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Berlin: Diskussionsrunde zum „boomenden Verschwörungswahn“

Wir wurden gebeten, auf zwei Veranstaltungen in Berlin hinzuweisen. Das tun wir gerne, liegt es für uns doch gleich um die Ecke.
Morgen, um 18:30 Uhr gibt es einen „Verschwörungskritischen Filmabend“, am Dienstag, ebenfalls um 18:30 Uhr gibt es eine offene Diskussionsrunde zum boomenden Verschwörungswahn.“

Ort und Weg können den unten eingeblendeten Plakaten entnommen werden.

Zur Diskussionrunde wird hoffentlich auch der (Berliner) Parteibuch-Blogger eingeladen. Das verspräche einen lebhaften Ablauf.

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Schließlich steht dessen (auch im Layout) rot-braune Website wie kaum eine andere für einen entfesselten (verschwörungs-idiotischen) Linksfaschismus.
Heute etwa wird dort proklamiert „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“

Nein, nicht wortwörtlich natürlich. Die zeitgemäße und authentische Parteibuch-Variante lautet so:

Boykott Ratiopharm!

Denn: „Die israelische Firma Teva hat soeben die Übernahme von Ratiopharm abgeschlossen

Ende Juni belehrte das Parteibuch-Blog seine Leser über die „Ursachen des spontanen antisemitischen Zorns„.
So ähnlich dürfte die Presse der „Partei“ 1938 seinen Lesern auch die Novemberpogrome („Reichskristallnacht“) plausibel gemacht haben.

Man beachte auch die Verschlagwortung: „Gedankenkontrolle … Judentum … Medienmanipulation“. Bild Die USA figurieren im Parteibuchblog als „Imperium“, die Taliban als unterstützungs-werter „Widerstand“ gegen das „Imperium“.

Dirigiert wird das Imperium aus Parteibuchsicht allerdings von Israel („Schwanz der mit dem Hund wedelt„), folgerichtig wird Hillary Clinton dann auch als „israelische Außenministerin“ tituliert.

In einem aktuellen Beitrag werden gleich sechs bekannte Organisationen als „in Wirklichkeit von der US-Regierung beherrschte Organiationen zur psychologischen Kriegsführung“ dargestellt: Amnesty International, Reporter ohne Grenzen, Allbert Einstein Institution, Human Rights Watch, Greenpeace und Transparency International.

Gnade finden bei dem eifernden Antizionisten nur wenige Deutsche. Zu ihnen zählt der im Odenwald aufgewachsene Schriftsteller Hartmut Barth-Engelbart, der immer wieder zitiert wird.

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Der von 1974 bis 1979 im Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) engagierte Barth-Engelbarth übernimmt seinerseits Artikel des „Lieben Parteibuchs“.

Was Israel angeht, schenken sich beide ohnehin nichts.
Kein Wunder also, dass auch Barth-Engelbart sich bereits vor mehr als 4 Jahren vom islamistischen („gottesehrfürchtigen„) Portal muslim-markt.de sympathetisch interviewen ließ.

Patrick Beuth ist „Regionalen Weblogs“ auf der Spur: „Dummgebabbel und Lokalpolitik“


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Was ist da nur los? Erst vor kurzem war aus einer zugesandten mail zu erfahren, dass nicht nur der Odenwälder Kartoffelkönig Schnur, seine Untergebenen im Landratsamt und seine Hofberichterstatter schräg gegenüber im amtlich widerhallenden Echo zu den regelmäßigen Lesern dieses kleinen Blogs zählen, nein, auch Redakteure des SPIEGEL seien im Rahmen von Recherchen (Dagmar Metzger/ HSE) auf odenwald-geschichten.de fündig geworden.
Es freut auch, dass sich die Odenwald-Geschichten im Wikio-Ranking unter den Top Blogs Deutschland befinden.
Und nun gibt sich und uns auch noch Patrick Beuth durch eine Erwähnung in der Frankfurter Rundschau die Ehre.
In seinem schon Anfang April erschienenen Artikel über hessische Weblogs („Dummgebabbel und Lokalpolitik„) nennt er sechs regional fokussierte Seiten und würdigt zwei südhessische so:

„Diese Seiten gehen über das klassische Tagebuch weit hinaus. Blogger wie Löwenstein und Wellner wollen eine Gegenöffentlichkeit schaffen und Themen aufgreifen, die sie in den etablierten Medien für unterrepräsentiert halten.“

Gemeint sind Peter Löwensteins Regioblog und die Odenwald-Geschichten.
Das ist jedenfalls nicht falsch (bis auf die falsche Schreibung).
Es hätte sich allerdings gelohnt, auch jene (lokale) „Öffentlichkeit“ zu beleuchten, die eine bloggende „Gegenöffentlichkeit“ erst evoziert. Im allerlokalsten Odenwaldkreis etwa handelt es sich um die von dem „etablierten“ Medium „Odenwälder Echo“ (spiritistisch?) hergestellte und repräsentierte Öffentlichkeit.
Vor 2 Jahren hätten sich die „Öffentlichkeit“ des Odenwälder Echo und die der Frankfurter Rundschau für einen Moment sogar kreuzen können.

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Es ging um die „Micky-Affäre„. Deren groteske Umstände machten schon damals die Rundschau (in Gestalt von Frank Methlow) auf die „Odenwald Geschichten“ aufmerksam. In diesem Fall war es eine Geschichte, die gewissermaßen im Landratsamt selbst verfasst wurde.
Von einem Computer der KJC-Abteilungsleiterin Sandra Schnellbacher wurden unter dem Pseudonym „Micky“ wiederholt Jubelkommentare über die Arbeit des Kommunalen Jobcenters versandt.
In unserem Kommentarbereich sind sie auch heute noch erreichbar und lesbar. Wer sich in trüben Stunden erheitern möchte, sollte hereinschauen. Die durch die email-Adresse sschnellbacher@web.de identifizierte Person „Micky“ schrieb beispielsweise dies:

>Ich will arbeiten und hab das meinem Fallmanager auch gesagt. Der hat sich dann auch wirklich gekümmert und mir einiges angeboten. Das das mit dem Geld nicht immer gleich klappt ist auch für mich ärgerlich gewesen, aber nachdem ich mich da mal länger mit meinem Fallmanager und auch dessen Vorgsetztem unterhalten hab, haben die mir mal erklärt woran es hängt. Hey, die Jungs im Job-Center habens doch auch nicht leicht. … Übrigens: Ich hab Arbeit gefunden und bin demnächst nicht mehr auf staatliche Unterstützung angewiesen, allenfalls noch solange, bis ich die erste Kohle von meinem neuen Arbeitgeber habe. Dafür kann ich mich beim Job-Center bedanken.<

[Die neue Geschichte vom ominösen „Bekannten“, einem unbekannten „jungen Mann“, dem Sandra Schnellbacher wiederholt zu später Stunde ihren privaten Computer überlassen haben will, die musste man nicht wirklich glauben. Es ist ganz normal, zumal in der lokalen Administration, dass eine neue Lüge gleich die nächste gebiert. ]

Könnte man sich im Rest der Republik vorstellen, dass solche Zeilen vom Behördenleiter selbst verfasst und versandt werden? Im Odenwaldkreis ist solches vorstellbar … und noch mehr. Davon und von noch mehr handeln die Odenwald-Geschichten.
Könnte man sich im Rest der Republik vorstellen, dass eine solche Affäre von der örtlichen Zeitung komplett totgeschwiegen wird? Im Odenwaldkreis ist derartiges nicht nur vorstellbar sondern sogar die Regel.
Insbesondere die journalistischen Zustände ähneln hier denen der untergegangenen (Prä-Perestroika) Sowjetunion.
Man könnte natürlich mit Patrick Beuth euphemistisch sagen, dass etwa das „Micky“-Thema im lokal „etablierten“ Medium Odenwälder Echo „unterrepräsentiert“ war – und zwar mit keinem Wort.
Und dass dieser Blog, schon weil er involviert war, zu dem dort „unterrepräsentierten“ Thema eine Gegenöffentlichkeit geschaffen hat.
Man könnte aber auch denken, dass unter den Bedingungen eines korrumpierten Lokaljournalismus, der sich aus verschiedenen Gründen mit der lokalen politischen (All-) Macht gutstellt, kritische Weblogs ein wenig auch dem Samisdat ähneln.
Aber Samisdat war gestern, heute ist es das Web, das weltweit in totalitär verfassten Gesellschaften die Verbreitung kritischer Texte ermöglicht. Gesegnet sei dafür Tim Berners-Lee.

Wer bloggt so spät bei Nacht und Wind? Es ist der Basic mit seinem Asus Eee PC

Das erfuhr man jetzt in einem (fast gleichnamigen) Artikel in der FAZ. Was Thomas Thiel über seine „Reise durch die Blogsphäre“ schreibt, kommt gescheiter daher als ähnliche, sphärische Annäherungen, wie sie jüngst etwa in der Süddeutschen Zeitung zu bestaunen waren.
Von Thiel erfährt man, dass der Blogger Robert Basic in einer „internationalen Studie unter die zwanzig wichtigsten Blogger“ eingeordnet worden sei.
Hat der das in seinem typischen Understatement auf dem eigenen Blog gar nicht erwähnt?
Man konnte es ahnen, dass Basic nicht nur IT-Freak ist, sondern auch einen Haufen Bildung mitbringt. Hier erfährt man, woher.
Sein (Basic) „Thinking“ gründet sich u.a. auf die Frankfurter Stadtbibliothek, in der er „regalweise Bücher verschlang„.

Weil es nett zu lesen ist und Basic in dem Bericht gut und treffend portraitiert wird, hier einige Auszüge:

>Robert Basic, der als wichtigster deutscher Blogger gilt, nennt das „feeling“, und wer es nicht selbst erfahren habe, könne es nicht verstehen. Auch Basic, eingehüllt in Zigarettenrauch, grüßt freundlich aus seiner dunklen Souterrainwohnung in der hessischen Kleinstadt Usingen, in der auf einem unauffälligen Wandtisch ein einzelner Computer steht.

Sofort nimmt er auf jene ansatzlose und selbstverständliche Weise das Gespräch auf, als hätte er es nicht mit einem Unbekannten, sondern einem seiner vielen Blogbesucher zu tun, die er täglich freundschaftlich und geduldig mit Informationen über technische Neuigkeiten, Videoschnipseln und Gute-Laune-Themen unterhält. Robert Basic hat viele und treue Besucher. Als einzigen Deutschen ordnete ihn jüngst eine internationale Studie unter die zwanzig wichtigsten Blogger ein. Um die achttausend Leute besuchen ihn täglich.

Darauf gibt er, sagt er, nicht viel, sagt es glaubwürdig und ohne mühsam zurückgehaltenen Stolz. Robert Basic unterhält ein eigenes Wissensuniversum mit bizarren Querverbindungen und Gedankensprüngen. Sein Grundton ist philanthropisch und liberal, doch ohne politisches Sendungsbewusstsein. Es geht ihm nicht um Politik, es geht ihm um die Menschen, die er gern von ihrer besseren Seite wahrgenommen wissen will, auch um den Preis, Gegensätze zu minimieren. Tiefgründige, polarisierende Themen meidet er bewusst in seinem Weblog „Basicthinking“. Er recherchiere nicht, sagt er. Die wenigsten recherchierten. Seit der ersten Abmahnungswelle habe man immer Angst als Blogger, überhaupt sei die ganze Blogosphäre vorsichtiger geworden. Es sei unheimlich.

[…]

Würde er tiefer bohren und kritischer werden, sagt Robert Basic, könnte er das Grundvertrauen verlieren. Damit meint er die Überzeugung, dass alles geht, wenn man den mündigen Bürger von Regeln befreie. Wozu Regeln? „Es geht doch auch ohne“, sagt er und lacht.

Das Gespräch zieht Kreise weit über das beschauliche Usingen im nördlichen Schatten des Taunus hinaus. Ist es Kaffeesatzlektüre, im lokalen Milieu den Antrieb des Bloggens zu suchen? „Geh mal bitte in Usingen irgendwohin und unterhalte dich über Meme, Stanislaw Lem und Lotus Notes. In den Blogs kannst du das. Ich würde sterben, wenn ich mich nicht austauschen könnte“, sagt Robert Basic, der als selbständiger Informationstechniker arbeitet. Mit dem Blog urbanisiert er seine Provinz.

Es ist eine weite Provinz geworden, die Basic in seiner weitschweifenden, rhapsodischen Manier bewirtschaftet: Er redet von der Frankfurter Stadtbibliothek, in der er als Jugendlicher regalweise Bücher verschlang, ganz unbefangen in alphabetischer Reihenfolge und nach der Farbe des Einbands. Das Orange von Lem! Die dicken Geschichtsbücher von Churchill! Robert Basic ist mit der Welt per du. Er redet von „Larry und Zaggy“ (den Google-Gründern), dem „Jules“ (Jules Verne), der einfach die beste Sprache habe, etwas zu erklären, auch den „Butt“ (“oder sagt man ,Batt‘?“) hat er gelesen, gemeint ist der Roman von Grass. „Fischromane“, sagt er dazu, weil sie auf dem Meer spielen.

Robert Basic ist keiner Kulturtradition verpflichtet, von Mikrochips, die wir uns vielleicht eines Tages in den Kopf schieben werden, kommt er zu Platon, Faust und den haptischen Erfahrungen des Bücherlesens in der Bibliothek von Yale, die er schwärmerisch beschreibt. „Du hast diese Aura, dieses Erhabene, das hast du im Computer nicht. Hier fehlt das in sich Ruhende, das ist immer so ein Haschen. Wir sind so getrieben.“

Warum ist Robert Basic Blogger geworden? Keine Ahnung, er wisse es nicht, er wolle einfach nur quatschen. Und sein Ort in der Blogosphäre? Stille. Eine ungewohnte, lange Stille, ein vorsichtiger Blick unter der Brille hervor, sein Kiefer zieht sich zusammen, den er so gerne verzieht im Stil eines amerikanischen Comedians, um dann plötzlich mit langgedehnten Vokalen herauszuprusten. Er will sich nicht vereinnahmen lassen, seine unbefangene Mitteilungsfreude nicht zugunsten allgemeinverbindlicher Zielbestimmungen aufgeben.

Dann holt er sein neues Mini-Notebook heraus, fummelt ein bisschen daran herum, redet weiter, fummelt wieder. Will er jetzt bloggen? „Wenn ich unter Menschen bin, blogge ich nicht, völliger Schwachsinn!“ Robert Basic will der Welt offensichtlich ein Freund sein. Nur einmal wird er auf eine kindliche Art böse, als er auf die Beleidigungsunkultur zu sprechen kommt, die in die Blogdiskussionen eingezogen ist. „Das darf doch nicht sein. Warum tun die das bloß?“ Sein freundlich-kurioses Gesicht legt sich in Falten.< Quelle: faz.net, Wer bloggt so spät durch Nacht und Wind?, 12. 4. 2008