Jens Schlegel landete als Unschuldiger im Gefängnis, überlebte dort einen Mordversuch durch Mitgefangene und kam erst frei, als sich (viel später) der wahre Täter der Polizei stellte.
Schlegel war, neben Monika de Montgazon, das zweite Justizopfer, das am 27. Mai in Sandra Maischbergers Talkshow zu Gast war. Die Sendung stand unter der Überschrift: “Hier irrt das Recht: Wer schützt uns vor der Justiz?“
Pfusch wird in der Justiz häufig als “Irrtum” deklariert, der schließlich in jeder Rechtsordnung nicht vollständig ausgeschlossen werden könne.
Entsprechend könnten Ärzte nach schweren Kunstfehlern argumentieren, der Patient sei durch einen bedauerlichen “Irrtum” gestorben und Atomtechniker nach einem Nuklear-Gau, dass es dazu nur durch ein allzumenschliches Irren gekommen sei.
Tatsächlich verbirgt sich hinter den meisten “Justizirrtümern” Pfusch, der häufig mit Rechtsbrüchen und Rechtsbeugungen einhergeht.
Jens Schlegel wurde fälschlich von einem Taxifahrer beschuldigt, ihn überfallen zu haben. Ohne Zweifel ein gewichtiger Zeuge und ein gewichtiges Argument, wo nichts anderes ihn mit dem Überfall in Verbindung bringen konnte.
Was die Sache aber skandalös macht: Zwei Polizisten, die den tatsächlichen Täter (nur kurz) zu fassen bekamen, widersprachen dem Taxifahrer. Schlegel sei nicht der Täter.
Dieser entscheidende Umstand sei ihm lange verschwiegen worden, sagt Schlegel. Erst nach der ersten Verhandlung sei die Zeugenaussage der Polizisten in seiner (Ermittlungs-)Akte dokumentiert worden, auch seinem Anwalt sei die Aussage der Polizisten - juristisch gesehen ein Beweismittel - bis hin zur Verhandlung vorenthalten worden.
Dass Schlegel die Tat beharrlich leugnete, dass er anbot, sich mit einem Lügendetektor testen zu lassen, dass zwei (noch dazu beamtete) Augenzeugen für ihn sprachen, all dies scheint den Richter nicht weiter bzw. nicht ausreichend beeindruckt zu haben.
Er hatte keine Zweifel an der Schuld von Schlegel, denn hätte er sie gehabt, durfte er ihn nicht verurteilen.
Über den gerichtlichen Grundsatz “In dubio pro reo” - “Im Zweifel für den Angeklagten” - heißt es in der Wikipedia :
>Der Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ ist keine Beweisregel, sondern eine Entscheidungsregel. Der Satz sagt dem Richter nicht, wann er Zweifel haben muss, sondern nur, wie er zu entscheiden hat, wenn er Zweifel hat. Der Richter muss von mehreren möglichen Schlussfolgerungen aus der Beweisaufnahme nicht die dem Angeklagten günstigste wählen. Wenn das Gericht von einer dem Angeklagten ungünstigeren Schlussfolgerung überzeugt ist, darf und muss es vielmehr diese der Urteilsfindung zu Grunde legen. Der Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ wird nicht bei der Beweiswürdigung angewendet, sondern erst dann, wenn nach abgeschlossener Beweiswürdigung noch Zweifel verbleiben.<
Monika de Montgazon, deren Unschuld nun in einer mühsam erzwungenen Neuverhandlung erwiesen wurde, war von Richter Peter Faust “in freier Beweiswürdigung” wegen angeblichen Mordes verurteilt worden: bei besonderer Schwere der Schuld. So sollte sie auch keine Chance haben, das Gefängnis nach 15 Jahren verlassen zu können.
Sie habe ihren todkranken Vater (beschleunigend) durch einen angeblich gelegten Brand umgebracht.
Sandra Maischberger richtet zuletzt an Schlegel eine sehr naheliegende Frage, die (naiv) voraussetzt, dass in der Justiz und bei den in ihr Tätigen Anstand walte:
“Hat sich irgendjemand bei Ihnen entschuldigt?”
Schlegels eindeutige Antwort: “Nein, nein .”
Der Richter, der ihn bei windiger Beweislage verurteilte, mochte sich später, nachdem Schlegels Unschuld erwiesen war, ebenso wenig entschuldigen wie der zuständige Staatsanwalt, der offenbar ein entscheidendes Beweismittel aus der Ermittlungsakte ferngehalten bzw. dem Angeklagten und seinem Anwalt zu lange vorenthalten hatte.
Was eigentlich hält Schlegels Richter davon ab, dem von ihm Verurteilten später zumindest dies mitzuteilen:
“Ich war damals von Ihrer Schuld überzeugt, was, wie sich nun erwiesen hat, falsch war. Ich bedauere außerordentlich, was Ihnen hierdurch widerfahren ist.”
Eine Institution und ihre Träger, die sonst zu Recht von straffälligen Angeklagten ein Wort des Bedauerns oder der Reue hören wollen, lassen selbst eben diesen minimalen Anstand vermissen.
Weiß nun auch Sandra Maischberger, dass eine Geste des Bedauerns als Zeichen von Anstand im Ganovenmilieu noch wahrscheinlicher ist als in der Justiz?
Immerhin: Schlegel wurde für jeden Tag, den er unschuldig in Haft verbracht hatte, mit umgerechnet 11 Euro “entschädigt”.
Das schließt auch jenen Tag mit ein, von dem heute noch zahlreiche Narben auf seinem Unterarm zeugen - zwei Mitgefangene wollten ihn zwingen, sich selbst umzubringen.
Dem bei der Talkshow mitanwesenden Ex-Richter Heinrich Gehrke und dem ARD-Rechtsexperten Karl-Dieter Möller kommt bei Schlegels und Montgazons Schilderungen zu keinem Zeitpunkt das Wort “Skandal” über die Lippen.
Ex-Richter Gehrke behauptet am Ende allen Ernstes:
“Insgesamt können wir froh sein, dass wir dieses Justizsystem haben.“
Dass “dieses Justizsystem” auch heute “Rechtsbeugung” faktisch straffrei stellt, dass es zahllose (furchtbare) Nazi-Juristen nahezu nahtlos integrierte und deren Verbrechen nachträglich noch legitimierte, all das weiß Gehrke.
Karl Dieter Möller, laut Wikipedia “Sohn eines Juristen und hohen Beamten einer Bundesbehörde“, schließt sich Gehrke an und meint
“dass wir mit unserem Justizsystem sehr zufrieden sein können”
Im Beisein von zwei Justizopfern hält er zuletzt auch noch zwei Weisheiten bereit:
(1) “Gerechtigkeit zu bekommen, ist immer schwer. “
(2) “Manchmal ist es wirklich besser, mit dem Unrecht seinen Frieden zu schließen, als dem Recht ständig hinterherzulaufen. “
Das ist zweifellos richtig. Die Geschwister Scholl etwa hätten womöglich ein schönes Leben führen können, hätten sie mit dem Unrecht nur ihren Frieden geschlossen.
Möllers Weisheit, elementar nicht nur für den oft ungerechten Alltag, sondern elementar auch für Opportunisten und Mitläufer zu jeder Zeit und in jedem System, dürfte familiär verbürgt und tradiert sein.
Möller wirkt als medialer, telegener “Rechtsexperte” in hohem Maße für das allzu schöne Image der Justiz.
Wäre er anderes als ein Claqeur, wäre ihm sein Job bei den Öffentlich-Rechtlichen nicht zugefallen oder er hätte ihn längst wieder verloren.
Was könnte er erreichen, wenn er in prominenter Position sich für eine Justiz starkmachen würde, in dem eben zahllose Menschen nicht “ständig dem Recht hinterherlaufen” müssten?
Ist ihm je der Gedanke gekommen, dass Richter und Staatsanwälte in Fällen wie dem von Schlegel und Montgazon zumindest ihr Bedauern gegenüber den Geschädigten ausdrücken sollten?
Wer, wenn nicht er, könnte wirksamer in der Öffentlichkeit von der Justiz und den in ihr Tätigen zumindest einen minimalen Anstand einfordern?
Oder die Frage stellen, ob Leute, denen es an schlichtem Anstand mangelt, charakterlich für das Amt eines Richters überhaupt geeignet sind.
Henryk M. Broder schrieb schon gestern in Spiegel Online:
>Wer glaubt, die deutsche Justiz sei unfehlbar, hat sich geschnitten: Rechtsirrtümer sind gang und gäbe. Beim Maischberger-Talk sprachen Rechtsexperten erstaunlich gelassen über gravierende Fälle - selbst im Angesicht der Opfer .
[…] Es ging um ein richtiges und ein wichtiges Thema: “Hier irrt das Recht - Wer schützt uns vor der Justiz? “
Eine Frage, die viel zu selten gestellt wird. Denn die Justiz ist die einzige Institution in einer demokratischen Gesellschaft, die keiner gesellschaftlichen Kontrolle unterliegt, wenn man von einer Handvoll von Prozessberichterstattern - wie Gisela Friedrichsen beim SPIEGEL - absieht, die regelmäßig Prozesse besuchen und “Justizkritik” betreiben.
Das ist sozusagen ein systemimmanenter Fehler, mit dem alle leben müssen.
Denn die Justiz ist unabhängig, nicht einmal die Justizminister dürfen den Richtern ins Handwerk pfuschen. Und das ist - im Prinzip - gut so. Die Justiz kontrolliert sich selbst, indem sie einen Instanzenweg eingerichtet hat, der vom Amtsgericht über das Landgericht und das Oberlandesgericht bis zum Bundesgerichtshof und dem Verfassungsgericht führt. Aber Gnade Gott dem Menschen, der sich auf diesen Weg begibt. Seine Aussichten, zum Michael Kohlhaas zu werden, sind größer als die, dass ihm Gerechtigkeit widerfährt.<
Zu Möllers und Gehrkes Meinung, wonach “unser Rechtssystem ganz gut funktioniert “, schreibt Broder:
>Man kann zu dieser Einsicht kommen, zwingend ist sie nicht. Richter sind auch nur Menschen, und überall, wo Menschen am Werk sind, kommen Fehler vor. Freilich: Während ein Arzt jeden Tag riskiert, wegen eines Kunstfehlers zur Verantwortung gezogen zu werden und jeder Architekt für Mängel am Bau haften muss, kann einem Richter, der sich vertan hat, praktisch nichts passieren. Anklagen wegen Rechtsbeugung sind so selten wie eine erfolgreiche Mondlandung. Man müsste dem Richter “Vorsatz” nachweisen, das war nicht einmal bei den NS-Richtern möglich, von denen kein einziger nach 1945 bestraft wurde.[…]
Und wenn zwei Menschen, ein “Räuber” und eine “Mörderin”, die unschuldig verurteilt wurden, zufällig rehabilitiert werden, drängt sich natürlich die Frage auf: Wie viele andere sitzen unschuldig hinter Gittern, ohne dass ihnen der Genosse Zufall zu Hilfe kommt? […]
Man könnte “Fehlurteile nicht vermeiden”, sagte Ralf Höcker, Anwalt und Autor; diejenigen, die es erwischt, bringen ein “Opfer für die Solidargemeinschaft”. Noch deutlicher brachte es Möller auf den Punkt. “Es ist besser, mit dem Unrecht Frieden zu schließen, als dem Recht hinterherzulaufen.”
Das sagt sich leicht, wenn man in einer Talkshow und nicht in einem Gefängnis sitzt.<[Hervorhebungen von uns]

Ist, wer Richter oder Staatsanwälte kriminell schimpft, selbst ein Krimineller - oder eher ein Spinner? Kann sein, muss aber nicht sein.
Versteckt in einem unscheinbaren Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung vom 9. April 2008 war ein bemerkenswertes Statement zu lesen.
Frank Fahsel schrieb dort:
>”Ich habe unzählige Richterinnen und Richter, Staatsanwältinnen und Staatsanwälte erleben müssen, die man schlicht “kriminell” nennen kann”.<
Er schreibt weiter:
>Ich … habe … ebenso unglaubliche wie unzählige, vom System organisierte Rechtsbrüche und Rechtsbeugungen erlebt, gegen die nicht anzukommen war/ist, weil sie systemkonform sind.<
Nun gut, ähnliches konnte man schon früher auf justizkritischen Seiten wie justizskandale.de und auch auf odenwald-geschichten.de lesen.
Der kleine, feine Unterschied ist der: Frank Fahsel ist selbst Jurist, mehr noch, er war Richter am Landgericht Stuttgart.
Mit seinem Leserbrief und seinem Lebenslauf wird er zum Zeugen gegen “seinesgleichen”.Am Ende schreibt er:
>Wenn ich an meinen Beruf zurückdenke (ich bin im Ruhestand), dann überkommt mich ein tiefer Ekel vor ‘meinesgleichen’.<
Hans-Joachim Selenz, früher einmal Vorstandsvorsitzender der Salzgitter AG und befreundet mit Gerhard Schröder, auch er ein “Nestbeschmutzer” de luxe, kommentiert Fahsels Leserbrief so:
>Frank Fahsel, früher Richter am Landgericht in Stuttgart, gibt tiefe Einblicke in das, was Tausende Bürger täglich vor deutschen Gerichten erleben.[…]
Besser kann man den Zustand in Teilen der deutschen Justiz nicht auf den Punkt bringen, mit Hilfe derer Politik und Wirtschaft den Rechtsstaat missbrauchen.[…] Explizit kriminelles Justizhandeln gibt es zuhauf.[…]
Der Sumpf schließt die höchsten deutschen Gerichte ein. Daher gibt es praktisch keine Verurteilung wegen Rechtsbeugung, Strafvereitelung im Amt und Begünstigung. Selbst schwerste Wirtschaftskriminalität wird gegen Zahlung geringer Beträge eingestellt.<Wer die hier als “brisant” ausgewiesenen Artikel liest, sie handeln alle von der südhessischen Justiz - Beweismittelvernichtung im Mordfall Kaffenberger - Die “entbehrliche” Vernehmung: Ein exemplarischer Justizfall? - Die erstaunlichen Rechtsauffassungen von Oberstaatsanwältin Gallandi - mag selbst entscheiden, ob die erwähnten juristischen “Helden” “kriminell” genannt werden können.
Kriminell beim Beugen und Brechen des Rechts, kriminell beim Vereiteln von Strafe für Protegierte, kriminell beim Verfolgen Unschuldiger, was mit blanker Behördenwillkür beginnen kann, kriminell beim Unterdrücken, beim Zerstören oder Fälschen von Urkunden …
Es gibt eine ganze Palette von Straftatbeständen, die typisch für eine korrupte Justiz sind. Das muss Fahsel vor Augen gestanden haben, als er sein Verdikt gegen den eigenen (Juristen-) Stand schleuderte.Die von Fahsel kommentierte SZ-Reportage - Justiz-Affären in Sachsen: Eingeholt vom alten Schrecken - ist noch in voller Länge online abrufbar und lesbar.
In der Tat muss man Christiane Kohl und auch der Süddeutschen danken, dass sie über die sächsischen Justizaffären noch nicht den Mantel des Schweigens legen.
Man sollte diese Reportage lesen, um zu verstehen, wie die Justiz vielfach funktioniert - und zwar nicht nur in Sachsen.Dass innerhalb der Justiz Kriminalität in ihren typischen Facetten gedeiht, hat verschiedene Gründe. Der wichtigste Grund ist dieser: Es gibt für die Justiz keine wirksame Kontrollinstanz. Sie soll sich selbst kontrollieren, das aber funktioniert nicht, es funktioniert nirgendwo.
Wirklich wirksam sind nur externe Kontrollinstanzen. Hier gibt Hans-Joachim Selenz einen wichtigen Rat:
>Die einzige Chance, rechtsstaatliche Verhältnisse zu erreichen, ergibt sich über die EU-Kommission.
Die kann es nicht zulassen, dass in einem EU-Kernland Zustände herrschen wie in einer Bananenrepublik.
Um dem Recht doch noch zu seiner Geltung zu verhelfen, rate ich daher allen von Justiz-Kriminalität betroffenen Bürgern, in einem ersten Schritt Fakten und beteiligte Justiz-Mitarbeiter per Strafanzeige festzuhalten. In einem zweiten Schritt sind dann die Unterlagen der EU-Kommission und dem EuGH offen zu übersenden. Nur so lässt sich der kriminelle Justiz-Sumpf in Deutschland trocken legen.<
[Links und Hervorhebungen von uns]
Soweit die Vorwürfe belegbar sind, sollten korrupte bzw. kriminelle Richter und Staatsanwälte namentlich im Web genannt werden.
Wer zu deren Opfer wird, wer von ihnen seiner Rechte beraubt wurde, stellt dann womöglich fest, dass er nicht der einzige war.
Zuletzt noch ein TV-Tipp: Heute abend, um 22:45 Uhr wird im ERSTEN bei Sandra Maischberger die Frage gestellt: “Wer schützt uns vor der Justiz?“
Als Gäste sind auch zwei Justizopfer geladen: Monika de Montgazon und Jens Schlegel.
Die Sendung wird online archiviert. Auch wer sie im TV verpasste, kann sie so noch sehen.
Was gestern von der Polizei in Südhessen gemeldet wurde, erinnert vordergründig ein wenig an einen Fall, der sich vor 11 Jahren in Sebnitz zugetragen hatte.
Im Schwimmbad der sächsischen Kleinstadt war am 16. 6. 1997 der sechs Jahre alte Joseph Kantelberg-Abdullah ertrunken.
Die Eltern des Jungen gaubten bzw. behaupteten, ihr Sohn sei von Rechtsradikalen ertränkt worden.
Die Mutter des Jungen, Renate Kantelberg-Abdullah, war vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder empfangen worden, der so der Familie seine Solidarität bekunden wollte - die Familie sei nämlich auch “Beschimpfungen und Pöbeleien … durch Rechtsradikale … ausgesetzt” gewesen.
Der Fall gilt heute als aufgeklärt. Das Kind soll an einem angeborenen Herzfehler gestorben sein, seine Familie habe im (unverantwortlichen) Zusammenspiel mit Medien einen falschen Verdacht auf drei junge Leute gelenkt, die angeblich aus einem rechtsradikalem Umfeld kamen.
Es kann, so sah es hier zumindest aus, auch falsch verdächtigt werden.
Es kann aber auch vorschnell “Fremdverschulden” verneint werden, obgleich ein ernster Verdacht durchaus bestehen kann.
Wozu in dieser Hinsicht die Odenwälder Polizei bereit ist, hat sich im bis heute unaufgeklärten Brandanschlag auf die Asylunterkunft Wiesenmühle erwiesen: Die “Ermittlungen” in diesem mit hoher Wahrscheinlichkeit fremdenfeindlich motivierten Anschlag waren ein Skandal.
Was sich am Donnerstag dieser Woche, wegen Fronleichnam war schulfrei, im Schwimmbad von Ober-Ramstadt zutrug, kann tatsächlich “nur” ein “tragischer Badeunfall” gewesen sein. Badegäste entdeckten dort kurz nach 12 Uhr, dass ein Kind leblos im Waser trieb.
Im Polizeibericht heißt es:
“Ein Zeuge hatte schließlich bemerkt, dass der Junge … leblos im Wasser trieb. Bisher ist noch unklar, wie lange dieser Zustand dauerte. Dies könnten durchaus einige Minuten gewesen sein.”
Es sollen sich “zu diesem Zeitpunkt … vergleichsweise wenige Badegäste (im Becken) aufgehalten” haben. In einem heute erschienenen Bericht im Darmstädter Echo heißt es ergänzend:
>Zum Zeitpunkt des Unglücks war die Saison in Ober-Ramstadt noch keine vier Stunden alt. Rund fünfzig Badegäste waren am Vormittag zum Saisonauftakt gekommen. […] Wegen der kühlen Temperaturen hielten sich nur wenige Badegäste im Wasser auf. Um 12 Uhr dann habe jemand Alarm geschlagen, sagt Bürgermeister Schuchmann.<
Kann es sein, dass diesen “rund fünfzig Badegästen“, sowie Schwimm- und Bademeister wirklich erst nach “einigen Minuten” auffällt, dass hier ein Kind leblos im Wasser treibt - und deswegen viel zu spät Hilfe geleistet wird?
Das ist ein Punkt, der hier stutzig macht.
Was ebenfalls verwundert ist diese Aussage im Polizeibericht:
>Den bisherigen Ermittlungen zufolge kann bei dem Vorfall, der sich kurz nach 12.00 Uhr ereignet hatte, ein Fremdverschulden ausgeschlossen werden.<
Die “bisherigen Ermittlungen” können aber nur wenige Stunden gedauert haben, der Bericht wurde am Tag darauf um 11:45 veröffentlicht.
Da erscheint die Behauptung reichlich vorschnell, dass ein “Fremdverschulden ausgeschlossen werden kann“. Zumindest müsste doch wohl eine gründliche medizinische Untersuchung abgewartet werden. Ein herzbedingter Unfall - vielleicht in Verbindung mit der kühlen Temperatur - scheint bislang jedenfalls nicht nachgewiesen.
Auch die “übereinstimmenden Zeugenaussagen“, auf die sich die Polizei dabei stützt, sollten doch zumindest hinterfragt werden.
Schließlich könnten sich diese Zeugen auch einer unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht haben und ihre Aussagen daher (sehr) “subjektiv” getönt sein.
Erstaunlich ist, dass der Junge sich angeblich schon vorher - und zwar nicht leblos - mit dem Kopf im Wasser habe treiben lassen.
Dies soll wohl erklären, warum dann zu spät reagiert wurde. Und wenn diese Aussage gar nicht stimmt, wenn sie nur zweckbestimmt war, um sich keine unterlassene Hilfeleistung vorwerfen zu lassen?
Das Kind war farbig, seine Eltern kommen aus Eritrea. Es kam laut Polizeibericht etwa eine Stunde vor dem Vorfall “ohne Begleitung in das Schwimmbad.”
Ein Kind muss nicht farbig sein, um in einem Schwimmbad von anderen Kindern oder Jugendlichen (aus Spaß) mutwillig unter Wasser gezogen zu werden - erst recht, wenn schützende Freunde oder Eltern nicht da sind.
Es kann nicht von vornherein ausgeschlossen werden, dass derartiges nun in Ober-Ramstadt geschah. Dass offenbar weitere Kinder und Jugendliche an diesem Tag im Schwimmbad waren, auch solche, die den Jungen kannten, ergibt sich aus dem Polizeibericht. Es heißt darin:
>Zunächst war die Identität des Jungen nicht eindeutig geklärt, da von Kindern und Jugendlichen verschiedene Namen und Anschriften genannt wurden. Mit diesen nützlichen Hinweisen und der Hilfe von Einwohnermeldedaten konnte noch am Nachmittag der Junge und damit seine Eltern in Ober-Ramstadt identifiziert und verständigt werden. <
Auffallend ist auch, dass in einem heute veröffentlichten Polizeibericht eine Korrektur vorgenommen wird. Es heißt darin:
>Im Gegensatz zu ersten Pressemeldung war die Schwimmmeisterin in das Becken gesprungen und hatte das Kind aus dem Wasser gezogen. <
Außerdem heißt es nun:
>Zusammen mit dem Bademeister hatte sie die ersten Hilfsmaßnahmen eingeleitet<
In der Überschrift wird betont: “Erste Hilfsmaßnahmen durch beide Schwimmmeister” [Hervorhebung von uns] 
Schwimmbad Ober-Ramstadt
So oder so: Schwimmmeister und Bademeister werden sich auf weitere Fragen einstellen müssen.
Hier der vollständige Polizeibericht von gestern:
>Bei einem tragischen Badeunfall ist am Donnerstag im Schwimmbad in Ober-Ramstadt ein zehnjähriger Junge lebensgefährlich verunglückt. Ein Badegast konnte das leblose Kind aus dem Wasser ziehen und zusammen mit einer Schwimmmeisterin erste Rettungsmaßnahmen einleiten. Der Junge wurde schließlich von einer herbeigerufenen Notärztin reanimiert. Der Zehnjährige, der in einem künstlichen Koma liegt, ringt in einem Mannheimer Krankenhaus weiter um sein Leben. Sein Zustand ist kritisch.
Den bisherigen Ermittlungen zufolge kann bei dem Vorfall, der sich kurz nach 12.00 Uhr ereignet hatte, ein Fremdverschulden ausgeschlossen werden.
Nach übereinstimmenden Zeugenangaben sei das Kind eine Stunde vor dem Vorfall ohne Begleitung in das Schwimmbad gekommen, habe sich ausgezogen, seine Kleidung auf eine Bank gelegt, ein Kickboard daneben gestellt und anschließend in das Schwimmerbecken gegangen.
Dort habe der Zehnjährige alleine gespielt, mehrfach Tauchübungen gemacht, seinen Kopf nach unten in das Wasser gelegt und sich treiben lassen. Zu diesem Zeitpunkt hätten sich vergleichsweise wenige Badegäste im Becken aufgehalten.
Ein Zeuge hatte schließlich bemerkt, dass der Junge nicht mehr seine Tauchübungen machte, sondern leblos im Wasser trieb. Bisher ist noch unklar, wie lange dieser Zustand dauerte. Dies könnten durchaus einige Minuten gewesen sein. Ebenso ist die Ursache, die zu dem tragischen Unfall führte, noch unbekannt.Zunächst war die Identität des Jungen nicht eindeutig geklärt, da von Kindern und Jugendlichen verschiedene Namen und Anschriften genannt wurden. Mit diesen nützlichen Hinweisen und der Hilfe von Einwohnermeldedaten konnte noch am Nachmittag der Junge und damit seine Eltern in Ober-Ramstadt identifiziert und verständigt werden. Die Familie, die aus Eritrea stammt, wird derzeit von der Notfallseelsorge betreut. Auch die Stadt Ober-Ramstadt hat inzwischen Unterstützung zugesagt.< Quelle: ots/polizeipresse.de, Tragischer Badeunfall | Notärztin reanimiert Zehnjährigen | Künstliches Koma, 23. 5. 2008 [Hervorhebungen von uns]
Heute wurde dies von der Polizei mitgeteilt:
>Nach wie vor ist der Zustand des zehnjährigen Jungen, der in einer Mannheimer Klinik in einem künstlichen Koma liegt, kritisch. Er war -wie bereits berichtet - am Donnerstag in einem Schwimmbad in Ober-Ramstadt lebensgefährlich verunglückt.
Ein Badegast hatte den leblosen Jungen in einem Schwimmbecken bemerkt und ihn über Wasser gehalten.
Im Gegensatz zu ersten Pressemeldung war die Schwimmmeisterin in das Becken gesprungen und hatte das Kind aus dem Wasser gezogen, wobei sie von dem Badegast unterstützt wurde. Zusammen mit dem Bademeister hatte sie die ersten Hilfsmaßnahmen eingeleitet. Die Reanimation erfolgte schließlich durch die alarmierte Notärztin.< [Hervorhebungen von uns]
Ein am letzten Mittwoch auf Südtirol Online erschienener Bericht über einen vergleichbaren Fall, der sich vor knapp 2 Jahren in Brixen zugetragen hatte, zeigt, dass sich die Frage nach der möglichen Mitschuld Dritter mitnichten derart salopp wegwischen lässt, wie dies hier in den ersten Polizeiberichten versucht wird.
Wir zitieren einige Auszüge:
> Für zwei Verantwortliche für den Betrieb im Brixner Schwimmbad “Acquarena” sowie für zwei Bademeister hat der Ertrinkungstod des achtjährigen Ergis Cara am 10. Juni 2006 gerichtliche Folgen.
Richterin Carla Scheidle hat bei der Vorverhandlung die Einleitung am Dienstag des Hauptverfahrens wegen fahrlässiger Tötung gegen sie verfügt. Der Prozess beginnt am 3. Oktober vor der Außenstelle Brixen des Bozner Landesgerichtes.[…]Staatsanwalt Guido Rispoli verdächtigt die Bademeister Alex Gusella und Eric Petrini, das Becken, in dem Cara Ergis ertrunken ist, nicht mit der entsprechenden Sorgfalt überwacht zu haben.
Cara Ergis sei drei Minuten lang mit dem Kopf unter Wasser gewesen, bevor dies bemerkt wurde.
Othmar Michaeler, Vertreter der Gesellschaft “Michaeler & Partner GmbH”, die mit der Führung der “Acquarena” betraut ist, sowie Geschäftsführer Stefano Cicalò, wirft Rispoli Fahrlässigkeit vor. […]
Dass sich auch die Lehrpersonen, die als Begleitpersonal im Schwimmbad waren, wegen einer möglichen Mitschuld am Todes von Cara Ergis verantworten sollen, ist unwahrscheinlich.
Staatsanwalt Rispoli ist der Ansicht, dass die Lehrpersonen bei Ausflügen und anderen Aktivitäten außerhalb des Schulgebäudes zwar die Verantwortung für das Wohl der Kinder haben.
Vom Moment an aber, in dem sich die Kinder in eine möglicherweise gefährliche Lage begeben - wie z. B. im Schwimmbad - müssten die Verantwortlichen der Infrastruktur für die Sicherheit der Kinder Sorge tragen.< [Hervorhebungen von uns]
Von der türkischstämmigen Frauenrechtlerin Serap Çileli heißt es in der Wikipedia, dass sie “unter zum Schutze ihrer eigenen Familie geheim gehaltener Adresse im Odenwald” lebe.
Gewöhnt sich die Gesellschaft daran, dass Kritiker des (fundamentalistischen) Islam - seien es Politiker, Publizisten, Karikaturisten, Regisseure oder einfach Abtrünnige - um ihr Leben fürchten müssen?
Nach einem Interview, das Çileli nun der WELT gab, wird sie sich zukünftig wohl noch mehr vorsehen müssen.
Sie übt heftige und unverhüllte Kritik an einer Religion und einer Kultur, der sie entflohen ist.
Anlass für das Interview war der in Hamburg von einem kriminellen Deutsch-Afghanen verübte (”Ehren”-) Mord an seiner 16 Jahre alten Schwester - sie hatte es gewagt, sich von Familie und traditionellen Vorstellungen abzuwenden und sich westlicher Lebensweise zuzuwenden.
Dazu meint Çileli:
>Als Motiv für die Tat dient ein durch die Religion legitimierte Ehrbegriff, der Frauen zum Besitz der Familie macht. Es gibt eine ganze Reihe von Suren, die ganz klar formulieren, dass sich die Frau dem Mann unterzuordnen hat. Jetzt werden Gutmenschen sagen, entsprechende Stellen finde man auch in der Bibel. Das stimmt, allerdings hat im Christentum eine Aufklärung stattgefunden, sodass Politik und Religion getrennt sind. Diese Trennung gibt es im Islam nicht. Ehebruch wird im Koran mit Steinigung bestraft. Heute werden keine Steine geworfen, stattdessen wird zugestochen oder geschossen.<
Auf die Frage, wodurch sich die Täter legitimiert sehen, antwortet Çileli:
>Durch den Islam. Es gibt zahlreiche Stellen im Koran, die deutlich machen, dass Gewalt nicht nur legitimiert wird, sondern geboten wird – um „vom Glauben Abtrünnigen“ das Fürchten zu lehren.<
Sie empfiehlt der deutschen Gesellschaft, mit Entschiedenheit gegen (Menschen-) Rechtsverstöße vorzugehen:
>Weil diese Familienoberhäupter nur eine klare, harte Linie verstehen. Fatal ist etwa, dass Zwangsverheiratung noch immer kein eigener Straftatbestand ist.
Auch bin ich für die Einführung einer Kindergartenpflicht ab drei Jahren, bei dessen Verstoß Sanktionen etwa durch Kürzungen von Sozialleistungen erfolgen.
Wenn man den Leuten ans Geld geht, sitzen sie ganz schnell im Integrationskurs oder in der Elternsprechstunde. Der deutsche Staat braucht eine harte Hand, um muslimischen Autoritäten deutlich zu machen, dass mitgebrachte Stammesrechte hier nicht gelten.
Die Deutschen sind feige. Sie tun sich schwer damit, Grenzen zu ziehen und für ihre eigene Identität einzustehen. Das liegt sicherlich an der leidvollen Geschichte des Landes, das sich einst einem faschistischen Diktator anschloss.
Aber diese Zeiten sind vorbei. Die Deutschen müssen mutiger sein. Sie dürfen nicht den Fehler begehen, jenen gegenüber tolerant zu sein, deren größter Feind die Freiheit ist. Dann schauen sie nämlich wieder weg – und machen sich schuldig.< Quelle: welt.de, Frauenrechtlerin fordert mehr Mut von Deutschen , 20. 5. 2008

>Der Mitstreiter der Geschwister Scholl und ihrer Kommilitonen und Freunde, der damals in München lehrende Professor für Philosophie, Musikwissenschaften und Psychologie, Kurt Huber, brachte mutig als Todgeweihter in seiner Verteidigungsrede vor dem Volksgerichtshof in Berlin am 19.04.1943 zum Ausdruck, was Recht und Pflicht eines Bürgers sein kann:
„Als deutscher Staatsbürger, als deutscher Hochschullehrer und als politischer Mensch erachte ich es als Recht nicht nur, sondern als sittliche Pflicht, an der Gestaltung der deutschen Geschichte mitzuarbeiten, offenkundige Schwächen aufzudecken und zu bekämpfen […]. Ich habe mich im Sinne von Kants kategorischem Imperativ gefragt, was geschähe, wenn diese subjektive Maxime meines Handelns ein allgemeines Gesetz würde.“
[…]
Am Schluss seiner Verteidigungsrede erinnerte Kurt Huber an einen Text von - wie er glaubte - Johann Gottlieb Fichte, der sein Innerstes und sein Handeln mit bewegt habe:
„Und handeln sollst du so, als hinge
Von dir und deinem Tun allein,
Das Schicksal ab der deutschen Dinge,
Und die Verantwortung wär’ dein.“
[…]
Am 03.02.1945, fast genau zwei Jahre nach dem 22.02.1943, dem Tag, an dem im Auftrage des Massenmörders Roland Freisler , der sich „Richter“ genannt hatte, die Geschwister Scholl ermordet worden waren, lag dieser tot mit einem doppelseitigem Schädelbruch auf dem Boden des Gerichtssaales im Volksgerichtshof .
Ein herabgestürzter Deckenbalken hatte ihn erschlagen, noch die Akten des Widerstandkämpfers Fabian von Schlabrendorff in der Hand haltend. Amerikanische Bomberverbände hatten die Gerichtshandlung oder richtiger ausgedrückt, die formale Seite des Mordens durch einen Angriff auf Berlin unterbrochen.
Dramatischer hätte sich auch ein antiker Dichter den Tod eines Massenmörders an der Stelle seiner vielen Untaten nicht vorstellen können. Man ist versucht zu glauben, mit diesem Tod des Massenmörders habe sich die Drohung des Vaters der Scholl-Kinder, Robert Scholl, erfüllt, den dieser Freisler und dessen Mordkumpanen am 22.02.1943 im Gerichtssaal entgegenschleudert hatte:
„Es gibt noch eine andere Gerechtigkeit!“
Nachtrag des Entsetzens: Noch 1967 konnte Karl Jaspers die Tatsache beklagen, dass der Reichsanwalt Albert Weyersberg, der 1943 die Anklage in Vertretung des Oberreichsanwalts gegen die Geschwister Scholl und Christop Probst vertreten hatte, das Amt eines Richters inne habe.<
Der vollständige Text von Bert Steffens kann als pdf-Datei heruntergeladen werden.
Spiegel Online berichtete gestern über einen Richtungsstreit innerhalb der LINKEN , der sich u.a. an der Haltung zu Israel entzünde:
>Der erste Aufschrei kam von weit unten aus dem Innenleben der Partei. Inzwischen ist der Ärger bis ganz nach oben gedrungen und beschäftigt demnächst gar die Bundestagsfraktion: Als Norman Paech, außenpolitischer Sprecher der Linken-Fraktion, vor wenigen Wochen in Berlin-Neukölln einen “politischen Reisebericht” zu Palästina vortrug [Anm.: hier als pdf vorliegend], waren Vertreter der Linksjugend empört - der Bundesarbeitskreis Shalom (BAK Shalom) des Parteinachwuchses formulierte eine deftige Pressemitteilung: “Antizionismus in der Linken - Norman Paech als außenpolitischer Sprecher untragbar“.
Der Vorwurf gegen den Juristen: In seinem Vortrag habe sich eine “ungehemmte Verbrüderung mit der terroristischen Hamas und antizionistische Ressentiments” gefunden. Paech habe Raketenangriffe der Hamas auf Israel aus dem Gaza-Streifen als “Neujahrsraketen” sowie “Logik der Eskalation” bezeichnet. Dort, wo die Hamas regiere, sei es sauber und sicher, wird der Referent zitiert. Paech vertrete “seit drei Jahrzehnten eine extrem einseitige Haltung”, kritisiert Benjamin Christopher-Krüger, Bundessprecher von BAK Shalom.<[Links und Hervorhebungen von uns]
In verschiedenen Blogs wurde dieses Thema aufgegriffen:
Schonungslos offen und offenbar unbesorgt, antisemitische Traditionslinien zu kreuzen ist bei diesem Thema der in Michelstadt aufgewachsene Autor Hartmut Barth-Engelbart.
[Wie Rechtsextreme “60 Jahre Israel” werten, lässt sich auf deren Plattform altermedia.info nachlesen.]
Der 61-Jährige moderierte am Mittwoch eine Gegenkundgebung zum Israel-Festakt in der Frankfurter Paulskirche:
Auf seinem Weblog berichtet er über die Veranstaltung - unter der Überschrift: “über 60 Jahre Besatzung, Vertreibung , Mord: Israel”
>Hier soll berichtet werden über ein Kontrastprogramm zur staatlich organisierten Paulskirchenschändung durch Jubelfeiern und Jubelfressen für die Ausgeburt eines Besatzungsregimes, das bis hinein in die LINKE mit Kratzfüßen und Kotaus bedient wird.[…]
(Jetzt) könnte es bei Gregor Gysi … eigentlich für einen Lehrstuhl an der juristsichen Fakultät der Universität Tel Aviv reichen mit dem Schwerpunkt Völkerschlachtrecht und Kriegsführung. In der Linken trägt er bereits den Kosenamen Gysiwitz, nachdem er seine Position zur Unterstützung Israels und des Zionismus hauptsächlich mit Klausewitz-Zitaten untermauert hat.[…]
Im Zentrum der Veranstaltung stand die Trauer um die zigtausendfach Ermordeten, die rund 800.000 Vertriebenen, die über 400 zerstörten palästinensischen Dörfer, das Massaker an 254 palästinensischen Kindern, Frauen und Alten in Deir Yassin am 9. April 1948 …..dem ersten Höhepunkt des seit den 20er Jahren wütenden zionistischen Terrors in Palästina.[…]
Die Jubelfeier der Besatzer und ihrer Unterstützer und Freunde in der Paulskirche war mit Sicherheitszäunen, mit Straßensperren und einigen Hundertschaften Polizei abgesichert.[…]
Zum Klang dieser Hymne stiegen dann über 400 schwarze Luftballons in den Himmel, jeder einzelne mit dem Namen eines zerstörten palästinensischen Dorfes.
Und der Wind wehte sie allesamt hinüber zur Paulskirche, wo sie für einen Moment den Besatzungs-Jubilaren den Himmel verfinsterten. Mit diesem Bild endete die TrauerFeier der Palästinenser. Wer so hoffnungsvoll und lebensbejahend trauert, der wird nicht verlieren.<
Zuvor schrieb er:
>Ich habe die Moderation im vollen Bewusstsein auch darüber übernommen, dass mir der Appartheitstaat Israel fürderhin die Einreise verweigern wird wie ehedem ein Staat der im Einmauern ganzer Städte viel weniger professionell war als dieser monotheistische Gottessstaat mit Mauern, Stacheldraht und Todesstreifen.
Man soll Analogien nicht überziehen und gerechter Weise die DDR nicht mit Israel gleichsetzen. Die DDR hat auch nie Westberlin bombardiert, so wie Israel die Westbank und den Ghasastreifen fast ununterbrochen.
[…]
Ach ja, und für die DDR war die Bedrohung durch die Pershingraketen und das atomare GroundZeroSzenario im FuldaGap doch um Einiges schlimmer als die Israels durch die Schrottraketen der Hamas.
Wie sich die Völker des nahen Ostens mit einer aggressiven Nuklearmacht vor der Haustür fühlen, danach fragt hier in Europa niemand.
Aber eines darf man schon als beinahe Analogie gelten lassen: Ein Staat, der Mauern bauen muss, um seine Unterdrückungsherrschaft zu retten, der hat historisch gesehen bereits verloren. So was macht denn doch auch wieder etwas Hoffnung.< [Hervorhebungen von uns]
Auch wenn Barth-Engelbart dem islamistischen Muslim-Markt ein langes, offenes Interview gab, wäre es falsch, ihm (einseitige) Sympathien für Muslime zu unterstellen.
Auch das Schicksal von Vertriebenen, “ethnisch Gesäuberten” oder Besetzten - betroffen waren und sind weltweit viele Millionen - interessiert ihn scheinbar nur selektiv.
Besser gesagt: Nur dannn, wenn der Kompass der Schuld in Richtung USA oder anderer westlicher Staaten zu zeigen scheint.
Aber auch auf Schauplätzen wie Tibet, Darfur, Ruanda, Birma, Bosnien, Kosovo und anderen sieht er als wahren Finsterling stets die USA und ihre Verbündeten am Werke. Seine Solidarität gilt deswegen fast stets dem, der sich gegen die USA stellt - das müssen keineswegs Vetriebene oder Besetzte sein.
Ungeachtet des von dem serbischen General Ratko Mladic verantworteten Massakers an tausenden bosnischen Muslimen in Srebrenica verteidigte er wiederholt den in Den Haag als Kriegsverbrecher angeklagten Slobodan Milosevic, der als serbischer Präsident eine wesentliche Rolle in den Jugoslawienkriegen von 1991- 1995 spielte und insoweit auch Mitverantwortung für die Kriegsgräuel in Bosnien trug.
Aus der Sicht von Barth-Engelbart war Milosevic, Zitat, “der Einzige der Tito-Nachfolger, der sich nicht dem Diktat der Weltbank und des IWF gebeugt hat. […] Er stand mit seinem Rest-Jugoslawischen Programm für die Erhaltung der Überreste demokratisch-sozialischer Arbeiterselbstverwaltung“.
Das sahen viele anders. Für die Spiegel-Autorin Renate Flottau repräsentierte “Belgrads einstiges Herrscherpaar Mirjana und Slobodan Milosevic” ein kriminelles, korruptes System.
In der Wikipedia, an der er als Benutzer mitwirkt, sind einige der vielen Lebenstationen und der vielfältigen Aktivitäten Barth-Engelbarts aufgelistet. Erwähnt wird dort seine Mitgliedschaft im Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW), dem er 1974 beitrat und den er 1979 wieder verließ.
Die Wikipedia verortet den KBW ideologisch so:
>Ideologisch stand er dem Maoismus nahe und sympathisierte mit Regimen wie der Volksrepublik China, Albanien oder Kambodscha unter Pol Pot. Der ugandische Diktator Idi Amin galt im KBW als ein fortschrittlicher Staatschef, was intern sehr umstritten war. Zugleich wurden viele eigentliche Freiheits- und Emanzipationsbewegungen vom KBW aktiv unterstützt, z.B. der African National Congress (ANC) in Südafrika, aber auch der sich später als totalitärer Diktator erweisende Robert Mugabe in Zimbabwe.<
Joscha Schmierer , damals “Führungsfigur” des KBW und 1978 noch Solidaritätsbesucher von Pol Pot in Kambodscha, wusste sich zu wandeln und machte später Karriere im Planungsstab des Außenministeriums.
Barth-Engelbart machte keine Karriere und blieb seinen (kommunistischen) Überzeugungen im Wesentlichen treu.
Robert Mugabe findet er offenbar noch immer gut, schließlich sei das Land unter seiner Führung weiterhin (gegenüber dem Westen) “renitent“.
Kritikwürdig ist ihm Mugabes umstrittene Landreform - die sei “noch viel zu unzureichend”.
Oppositionsführer Morgan Tsvangirai sei ein von deutschen Farmern eingekaufter und von der Friedrich-Ebert-Stiftung betreuter “schwarzer Konvertit“, mit dessen Hilfe die Weißen (angeblich) Zimbabwe “weiter aussaugen und auslaugen” wollten.
Auch in Bezug auf Tibet vertritt Barth-Engelbart eine dezidierte Position: Der Dalai Lama habe “aktuelle Verbindungen zu Faschisten, zur Fallun und zur AUM-Sekte“. Die “Free-Tibet”-Kampagne sei gesteuert und finanziert von “US-CIA-Saatchi & Saatchi” und solle “Separatismus und Interventionsforderungen gegen China” den Weg bereiten.
Solche Positionen klingen heute befremdlich, in den 70er Jahren waren sie hingegen bei den diversen K-Gruppen und vor allem bei der RAF geläufig.
Barth-Engelbart streitet auch gegen frühere Weggefährten wie Gerd Koenen oder Götz Aly. Koenen und Aly, die sich in unterschiedlicher Weise von ihrer linksextremen Vergangenheit gelöst haben, dürften dagegen im Genossen von damals einen Ewig-Gestrigen sehen.
Er selbst - mit Sicherheit kein Opportunist, der sein Fähnchen nach dem Wind hängt - vermittelt die Selbsgewissheit eines Menschen, der politische Überzeugungen nie grundlegend korrigierte und aus subjektiver Sicht daher im Wesentlichen immer recht hat(te).
Es ist ja richtig, dass es überall zu schrecklichen Verbrechen kommen kann. Österreich besitzt da kein Monopol. Es gibt andere Länder, in denen die Kriminalitätsrate weit höher ist und die Gesellschaft insgesamt verrohter.
Das irrwitzige Doppelleben allerdings, das der nach außen eher bieder wirkende Täter von Amstetten führte, oder, wie es Thea Dorn ausdrückte, seine Tarnung “mit dem stumpfen Lack der Bonhomie“, das könnte schon etwas mehr mit den Eigenheiten eines Landes zu tun haben, das Adolf Hitler hervorbrachte und Sigmund Freud das Anschauungsmaterial für seine “Psychopathologie des Alltagslebens” bot.“Denn hier ist nichts, was es scheint“, die sich auf Ödön von Horvaths “Geschichten aus dem Wiener Wald” beziehende Feststellung ist ein Motto dieses Weblog.
Nun möchte man sich Horvaths Theaterstück noch einmal genauer anschauen. Das schlimme Geschick von Marianne, der Hauptperson des Stücks und die Hartherzigkeit des “Zauberkönigs”, ihres Vaters, erscheinen im Vergleich zu dem, was in Amstetten geschah, geradezu harmlos.
Bei Horvath ist es vor allem Dummheit und Lüge, die das seelische und soziale Elend seiner Figuren bestimmen und begleiten.
Dass das unglaubliche, über ein Vierteljahrhundert hinweg gezimmerte Lügengebäude des Josef Fritzl Bestand haben konnte, lässt sich - wenn überhaupt - nur durch die komplementäre Wirkung von Dummheit und Ignoranz in seiner Umgebung erklären.
Dass eine junge Frau verschwindet, mehr als 20 Jahre wie vom Erdboden verschluckt, so etwas gab und gibt es, dass sie aber gespenstergleich in der Kleinstadt auftaucht, von niemandem gesehen, und dort mehrfach Kinder vor die Haustüre des Vaters legt, zumindest das hätte stutzig machen müssen - insbesondere die Behörden.Zur Rolle der Dummheit in Horvaths Theaterstück heißt es in der Wikipedia:
>Die Dummheit ist für Horvath das Instrument des Bewußtseins, mit dessen Hilfe es sich allen Kalamitäten, unbequemen Konflikten, harten Selbsterkenntnisprozessen zu entziehen versucht und das Gefühl der Unendlichkeit, das heißt der euphorischen Selbstbestätigung, Macht, Freiheit und ungetrübten Gewißheit, im Recht zu sein, sich erschleicht.
Dummheit ist willentliche Ignoranz, bewußtes Ignorieren von Fakten. Wo Dummheit und der Unwille, das eigene Hirn zu benutzen, auf eine desolate Umwelt treffen, entwickelt sich das Klima für kollektive Bosheit, für Menschenvernichtung, Rassismus und andere Spielarten pervertierten Massenverhaltens an dem doch jeder für seine Person beteiligt ist.
Horvath entlarvt die Dummheit, die sich in Wien oft als “charmante Niedertracht” manifestiert.
Die Personen des Stückes sind Kleinbürger und Spießer, die in der Zeit der großen Wirtschaftskrise und Verarmung, die dem Ersten Weltkrieg folgte, ein Wählerpotential der Nationalsozialisten bildeten.
Was sie zusammenhält ist die “Eintracht auf der Basis boshafter Geringschätzung” (Alfred Polgar). […]
Die Menschen verstecken sich hinter einer Fassade, leben in einer „heilen Welt“, die sich allerdings nur als Scheinwelt entpuppt, und wollen die Realität nicht sehen.
Horvaths Blick war erbarmungslos, weil er die Menschen demaskierte, weil er sie in ihrer Einfalt zeigte, in ihrer Härte und Grausamkeit, in ihrem Bemühen, anderen weh zu tun, nicht aus Gemeinheit, sondern aus Dummheit. Grundelemente der Handlung sind “mißlingende menschliche Kommunikation, verfehltes Leben, gegenseitiger Haß, latente Gewalt, trügerische Idylle und Fassadenmoral, Zweifel an der Existenz Gottes” (Theo Buck).<
Über die Verfilmung durch Maximilian Schell und die Hauptperson Marianne schreibt Dieter Wunderlich:
>Marianne wächst in einer patriarchalischen Umgebung auf. Ihr Vater – der “Zauberkönig” – erwartet, dass sie ihm gehorcht, ihm wie eine Dienstmagd die Sockenhalter sucht und den Mann heiratet, den er aus wirtschaftlichen Gründen für sie ausgesucht hat.
Wenn die Frau einmal finanziell unabhängig vom Mann wäre, sei das der letzte Schritt zum Bolschewismus, behauptet der Zauberkönig. Sie versucht, aus der Bevormundung durch ihren Vater auszubrechen und die Fremdbestimmung in der Ehe zu vermeiden.[…]
Die Kleinbürger, um die es in “Geschichten aus dem Wiener Wald” geht, kommunizieren vor allem durch Floskeln miteinander. Mit ihrer biederen Heuchelei versuchen sie, ihren Egoismus und ihren Materialismus zu verbergen. Auf der “Jagd nach dem Glück” … treten sie sich gegenseitig nieder.<
Josef Fritzl ließ sein Doppelleben noch immer die Zeit, neben dem Haus, in dem er wohnte, weitere 5 Häuser zu erwerben und zu vermieten.
1967 soll Fritzl eine junge Frau vergewaltigt haben, in deren Wohnung er eingedrungen war.
Elfriede Jelinek portraitiert in ihrem Roman “Gier” einen Mann, den Gendarm Kurt Janisch, der einiges, aber nicht alles mit Fritzl gemein hat.
Klaus Kastberger schreibt dazu in seiner Rezension:
>Häuser und Frauen sind in dem “Unterhaltungsroman” “Gier”, mit dem sich niemand recht unterhalten kann, so sehr eins, daß der Erzählerin manchmal die Dinge durcheinander geraten: “Spreche ich jetzt noch vom Haus oder schon vom menschl. Körper?” Der Mann bricht Türen und Fenster, dringt in Häuser und Körper ein und macht es sich darin so lange gemütlich, bis es fad wird.[…]
Kurt Janisch ist ein Experte in diesen Dingen. Das von ihm verwaltete Reich umfaßt drei Realitäten: Die eigene Ehefrau, die im gemeinsamen Eigenheim vor dem Fernseher sitzt, sich Familienserien ansieht und lange nichts mitbekommt.
[…]
Das Humane ist in “Gier” als Ganzes und damit in radikaler Weise suspendiert: Der Mensch wird als ein Stück Fleisch betrachtet …<
Mehr noch als Sigmund Freud hat sich der Psychiater Erwing Ringel mit der “Österreichischen Seele” beschäftigt. So lautet auch der Titel eines seiner Bücher.
Angie Dullinger nimmt darauf in der Münchner Abendzeitung Bezug:
>Dieses Land ist eine Brutstätte der Neurose“, konstatierte schon Erwin Ringel (1921 – 1994), der österreichische Professor für Psychiatrie, in einem Buch, das geradezu gespenstisch aktuell ist, wenn man versucht, das Unfassbare des Martyriums der Elisabeth F. und ihrer Kinder oder der ebenfalls in einem Verlies gefangenen Natascha Kampusch zu erklären.
In „Die österreichische Seele – 10 Reden über Medizin, Politik, Kunst und Religion“ (Verlag Böhlau, Wien, 1984) schlüsselt der als „Seelendokter der Nation“ gelobte und als „Nestbeschmutzer“ beschimpfte Erwin Ringel auf, was gerade Österreicher für Täter-Opfer-Rollen prädestiniert: In diesem Land würden Neurosen in der Kindheit gezüchtet, würden kindliche Abhängigkeitsverhältnisse von Archaik bestimmt.
„Eltern betrachten den Körper des Kindes als ihren Besitz, über den sie verfügen können“, erklärt Ringel die vielen Fälle von Kindsmisshandlungen. Die Kindheit, eine Art „Leibeigenschaft“, wie Schriftsteller Franz Innerhofer es nannte.
Auch eine „Seeleneigenschaft“, behauptet Ringel, und der Beginn einer Zerrissenheit zwischen Liebe und Hass, Ja und Nein. „Wenn die Seele einem anderen gehört, kann sie sich nicht nach eigenen Gesetzen entwickeln“, so Ringel, „und muss Schaden nehmen“. Angst, Einsamkeit, Bevormundung, Demütigung – so beginnt die „Krankheit Neurose“.
Eine Art Volkskrankheit. Die wichtigsten Erziehungsziele des Österreichers seien „Gehorsam, Höflichkeit, Sparsamkeit“, von da komme „die Bereitschaft des Österreichers zu devotem Dienen, mehr noch zu vorauseilendem Gehorsam“.< Quelle: abendzeitung.de, Österreich in der Identitätskrise, 1. 5. 2008
Dass der Fall Fritzl nicht nur die Familie des Täters und der Opfer, sondern das ganze Land in eine “Identitätskrise” stürze, ist allerdings arg übertrieben. Schon gar nicht kann man ein Land mit einem Soziopathen über einen Kamm scheren.
Nur die Umstände, in denen das Verbrechen stattfinden konnte, weisen über die Psychopathologie eines Einzelnen hinaus.
Man kann Josef Fritzl in diesen Tagen kaum entkommen. Und man könnte dem Boulevard böse sein, dass es dem Bösen aus Amstetten nun tagtäglich den Logenplatz auf seinen ersten Seiten schenkt.
Andererseits: Die Tat von Fritzl scheint einzigartig, es ist ein Super-Gau der “Vaterliebe”. Auch wenn das Blöd-Blatt BILD nun schwiege zu dem Fall, er käme einem auch so wieder in den Sinn. Wie kann einer nur tun, was der getan hat?
Wenn es ein Firmament menschlicher Niedertracht gäbe, wäre Fritzl dort oben bzw. da unten nun ein unheimlich glimmender Fixstern, auf einer fiktiven Richter-Skala des Bösen ist der Österreicher - Massen- und Völkermörder ausgenommen - wohl ein sinistrer Rekordhalter.
Was der im Odenwald aufgewachsene Regisseur Peter Sehr im Untertitel seines Films über den auch heute noch rätselhaften “Kaspar Hauser” ein “Verbrechen am Seelenleben eines Menschen” nennt, der Amstettener mit dem niedlich klingenden Nachnamen übertrifft mit seiner Untat dieses Verbrechen - so es eines war - um Längen.
Ziemlich sicher ist der Name des derzeitigen österreichischen Bundeskanzlers Alfred Gusenbauer in 100 Jahren weitgehend vergessen, der von Fritzl dagegen bleibt wahrscheinlich Inbegriff: für einen monströsen Vater, für das Böse im familiären Mikrokosmos, so wie der Name von Hitler für das Böse im historischen Makrokosmos steht.
“Spurlos verschwunden” nennt sich ein Thriller von George Sluizer aus dem Jahr 1988. Einiges an dem Fall aus Amstetten erinnert an diesen Film und Fritzl selbst erinnert an die Figur des Raymond Lemorne. Die Wikipedia schreibt dazu:
>Noch mehr Authentizität und Horror entwickelt der Film dadurch, dass der Entführer der besagte Mensch von nebenan ist, ein fürsorglicher Familienvater, der mit den Verbrechen aus seinem biederen bürgerlichen Leben auszubrechen versucht, ein Soziopath, der sich selbst als das Opfer einer psychotischen Gesellschaft bezeichnet.<
Als böses Märchen wird man kleinen Kindern die horrende Fritzl-Geschichte kaum erzählen können, schon deswegen, weil so womöglich das kindliche Grundvertrauen erschüttert würde.
Was man sich auch fragt: Wie hörte es sich an, wenn dieser Pseudo-Biedermann am Stammtisch oder vor dem Weihnachtsbaum von Werten und Moral sprach, während er unter sich die endlos missbrauchte Tochter und drei Kinder-Enkel lebendig begraben wusste?
Neigte er als Wähler oder Mitglied zur SPÖ, zur ÖVP oder zu Haider? Die Grünen dürften einem wie ihm wohl suspekt gewesen sein.
Thea Dorn machte sich kürzlich in Spiegel-Online Gedanken über Fritzl und den “österreichischen Nationalcharakter”.
Wir zitieren daraus einige Passagen:

>Bewahren Nationen im Zeitalter der globalen Nivellierung wenigstens noch in Sachen Monstrositäten ihren Nationalcharakter? Was bedeutet es, dass im wallonischen Teil Belgiens mit Marc Dutroux und Michel Fourniret gleich zwei drastische Kinderschänder beziehungsweise Serienmörder lange Jahre ihr Unwesen trieben? Wieso muss nicht die süditalienische, sondern die (ost)deutsche Polizei mit schauriger Regelmäßigkeit Säuglingsleichen aus Blumentöpfen und Gefriertruhen bergen? Und was verrät es über Österreich, dass dort blasse oder sonnenstudiogebräunte Biedermänner junge Frauen gefangen halten, um mit diesen ein ebenso groteskes wie brutales Zweitleben unter Tage zu führen?
Ein Merkmal, das die österreichischen Kerkermeister von den franco-belgischen Kinderschändern und den ostdeutschen Kindstöterinnen in der Tat unterscheidet, ist die (klein-)bürgerliche Wohlanständigkeit der Fassade.
[…]
Unstrittig sind es mit dem stumpfen Lack der Bonhomie getarnte Extremsadisten wie Josef Fritzl, die den Zivilisationsbruch aktiv betreiben. Die schleichende Erosion der Zivilisationsdämme betreiben jedoch all die Weggucker und Wegducker, die sich lieber selbst täuschen und dem Grauen seinen Lauf lassen, weil sie es vermeintlich nicht ertragen können, ihm ins Auge zu blicken. Es sei denn, der Boulevard liefert es frei Haus. Mit der beruhigenden Versicherung: Das Böse ist immer und überall. Außer bei Mutti.<
Den Wegguckern und Wegduckern widmet sich auch Wolfgang Sofsky in der Welt.
“Inzest im Dunkelfeld von Stumpfsinn und Scham”, so lautet dort die Überschrift seines Textes. Er sagt dort voraus:
>Angehörige, Nachbarn oder Arbeitskollegen – in solchen Fällen wie das Inzest-Drama von Amstetten will zuerst niemand etwas gesehen, gehört oder mitbekommen haben. Erst nach Jahren rücken sie mit der Wahrheit raus – so wird es auch in Österreich sein, wenn die Kraft der Verleungnung nachlässt.[…]
Das Dunkelfeld von Gleichgültigkeit, Stumpfsinn, Ahnung, Scham und Selbsttäuschung erstreckt sich über zahlreiche soziale Regionen. […]
Geschieht nebenan eine Untat oder ein Unglück, zuckt der Beobachter die Schultern. Man habe nichts tun können, lautet später seine Ausrede: weil man ja nichts gewusst habe. In Wahrheit verhält es sich umgekehrt. Man hat nicht zu viel wissen wollen, weil man nichts tun wollte; aber man hat stets so viel gewusst, dass man wusste, was man so genau nicht wissen wollte, aus Bequemlichkeit, Ängstlichkeit und Feigheit.<
Man fühlt sich an die Affäre um den früheren Chauffeur des südhessischen Landrats Alfred Jakoubek erinnert. Dessen Fahrer hatte über viele Jahre hinweg Kinder sexuell in schwerer Form missbraucht, sogar der Dienstwagen soll gelegentlich eine Rolle gespielt haben.
Der Landrat und sein Büroleiter hätten nichts tun können, weil man ja nichts gewusst habe, so die (Aus?) Rede - trotz wiederholter Hinweise.
Doch zurück zu dem Schwerverbrecher aus Amstetten.
Interessant ist, wie sein Anwalt Dr. Rudolf Mayer den Fall und Fritzl sieht:
>Mayer: “Ich hatte den Eindruck, vor mir stünde ein Pater Familias, ein Familienoberhaupt, mit guten, aber auch mit schlechten Seiten.”<
[Der Wiener Journalist und Blogger Marcus J. Oswald weiß in seinem Weblog “Blaulicht und Graulicht” über Anwalt Mayer einiges zu schreiben. Auch über Fritzl und was ihn erwartet, schreibt der Polizei- und Justizexperte Oswald kenntnisreich.]
In einem anderen (Spiegel-) Bericht erfährt man, wie Fritzl sich selbst sieht:
>Dass Fritzl selbst seine Tat in völlig anderer Dimension begreift, belegt sein karges, nüchternes Geständnis. “Ich sorgte immer gut für alle”, soll der 73-jährige zu Protokoll gegeben haben. “Ich hab’ es eigentlich gut gemeint.”<
Davon abgesehen, dass er seine Tochter über Jahrzehnte hinweg vergewaltigte, erinnern die anderen Umstände ihrer Einkerkerung von ferne an die familiäre (Rang-) “Ordnung” der Taliban bzw. ihrer Schari’a-Variante.
So wird sie in der Wikipedia beschrieben:
* Verbot von Kameras
* Verbot von Kino, Fernsehen und Videorekorder
* Verbot von Internet
* Verbot weltlicher Musik (gesungene Koranverse sind erlaubt)
* Frauen hatten ihren ganzen Körper mit der Burka zu bedecken
* Verbot jeglicher Frauenarbeit außerhalb des eigenen Hauses
* Frauen war ärztliche Behandlung nur in Begleitung eines Mannes erlaubt und nur durch weibliche Ärzte. Da für Frauen faktisch ein Berufsverbot bestand, gab es keine Ärztinnen und somit auch keine Behandlung für Frauen.
* Frauen war das Verlassen des Hauses nur in Begleitung männlicher Verwandter erlaubt; die Fenster der Häuser waren teilweise als Sichtschutz mit Farbe bemalt, so dass sie nur durchscheinend, aber nicht mehr durchsichtig waren.
* Verbot des Besuches jeder Art von Bildungseinrichtung (Schule, Hochschule) für Mädchen und Frauen.
Der Fall Fritzl hat ebenfalls Eingang in die Wikipedia gefunden. Der deutsche Artikel trägt die Überschrift “Kriminalfall von Amstetten“.
Der korrespondierende englische Artikel ist kürzer überschrieben: “The Fritzl incest case“. Es gibt mehr als ein Dutzend weitere Sprachversionen.
Die Bearbeitung des deutschen Artikels ist derzeit wegen “Vandalismus” für “nicht angemeldete und neue Benutzer gesperrt” - dies erfährt man auf der umfangreichen Diskussionsseite.
Das Buch von Ulla Fröhling “Vater unser in der Hölle” über eine missbrauchte Tochter ist dem gleichen Themenkomplex zuzuordnen. Angela Lenz, so ihr Pseudonym, entwickelte aufgrund des jahrelangen Missbrauchs eine “dissoziative Identitätsstörung“. Bei Elisabeth Fritzl, die dem Verließ ihres Vaters physisch entkommen ist, muss sich noch zeigen, ob sie das Erlebte tatsächlich (psychisch) überleben kann.
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"Denn hier ist nichts, was es scheint.". Albert Ettinger über Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald".
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