Prof. Oliver Lepsius: „Für mich steht außer Frage, dass Herr zu Guttenberg ein Betrüger ist“

Gut 5 Minuten dauert das auf br-online.de eingestellte Interview mit dem Bayreuther Jura-Professor Oliver Lepsius zur „Causa Guttenberg“.
Dem Minister dürften sie wie eine Ewigkeit vorkommen: Mit fast jedem Wort zertrümmert Lepsius dessen Reputation. So schonungslos wurde in der gesamten deutschen Nachkriegsgeschichte noch kein anderer Spitzenpolitiker demontiert.
Karl-Theodor zu Guttenberg wird innerhalb der nächsten Wochen als Verteidigungsminister zurücktreten, daran lässt dieses Interview kaum einen Zweifel – mögen die Beliebtheitswerte des fränkischen Freiherrn momentan auch noch so hoch sein.
Jeder, der in Regierung oder CDU weiter an ihm festhält, wird so auch die eigene Reputation dauerhaft beschädigen.
Wer soll auf internationaler Bühne eine solche Figur noch ernst nehmen? Merkel und ihr noch immer mit Guttenberg ‚prominent‘ besetztes Kabinett macht sich dort zum Gespött.
Wann wohl dämmert es Angela Merkel, dass sie in dieser Sache einen kapitalen, nicht wieder gut zu machenden Fehler machte.

Für den, der dieses Interview nicht sehen oder hören kann, hier einige Auszüge aus dem BR-Artikel:

>“Wir sind alle entsetzt“, sagte er in einem Interview für das Bayerische Fernsehen. Und weiter: „Für mich steht außer Frage, dass Herr zu Guttenberg ein Betrüger ist.“<

>Guttenberg habe planmäßig kopiert, so Lepsius. Die Arbeit sei von Anfang an als Collage geplant: „Das ist kein Versehen“. Auch die Entschuldigung des Verteidigungsministers, nicht absichtlich ein Plagiat angefertigt zu haben, kann der Staatsrechtler nicht nachvollziehen: „Wie kann jemand etwas tun, und nicht wissen was er tut.“ Bei Guttenberg habe es sich nicht um einen Studenten im zweiten Semester gehandelt. Er habe die Arbeit am Ende eines langjährigen Promotionsverhältnisses abgegeben. Lepsius spricht von „Wirklichkeitsverdrängung“.<

>Wie Guttenberg mit der Affäre umgegangen sei, „lässt bei mir als Staatsbürger erhebliche Zweifel an seinen charakterlichen Fähigkeiten zur Selbsteinschätzung seiner Handlungen erkennen“, so Lepsius. Auch für die Kanzlerin findet der Professor harte Worte. Angela Merkel gehe fehl in der Annahme, dass der Doktorgrad für die Aussübung des Amtes als Außenminister irrelevant sei. Wenn Guttenberg in diesem Fall nicht wisse, was er tue, wisse er es dann in anderen Fällen, fragt Lepsius.<

Dazu passt, was bereits vor 2 Tagen in der FAZ zu lesen war:

>Der Deutsche Hochschulverband (DHV) hat das Verhalten von Teilen der Politik in der Guttenberg-Plagiatsaffäre scharf kritisiert. „Die Marginalisierung schwersten wissenschaftlichen Fehlverhaltens durch höchste Repräsentanten unseres Staates ist empörend“, erklärte DHV-Präsident Bernhard Kempen am Freitag in Bonn. „Es ist unerträglich, wie die Bedeutung der Wissenschaft und ihrer ehernen Gesetze politisch kleingeredet wird.“ […]
Sein Verband nehme daher die Einschätzungen und Äußerungen aus Teilen der Politik und der veröffentlichten Meinung über Plagiate mit „Befremden, teils auch mit Erschrecken“ zur Kenntnis.<

In der Main-Post kommentiert Michael Reinhard treffend:

>Auch wenn er nach wie vor Deutschlands beliebtester Politiker ist und es viele Bürger nicht wahrhaben wollen: Karl-Theodor zu Guttenberg ist angesichts der Plagiatsaffäre als Verteidigungsminister nicht mehr tragbar. Jeder Tag, den er länger an seinem Stuhl im Ministerium klebt, schadet nicht nur dem Amt. Auch „der Ruf Deutschlands in der Wissenschaft“ leidet zunehmend darunter, wie der Moskauer Politologe Wladislaw Below warnte. Wer sich öffentlich den Vorwurf gefallen lassen muss, ein „Betrüger“ zu sein, weil er, so der Bayreuther Juraprofessor Oliver Lepsius, „planmäßig und systematisch“ wissenschaftliche Quellen zum Plagiat zusammengetragen habe, hat ein erhebliches Glaubwürdigkeitsproblem – mindestens. […]
Als ob Glaubwürdigkeit und Integrität einer Person von der jeweiligen Tätigkeit abhinge, die sie ausübt: wissenschaftlich also jemand, der dreist abschreibt, beruflich aber tugendhaft und vertrauenswürdig ist.<

Der Fall Guttenberg: CDU bejubelt einen notorischen Schwindler

pdh guttenberg kelkheim

Applaus für einen Trickser und Täuscher: Wolfgang Hörnlein (Pressedienst -pdh-) wurde im südhessischen Kelkheim Zeuge eines bemerkenswerten Auftritts – Franz Walter nennt es „Kapitulation des deutschen Bürgertums„: Eine Partei, die für sich konservative Werte reklamiert, bejubelt einen gerade überführten, notorischen Schwindler – dessen „Ehrenwort“ offenkundig nichts wert war.
Die CDU hat also wieder ein Vorbild, wie schön. Auch Schüler und Studenten haben mit dem das Kanzleramt anvisierenden Guttenberg ein neues Vorbild: Zukünftig lügt, trickst und spickt es sich mit guttem Gewissen.
Nachfolgend der Bericht von Wolfgang Hörnlein:

>Unbeteiligte Beobachter hätten annehmen können, die Kanzlerin werde in Kelkheim erwartet. So dicht gedrängt standen etwa 900 Besucher in der Stadthalle in Erwartung des Bundesverteidigungsministers und Verteidigers in eigener Sache, Karl-Theodor zu Guttenberg. Helmut Kohl hielt den bisherigen Besucherrekord mit 700 Anhängern, der CSU-Politiker schlug ihn nun um Längen.

Sie wurden nicht enttäuscht und erlebten einen aggressiven Verteidigungsministers, der seine Angriffslust mittlerweile auf die von ihm so genannte Hauptstadtpresse gelenkt hatte, die ihm ein „ungemein gemütliches Wochenende“ beschert hatte. Er musste nämlich seine Doktorarbeit nochmals durchblättern und dann zerknirscht feststellen, dass die Plagiatvorwürfe gegen ihn definitiv nicht aus der Luft gegriffen waren.

Und dann eine bei ihm noch nicht erlebte Demut: Er werde den Doktortitel dauerhaft nicht mehr führen. In den sechs Jahren des Entstehungsprozesses seiner Dissertation habe er „den Überblick über die Quellen verloren“. Es sei durchaus auch „Peinliches“ dabei herausgekommen, wie etwa die Einleitung seiner Arbeit. Diese stamme zum Teil aus einem Artikel der FAZ. „Ich bin ein Mensch mit Fehlern und Schwächen und stehe auch öffentlich zu meinen Schwächen. Ich entschuldige mich von Herzen bei jenen, die er mit Blick auf seine Dissertation verletzt habe,“ sagt zu Guttenberg und fügt hinzu: „Die Entscheidung, den Doktortitel nicht zu führen, schmerzt.“

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Die Wahlkampfgemeinde der Christdemokraten liegt ihm dennoch Füßen und applaudiert minutenlang.
Lange waren die CDU-Anhänger im Ungewissen gewesen, ob der angeschlagene Verteidigungsminister tatsächlich in die Gemeinde am Taunus kommen würde, den ersten öffentlichen Auftritt nach Bekanntwerden der Plagiatsaffäre absolvieren würde. Die deutliche Antwort kam vom Minister höchstselbst: „Ich werde mich nach einem solchen Sturm vor keinem Auftritt drücken. Soweit kommt das noch. Hier oben steht das Original und kein Plagiat“, sagte er.

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Er sei nicht als Selbstverteidigungsminister, sondern als Bundesverteidigungsminister in den Main-Taunus-Kreis gekommen. Er wolle deutlich machen, „dass eine oberfränkische Wettertanne so ein Sturm nicht umhaut. Es gibt guten Grund zu kämpfen und sich weiterhin meiner Aufgabe anzunehmen. Da verlässt man keine Schiffe, sondern bleibt an Deck, hält durch und hält aus.“

Und noch einmal ein Frontalangriff auf die von ihm zurzeit mit Liebesentzug gestrafte Hauptstadtpresse. Dass die Plagiatsvorwürfe tagelang die Nachrichten über drei getötete Bundeswehrsoldaten und mehrere Verletzte aus den Schlagzeilen verdrängt hätten, sei kein Beleg für exzellenten Journalismus. Der Saal tobt, auch als Guttenberg versichert, er werde nicht zurücktreten.<

[Links und Hervorhebungen von uns. Die Screenshots stammen von der hastig umgebauten Website des Ministers: zuguttenberg.de
Die auf dem pdh-Foto abgebildeten Persönlichkeiten – Roland Koch, Karl-Theodor zu Guttenberg und Volker Bouffier – stehen für eine schon lange währende geistig-moralische (und wissenschaftliche) Erneuerung Deutschlands.]

Plagialer Absturz: Stand hinter Guttenberg ein dilettierend-dissertierender Ghostwriter?


Das Google Copy - Paste - Syndrom

Mit einiger Wahrscheinlickeit ist Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg unschuldig. Die ihm zur Last gelegten Plagiate in seiner Dissertation könnte ein anderer verantworten: Ein Ghostwriter.

Gründe, die für diese Version sprechen, hat gestern bereits die Sueddeutsche zusammengetragen:

>Viel Zeit kann Karl-Theodor zu Guttenberg nicht gehabt haben für seine Doktorarbeit. Während der heutige Verteidigungsminister die 475-seitige Arbeit verfasste, saß er im Bundestag, wurde zum Obmann im Auswärtigen Ausschuss gewählt, war rüstungspolitischer Sprecher der Fraktion, Vorsitzender des CSU-Ortsverbands Guttenberg und Kreisrat im Kreistag Kulmbach, er leitete den Fachausschuss Außenpolitik der CSU und hatte mehrere Ehrenämter inne. Zudem hatte er zwei Töchter daheim, sie waren noch nicht einmal in der Schule. Wie kann jemand sich bei so viel Stress auf die Dissertation konzentrieren?<

Hätte Guttenberg tatsächlich einen Ghostwriter angeheuert, läge die unmittelbare Veranwortung für die stümperhaft plagiierten Texte so gesehen nicht mehr beim Verteidigungsminister.
Das machte die Sache für ihn freilich nicht leichter, sondern strafbar.

Wir zitieren (ganz sauber!) nochmals aus dem SZ-Artikel von Lisa Sonnabend:

>Hätte der Verteidigungsminister sich jedoch tatsächlich bei ihm gemeldet, dann hätte er jetzt ganz andere Probleme.
Während in der Politik oder Wirtschaft Redenschreiber dazugehören, müssen Akademiker ihre Werke selbst verfassen.
Beauftragen sie einen Ghostwriter und geben trotzdem die eidesstattliche Erklärung ab, dass sie die wissenschaftliche Arbeit eigenständig und ohne fremde Hilfe verfasst haben, machen sie sich strafbar.< [Hervorhebungen von uns.]

Ist dies der läppischen Plagiate letzte Lösung, erleben wir aktuell den Absturz eines Politikers aus demoskopisch schwindelnder Höhe – fast vergleichbar mit dem (allerdings letal endenden) Absturz des Jürgen W. Möllemann im Juni 2003.

Situationen wie diese beweisen einmal mehr die Schwarmintelligenz des Web 2.0

Auf dem GuttenpPlag-Wiki wird aktuell die freiherrliche Dissertation einer so gründlichen Prüfung unterworfen, dass dies nicht nur Guttenberg, sondern auch seinen formellen Prüfern an der Universität Bayreuth den Schweiß ins Gesicht treiben dürfte.
Die Twitterseite von PlagDoc meldet (ohne Gewähr) als aktuellen Zwischenstand:

>über 10% aller Seiten in zu Guttenbergs Doktorarbeit sind aus anderen Quellen kopiert<

In der auf Twitter lebhaft geführten Guttenberg-Diskussion wird verschiedentlich eine naheliegende Frage gestellt:

>Sollte man die Affaire um #Guttenberg nicht mal zum Anlass nehmen und ALLE Doktorarbeiten der MdB überprüfen?<

UPDATE: Auf dem GuttenPlag-Wiki wird sehr penibel das Für und Wider der Ghostwriter-These diskutiert.
Am meisten plausibel erscheint uns die „Mitarbeiter-Theorie“ von Macbeth2.0:
Wir zitieren einige seine Argumente:

>Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter seines Bundestagsbüros hat die wegen Zeitmangels „liegengebliebene“ Dissertation zu Ende geschrieben.

Wie unter Bundestagsabgeordneten üblich, hat wohl auch Herr von Guttenberg ab 2002, also rund zwei Jahre nach Beginn des Dissertationsvorhabens, einen oder mehrere wissenschaftliche Mitarbeiter (junge Akademiker) und studentische Hilfskräfte beschäftigt, die ihm bei seiner Doktorarbeit zugearbeitet haben könnten. […]
Die Theorie, die Arbeit habe ein professioneller Ghostwriter geschrieben, ist jedenfalls durch das (entweder der Dummheit oder Gleichgültigkeit des Verfassers geschuldete) Faktum, dass die Einleitung im Wortlaut aus einem im Internet frei verfügbaren (und nachschlagbarem) Zeitungsartikel abgeschrieben wurde, widerlegt. […]

Weiter ist auch zu bezweifeln, dass er darüber im Bilde war, wie schamlos der Zweitschreiber sich aus Drittquellen bedient.
Und schließlich: Ein festangestellter und mit Steuern finanzierter wissenschaftlicher Mitarbeiter ist kein Ghostwriter (im Sinne einer Berufsbezeichnung).

Dass Guttenberg persönlich die plump-dreisten und jeglicher wissenschaftlicher Handwerkskunst widersprechenden Fremdtextübernahmen vorgenommen haben soll, scheint angesichts seiner Person, der durch ein Auffliegen solchen Betruges drohenden Gefahr für die angestrebte Karriere und dem erfolgreich absolviertes Jura-Studium … höchst abwegig. […]

Es spricht mehr dafür, dass sich Herr von Guttenberg irgendwann zwischen 2004 und 2006 mit der Erkenntis konfrontiert sah, dass er die Doktorarbeit auf Grund der Arbeitsbelastung als Bundestagsabgeordneter und CSU-Emporkömmling nicht unmittelbar und wegen seiner angestrebten Politik-Karriere wohl auch niemals später zu Ende schreiben werden könne. Ein Sich-Abfinden mit dem endgültig gescheiterten „Projekt Doktortitel“, war mit dem Charakter des erfolgsverwöhnten Aufsteigers nicht kompatibel. Die Deligierung der Arbeit an eine zweite Person, unter Inkaufnahme des Promotionsbetruges, war demnach eine – wenn in seiner Person auch konsequente – Verzweiflungstat.< [Hervorhebungen von uns]

Genannt werden drei mögliche Dissertations-Helfershelfer: Dr. Hartmut Philippe, Philipp Freiherr von Brandenstein sowie Guttenbergs Bruder Philipp.

Inzwischen hat Guttenberg verkündet, seinen Doktortitel vorerst nicht weiter zu tragen.
Bei seiner heute abgegebenen öffentlichen Erklärung fiel auch die Körpersprache auf: Augen zu und durch.

Den Lesern dieses Blog dürfte bekannt sein, dass wir gegenüber Juristen nicht völlig vorurteilsfrei sind.
Zu Guttenberg beendete nur das erste juristische Staatssexamen und ist insofern kein Volljurist. Daher sehen wir unser Vorurteil gegenüber Juristen aktuell auch nur halb und nicht voll bestätigt.