Archiv der Kategorie: Odenwaldschule

Ein Ende in Schande: Gerold Becker – Pädagoge und Päderast – im Alter von 73 Jahren gestorben

Gerold Becker - Archivfoto der Odenwaldschule

Unvorstellbar, dass ein Vater seine Tochter jahrzehntelang in einem unterirdischen Verlies als Sexsklavin gefangen hält. Im niederösterreichischen Amstetten ist genau das geschehen. Immerhin: Josef Fritzl verbüßt für sein monströses Verbrechen eine lebenslange Haftstrafe.
Unvorstellbar auch, dass ein hochgeachteter Pädagoge als Rektor eines renommierten Internats ein jahrelang funktionierendes System des sexuellen Missbrauchs installiert – und (scheinbar) keiner merkt es (bis auf Opfer und Mittäter).
Im Odenwald ist genau das geschehen. Gerold Becker, zwischen 1974 und 1985 Leiter der Odenwaldschule im südhessischen Oberhambach, wurde für seine Untaten nie bestraft.
Mein ist die Rache„, spricht der Herr – wenn es ihn denn gäbe und wenn er sich um Recht oder Unrecht wirklich scherte.
Becker ist einem Lungenemphysem erlegen. Kein angenehmer Tod, aber andere, die weniger Schuld auf sich geladen haben, sterben oft noch elender.
Ich sterbe mich aus der Verantwortung„, so sehen das offenbar einige Opfer von Becker.
In einem mit Spiegel-Online schon im April geführten Gespräch schilderte die heutige Leiterin der Odenwaldschule, Magarita Kaufmann, wie es ihrem Vorvorgänger gelungen war, Zeugen des Missbrauchs kaltzustellen:

>Es gab ein Mädchen, das über den Missbrauch von Schulkameradinnen berichtet hat, ihr wurde nicht geglaubt. Sie musste stattdessen von der Schule gehen, weil Becker alles daran gesetzt hat, dass der Spieß umgedreht wird. Das Mädchen wusste zu viel über ihn. Das Mädchen hatte seinen einflussreichen Vater informiert und dieser hatte sich mit Becker in Verbindung gesetzt. Daraufhin erhielt der Vater einen Brief, in dem das Mädchen des Drogenkonsums beschuldigt wurde, sie musste die Schule ohne Abschluss verlassen. Als Schulleiter konnte Herr Becker sicher Maßnahmen ergreifen, um sich selbst vor zu vielen Mitwissern zu schützen. […]
Ein Junge, der sich Becker dauerhaft entzogen hat, wurde geschnitten, von schulischen Aktivitäten ausgeschlossen, bis er schließlich ohne Abschluss von der Schule gehen musste. Das ist nur schwer zu ertragen: ein Kind wird missbraucht, und am Ende wird ihm noch die Schuld dafür gegeben, dass es sein Leben nicht mehr in den Griff bekommt. Das ist unglaublich.<

Interessant ist, was die Frankfurter Rundschau gestern in einem ‚Nachruf‘ über den „Mann mit den zwei Leben“ schrieb:

>Der Theologe und Pädagoge Gerold Becker war ein Mann, der zwei Leben lebte. In dem einen war er ein gefeierter Lehrer und Wissenschaftler. Einer, der die hehren Ziele der Reformpädagogik wie kaum ein anderer verkörperte, der seinen Schülern Freund und Ratgeber war, der „menschliche Nähe“ postulierte, weil nur so aus jungen Leuten starke Erwachsene werden könnten. In diesem Leben brillierte der eloquente Charismatiker unter anderem als Berater des Hessischen Kultusministeriums, als Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime, als Autor und Elite-Pädagoge auf unzähligen Podien – und lange Jahre als Leiter der Unesco-Modellanstalt Odenwaldschule. […]
Als im März bekanntwurde, dass es an der Odenwaldschule ein „System Becker“ gab, mit etlichen Tätern und Dutzenden Missbrauchsopfern, ließ sich nichts mehr verheimlichen. Vom Krankenbett aus sah Becker zu, wie sein öffentliches Leben zu Staub zerfiel – und nur noch das des Sexualtäters blieb.

Seiner Schule, seinen Weggefährten, ja der Reformpädagogik überhaupt hat er damit den denkbar schlechtesten Dienst erwiesen. Eine ganze Erziehungswissenschaft mit ihren vorbildlichen Ideen geriet durch ihn unter Generalverdacht.

Zu den unglaublichen Wendungen dieses Skandals gehört auch, dass Becker ausgerechnet jetzt starb, pünktlich zur 100-Jahr-Feier der Schule. So war Becker am Freitag noch einmal das Gesprächsthema – aber anders, als er es sich zu Lebzeiten gewünscht hätte.< [Links und Hervorhebungen von uns]

Von Sünde erschüttert: Missbrauchskandal in der Redaktion des Odenwälder Echo angekommen

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Lange Zeit musste die als ausgesprochen investigativ bekannte Redaktion des Odenwälder Echo in Sachen Missbrauch abseits stehen: Im Odenwaldkreis fand sich bislang kein Fall von (bekannter) Pädophilie in öffentlichen oder kirchlichen Institutionen – auch wenn es da oder dort einmal Gemunkel gab.

Dagegen gab es im benachbarten Kreis Darmstadt-Dieburg einen Skandal um den Chauffeur von Ex-Landrat Alfred Jakoubek, der sogar im Dienstwagen Knaben verführt oder geschändet haben soll, im benachbarten Kreis Bergstraße liefert die Odenwaldschule fortgesetzt Schlagzeilen wegen eines in frühereren Jahren scheinbar institutionalisierten Systems sexuellen Missbrauchs.

Gerhard Grünewald aber und seine Crew hatten bisher nichts Vergleichbares zu berichten.

Doch jetzt spült unser Feedreader folgende Schlagzeile und folgenden Text aus der Echo-Rubrik ‚Odenwald‘ herein:

>Pfarrer-Sünde erschüttert Franken

Die Ausdehnung der Serie von Enthüllungen über den Missbrauch an schutzbefohlenen Kindern und Jugendlichen auf die Region Miltenberg/Amorbach erschüttert zurzeit das öffentliche Leben der unterfränkischen Nachbarschaft des Odenwaldkreises. Zu bewältigen hat dessen Bevölkerung die Suspendierung des katholischen Pfarrers von Kirchzell, des 62 Jahre alten Franz Grumbach.
Mit der sofortigen Versetzung des Ortsgeistlichen in den Ruhestand hat der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann Ende voriger Woche auf das Eingeständnis des Priesters reagiert, in den neunziger Jahren mit einem damals 15 Jahre alten Mädchen sexuelle Kontakte unterhalten zu haben. […]

Schon allein wegen deren Grenzlage zu Stadt- und Ortsteilen von Michelstadt und Hesseneck ist Grumbach auch im Odenwaldkreis kein Unbekannter, zumal er wie kein anderer für die Bewahrung der alten Kirche von Breitenbach als gemeinsames Pilgerziel von Christen aus beiden Bundesländern steht.<

Wir haben jene Textpassagen fett markiert, die von der hohen Relevanz der ‚Pfarrer-Sünde‘ für den Odenwaldkreis künden.
In solchen erschütternden Fällen muss in der Oh-Echo-Redaktion der Chef selber (symbolisch) zur Feder greifen.

Keiner nämlich kann dort so verschraubt denken und formulieren wie ‚gg‘, keiner kann so abstrus übertreiben wie er – weswegen in diesem Fall nicht nur die Pfarreiengemeinschaft Herz Jesu Kirchzell ‚erschüttert‘ sein muss, sondern titularisch gleich das ganze Franken.
Wenn erst einmal alle Missetaten an Kindern bekannt, berichtet und gebüßt sind, ist es an der Zeit, auch den sprachlichen Missbrauch unschuldiger Leser zum Thema zu machen. Bandwurmsätze zum Beispiel und hohles Pathos:

>Damit erklärt sich die Betroffenheit im bayerischen Odenwald über das Vergehen des katholischen Geistlichen unter anderem daraus, dass ihn die Einwohner einer Vielzahl von Ortschaften als ihren Ortspfarrer oder zumindest als einen der nächsten Repräsentanten von Glauben und Kirche in der Region sahen.<

Weiß man eigentlich, wie viele im Odenwaldkreis durch die wiederholte Lektüre solchen Geschwurbels, durch Journalisten-Sünde, schon traumatisiert wurden?

Odenwaldschule: Christian Füller verlangt ein Tribunal – auch für die Reformpädagogik


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Unter allen Stimmen, die in den letzten Wochen zum Missbrauchskandal an der Odenwaldschule zu vernehmen waren, dürfte die von Christian Füller die schrillste sein.
Aktuell wünscht er in einem bei SPIEGEL Online publizierten Artikel eine Abrechnung nicht nur mit Missbrauch verantwortenden ehemaligen Lehrern der Odenwaldschule, sondern mit der Reformpädagogik als solcher – soweit bestimmte Theoriesegmente womöglich zum Missbrauch einluden.
Wir zitieren:

>Abgerechnet werden muss mit Gerold Becker und allen Lehrern, die sich im Odenwald schuldig gemacht haben. Die alten Reformpädagogen Hermann Lietz, Gustav Wyneken, Rudolf Steiner, Peter Petersen und Maria Montessori gehören ebenfalls auf die „Anklagebank“ – denn sie haben teilweise absurde Vorstellungen vom Umgang mit Kindern gepredigt.

Man sollte das im Lichte der Odenwälder Enthüllungen diskutieren, um der Reformpädagogik endlich ihren Heiligenschein zu nehmen. Ist es nicht so, dass Wyneken ein bekennender Päderast war? Ist es etwa falsch, das Lietz, Petersen und Steiner vor antisemitischen Äußerungen nicht zurückschreckten? Will jemand bestreiten, dass Maria Montessori viele Jahre lang eng mit dem faschistischen Regime Mussolinis kooperiert hat?

Aber sind deswegen etwa die zusammengenommen rund 700 Reformschulen in Deutschland faschistisch, päderastisch oder Folterkeller? Oder haben sie mit ihrer „Pädagogik vom Kinde aus“ einen wichtigen Entwicklungsschritt gemacht, auf den die staatliche Schule noch wartet?

Die Chance eines Tribunals ist nicht nur, dass man Taten erörtert. Sie besteht auch darin, dass man Beschuldigte verteidigen kann. Dass man Fakten als Fakten erkennen und Hirngespinste als solche entlarven kann. Und haben nicht auch die Lehrer der heutigen Odenwaldschule das Recht und die Pflicht zu zeigen, dass Knabenliebe in Ober-Hambach definitiv nicht (mehr) auf dem Wochenplan steht?

[…]

Das ist der Boden, auf dem peinliche Fragen aufkommen:

* Wieso hat die geistige Elite Deutschlands, die ihre Kinder an die Schule schickte, nichts gesehen oder gar weggesehen?
* Hat der Missbrauch Schüler aus dem Odenwald in den Selbstmord getrieben?
* Ist die Reformpädagogik mitverantwortlich für übergriffige Lehrer?
* Wieso haben Altschüler, die heute Regisseure, Talkmaster und Lektoren sind, Jahrzehnte lang zu Strip-Poker und gemeinsamem Duschen geschwiegen?<

Zuletzt fragt er, ob die Schule überhaupt noch eine Zukunft haben kann:

>Für die Odenwaldschule wäre ein solches Tribunal ein notwendiger Test: um zu prüfen, ob sie als Schule ihre Vergangenheit überhaupt noch klären kann.
Oder ob man sie schlicht zusperren sollte.<

Bild: Presseagentur -pdh-

pdh-Kommentar: Darmstädter Staatsanwaltschaft & Odenwaldschule – eine Behörde ist beleidigt

02 ODENWALDSCHULE-46673Wer bei Google Informationen zur „Staatsanwaltschaft Darmstadt“ sucht, wird seit geraumer Zeit an vorderer Stelle auf die „Odenwald-Geschichten“ verwiesen.
Kein Wunder, seit vielen Jahren thematisieren wir Filz, Rechtsbeugung, Korruption und Kriminalität in Südhessen, wobei die Staatsanwaltschaft Darmstadt statusbedingt eine herausgehobene Rolle spielt.
Mitunter macht sie ihre Arbeit ordentlich. Dass etwa im Fall Wolski endlich Anklage erhoben wurde und der Ehemann der hessischen Ex-Verfassungsrichterin schließlich auch verurteilt wurde, war erfreulich.
Ausnahmsweise waren wir in diesem Punkt völlig einig mit der süd-südhessischen Ermittlungsbehörde.
Dass Oberstaatsanwalt Bernd Kunkelmann in einem Bericht der Hessenschau seine Genugtuung über das aufsehenerregende Wolski-Urteil äußerte, weckte bei uns sogar lokalpatriotische Gefühle.
Man kennt sich ja noch aus gemeinsamen Jahren an einem Odenwälder Gymnasium – und weil der Odenwald überschaubar ist, hat man sogar gemeinsame Urgroßeltern. Die würden sich bestimmt freuen, dass der eine Nachkomme als Jurist und der andere als Publizist einmal am gleichen Strang ziehen.

In anderen Punkten freilich bleibt Dissens. Weniger in Fällen ordinärer Kriminalität, sondern in all den (vielen) Fällen, wo die südhessische Ermittlungsbehörde offenkundig zu wenig oder offenkundig zu viel tut. Was dann weniger mit dem Delikt als solchem zu tun hat, sondern mehr mit der ‚deliktischen‘ Person und vor allem deren Position.
Vor dem Gesetz sind alle gleich und hinter dem Gesetz sind alle ungleich. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt und überhaupt (und nicht nur) die südhessische Justiz steht aber eindeutig hinter dem Gesetz.
Dazu macht sich aktuell auch Wolfgang Hörnlein vom Pressedienst -pdh- Gedanken:

>Darmstadt/Heppenheim (pdh) Das war doch mal eine Aussage vom Sprecher der Staatsanwaltschaft am Landgericht Darmstadt. Fast beleidigt spricht Staatsanwalt Ger Neuber am Mittwoch in die Mikrofone des Hessischen Rundfunks, dass die soeben erneut aufgetauchten Missbrauchsvorwürfe in Zusammenhang mit der Heppenheimer Odenwaldschule (OSO) für die Behörde völlig überraschend kamen und sie wieder einmal keine Ahnung von den Vorgängen und Entwicklungen in ihrem eigenen Zuständigkeitsbereich gehabt habe.

Traurig, welche Ahnungslosigkeit eine Behörde ohne jeden Aufklärungswillen an den Tag legt. Es gibt ja auch schönere Anlässe, die Macht der Staatsanwaltschaft zu demonstrieren. So kann man eine Sängerin der „No Angels“ durchaus publikumswirksam am Abend in einer gutbesuchten Diskothek verhaften, statt sie morgens oder mittags unauffällig in ihrer Wohnung festnehmen.

Die Odenwaldschule dagegen, und vor allem alle ihre früheren Lehrer und ehemalige Direktoren, waren tabu für die Behörde, die sich eifersüchtig die exklusive Strafverfolgung in Deutschland vorbehält.
Eigenständige Ermittlungen, nachdem bereits seit vier Wochen die Vorwürfe im Raum stehen, Rücktritte und Eingeständnisse vorliegen, gibt es wohl gegen Gesangstars, aber nicht gegen frühere oder aktuelle pädophile Pädagogen.
Die Presse darf die Arbeit erledigen, für die es eine eigene Behörde gibt. Bei ihr und der aufklärungswilligen derzeitigen Schuldirektorin melden sich die früheren Opfer, sofern sie noch leben, vier sollen sich nach aktuellen Berichten das Leben genommen haben.ger neuber

Bereits vor fast zwei Jahrzehnten hat wahrscheinlich neben der Polizei Heppenheim auch die Darmstädter Staatsanwaltschaft kläglich versagt, als Briefe und Beschwerden der Schüler an der OSO nicht ernst genommen worden waren. In trauter Einigkeit mit den Kultusministern Hartmut Holzapfel und Karin Wolff, die nach eigenem Bekunden auch keine Ahnung von den Vorfällen haben wollen, wurde das traurige Kapitel unter einen dicken Teppich gekehrt.

Gegen zehn ehemalige Lehrer ermittelt inzwischen die Darmstädter Strafverfolgungsbehörde, zwei davon sind mittlerweile verstorben. Gern hätte man sich wohl mehr Zeit genommen und eine biologische Aufarbeitung der Fälle vorgezogen. Bedauerlicherweise renne man nun den Informationen hinterher, so Neuber im Interview, die die Odenwaldschule der Presse, aber nicht den Staatsanwälten gebe. „Wir werden auch das prüfen müssen“, sagte Neuber zu den nun öffentlichen Vorwürfen gegen einen zweiten ehemaligen Schulleiter, und die Wortwahl des Sprechers spricht Bände. Hier wird zum Jagen getragen. Meriten kann man sich bei dem Thema nicht erwerben, zumal sich in diesem Zusammenhang weit und breit kein Schlagerstar zur Verhaftung anbietet.< Text und Fotos: Presseagentur -pdh- / Das Foto oben zeigt die Odenwaldschule, das Foto unten zeigt Ger Neuber. Alle Hervorhebungen sind von uns.

Odenwaldschule: Vorstand tritt geschlossen zurück – Immer neue Vorwürfe werden bekannt

Nun scheint es soweit zu sein: Laut ECHO wird der Vorstand des Trägervereins der Odenwaldschule heute seinen Rücktritt erklären.

>Damit (beugt er sich) dem öffentlichen Druck, der nicht nur aus den Reihen der Eltern, sondern auch aus den Reihen der Altschüler kam. Der Beschluss zum Rücktritt soll am Wochenende gefallen sein.<

Eine von Altschülern geplante Demonstration sei damit hinfällig geworden.

Die jetzige Schulleiterin Margaritha Kaufmann befürwortet eine andere Rechtsform für die Schule, sie solle zukünftig nicht mehr von einem Verein getragen werden.

In den letzten Tagen gab es weitere Berichte über die früheren Zustände in der Odenwaldschule, die verbürgt seien und doch unglaublich klingen. [Das eingeblendete Video zeigt einen älteren Bericht der Hessenschau.]

Volker Zastrow, umstrittener Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, leitet seinen langen Artikel (Hänseljagd an der Odenwaldschule) über den Missbrauchskandal mit einem „märchenhaften“ Vergleich ein:

>Hänsel und Gretel verliefen sich nicht im Wald. Sie wurden dort ausgesetzt, von Vater und (Stief-)Mutter. Erst dadurch kommt die Hexe zum Zug. Sie sieht aus wie Stefan George auf seinen späten Fotografien, und sie interessiert sich eher für Hänsel. […]
Am Anfang stehen die Eltern, auch in der modernen Variante des Märchens.
Da ist der Wald nicht finster und bitterkalt, sondern lieblich und licht: der Odenwald, ein naturkultivierter Höhenzug, der in die rebenbedeckten, sonnenverwöhnten Hänge der Bergstraße ausläuft. Die Eltern von Odenwaldschülern sind keine armen Holzhacker. Sie gehören, von denen der Stipendiaten abgesehen, zur Elite des Landes, tragen klangvolle, oft weithin bekannte Namen, sie sind wohlhabend, müssen es sein, schon um das Schulgeld aufbringen zu können, und mitunter sind sie reich.<

Unter den Namen, die Zastrow dann nennt, ist der klangvollste Name der des Bildhauers Andreas von Weizsäcker.
Der inzwischen verstorbene Sohn des langjährigen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker machte an der Odenwaldschule Abitur und legte dort 1976 auch seine Gesellenprüfung als Bau- und Möbelschreiner ab.
Auf die Odenwaldschule kam er, wohl weil sein Vater mit Hartmut von Hentig gut bekannt war. Der wiederum war schon damals der Gefährte von Gerold Becker, Schulleiter an der Odenwaldschule von 1972 bis 1985.
Der letzte Satz in Zastrows Artikel bezieht sich auf den 2008 gestorbenen Sohn des Altbundespräsidenten:

>Als Mann hatte Andreas von Weizsäcker die Odenwaldschule gehasst, so erzählt sein Freund Hänsel, er hasste Becker, er hasste Hentig.<

Mit ‚Hänsel‘ bezeichnet der Autor einen Ex-Schüler, der 1968 als 13-Jähriger aus „großbürgerlicher Eisigkeit‚ von seinen Eltern auf das Internat gesandt wurde und da einen Kameraden fand:

>Es wurde eine Freundschaft für das Leben, mit diesem anderen, der gleichfalls aus der Kälte kam, kein Jurist werden, sondern am liebsten mit den Händen arbeiten wollte: Andreas von Weizsäcker, Sohn des späteren Bundespräsidenten.<

Später wird geschildert, welchen sexuellen Übergriffen ‚Hänsel‘ bzw. ‚Johannes‘ dann ausgesetzt war:

>Johannes kam zum Musiklehrer Held unter das Dach. Auch der war mit seinen Eltern bekannt, über seinen „Adoptivvater“ – eine in den Zeiten der Strafbarkeit von Homosexualität nicht unübliche Form der Legalisierung -, den Zwölftonmusiker Wolfgang Fortner, der seinen „Sohn“ gelegentlich auch in der Odenwaldschule besuchte.
Held war dort seit 1966. Er hatte Johannes, der als hübscher, dunkeläugiger Junge dem „griechischen“ Ideal entsprach, bald angesprochen und zu sich gezogen. […]
Noch mehr als vierzig Jahre später erinnert Johannes sich an dieses erste Mal, dem viele weitere folgten, an den charakteristisch unangenehmen Geruch.
Anderen prägte sich Helds Standard-Frage vor dem Höhepunkt ein: „Soll ich kommen?“, mit denen er sich den Knaben zum Knaben machte.<

Über den inzwischen gestorbenen Musiklehrer schreibt Zastrow:

>Held benutzte nur Kinder in den Anfangsjahren der Pubertät. Im Chor suchte er die Jungs, die noch vor dem Stimmbruch waren, hatten sie etwa das 16. Lebensjahr erreicht, ließ er sie.
Aber für die Kleineren in dieser sogenannten „Familie“ galt das nicht, und wenn man sich, bei einer Dienstzeit von einem knappen Vierteljahrhundert, die Zahl der allein von dem Musiklehrer missbrauchten Schüler hochrechnet, kommt man, zurückhaltend, auf etwa 60 Jungen und eine Mindestzahl von wenigstens 3000 einzelnen Straftaten.
Abends verlebte Held, seiner Hässlichkeit wegen „der Frosch“ genannt, mit seinen Jungs berauschende Abende mit sinfonischer Musik. […]
Held verwandte die Kinder nicht nur für sich, sondern führte einzelne Knaben auch einem befreundeten Verleger zu.<

Andreas von Weizsäckers Freund ist in dem Artikel auch Zeuge für das, was in der „Familie“ von Gerold Becker geschah:

>Johannes, immer sozial engagiert, […] kam aber dadurch zurück ins Herderhaus und unterstand nun der Supervision des Schulleiters Gerold Becker, der im Stockwerk darunter lebte.
Becker pflegte seine Schützlinge, mit eiserner Disziplin jeden Morgen um halb sieben, durch Manipulation des Genitals oder notfalls auch Tätscheln des nackten Hinterns zu wecken. […]
Es war einfach Beckers selbstverständlicher Anspruch, sie derart zu wecken – auch das bestätigen Schüler aus verschiedenen Generationen.<

Einer soll sich einer Lehrerin und auch seinem Paten-Onkel Hellmut Becker offenbart haben. Der bekannte Jurist und Bildungspolitiker Becker war ein Mentor (aber kein Verwandter) von Gerold Becker und soll ihn dann „ins Gebet“ genommen haben: „Das ist gefährlich für die ganze Schule – Sie müssen etwas unternehmen.“ Außer einer Schlafkur habe der aber nichts unternommen.

So entsteht der Eindruck, dass doch eine Reihe von Personen über den sexuellen Missbrauch von Schülern wussten – und schwiegen. Das habe auch für Hartmut von Hentig gegolten. Über ihn heißt es:

>Johannes und andere Mitglieder der Becker- „Familie“
erinnern sich seiner als häufigem Gast, der dort ein- und ausgegangen sei und auch am allmorgendlichen gemeinsamen Nacktduschen mit den Jungen teilgenommen habe; was in der damaligen Zeit und überhaupt in der Reformbewegung freilich als weniger anstößig gegolten haben mag. Aber Hentig habe durchaus auch bei Becker und nicht etwa nur im Gästehaus übernachtet, sogar gemeinsam mit mindestens einem von Beckers Favoriten.<

Im SPIEGEL wundert sich Tilman Jens, Sohn des Literaturhistorikers Walter Jens und früher selbst OSO-Schüler, warum alle, auch er selbst, so lange geschwiegen haben, obwohl „die meisten … gewusst (haben), was Schulleiter und Musiklehrer mit den Mitschülern trieben.“
Er schreibt weiter:

>Gerold Becker hat sich, folgt man erdrückend übereinstimmenden Berichten, während seiner Zeit als Schulleiter – das heißt: von 1972 bis 1985, weit länger als ein Jahrzehnt! – an einer ganzen Kohorte ihm schutzbefohlener Schüler vergangen. Er scheint der Dreh- und Angelpunkt eines widerwärtigen Missbrauchsskandals, den ich in diesem Ausmaß nicht einmal unter klerikalen Kinderschändern vermutet hätte. […]
Die Frage, die mich umtreibt, deren Antwort ich in den vergangenen Tagen aus Erinnerungsbruchstücken zusammenzupuzzlen suche: Was haben wir gewusst damals?
Und vor allem: Warum haben wir den Mund nicht aufgemacht, nachgefragt zumindest. […]
Wir wähnten uns in einem südhessischen Summerhill. Begriffe wie Missbrauch oder Unzucht mit Abhängigen existierten nicht in unseren Köpfen. „Sprengt mit eurem Samen den bürgerlichen Rahmen“, hatten die Studenten in Tübingen skandiert. Das galt es nun im Odenwald ohne Rücksicht auf Verluste umzusetzen.<

Da überraschen die letzten 3 Sätze:

>Die Verantwortlichen des Internats täten nun gut daran einzuräumen, dass dieser Mann kein Ungeheuer ist, sondern – trotz allem – ein großer Lehrer war. Seine zwei Gesichter, die kein Balken wird auslöschen können, gilt es auszuhalten. Eine Herausforderung, gewiss, aber
das Wesen der Odenwaldschule, von der ich nach nur zwei Schuljahren nicht Abschied nehmen konnte und darum für 16 Monate Zivildienst leistete und Hilfselektriker an der Oso wurde, die Einzigartigkeit dieser Anstalt beruht nicht auf Anklage und Abstrafung, sondern auf souveränem Diskurs.<

Behörden & Missbrauchskandal Odenwaldschule: „Was da gelaufen ist, könnte man als Strafvereitelung im Amt bezeichnen“?

Staatsanwaltschaft Darmstadt korrupt?

Im Zusammenhang mit dem Missbrauchskandal an der Odenwaldschule gerät derzeit auch eine Behörde (buchstäblich) in den FOCUS, die uns hier bekannt ist – sattsam bekannt, sollte man hinzufügen: Die Staatsanwaltschaft Darmstadt.
Zweifelsfrei gibt es auch dort korrekte Mitarbeiter – so wie an der Odenwaldschule selbst unter der Leitung des nun als Straftäter geouteten Gerold Becker die Mehrheit der Lehrer korrekt tätig war.
Doch es gibt manche, die der deutschen Justiz generell ein mehr oder weniger institutionalisiertes System des ‚Missbrauchs‘ vorwerfen.
Nicht des sexuellen Missbrauchs, sondern des Rechtsmissbrauchs.
(Unter dem Vorsitz von Horst Trieflinger gibt es sogar seit langer Zeit schon einen Verein gegen Rechtsmissbrauch mit Sitz in Frankfurt.)
Wer als einfacher Bürger auch nur einmal erlebt hat, wie eine übermächtige Institution durch fortgesetzten Rechtsbruch sogar seine Grundrechte, seine bürgerliche Integrität außer Kraft setzen kann, weiß, dass das Wort vom Missbrauch nicht zu hoch gegriffen ist.
Die Allmacht der anderen Seite und die Ohnmacht der eigenen, die Erschütterung des elementaren Rechtsvertrauens, ein Gefühl von Schutzlosigkeit und Entwürdigung – all das können sexueller Missbrauch und Rechtsmissbrauch gemein haben.
Die Täter innerhalb der Justiz lassen ihre Hosen normalerweise allerdings nicht herunter. Im Gegenteil: Oft verleiht ihnen gerade die zur Dekoration übergeworfene Robe jenes Gefühl von Überlegenheit und Allmacht, das auch bei sexuellem Übergriff und Missbrauch im Spiele ist.
Aber zurück zur Staatsanwaltschaft Darmstadt: Thorsten Kahl, Anwalt eines an der Odenwaldschule Missbrauchten, soll in Bezug auf die Staatsanwaltschaft Darmstadt geäußert haben: „Was da gelaufen ist, könnte man als Strafvereitelung im Amt bezeichnen„.
So ist es nachzulesen in einem aktuell Artikel von Jörg Schindler in der Frankfurter Rundschau („Was taten die Behörden?„). Ohne die genauen Gründe zu kennen, kann man es sich doch leicht vorstellen.
Wer in Südhessen Macht und Einfluss hat, oder auch nur mächtige, einflussreiche Freunde, hatte bei dieser Behörde meist gute Karten.

Nachfolgend ein längeres Zitat aus Schindlers Artikel:

>Sowohl die Behörde als auch die Staatsanwaltschaft seien 1999 „von einem Täter und zwei Opfern ausgegangen„. Hinweise auf weitere Beteiligte hätten die Ermittlungen nicht ergeben. Diese wurden dann auch schnell eingestellt. Offiziell wegen Verjährung.
Das ist merkwürdig: Schon im Juni 1998 hatten zwei Missbrauchsopfer in einem Brief an den damaligen OSO-Rektor Wolfgang Harder davon gesprochen, dass es noch mehr Betroffene gebe.
In dem Schreiben, das der FR vorliegt, heißt es: „In dieser Zeit wurden wir – und wir sind leider nicht die einzigen – Opfer sexueller Übergriffe seitens Gerold Beckers.“
Denselben Satz übermittelte Harder auch eineinhalb Jahre später an das Staatliche Schulamt für den Kreis Bergstraße. Die Frankfurter Rundschau wiederum hatte in ihrem Bericht über die Vorgänge fünf frühere OSO-Schüler mit Vorwürfen über sexuellen Missbrauch zitiert.
Von Anfang an also stand der Verdacht im Raum, dass es an der Schule zu deutlich mehr sexuellen Übergriffen gekommen war.
Ein Verdacht, der 1999 durchaus strafrechtliche Konsequenzen hätte haben können. Becker nämlich war bis 1985 im Amt. Hätte man einen Schüler gefunden, der in diesem Jahr als 13-Jähriger von ihm missbraucht wurde, wäre dessen Fall erst im Jahr 2000 verjährt gewesen.
Sexueller Missbrauch nämlich verjährt in der Regel erst zehn Jahre, nachdem das Opfer volljährig wurde. Aber nach solchen oder anderen Fällen wurde offenbar nicht gesucht.
Einer der Schüler, die den OSO-Skandal seinerzeit ins Rollen brachten, sagte der FR: „Bei uns hat sich 1999 niemand gemeldet, mit uns hat niemand gesprochen.“ Warum nicht? „Das ist nach zehn Jahren nicht mehr so einfach zu klären“, sagte Klaus Reinhardt, der Sprecher der Staatsanwaltschaft, auf Anfrage. Die Akten seien vernichtet. Wieso die betroffenen Schüler seinerzeit nicht kontaktiert worden seien, sei ihm ein Rätsel: „Die hätten in dieser Situation vernommen werden müssen.< Bild

Von „entbehrlichen Vernehmungen“ weiß man in Südhessen.
Wer dies bei Google als Suchbegriff eingibt, erhält als ersten Treffer eine „Odenwald Geschichte“, die gleichzeitig auch ein Justizskandal war – mit direkter Verantwortung der Staatsanwaltschaft Darmstadt.
Die hatte damals gegen Mitarbeiter des früheren (fast ‚allmächtigen‘) Landrats Horst Schnur „ermittelt“ – wegen Verdachts der Unterschlagung und der Urkundenunterdrückung. Schnur wollte (aus welchen Gründen wohl?) eine Vernehmung der beiden Mitarbeiter verhindern. Eine Vernehmung sei „entbehrlich“.
Klar doch, was dann schwarz auf weiß in einem Vernehmungsprotokoll steht und was überdies Widersprüche zwischen zwei sich unterschiedlich rechtfertigenden Beschuldigten hervorbringt, ist eben „entbehrlich“ bzw. unerwünscht.
Letztendlich hatte Schnur (nach einer personellen Rochade) Erfolg: Seine hauptbeschuldigte Mitarbeiterin wurde in dem jahrelang laufenden „Ermittlungsverfahren“ niemals vernommen – die Staatsanwaltschaft bzw. die ihr zuarbeitende Polizei hatte also ihre allerelementarste Hausaufgabe in einem Strafverfahren nicht gemacht.
[Einen Oberstaatsanwalt Dr. Kind hielt dies später nicht davon ab, dann in gleicher Angelegenheit allen Ernstes von einem angeblich „vielfach durchgekauten Sachverhalt“ zu sprechen.]

Da in der Lokalpresse niemand über dieses Strafverfahrend berichten durfte, wurde dort auch nie die Frage gestellt, ob der damals mächtigste Mann im Odenwaldkreis möglicherweise so etwas wie „aktiven Täterschutz“ betrieb.
Die in dieser Sache verantwortliche Abteilung der Staatsanwaltschaft Darmstadt wurde von einem Oberstaatsanwalt geleitet, der zugleich ein kommunalpolitisch aktiver Parteifreund des Ex-Landrats war.
Muss man es noch eigens feststellen? Das für den Landrat so peinliche „Ermittlungs“-Verfahren gegen seine Mitarbeiter wurde nach mehreren Jahren natürlich eingestellt.
Angeklagt wurde vor dem Amtsgericht Michelstadt schließlich jener Bürger, der Schnurs Mitarbeiter angezeigt hatte. Er habe sich angeblich der „falschen Verdächtigung“ und der „Verleumdung“ schuldig gemacht.
Die in der Abteilung des ‚parteifreundlichen‘ Oberstaatsanwaltes gefertigte „Anklageschrift“ dürfte eine der kürzesten, dümmsten und dreistesten gewesen sein, die es jemals in der deutschen Rechtsgeschichte gab. Eventuell wird sie deswegen noch in das Guinness Buch der Rekorde aufgenommen.

Die beabsichtigte Verurteilung des Bürgers misslang übrigens. Er musste am Ende freigesprochen werden.
Der auch in dieser Sache häufig (erfolglos) tätig gewordene Rechtsdirektor des Landrats wurde bald darauf kaltgestellt.
Zuletzt erinnerte der Betreiber der Presseagentur -pdh- in seinen Silvesterspitzen 2009 / 2010 an das Schicksal des Odenwälder Juristen:

>Das gibt’s wohl nur im diesen Landkreis: bereits weit über drei Jahre arbeitet ein Rechtsdirektor bei vollen Bezügen beziehungsweise eher nicht, weil er von seinem Amt suspendiert ist.
Aus Angst vor Übergriffen seiner eigenen Behörde auf sich selbst wegen unbotmäßigen Verhaltens hatte er sich zunächst in den entferntesten Zipfel des EU-Raumes geflüchtet.
Der “Mann fürs Grobe” soll am Ende nicht grob genug für sein Amt gewesen sein.<

Die eingeblendeten Dokumente zeigen, wie die Staatsanwaltschaft Darmstadt reagieren kann, wenn sie mit Vorwürfen (Strafvereitelung? Rechtsbeugung? Korruption?) konfrontiert wird.
Die dort (am Schreibtisch) Tätigen wissen um ihre Machtstellung und dass gewöhnlich einer dem anderen schon kein Auge auskratzen wird, auch nicht bei der Generalstaatsanwaltschaft.
Entsprechend ‚hoheitlich‘ und phrasenhaft fallen ihre Verlautbarungen dann aus – selbst gegenüber Personen, die ihnen an Intelligenz und Integrität möglicherweise um einiges voraus sind.

Odenwaldschule: Ex-Direktor Gerold Becker gesteht und bedauert sexuellen Missbrauch von Schülern

Gerold Becker - Archivfoto der Odenwaldschule

… in einem kurzen Brief an den Vorstand und die Leitung der Odenwaldschule. Der (vollständige?) Inhalt von Gerold Beckers Schreiben wird in einem aktuellen Artikel des Darmstädter Echo wiedergegeben.

>Schüler, die ich in den Jahren, in denen ich Mitarbeiter der Odenwaldschule war (1969-1985), durch Annäherungsversuche oder Handlungen sexuell bedrängt oder verletzt habe, sollen wissen: Das bedaure ich zutiefst und bitte sie dafür um Entschuldigung.
Diese Bitte um Entschuldigung bezieht sich ausdrücklich auch auf alle Wirkungen, die den Betroffenen erst später bewusst geworden sind.
Personen und Institutionen, mit denen ich in den vergangenen 40 Jahren zusammengearbeitet habe und die durch mein Verhalten beschädigt worden sind, bitte ich ebenfalls um Entschuldigung. Die von mir vor zwölf Jahren geäußerte Bereitschaft zu einem Gespräch mit betroffenen Schülern wiederhole ich noch einmal.<

Damit entspricht Becker (s. Bild links) einer Aufforderung seiner früheren Schülerin Amelie Fried.
Ihr bewegender Text, der vor 5 Tagen in der FAZ erschien, endete mit diesen Worten:

>Mein zweiter Text würde sich deshalb am Ende an den Hauptverantwortlichen für den Missbrauchs-Skandal an der Odenwaldschule wenden, an Gerold Becker: War das, was Du uns auf der OSO beigebracht hast, ernst gemeint? Konflikten nicht aus dem Weg gehen. Sich für andere einsetzen. Mutig sein. Dann gehe Konflikten nicht aus dem Weg! Sei mutig! Entschuldige dich und bitte Deine Opfer um Verzeihung!
Dann wäre die Odenwaldschule, die für manche die Hölle war und für andere die Rettung, wieder die Schule, auf die wir stolz sein können, „unsere OSO“.<

Doch das Geständnis und die Entschuldigung von Becker allein wird die Unschuld der Odenwaldschule nicht wiederherstellen. Nichts wird wieder so sein, wie es war.

Das lässt sich bereits erahnen, wenn man den Echo-Bericht von Hans Dieter Erlenbach liest. Der schreibt zuletzt:

>Unterdessen wächst der Druck auf den Vorstand des Trägervereins der Odenwaldschule. Dieser weigert sich noch immer, während der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 27. März zurückzutreten und den Weg für Neuwahlen freizumachen, wie es Schulleiterin Margarita Kaufmann fordert.
Unterstützt wird Kaufmann durch einen einstimmigen Beschluss der Lehrerkonferenz, durch die an der Schule organisierten Altschüler und durch ehemalige Missbrauchsopfer.
Nach Informationen des ECHO macht jetzt auch der Elternbeirat mobil. Er will dem Vorstand wohl das Misstrauen aussprechen. Sollte er sich weigern, seine Ämter zur Verfügung zu stellen, wollen die Eltern damit drohen, ihre Kinder von der Schule zu nehmen. Die Mitglieder des Vorstands scheuen offenbar die Öffentlichkeit. Zahlreiche Versuche, sie telefonisch zu erreichen, scheiterten.<

Angeblich planen einige der früheren Schüler auch eine Demonstration, um den Rücktritt der Vorstands zu erzwingen.

Wie die Frankfurter Rundschau schreibt, sieht sich nun auch das hessische Kultusministerium und die Staatsanwaltschaft Darmstadt Vorwürfen ausgesetzt:

>Das tatsächliche Ausmaß des Skandals blieb seinerzeit jedoch im Verborgenen, auch weil einflussreiche Weggefährten Beckers eine schonungslose Aufklärung zu verhindern verstanden.
Der Anwalt eines Opfers warf am Freitag zudem dem hessischen Kultusministerium und der Staatsanwaltschaft Darmstadt skandalöse Untätigkeit vor.<

Sollte sich herausstellen, dass die Tätigkeit oder Untätigkeit der Staatsanwaltschaft Darmstadt tatsächlich auch in diesem Fall skandalös war, es würde nicht verwundern.
Wer sich ein Bild davon machen möchte, wie in dieser („Ermittlungs“-) Behörde vorgegangen wird, wenn die Interessen „einflussreicher“ Personen tangiert sind, möge die folgenden Artikel lesen:

 

Einige Fragen wurden bislang auch in der Causa „Gerold Becker“ kaum oder gar nicht gestellt. War der Theologe, Pädagoge und Pädophile Mitglied einer bestimmten Partei?
Eine bestimmte Parteizugehörigkeit konnte in Südhessen nämlich schon immer Wunder wirken. Gerade bei der Staatsanwaltschaft Darmstadt, wo gleich mehrere Abteilungen von parteipolitisch aktiven Oberstaatsanwälten geleitet wurden.
Auf der Website der Frankfurter Rundschau gibt es zu einem sehr interessanten Bericht („Die Schutzmauer um die Odenwaldschule„) eine interessante Zusatzfrage einer Leserin: „Wer gehörte denn noch … zu der Schutzmauer um die Odenwaldschule?
Zumindest im Fall von Gerold Becker könnte nicht nur ein Kollege (und Nachfolger) „aktiven Täterschutz“ betrieben haben, auch (Partei-) Freunde da oder dort könnten schützende Hände ausgehalten haben.

Vor 8 Jahren machte ein anderer Fall Schlagzeilen im Odenwaldkreis. Ein Lehrer der Georg-August-Zinn-Schule Reichelsheim (GAZ) hatte seine Kollegin im Vorbereitungsraum für den Biologie-Unterricht vergewaltigt. Angeblich war der als Alkoholiker bekannte Mann in den Jahren zuvor von einem politisch einflussreichen Freund protegiert worden.

BildDas Odenwälder Echo schrieb am 4. Januar 2002:

>Der Vorwurf wiegt schwer. Er richtet sich gegen einen 42 Jahre alten Lehrer aus dem südlichen Odenwaldkreis. Der Pädagoge soll am 28. August vorigen Jahres in einer Schule im zum selben Landkreis gehörenden Teil des Gersprenztals eine siebenunddreißigjährige Kollegin während der Unterrichtszeit vergewaltigt haben. Der entsprechende Verdacht hat sich inzwischen so erhärtet, dass die Staatsanwaltschaft Darmstadt Anklage erhoben hat. Vorgeworfen wird dem Lehrer schwere sexuelle Nötigung.
Diesen Sachstand hat am Donnerstag Oberstaatsanwalt Klaus Reinhardt, der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft, auf Anfrage dieser Zeitung mitgeteilt. Der Anklage zufolge kam es an einem Dienstag im Spätsommer vergangenen Jahres zwischen 11 und 11.30 Uhr im Vorbereitungsraum für den Biologie-Unterricht zu dem Sexualverbrechen, bei dem sich die Lehrerin energisch zur Wehr gesetzt habe. Erst zwei Tage nach dem Tatgeschehen, bei dem das Opfer Verletzungen im Intimbereich erlitten haben soll, traute sich die Siebenunddreißigjährige, den gravierenden Vorfall bei der Polizei anzuzeigen.<

Das eingeblendete Bild der Genios-Trefferliste zeigt die Schlagzeilen des Darmstädter Echo und der Frankfurter Rundschau vom 25. Juni 2002.

Beistand für Gerold Becker: Schriftsteller Adolf Muschg beklagt „Kampagne“ gegen Ex-Leiter der Odenwaldschule

BildMuschg schreibt dies in einem heute im Tagesspiegel erschienen Gastkommentar unter dem Titel „Nähe ist ein Lebensmittel, kein Missbrauch„.
Der Schweizer Schriftsteller wundert sich, dass eine solche Kampagne „menschenmöglich“ ist und sieht sich (indirekt) an die chinesische Kulturrevolution und das Dritte Reich erinnert.
Damit setzt er einen bemerkenswerten Kontrapunkt, wundern sich doch die allermeisten darüber, dass die Becker vorgeworfenen Taten gewissermaßen „lehrermöglich“ waren.
Wundern muss man sich auch, dass Adolf Muschg einen Mann rechtfertigt, der doch selbst bis heute nahezu nichts zu seiner Rechtfertigung sagen konnte oder wollte.
Zuletzt hatte Muschgs Kollegin Amelie Fried in einem Beitrag für die FAZ Fragen an Becker gerichtet:

>War das, was Du uns auf der OSO beigebracht hast, ernst gemeint? Konflikten nicht aus dem Weg gehen. Sich für andere einsetzen. Mutig sein. Dann gehe Konflikten nicht aus dem Weg! Sei mutig! Entschuldige dich und bitte Deine Opfer um Verzeihung! Dann wäre die Odenwaldschule, die für manche die Hölle war und für andere die Rettung, wieder die Schule, auf die wir stolz sein können, „unsere OSO“.<

Im Gegensatz zu Muschg weiß Fried, wovon sie schreibt. Sie war Schülerin der Odenwaldschule – zu einer Zeit, als Gerold Becker deren Leiter war.
Sie kann keinen Missbrauch bezeugen, der von dem Schulleiter direkt verantwortet wurde.
Was sie über ihren damaligen Lehrer und ‚Familienvater‘ schreibt, genügt freilich, um das „System Becker“ besser zu begreifen:

>Ich (muss) mich daran erinnern, wie mein „Familienvater“ sich zu uns in den Mädchen-Duschraum gedrängt und uns zu Strip-Poker-Runden in seiner Wohnung genötigt hat. Wie er mich höhnisch als „verklemmte schwäbische Spießerin“ bezeichnete, als ich sagte, dazu hätte ich keine Lust. Wie ich mich diesem Druck schließlich beugte, mich furchtbar schämte und die Erinnerung daran für Jahrzehnte verdrängte.
Bestimmt haben mich diese Vorfälle nicht nachhaltig traumatisiert, aber wenn ich heute daran denke, spüre ich wieder die Scham und das Gefühl, in meiner persönlichen Würde verletzt worden zu sein. Was hätte ich tun sollen? Kein Jugendlicher möchte als verklemmt oder spießig gelten, nichts ist in dieser Zeit schlimmer, als aus der Peergroup ausgeschlossen und zur Zielscheibe des Spotts zu werden. […]
Als Kind oder sehr junger Jugendlicher will man nicht glauben, dass ein Lehrer, der ja ein Vorbild ist und ansonsten auch ein netter Kerl, etwas Unrechtes tut. Lieber gibt man sich selbst die Schuld. So kam auch ich bald zur Überzeugung, gemeinsames Duschen und Strip-Poker seien normal und gehörten eben dazu, und dass ich es unangenehm fand, sei eben mein Problem, das Problem einer verklemmten schwäbischen Spießerin. Nach allem, was ich inzwischen weiß, ging es den missbrauchten Schülern ähnlich.<

Dazu Muschg aus räsonierender Absenz:

>Ich entschuldige Gerold Becker nicht – das wäre die reine Anmaßung. Ich habe aber auch keinen vernünftigen Zweifel daran, dass „Missbrauch“ das letzte Wort ist, das zu seiner Praxis als Lehrer passt. Nähe ist ein Lebensmittel, kein Missbrauch. Wenn er damit Schülern nahegetreten sein sollte, kann ich mir dafür keinen strengeren Richter denken als ihn. Den Schuldspruch des Vorurteils hat er nicht verdient; seine Anprangerung hat eine intelligente Öffentlichkeit nicht nötig.<

Gegenüber der Schweizer Zeitung „Der Bund“ erklärt Muschg noch einmal seine Position in dieser Sache:

>Ich bin inzwischen alt genug, um erfahren zu haben, welcher Umschläge der Zeitgeist fähig ist, und empfinde es als meine Pflicht, daran zu erinnern, wenn man einen Menschen heute schindet und pfählt, über den man gestern noch Hosianna gerufen hat. Gerold Becker hat das eine so wenig verdient wie das andere. Er wird nicht angeklagt, er wird besudelt, und wer sich da aufs Zuschauen beschränkt, macht sich mitschuldig. […]
Gerold Becker kenne ich seit einigen Jahren, mit Hartmut von Hentig bin ich schon vier Jahrzehnte befreundet. Aber ich betrachte meinen Text nicht als Freundschaftsdienst. […]
Als ich vierzig war, wurde eine befreite Sexualität als Durchbruch zu einer neuen Kultur gefeiert – es war die Zeit der Utopien, und sie haben vor der Beziehung zwischen den Generationen nicht Halt gemacht, so wenig wie denjenigen der Geschlechter. Der Glaube an ein neues Paradies war naiv und sogar missbräuchlich, wenn Sie die Zwei- und Vieldeutigkeit des Erotischen betrachten – aber ebenso missbräuchlich ist es, das Paradies heute als Hölle zu qualifizieren und die Gläubigen von gestern als Kinderschänder zu behandeln.<

Muschg, zu Anfang der 60er-Jahre Deutschlehrer an einer Oberrealschule, ist nicht der Einzige, der Gerold Becker beispringt.

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Mit Hartmut Barth-Engelbart äußerte sich jetzt ein gebürtiger Odenwälder, der es an Ruhm zwar bei weitem nicht aufnehmen kann mit dem Schweizer, aber sich doch auf die Kunst der kalkulierten Provokation mindestens so gut versteht wie Muschg.

Barth-Engelbart ist seit Jahrzehnten ohne jede Abirrung Kommunist, mit Worten kämpft er gegen den Kapitalismus, die USA und Israel und deren Feinde sind ihm nicht selten ferne Freunde (Ahmadinedschad, Mugabe und andere).
Seine Bitterkeit über Legionen von früher Linken, die in der Schlacht gegen das Kapital und überhaupt gegen das Böse allesamt fahnenflüchtig wurden oder die Seite wechselten, gießt der Dichter Barth-Engelbart in viele Verse.
Sein charakteristisches Stilmittel sind Wort- und Buchstabenspiele, deren Bedeutung sich zum Teil nur ‚Wissenden‘ mit ganz linker Vita erschließt.
Nun erhebt Barth-Engelbart, der ebenfalls als Lehrer an (Grund-) Schulen arbeitete, auf seiner Homepage sein mächtiges Wort gegen den „Missbrauch des Missbrauchs„.
Finstere Kräfte des Kapitals und deren literarische Söldner (Broder, Götz Aly, Gerd Koenen – allesamt linke Renegaten) wollten „Kuschelpädagogen“ (von Hentig, Jouhy und Co.) und „Kommunisten“ bzw. Alt68er zu Schuldigen erklären.
In waffenbesetzter Metaphorik konkludiert er:

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Man wüsste gerne, wie das von denen verstanden wird, deren physische und psychische Integrität in dieser oder jener Form von Becker und anderen lustgetrieben missachtet wurde.
Dem fehlt heute krankheitsbedingt zwar die Luft, aber deswegen müssen ihm nicht auch die Worte fehlen. Bevor andere ihn erklären, sollte er sich selbst erklären.

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Nachtrag: Schon vor zwei Tagen erschien in der WELT ein Text, diesmal von Josef Haslinger, einem österreichischen Literaten, der nicht minder kontrovers diskutiert werden dürfte: „Jetzt bloß keine Hexenjagd

Die Redaktion schickt voraus: „Dieser Text ist eine Grenzüberschreitung. Er hat auch in der Redaktion Diskussionen ausgelöst. Weil er provoziert und Gefühle verletzen könnte. Wir drucken ihn als Dokument.“

Haslinger schreibt, dass er im Alter von 12 Jahren von seinem Religionslehrer sexuell angegangen wurde. Als „grenzüberschreitend“ und „provozierend“ sah die Redaktion wohl Sätze wie diese:

>Ich muss mir heute eingestehen, dass es viele Möglichkeiten gegeben hätte, die damaligen sexuellen Kontakte abzuwehren und zu unterbinden. Ich habe diese Möglichkeiten nicht genutzt. Ich habe mich nicht gerade angeboten, dazu war ich zu schüchtern, aber ich habe, nach den ersten unerwarteten Annäherungen, schnell gesehen, wer aus einer bestimmten Neigung heraus sich umschaute. Und ich bin solchen Annäherungen nicht ausgewichen, sondern ich habe sie in gewisser Weise als Auszeichnung empfunden. […]
Ich verstehe, dass die Gesellschaft Pädophilen keinen Freibrief ausstellen kann. Aber ich weiß auch, dass sie zärtlich sind, fürsorglich, liebevoll und weitaus weniger egoistisch als man sich das gemeinhin vorstellt. Sie hätten das gar nicht nötig, weil es Kinder gibt, die sich mit Neugier darauf einlassen. Ich wurde von diesen Erwachsenen sicherlich ausgenutzt, aber ich fühlte mich auch ernst genommen.<

Bitter dagegen klingt, was Bodo Kirchhoff im SPIEGEL über den als Kind erlittenen Missbrauch schreibt:

>Ich war zwölf, und ich war schmutzig – verdorben, sagte man damals, nicht ahnend, wie treffend dieses Wort ist. Einerseits war ich nach Winnetou nie in Gefahr, mich auf andere Jungs oder später auf Männer zu werfen (obwohl mir Männer gefallen können), denn das Internat war zum Glück gemischt, und irgendwann gab es eine Mitschülerin und das dichte Schilf am Untersee; andererseits hat meine Sexualität bis heute etwas Verwahrlostes, einen Mangel an Verbindlichkeit, dem ich ständig sprachlich zu begegnen versuche. Ich habe sogar mein Studium danach ausgesucht (Psychoanalytische Pädagogik rauf und runter), und auch meinen Beruf – ohne dass ich eine Wahl gehabt hätte und ohne dass Schriftsteller ein echter Beruf wäre (eher eine noble Tarnung eigener Schwäche). Ein lebenslanges faustisches Bemühen, kann man sagen, um das sprachlose Schwanzkind durch Erkenntnis zu retten.<

Missbrauch an Odenwaldschule: Direktorin Kaufmann spricht von „aktivem Täterschutz“ – Bislang 33 Opfer

oso 11 mz 2010 kaufmann> Heppenheim (pdh) Eine ausweichende Antwort ist auch eine, so darf getrost die Replik gedeutet werden, die Schulleiterin Margarita Kaufmann einem Journalisten gab, der während der Pressekonferenz am Donnerstag nach den fehlenden Mitgliedern des Vorstands der Odenwaldschule fragte. Sie sei immerhin im Vorstand, und der anwesende Geschäftsführer der Odenwaldschule, Meto Salijevic, ebenso.

Die Antwort ging selbstverständlich an der Frage vorbei, denn natürlich wollte die Presse wissen, warum die Vorsitzende Sabine Richter-Ellermann und ihre weiteren Vorstandsmitglieder nicht zur Pressekonferenz gekommen waren, nachdem in den letzten Tagen von kompletten Rücktritt des Vorstands berichtet worden war, dieser anscheinend jedoch überhaupt nicht daran denkt, die Verantwortung für die Vertuschung während der letzten Jahre zu übernehmen.

Stattdessen wird kolportiert, dass die offensive Aufarbeitung des Missbrauchsskandals durch die heutige Schulleitung nicht die ungeteilte Zustimmung des Gesamtvorstands findet.

Im Rahmen einer Pressekonferenz an der Odenwaldschule in Heppenheim hat Schulleiterin Margarita Kaufmann am Donnerstag weitere Details des Skandals veröffentlicht. Sie beschuldigte ihren Vorgänger Gerold Becker schwerer Vergehen und hatte dabei Mühe, Tränen zurückzuhalten.

Wir haben die ehemaligen Schüler um Vergebung gebeten„, sagte sie in der Pressekonferenz. „Die Schule hat große Schuld auf sich geladen. Nichts kann das Leid ungeschehen machen.“

Bis zum Donnerstag haben sich 33 ehemalige Schüler gemeldet und von Missbrauch berichtet, davon etwa 40 Prozent Mädchen. „Was wir gelesen und gehört haben, hat uns verstummen lassen„, sagte Margarita Kaufmann am Donnerstag. oso 11 mz 2010 medien

,,Wir sind zutiefst erschüttert„, sagte die Schulleiterin unter Tränen, ,,und sind beschämt, was an unserer Schule jungen Menschen angetan wurde. Wir sind betroffen über das Leid, das ihnen zuteil wurde.“

Man wisse, dass der frühere Schulleiter von Schülern und Eltern darauf angesprochen worden war, dass ein Lehrer Übergriffe an Jugendlichen durchführte.
Der Schulleiter habe diesen Lehrer geschützt. ,,Das war aktiver Täterschutz„, sagte die Schulleiterin. Die Missbrauchsvorgänge sollen sich von den sechziger Jahren bis 1991 zugetragen haben.<
Text und Fotos: Presseagentur -pdh- [Links und Hervorhebungen von uns]

pdh-Anmerkung zum obigen Foto: „v.l. Max Priebe, Schülervertreter, schreibt einen Tag nach der PK seine Biologie-Abiturarbeit, Schulleiterin Margarita Kaufmann entschuldigt sich bei den Opfern, Uwe Klotzsch, Didaktischer Leiter der Odenwaldschule in der Pressekonferenz“

Auf der Wikipedia findet aktuell eine interessante Diskussion statt. Wikipedia-Autor ‚Cethegus‘ möchte den Artikel über Gerold Becker löschen. Es fehle dem Artikel „am nötigen Gehalt“.
Dies wird nun umfassend und kontrovers diskutiert.

Einer meint:

>Gerade als ein Pädagoge, der sich entschieden der Reformpädagogik zugehörig fühlt, und zudem als – nach Fremd- und Selbsteinschätzung – „linker“ Pädagoge, zu allem Überfluss auch Bewunderer Hartmut von Hentigs, plädiere ich nachdrücklich (!!!!!) für die Beibehaltung des Stichworts Gerold Becker. Es kann überarbeitet werden, aber weder seine Verdienste noch die Verdächte dürfen verschwiegen werden. Das hat nichts mit einem Verstoß gegen die Unschuldsvermutung zu tun; vielmehr ist es doch einfach skandalös, dass GB sich der Aufklärung (ein Begriff, dem er sich selbst verpflichtet fühlte, so oft ich ihn traf oder las) 1999 druch sofortige Flucht aus der Linie entzogen hat und nichts, aber auch gar nichts getan hat, um seiner Nachnachfolgerin alle diese Peinlichkeiten und seiner Odenwaldschule – und dem Andenken an Geheeb und Minna Specht – diese Belastung zu ersparen. <

Ein „regional vor Ort Wohnender“ schreibt:

>Unbedingt behalten Relevanz der Person ist gegeben – und das sage ich nicht nur als regional vor Ort Wohnender. Aufgrund seiner langen Amtszeit als Schulleiter hat er nachhaltig die Odenwaldschule geprägt.
Die Ausgestaltung des Artikels und zu dem Missbrauchsvorwurf sollte unabhängig von dem Löschantrag diskutiert werden. Vielmehr betrachte ich die Relevanzfrage und den LA als klammheimlichen, aber vergeblichen Versuch den „lästigen“ Missbrauchsvorwurf von der Person Gerold Beckers fernzuhalten und den Vorwurf über diesen „eleganten“ Weg auszuhebeln.
Bei aller Pikanterie tut schonungslose Offenheit und Aufarbeitung not. Öffentliches Benennen der sexuellen Ausrichtung einer Person ist bei Missbrauchsvorwürfen o.ä. meines Erachtens gegeben.<

Pädagogik und Pädophilie: Geht die Odenwaldschule am Sexskandal zugrunde?

BildDie Odenwaldschule hat einen gewaltigen Imageschaden erlitten. Er wird an ihr haften, auch wenn der Missbrauch von Schülern Vergangenheit ist.
Es spricht einiges dafür, dass sie zumindest in ihrer jetzigen Form nicht überleben wird.
Der frühere Schulleiter Wolfgang Harder regte laut taz an

>das Internat im hessischen Oberhambach aufzulösen und neu zu gründen. „Das System Internatsschule ist als Ganzes in Frage gestellt„, sagte Wolfgang Harder, der 1999 an der Aufklärung des ersten Missbrauchsskandals beteiligt war.< [Anm.: Letzteres erscheint fraglich.]

Wer wird sein Kind für viel Geld noch auf ein Internat schicken, wenn dessen Zukunft ungewiss ist und zudem die spätere Erwähnung im Lebenslauf an einen konkreten oder auch nur diffusen Makel erinnert?

Sinkt schließlich die Zahl der Anmeldungen, kommt schnell eine Abwärtsspirale in Gang, die kaum noch umzukehren ist.
Das dürfte bitter sein für viele frühere Schüler, die sich gerne an ihre Zeit in Oberhambach erinnern.
Das nämlich wird aus den gegenwärtig fast 500 Kommentaren deutlich, die sich im Internet unter der Adresse misalla.wordpress.com finden.
Wer sie liest, sieht einerseits die Missbrauchsvorwürfe gegen den früheren Schulleiter Gerold Becker mehrfach bestätigt, andererseits zeigt sich in vielen Kommentaren auch bleibende Verbundenheit mit und Wertschätzung für die bei Heppenheim gelegene Einrichtung.
Auch etwas anderes überrascht: Nach ‚Elite‘ klingt nahezu nichts, was da von Ehemaligen zu lesen ist.
Einer witzelt sogar, er sei „Inhaber des Hambacher Not-Abiturs„.
Egal wie gut sie damals waren oder heute sind, sicher ist nur: Die Eltern der OSOianer hatten Geld.
Da verwundert es auch doppelt, dass sie von den Zuständen unter dem damaligen Rektor Becker scheinbar nichts erfuhren – oder ignorierten, was tatsächlich erfahr- und hörbar war.

Der schon 1999 in der Frankfurter Rundschau berichtete Skandal, der erstaunlicherweise erst jetzt, 10 Jahre später, in allen Medien und in aller Munde ist, ist nicht nur für die Schule selbst ein Desaster.
Auch der Odenwald, an dessen westlichem Rand sie liegt, kommt schlecht weg. Ist er sonst schon kaum bekannt, verbindet sich sein Name nun ausgerechnet mit einem Missbrauchsskandal.
Das wenige, was da in Südhessen wirklich vorbildlich erschien, eine renommierte Schule oder auch ein wegweisendes „Bioenergie-Dorf“: Alles Lüge, jedenfalls partiell.

Immerhin ist der Odenwald jetzt dort, wo er sonst nahezu nie ist: In den Schlagzeilen, sex sells.
Erste Meldung in den Abendnachrichten des ZDF – aus dem Mund von Petra Gerster. Haufenweise Artikel auf SPIEGEL ONLINE und ebenso ein Forum. Direkt daneben eine Anzeige, die für „unbeschwertes Lernen“ in der Odenwaldschule wirbt.
Selbstverständlich ist auch BILD dabei: „In dieser Schule stand Missbrauch auf dem Stundenplan
Jörg Schindler war der erste, der in der Frankfurter Rundschau von dem Skandal berichtete.
Lesenswert ist sein letzter Artikel zum Thema: „Wer protestierte, wurde als Spießer geächtet„.

In einem Kommentar behauptet ein Leser (wok1234):

>Die Heppenheimer Polizei wusste seit Jahrzehnten von den sexuellen Missbräuchen an der Odenwaldschule. Ich habe damals bei der Polizei in Heppenheim angerufen und um Aufklärung der Vorwürfe an der Odenwaldschule gebeten. Doch es ist – nichts – passiert!<

[In der Tat eine der interessantesten Fragen: Wer schaute warum weg? Hielt jemand sogar schützend seine Hände über Gerold Becker, der später auch als Berater im Hessischen Kultusministerium unterwegs war?]

Auf Facebook, natürlich, finden sich in der Gruppe OSOaner endlos viele Informationen und eine kaum überschaubare Zahl von gegenwärtigen oder früheren Schülern und Lehrern. So plakatiert sich die Gruppe:
Einst eines der kühnsten Bildungsprojekte seiner Zeit, heute das einzige Internat mit integrierter Gesamtschule. Eine außergewöhnliche Schule wird hundert!

Auf Telepolis weitet Rudolf Maresch seine kritischen Betrachtungen auf die gesamte Reformpädagogik und den Rousseauismus aus: „Knabenliebe zum pädagogischen Prinzip erhoben„.
Er schreibt:

>Brisant werden die Vorfälle, Ereignisse und Übergriffe aber erst mit dem Namen des Beschuldigten. Geleitet wurde die Odenwaldschule in den Jahren 1972-1985 nämlich von Gerold Becker, einem Intimus, Schützling und langjährigem Vertrauten von Hellmut Becker, jenem „Bildungsbecker“ (U. Raulff), der den Diskurs, die Reformidee und die Geschichte der Bildung in der Bundesrepublik durch seine kluge und geschickte Vernetzungspolitik maßgeblich mitbestimmt und mitverfasst hat.

Nicht zu unrecht nannte Ulrich Raulff die Seilschaften, die Hellmut Becker heimlich um sich gesponnen hatte, und zu dem neben dem Leiter der Reformschule vor allem auch Hartmut von Hentig gehört haben, „protestantische Mafia“. Den bildungspolitischen Weg, der hierzulande eingeschlagen werden sollte und zum großen Teil auch wurde, war geprägt vom Gedanken des „Landschulheims“.
Die Bundesrepublik, so die Idee der George-Jünger, sollte demnach in ein „Landerziehungsheim“ umgewandelt werden, weg von Noten, Ausfragen und Hierarchien, zurück zur „platonischen Höhle“, zu den Idealen von Erziehung und Menschenbildung.<

In einem Kommentar auf ZEIT.de wird nachgelegt:

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>1. Der betroffene Leiter, der ein Missbrauchssystem von oben herab geschaffen hat, war Lebensgefährte des Pädagogen Hartmunt von Hentig. Wie weit war er ins System einbezogen?

2. Es gab vielfältige übergreifende Kontakte zwischen den Spitzen der Reformpädagogik (Hentig, Gerold Becker, Enja Riegel, Reinhard Kahl, Hans Brügelmann): gemeinsame Symposien, Bücher, Gremien, Arbeit an Lehrplänen, auch nachdem die Missbrauchsfälle bekannt wurden. Welche Schlüsse muss man für die Reformpädagogik ziehen? Gab es hier ein Vertuschungssystem? Oder zumindest eine gemeinsame Kultur des Wegschauens?

3. Es gab pädagogische Initiativen, die selbstbestimmtes Lernen und selbstbestimmte Sexualität zugleich in den Fokus nahmen. Was hat das unter dem Licht der Missbrauchsfälle zu bedeuten?

4. Absolventen der Schule forderten just zu dem Zeitpunkt, als dort ein Missbrauchssystem herrschte, die Straffreiheit für sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen. Hat das eine mit dem anderen zu tun?<

Der katholischen Kirche, die selbst mit immer neuen Enthüllungen über Missbrauch in ihren religiösen Reihen konfrontiert war, verschafft die Affäre um die Odenwaldschule eine Atempause.

Auf meedia.de thematisiert Stefan Winterbauer, früher Volontär bei der Odenwälder Zeitung, ein „Versagen der Lokalpresse“.

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Er schreibt:

 

>Ich begebe mich ins Archiv, gebe in die Sucheingabe „Odenwaldschule“ ein. Und erhalte null Treffer.
Bei Google News erzielt die Eingabe „Odenwald Schule “ hunderte Treffer, keiner ist von der Lokalzeitung. Spiegel Online, Focus Online, Stern.de, Welt Online, Hamburger Morgenpost, auch der gar nicht so ferne Mannheimer Morgen – alle berichten ausführlich über den Skandal.
Eigentlich müsste die Homepage einer Lokal- und Regionalzeitung zugepflastert sein mit so einem Thema.
Die Reporter und Redakteure müssten bei der Ehre gepackt sein, jetzt zu zeigen, dass sie die kompetenten Journalisten vor Ort sind. Eigentlich. Stattdessen gibt es 08/15 Agenturmaterial über die Oscar-Verleihung und lobhudlerische Vereinsmeierei. Als Slogan der Zeitung steht groß über der Website „Die Region ist unsere Welt“. Schön wär’s.<

Winterbauer hätte neben seinem Volontariat bei der Odenwälder Zeitung gelegentlich auch die (alten) „Odenwald Geschichten“ lesen sollen. Dann wäre ihm das „Versagen der Lokalpresse“ schon früher aufgefallen.
Noch immer ist die „Unterschriftenaktion Meinungs- und Pressefreiheit“ online, welche von lokalen Medien die Wahrnehmung ihrer „Kritik- und Kontrollfunktion“ verlangt.
Winterbauer kann sich daran beteiligen.

Bei dem Skandal um die Odenwaldschule ist eines tatsächlich kurios: Die Vorwürfe gegen Gerold Becker waren seit 1999 bekannt. Auch das Darmstädter bzw. Starkenburger Echo hat davon erfahren.
In einem Bericht vom 21. 1. 2002 („Entwicklung vorweggenommen – Erziehungswissenschaftler diskutieren über die Odenwaldschule der fünfziger und sechziger Jahre„) findet sich dazu aber nicht ein Wörtchen.
Becker wird – als „Schulleiter der OSO und später Berater im Hessischen Kultusministerium“ – zu denen gezählt, die „Reformelemente der Odenwaldschule in die bildungspolitische Diskussion“ Eingang finden ließen.
Der Artikel wurde in Gänze auch in die „oso-nachrichten“ (Heft 69) aufgenommen.

Aktuell wird auf echo-online.de durchaus über den Skandal berichtet. Es gibt dort ein Interview mit der Rektorin Margarita Kaufmann, es gibt einen aufschlussreichen Bericht („Schule war ein rechtsfreier Raum„) über den Darmstädter Bildhauer Gerhard Roese, der in der 70er Jahren OSO-Schüler war und Missbrauch erlebte. Gestern gab es einen langen Bericht über „neue Verdachtsfälle„.

Darin heißt es auch:

>Die Staatsanwaltschaft Darmstadt hat am Montag gegen einen namentlich bekannten und weitere unbekannte ehemalige Lehrkräfte der Odenwaldschule ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.
,,Veranlassung hierfür sind die aktuellen Informationen, nach denen es zumindest nicht auszuschließen ist, dass es auch in noch nicht rechtsverjährter Zeit zu Übergriffen auf Schülerinnen und Schüler dieser Schule gekommen ist.“<

Auffällig war, wie gut sich vor 10 Jahren der Skandal begrenzen ließ. Der Informationsdienst Genios erlaubt einen Blick zurück in die damalige Presselandschaft.

BildDemnach gab es den ersten Artikel am 17. 11. in der Frankfurter Rundschau („Der Lack ist ab“ von Jörg Schindler), die nächsten und letzten Berichte erschienen dann am 18. November.
Mit Ausnahme der Stuttgarter Zeitung scheinen nur regionale Zeitungen über die Sache berichtet zu haben (Darmstädter Echo, Frankfurter Rundschau, Frankfurter Neue Presse, Wiesbadener Kurier, Rhein-Main-Zeitung).
Das ist jedenfalls das Bild, das sich nach einer Recherche in Genios bietet.
Heute wird sich dieser Skandal nicht mehr so leicht begrenzen lassen.

Ein Ex-Schüler der Odenwaldschule hatte damals auch öffentlich dagegen gehalten. Florian Lindemann soll einen „Missbrauch des Missbrauchs“ beklagt haben.
Lindemann war noch im Oktober 2002 presserechtlich verantwortlich für den ‚Goetheplatz‘, das offizielle Organ des Altschülervereins und des Förderkreises der Odenwaldschule e.V.