Der Weblog mein-parteibuch.com übt immer wieder fundamentale Kritik an Missständen in dieser Gesellschaft. Prinzipiell ist das gut - soweit tatsächlich Missstände auch vorliegen.
Leider ist Kritik nur das eine und der Versuch es besser zu machen das meist unwahrscheinlich andere.
Fundamentale Kritiker realer oder irrealer Missstände finden sich vielerorts, ob sie nun einen “Wachturm” in der Hand halten oder die Schriften von Ron Hubbard, ob sie diesen oder jenen revolutionären Kampf führen wollen oder den “Kampf” des “Führers” fortführen möchten. Alle wollen sie einer unheilen Welt ihr “Heil” bringen.
Hölderlin wusste bereits im Hyperion, worauf solches hinausläuft: “Immerhin hat das den Staat zur Hölle gemacht, daß ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte.”
Der Betreiber von mein-parteibuch.com, der irgendwann in die SPD eintrat und via Blog seine Erfahrungen mit dieser Partei kundtun wollte, hat sich innerhalb weniger Jahre radikalisiert und lässt mittlerweile Ansätze einer eigenen Programmatik erkennen:
Der “Westen” ist das “Reich des Bösen”, Gutes dagegen waltet in Nordkorea, bei der palästinensischen Hamas und - mit Einschränkungen - auch im Iran. [Die Außenpolitik von Mahmud Ahmadinejad jedenfalls beeindruckt den Berliner Blogger.]
Zuletzt konnte man im “Parteibuch” ein Bekenntnis zur diktatorischen Kim-Dynastie in Pjöngjang lesen.
Nordkorea sei vom Kapitalismus befreit, sein “sozialistisches System” sei “hart erkämpft”.
Da sein (vorbildliches?) System weiterhin einen “faschistischen Vernichtungskrieg” fürchten müsse, brauche es auch Atomwaffen.
Wer einen entsprechenden Nordkorea-Artikel auf der Website der NPD liest (”Lieber die Bombe im Keller als die Besatzer im Land!“), wird in Diktion und Inhalt kaum Unterschiede zum Parteibuch-Posting erkennen können.
Einen Unterschied gibt es denn doch: Der Botschafter des “so hart erkämpften sozialistischen Systems” hatte vor einiger Zeit eine Delegation des faschistischen NPD-Parteivorstandes eingeladen und empfangen.
Diese Ehre wurde dem Berliner Parteibuchblogger noch nicht zuteil. Doch was nicht war, kann ja noch kommen.
NPD und “Parteibuch” sind nicht die einzigen, die Solidarität mit Nordkorea üben. Ivo Bozic hatte in der Jungle World vor einigen Wochen Grußbotschaften diverser deutscher Kim-Fanclubs publik gemacht.
Warum eigentlich sind manche Statements von Linksradikalen und Rechtsradikalen nahezu deckungsgleich - obwohl die sich sonst spinnefeind sind?
Das kleine Nordkorea, das beide hocherfreut in seine Arme nimmt, kann dazu Antworten geben. “Nationaler Sozialismus”, Pseudo-Wahlen, Volksgemeinschaft und Führerkult sind charakteristisch für verschiedene Spielarten links-/rechtsradikaler Politik, die sich je nach Sichtweise um 360° oder 0° unterscheiden.
Nachfolgend vergleichende Auszüge aus dem Parteibuch-Posting und einer NPD-Pressemitteilung.
| mein-parteibuch.com | NPD |
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Dank großzügiger Hilfen, die den Menschen in Korea ähnlich wie den Menschen in Deutschland nach dem Krieg verdeutlichen sollen, dass es angenehmer ist, im faschistischen Teil des Landes zu leben, ging es der Bevölkerung Südkoreas wirtschaftlich danach vergleichsweise gut.
Die Bevölkerung Nordkoreas leidet bis heute unter dem Trauma des faschistischen Vernichtungskrieges. Soldaten und vermutlich auch Atombomben des US-Imperiums befinden sich nach wie vor an der Demarkationslinie zu Nordkorea und bilden dort eine unausgesprochene Drohung eines erneuten westlichen Vernichtungskrieges gegen Nordkorea. Und nachdem Barack Obama sich nun als ebenso verbrecherischer Angriffskrieger wie alle seine Vorgänger erwiesen hat, ist Nordkorea gezwungen, weiter an einer effektiven Landesverteidigung zu arbeiten, wenn es nicht die Helden, die in den Jahren 1950 bis 1953 ihr Leben für die Freiheit vom Kapitalismus geopfert haben, verraten will. Um sich gegen die wirtschaftliche und militärische Übermacht des Westens durch eine effektive Gegendrohung behaupten zu können und nicht wie der Irak mit Millionen Toten unterzugehen, braucht Nordkorea nachvollziehbarerweise Atomwaffen.[…] Solange sich die westlichen Staats- und Regierungschefs nicht zur Schuld am verbrecherischen Angriff auf Nordkorea bekennen, sondern weiter Kriegsstimmung schüren, kann Nordkorea kaum auf die gefährlichen Waffen verzichten.[…] Die Führer des Westens machen jedoch keinerlei Anstalten, sich um Wahrheit zu bemühen und die Schuld ihrer Vorgänger an den Verbrechen gegen die Bevölkerung Nordkoreas zu bekennen. Sie setzen weiter darauf, das so hart erkämpfte sozialistische System Nordkoreas durch ihre militärische, wirtschaftliche und propagandistische Übermacht zu vernichten. |
NPD-Pressestelle zu Atomtest in Nordkorea: “Lieber die Bombe im Keller als die Besatzer im Land!” Die Tatsache, daß Nordkorea über die Atombombe verfügt, dürfte der ausschlaggebende Aspekt sein, daß die Amis bisher davon absahen, eine militärische Strafexpedition gegen Nordkorea durchzuführen. Nun erdreisten sich die westlichen Massenmedien, der nordkoreanischen Regierung vorzuwerfen, sie rüste massiv auf, ohne auf die Belange der eigenen Bevölkerung zu achten. Sie lasse die Landsleute hungern und stecke alle verfügbaren Ressourcen in den Bau weiterer A-Waffen. Ein typischer Fall von Doppelmoral, derartige Vorwürfe und moralische Anklagen müssen sich andere Herrscher, die ihre Völker zwar ebenso knechten, nicht gefallen lassen. Und dies aus einem einzigen Grund: weil sie der imperialistischen Krake in Übersee hörig sind. […] Auch den Taliban oder Saddam Hussein waren die Amis einst wohlgesonnen, bis beide eine eigenständige, von den USA unabhängige Politik zum Wohle des eigenen Volkes umsetzen wollten. Die humanitäre Spielkarte bzw. die Menschenrechte werden von den westlichen Massenmedien lediglich dann als Argument in Anschlag gebracht, wenn der „Delinquent“ sich gegenüber der neoliberalen Freihandelsdoktrin politisch unkorrekt verhält. Desweiteren ist die Hetze der westlichen Systemmedien widerwärtige Heuchelei, denn die prekäre Wirtschaftssituation Nordkoreas hat ihre Ursache zu einem Großteil im von den USA und anderen dem Freihandel verfallenen Staaten der so genannten westlichen Wertegemeinschaft aufgestellten Embargo gegen Nordkorea.[…] Den Schwarzen Peter für das Elend der Bevölkerung ausschließlich auf den in Anbetracht der äußeren Bedrohung durch die USA nötig gewordenen Aufbau eines Abschreckungspotentials zu schieben, zeugt von Verlogenheit oder Unkenntnis der tatsächlichen Lage in Nordkorea. |

Am 27. April bot der sich als “links” begreifende Weblog mein-parteibuch.com seinen Lesern eine besonders denkwürdige Lektüre.
Während seitlich ein rotierendes Werbebanner für das “WW II Stategy-Game” “Case White” abwechselnd und scheinbar wertneutral forderte “Besetze Europa!” - “Befreie Europa!”, richtete der Betreiber des Weblog sein Wort an einen alten Israeli, der 1933, im Alter von 10 Jahren, mit seinen Eltern von Hannover nach Palästina ausgewandert war und so noch rechtzeitig dem Holocaust entkam. Der sollte wenige Jahre später im besetzten Europa seinen unheilvollen Lauf nehmen.
Dass der 85 Jahre alte Uri Avnery dabei vom Berliner Parteibuch-Betreiber geduzt wird, hat nichts mit der Attitude des Herrenmenschen zu tun, mit dem seinerzeit die von Berlin aus gesteuerte Soldateska einem Juden begegnete.
Das durchgängige “Du” für den 40 oder 50 Jahre älteren Avnery ist aus Sicht des Berliner “Katzenfreundes” vielmehr Ausdruck von Sympathie und “allergrößtem Respekt“.
Der regierungskritische Avnery ist für den Katzenfreund nämlich ein guter Israeli, wo dessen Staat sonst ein “Apartheid”-Staat sei, den es zu boykottieren gelte.
Ob die Worte des Berliner Katzenfreundes tatsächlich an das Ohr oder die Augen des alten israelischen Friedensaktivisten dringen, ist zweifelhaft.
Man wüsste auch nicht, ob er für den belehrenden Ton des jungen Deutschen lange Geduld aufbrächte.
Wer sonst aber die knapp 750 Worte liest, die der Berliner an den alten Mann in Tel Aviv in Form eines “offenen Briefes” richtet, erfährt manches Interessante.
Etwa zu Mahmud Ahmadinejad, wo über den von ihm regierten Iran gerade heute wieder zu lesen war, er halte umgerechnet auf die Zahl der Einwohner den Weltrekord an Hinrichtungen (und Steinigungen).
So informiert der Katzenfreund den “Lieben Uri”:
>Ahmadinejad ist nicht, wie in der Presse behauptet wird und wie du es sagst, ein “konsequenter Holocaustleugner.” So hat Mahmud Ahmadinejad in seiner jüngsten Rede in Genf den Holocaust nicht geleugnet, sondern erklärt, dass der Holocaust von Zionisten als Rechtfertigung dafür missbraucht wurde und wird, anderen Menschen schreckliches Leid zuzufügen.<
Nicht nur in diesem offenen Brief, auch in zahlreichen anderen Beiträgen verficht das Berliner Parteibuch Verschwörungstheorien zu den terroristischen Anschlägen vom 11. September 2001.
Dabei habe es sich um Anschläge unter “falscher Flagge” (false flag) gehandelt. Der Katzenfreund zu Avnery:
>Als ehemaliges Mitglied der Irgun solltest du eigentlich wissen, wie False-Flag-Terror funktioniert.[…] Kaum ein Jahr später attackierte “Al Kaida”, ein Geheimdiensttrupp mit erstaunlich guten Beziehungen zu Israel, das World Trade Center.<

In ihrem sehr ausführlichen Artikel über die 9/11-Verschwörungstheorien, zitiert die Wikipedia zuletzt auch deren Kritiker:
>Kritik an antisemitischen Stereotypen oder der Anfälligkeit dafür veröffentlichten der Historiker Wolfgang Wippermann und der Kommunikationswissenschafler Tobias Jaecker. Beide wiesen auf Parallelen heutiger Verschwörungsthesen zu den Protokollen der Weisen von Zion hin:
“Der israelische Geheimdienst Mossad übernimmt dabei die Rolle der in den „Protokollen” fantasievoll beschriebenen jüdischen Geheimorganisation, Israel selbst verkörpert das „internationale Judentum”, und der Eigner des World Trade Center Larry Silverstein gilt als Repräsentant der ‘jüdischen Wucherer’.”<
Als ob er genau dies bekräftigen wolle, holt der Katzenfreund am Ende seines offenen Averny-Briefes zu einem verbal finalen Schlag gegen Israel aus:
>Dass der Schwanz mit dem Hund wedelt, hat kurz nach den False-Flag-Anschlägen auf das WTC Schimon Peres von Ariel Scharon so lautstark erklärt bekommen, dass es nachher in der Presse nachzulesen war.
Der Rassist Avigdor Lieberman hat schon viele verwerfliche Dinge gesagt und getan, aber was soll an dieser Äußerung verwerflich sein? Lieberman hat diesmal nichts weiter getan, als dem gemeinen Volk zu erklären, wer die Welt regiert. Im Weißen Haus ist man sich der Situation ohnehin bewusst.
Lieber Uri, ich befürchte, du machst dir Illusionen. Israel ist ein durch und durch rassistischer Terrorstaat.
Der Faschismus ist in Israel genauso beheimatet wie er in Deutschland seit der Zeit, wo du emigriert bist, nie verschwunden ist.< [Hervorhebungen von uns]
Israel hat also mit Avigdor Lieberman nicht nur einen unsäglichen Spitzenpolitiker - eine deprimierende Politpersonalie, wie man sie u.a. aus Italien kennt - nein, Israel “regiert” die Welt und für diese “These” ist dem Katzenfreund Liebermann ein (angeblich seriöser) Zeuge.
Da freilich ein Land von der Größe Hessens und einer Einwohnerzahl von 7,4 Millionen allein auch aus “Parteibuchsicht” schwerlich “die Welt regiert“, bleibt eigentlich nur das antisemitische Stereotyp vom “internationalen Judentum” übrig - auch wenn der Katzenfreund dieses Wort (noch) nicht in den Mund nimmt.

Wer am 27. April bzw. am 26. April das Parteibuch-Blog etwas genauer betrachtete, entdeckte neben dem Werbebanner für “Case White” / “Battlefield Europe” und unterhalb des “Boycott Apartheid Israel” - Banners noch diese Parteibuch-Ticker-Meldung: “Gerüchte: Schweinekiller-Virus aus israelischen Biowaffenlabor Nes Ziona“.
Welchen Geruch “Gerüchte” dieser Art in der langen Historie des Antisemitismus verströmen, weiß man. Inzwischen weiß man auch, dass dieser Geruch nicht nur aus rein braunen Kloaken aufsteigt.
Dass man Kritik an der Moral des Berliner “Parteibuchs” übt und sich gleichzeitig die Welt besser wünscht als sie ist, kann man sich dort nicht vorstellen.
Bezeichnend ist, wie ein loyaler Parteibuch-Anhänger auf die sogar nur verhaltene Kritik eines anderen Lesers (oder einer Leserin) reagiert. “Ekelhaftes Gesindel” sei das, ein “faschistischer Kommentar aus US-CIA-Gedärm“, der “einfach zu löschen” sei. 
Wer also inhaltlich Kritik übt, riskiert, persönlich diffamiert zu werden.
Der Redakteur (und Katzenfreund) pflichtete dem Hetzer kurz darauf bei:
>Es lohnt sich nicht, auf den antideutschen Kindergarten in irgendeiner Form einzugehen. Die spätpubertären Dummköpfe posten hier seit Wochen immer die gleichen sinnleeren Versatzstücke.<
Gerne würde man da wissen, wen auf der Website mein-parteibuch.com der angeschriebene 85 Jahre alte Uri Avnery als Dummkopf betrachtet.
Wahrscheinlich aber las und sah er das nicht. Wenn er es aber las, dürfte er sich gesagt haben: “Es lohnt sich nicht, auf den deutschen Kindergarten in irgendeiner Form einzugehen.”
Der “Katzenfreund” wird seine Leser über die Reaktion des “lieben Uri” sicher in Kenntnis setzen.
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"Denn hier ist nichts, was es scheint.". Albert Ettinger über Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald".
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