürgermeistern vertreten werden. Soweit die Theorie.

In der Praxis überlegen sich die Gemeindepolitiker bereits weitere Schritte in Richtung Zukunft. Als westlichste Gemeinde des Odenwaldkreises grenzt Fränkisch-Reichelsheim an den Kreis Bergstraße, der wiederum Bestandteil der Metropolregionen Rhein-Main und Rhein-Neckar ist und im Gegensatz zum Odenwaldkreis den Anschluss an die technischen Entwicklungen im elektronischen sowie Kommunikations- und Verkehrsbereich nicht verloren hat. Daher erwägen die Volksvertreter, mit der neuen Großgemeinde dem Kreis Bergstraße beizutreten. Im Gegenzug zeigen sich die Gemeindevertreter bereit, sich vom östlichen, erst im Jahr 1975 im Rahmen der Gebietsreform eingemeindeten Ortsteil Beerfurth zu trennen, mit dem die Gemeinde zu keiner Zeit so richtig warm geworden ist.<
Foto: Die Bürgermeister sind sich einig, Reichelsheimer Gerd Lode (links) und Gerhard Maser von Fränkisch-Crumbach (rechts).
Bild und Text: Pressedienst -pdh-

Nachtrag:

Der Pressedienst -pdh- meldet heute, dass sein Aprilscherz beinahe eine „Panne“ bewirkt hätte. Eine südhessische Tageszeitung habe den Scherz in ihrer Samstagsausnahme (31. März) als Agenturmeldung veröffentlichen wollen und sei davon nur durch ein klärendes Telefonat in letzter Minute abgehalten worden.
Sofern es sich hierbei um das Odenwälder Echo gehandelt haben sollte: In diesem Blatt herrscht im Grunde ganzjährig der 1. April, was verständlich macht, dass dort Aprilscherz und Faktum nur schwer auseinanderzuhalten sind.
Nun also ganz scherzfrei -pdh-:

>Einmal im Jahr dürfen Journalisten ihre Leser „in den April schicken“, und tun dies auch mit viel Vergnügen. Einmal im Jahr wird auf doppelte Absicherung der Informationen auf Korrektheit verzichtet und das geschrieben, was man das Jahr über gern schreiben oder entdecken würde, was aber leider nicht der Realität entspricht.

Der Radiosender FFH hat den gestrigen Sonntag über seine Hörer veräppelt: Er habe die Europarechte für einen Brummton gekauft, der seinen Leser beim Abnehmen helfen könne, viel FFH-Hören helfe also beim Abspecken. Den ganzen Tag über lief die Meldung mit vielen Kommentaren und verlesenen Gutachten.

Die Hessenschau des Hessenfernsehens präsentierte die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth in ihrer Abendsendung in einer neuen Rolle: Nebenberuflich sei sie für die Hessenschau-Redaktion auf Tour, weil ihr der Fernseh-Journalismus schon immer nahegelegen hätte. Politische Themen dürfe sie allerdings nicht bearbeiten. Natürlich alles Quatsch.

Eine Panne hätte fast der pdh-Aprilscherz ausgelöst. Die geplante Städtefusion der Odenwälder Gemeinden Reichelsheim und Fränkisch-Crumbach hätte sich am Samstag, 31. März 2007 beinahe bereits als Agenturmeldung in einer Südhessischen Tageszeitung befunden, wenn nicht ein Telefonat für Klärung gesorgt hätte. Hiermit sei klargestellt: Die Odenwälder Gemeinden Fränkisch-Crumbach und Reichelsheim planen weder, sich zusammen zu tun, noch den Odenwaldkreis zugunsten des Kreises Bergstraße zu verlassen. < [Hervorhebungen von uns]

OB Buschmann zur Städtefusion Erbach-Michelstadt: „Ein besseres Marketinginstrument als die Fusionsdebatte jedenfalls hätten wir für kein Geld der Welt bekommen“

erbach michelstadt

In einem Gespräch mit dem Odenwälder Echo offenbart der Erbacher Bürgermeister Harald Buschmann (CDU) ganz zuletzt eine Konstante seines Denkens, das sich ohnehin mit dem OB-Status einer 31 000 Einwohner zählenden Odenwald Metropole Ermichelbachstadt besser verträgt als mit dem bloßen B-Status einer nur 14 Einwohner zählenden Kreisstadt Erbach:
B-Buschmann sagt also: „Ein besseres Marketinginstrument als die Fusionsdebatte jedenfalls hätten wir für kein Geld der Welt bekommen.“
Da könnte man tatsächlich glauben, dass dem ausgebildeten Pastor das Marketing und die Debatte möglicherweise wichtiger ist als der eigentliche Zweck der Debatte: Die Fusion der mittlerweile wie siamesische Zwillinge verwachsenen Odenwälder Kleinstädte Erbach und Michelstadt.
Vielleicht diente ja auch das sonst so sinnlos scheinende weil gescheiterte OBI-Gräsig Projekt neben anderem auch als „Marketingstrument“.
Das würde auch verständlich machen, warum Buschmann jahrelang schätzungsweise 70% seiner (und des Magistrats) Energie in ein Projekt investierte, aus dem nichts wurde.

Außer Spesen war nämlich doch mehr gewesen. Man könnte es auch so formulieren: „Ein besseres Marketinginstrument als die OBI-Gräsig Debatte jedenfalls hätten wir für kein Geld der Welt bekommen.“

Insofern stehen die Zeichen gar nicht schlecht, dass aus der Fusion so wenig wird wie aus OBI im Erbacher Gräsig.
Immerhin mag Buschmanns Erbacher CDU nicht recht und Reinhold Ruhrs sozialdemokratischer Bundesgenosse mag anscheinend ebenfalls nicht so recht. Das könnte bedeuten, dass am Ende die Unvernunft siegt, die zu den kulturell-mentalen Eigentümlichkeiten des Landstrichs schließlich ebenso zählt wie die Kartoffeln zu den kulinarischen.
Morgen steht nun auch der entscheidende Showdown bevor. Dazu schreibt das Odenwälder Echo:

>Von insgesamt 17 Erörterungen steht allein noch die für die Erbacher Kernstadt aus. Sie ist für den Mittwoch (28.) um 20 Uhr in der Werner-Borchers-Halle anberaumt und gilt als letzter bedeutender Stimmungstest für die Vereinigungs-Idee.
Sollten die beiden Bürgermeister auch dort keine ausgesprochene Abneigung gegen das Zusammengehen der Städte ausmachen, wollen sie noch in diesem Monat das gesetzgeberische Verfahren zur Verwirklichung ihres gemeinsamen Ziels einleiten.<

Alle, die etwas bei der Fusion zu verlieren oder zu fürchten haben – es scheinen nicht wenige zu sein – könnten bei der publikumsträchtigsten Veranstaltung zum letzten Gefecht blasen.

Interessant ist, wie beide Bürgermeister ihre eigene Zukunft und die des Kollegen nebenan so sehen. Buschmann meint gar, „einzigartig“ zu sein:

>Buschmann: Nein, mit dem Vollzug der Vereinigung sähe der Kollege seine Mission als Bürgermeister erfüllt. Ich würde mich aber freuen, in einem gemeinsamen Erbach-Michelstädter Magistrat auf seine Erfahrung zurückgreifen zu können.

Ruhr: Es trifft zu, dass ich mir die Option für die Kandidatur um eine weitere Amtszeit nur für den Fall offen halte, dass die Fusion nicht gelingt – auch deshalb, weil ich mit dafür sorgen will, dass wenigstens eine Kooperation weit vorankommt. (Anmerkung der Redaktion: Reinhold Ruhr stünde bei Beginn seiner nächsten sechsjährigen Dienstphase am 16. September 2009 im 65. Lebensjahr; sein Amtskollege Harald Buschmann ist 44 Jahre alt und wäre, wenn es nicht zur Fusion käme, bis 2012 gewählt. Im Falle einer Zusammenlegung stünde auf jeden Fall einen Neubesetzung der Bürgermeisterstelle per Direktwahl an.)

Buschmann: Die Konstellation, dass zwei Bürgermeister die eigene politische Zukunft hinter das inhaltliche Ziel einer Fusion zurückstellen, ist sicher einzigartig. Und auch das veranlasst uns zur Eile.<

Einzigartig ist auch wieder die zum Teil ignorante Berichterstattung des Odenwälder Echo. Da gibt es unter erbach-michelstadt.eu eine ordentliche Informationsplattforum mit integriertem Fusions-Forum und das Echo verweist mit keinem Wort und keinem Link auf diese Webadresse. Weder im Interview mit Ruhr und Buschmann noch im gleichzeitig erschienenen Bericht von Grünewald.
Gab es da in der Printausgabe etwas, das es in echo-online.de nicht gab?

Peinlich: Teile der Erbacher CDU fürchten bei Fusion mit Nachbarstadt um die Zukunft ihrer Partei


Von allen Argumenten, die gegen eine Fusion der Odenwälder Nachbarstädte Erbach und Michelstadt sprechen könnten, ist dieses das fragwürdigste: Die Partei und ihre Honoratioren könnten bei einer Fusion ihre (Macht-) Stellung einbüßen.
Wer so argumentiert macht deutlich, dass ihm die Interessen der eigenen Partei wichtiger sind als die Interessen der Bürger, die man doch eigentlich vertreten will.
So heißt es in einem Bericht des Odenwälder Echo über eine offenbar turbulent verlaufene Mitgliederversammlung der Erbacher CDU:

>Dabei befürchteten Mitglieder eine Dominanz der SPD und bezeichneten eine Fusion als möglicherweise tödlich für die CDU.<

Das Echo schreibt gar von einer „Zerreißprobe“ der Erbacher CDU, in der sich ein beachtlicher Teil, vielleicht sogar die Mehrheit, gegen die zügigen Fusionspläne des christdemokratischen Bürgermeisters Harald Buschmann stellt.

Nachfolgend weitere Auszüge aus diesem Bericht:

>Jedenfalls endete die Mitgliederversammlung am Freitag, die sich diesem Thema widmete, mit betretenen, teils nahezu versteinerten Gesichtern sowie erkennbar vermiedenem Blickkontakt verantwortlicher Parteistrategen.
Grund: Eine klare Mehrheit der Mitglieder will zumindest dem Tempo, das ihr Parteikollege und Bürgermeister Harald Buschmann in Sachen Fusion vorgibt, nicht folgen. Ortsvereinsvorsitzender Bernd Rodemich zog aus den Kontroversen den Schluss, dass bei künftigen Entscheidungen der Parteigremien zu Zusammenarbeit und/oder Fusion wohl kein Fraktionszwang durchsetzbar ist.[…]
Eingangs hatte Buschmann, seit Mitte 2005 Mitglied der Christdemokraten, eine Fusion als historische Chance gewertet. Schon 1972 sei dieser Schritt angestrebt worden, damals hätten sich Bürgermeister und Parlamente dagegen gewandt. Eine solche Entwicklung dürfe sich nicht wiederholen.[…]
Die bisher elf Bürgergespräche hätten gezeigt, dass die breite Mehrheit der Bevölkerung für eine Fusion sei.
Offensichtlich ist das bei der Erbacher CDU anders, wie die folgende Diskussion ergab. Stadtrat Gerhard Grünewald wählte deutliche Worte: Er bemängelte die bei Bürgerversammlungen oft nur vagen Antworten. Die Stadt Erbach bezeichnete er als handlungsfähig. Somit gebe es keinen Grund für einen Zusammenschluss, und er halte eine Fusion für voreilig: Er habe sich nicht wählen lassen, um seine Stadt aufzugeben. Zudem bemängelte er, dass laut Bürgermeister keine vertraglichen Bindungen vorgesehen sind.[…]
Dabei befürchteten Mitglieder eine Dominanz der SPD und bezeichneten eine Fusion als möglicherweise tödlich für die CDU. Andererseits empfahl Peter Trumpfheller seiner Partei, sich anzustrengen, um sich zu profilieren. Eine reine Kooperation hielt er für unüberschaubar und äußerte sich zu Gunsten einer Fusion. Eberhard Erbgraf zu Erbach-Erbach zeigte sich von Buschmann enttäuscht und bezeichnete dessen Bestreben, die Mitglieder auf seine Seite zu ziehen, als aussichtslos.[…]
Nein-Sagen bringt die Wähler nicht an die Urnen, so Torsten-Tankmar Hopp; Ursula Barnack hielt die jetzige Situation für unbefriedigend. Vieles könnte von den Bürgermeistern noch offen gelegt werden, sagte sie. Spürbar wurde auch eine gewisse Angst vor dem größeren Fusionspartner Michelstadt.
Gewürdigt wurde wiederholt, dass Buschmann seine Karriere hinter die Fusion zurückstellt. Nach Gesetzeslage kommt es nach einem Zusammenschluss zur Neuwahl von Bürgermeister und Parlament. Dann wolle er sich zwar bewerben, so Buschmann, doch eine Garantie, Bürgermeister bleiben zu können, gebe es natürlich nicht.
Wilhelm Kabrhel stellte sich vor Buschmann, der vordenken und agieren müsse. Eine Partei, die Angst habe vor Auswirkungen möglicher Entscheidungen, habe schon verloren.< Quelle: Odenwälder Echo, Fusion reißt Gräben in Erbachs CDU, 12. 3. 2007 [Links und Hervorhebungen von uns]

Wenn Buschmann also Pech hat, wird auch die von ihm angestrebte Städtefusion scheitern, so dass nach der misslungenen Ansiedlung eines Baumarktes auch das zweite mit seinem Namen verbundene Projekt misslänge.
Nur hätte ihm dann nicht die Nachbarstadt sondern die eigene Partei ein Bein gestellt.

Internetportal zur Fusion Erbach-Michelstadt: Odenwälder Nachbarstädte werben auch online für den geplanten Zusammenschluss

Von oben gesehen, via Google Earth, sind die Odenwälder Regionalzentren Michelstadt (ca. 17 200 Einwohner) und Erbach (ca. 13 700 Einwohner) längst zusammengewachsen. Nun soll die Verschmelzung auch administrativ vollzogen werden.
Im Web ist das schon halb geschehen. In Form der Website erbach-michelstadt.eu – womit die Odenwälder etwas keck anscheinend die Europäische Union als sie leitende Idee zitieren wollen.
[Die Seite ist auch als .de Domain registriert. Dagegen führt erbach-michelstadt.com erstaunlicherweise nur zur Website von Michelstadt.
Die Domain michelstadt-erbach.de hat sich vor einiger Zeit Domainsammler Edgar Kugel reserviert. Ruft man sie auf, landet man bei den „OWOOD-COCKROACH-NEWS“, die nicht verbindend sein wollen, sondern „nasty·corruptible·impartial“]
Das offizielle erbach-michelstadt.eu bietet diverse Hintergrundinformationen (EMI-Drucksachen), darunter einen Aufsatz von Prof. Dr. Günter Specht: „Gestaltungsdimensionen und Intensität der Integration von Ressourcen, Prozessen und Leistungsprogrammen bei einem Zusammenschluss von Städten am Beispiel von Erbach und Michelstadt“. Der Aufsatz liegt als 16 Einzelseiten umfassende pdf-Datei vor.
Auch die 15 Seiten umfassende „Grobanalyse“ der Kommunalen Arbeitsgruppe Erbach-Michelstadt kann als pdf-Datei heruntergeladen werden.
In erbach-michelstadt.eu ist ein Forum integriert, in dem der (registrierte) Bürger Fragen stellen darf, Meinungen kundtun und auf Antworten hoffen kann. Außerdem kann (state of art) ein Newsfeed abonniert werden.
Für die gut gemachte Website (und mehr?) trägt laut Impressum der Michelstädter Karsten Teschke als Projektplaner und Koordinator Verantwortung.

Aber wird es zu dieser Fusion tatsächlich kommen? Bislang war es die Stärke beider Kleinstädte miteinander beinhart zu konkurrieren.
Die Absicht des Erbacher Bürgermeisters, in einer grenznahen Ecke (Gräsig) einen großflächigen Baumarkt anzusiedeln, hatte die beiden Städte zuletzt in einen jahrelang währenden und in diversen Instanzen ausgefochtenen Kleinkrieg verstrickt.
Dass sich nun die beiden Kontrahenten Harald Buschmann (Erbach) / CDU) und Reinhold Ruhr (Michelstadt / ÜWG) die Hand reichen und für die Fusion der beiden Städte trommeln, hätte noch im letzten Jahr als schlechter (Fastnachts-) Scherz gegolten.
Doch wenn nun während der örtlichen Fastnachtsumzüge heitere Vorschläge für die Benennung einer fusionierten Minimetropole (Michbach, Erbstadt, Ruhrbusch) präsentiert werden, so gibt es dafür (für das Projekt, aber nicht für die Namen) eine reale (Planungs-) Grundlage.
Die beiden Bürgermeister wollen die Fusion – auch wenn das einen der beiden überflüssig macht. Nur die Bürger könnten noch einen Strich durch die lokalvisionäre Rechnung machen.
So halten etwa die CDU-Stadtverbände Erbach und und Michelstadt einen Zusammenschluss noch in diesem Jahr für „völlig unrealistisch„.
Im ärgsten Fall wird nichts daraus und es werden (wie bei Buschmanns Baumarkt-Projekt) über Jahre hinweg nur Kapazitäten nutzlos gebunden. Wenn aber schon in der Offenbach Post Harald Schmidt (!) meint, dass hier zusammenwachse, was zusammengewachsen ist, muss es um die Sache ernst stehen. Nachfolgend Auszüge aus dem erwähnten Artikel:

>Schließlich geht es um viel Geld. „Nur drei, vier Kilometer voneinander entfernt halten wir zwei Verwaltungen und dieselben Einrichtungen vor. Das ist Verschwendung, ein enormer Ressourcenverbrauch auf Kosten unserer Kinder„, sagt Ruhr.
Die neue Stadt soll Erbach-Michelstadt heißen. Die Arbeitsgruppe aus Abgeordneten beider Städte hat der geplanten Städtefusion bereits zugestimmt. Nun folgt bis Ende März ein Marathon von Bürger-Informationsveranstaltungen in allen Winkeln der Nachbarstädte. Denn der Schritt soll nur getan werden, wenn sowohl die Bürger als auch die Parteien dahinter stehen.[…] Buschmann ist überzeugt, dass auf Dauer keine der beiden Städte alleine bestehen kann: „Wenn niemand gegensteuert, kann sich Erbach eines Tages kein Schwimmbad mehr leisten, keine Stadtbücherei und nicht mehr so viele Kindergärten.
Um solche Einrichtungen halten zu können, müsse die Wirtschaftskraft der Kommune erhöht werden. Dies geschehe am besten, indem ein stärkeres Zentrum Erbach-Michelstadt mit einer besseren Infrastruktur Unternehmen und Investitionen anziehen kann. „Wir wollen nicht nur höhere Einnahmen aus der Gewerbesteuer, sondern vor allem möchten wir Familien und junge Menschen anlocken.“
Die Idee der Fusion der Nachbarstädte ist nicht neu. Schon 1999 versuchten Einwohner, die Fusion über ein Bürgerbegehren herbeizuführen. Doch herrschte in der Politik keine Einigkeit. Heute hingegen scheinen alle an einem Strang zu ziehen. Zudem wissen die Befürworter Landrat Horst Schnur (SPD) und Innenminister Volker Bouffier (CDU) auf ihrer Seite. Von beiden habe es „positive Signale“ gegeben.
Die Bürgermeister sind sich einig, dass eine enge Zusammenarbeit schnell an Grenzen stoßen würde. „Wir wollen nur noch ein Meldeamt oder ein Standesamt. Da greift alles andere als ein Zusammenschluss zu kurz“, sagt Buschmann.
Neben den positiven finanziellen Effekten einer schlankeren Verwaltung hoffen die Kommunalpolitiker aber auch auf eine stärkere Außenwirkung. „Wir sind die Randregion der Ballungsräume Rhein-Main und Rhein-Neckar. Da kann es nicht schaden, wenn wir mit einer Stimme sprechen und 31 000 Menschen vertreten„, hofft Buschmann.
Lange gab es zwischen der eng gebauten mittelalterlichen Handelsstadt Michelstadt und der weitläufigen Residenzstadt Erbach Streitigkeiten. Die seien längst beigelegt oder entstammten dem Konkurrenzkampf zwischen den Nachbarkommunen. Nach einer Fusion spiele das keine Rolle mehr, sind sich die Stadtoberhäupter sicher. Bislang habe es aus der Bevölkerung jedenfalls nur positive Reaktionen gegeben. <Quelle: Offenbach Post – Im Odenwald wächst zusammen, was zusammengewachsen ist.

Letzteres dürfte nicht ganz stimmen. Wer weniger mobil ist, wird über weitere Wege zu städtischen Einrichtungen nicht erfreut sein. Auch jene nicht, die eine verschlankte Verwaltung den Job kosten könnte. So darf man gespannt sein, was aus den Fusionsvisionen wann wird.