Mein Papstdefekt – Ist es neurologisch bedenklich, sich in diesen Tagen nicht katholisch zu fühlen?

> Am Dienstag nachmittag sah ich folgendes im Fernsehen: einen eigenartig gestikulierenden Achtundsiebzigjährigen auf einem Balkon. Er trug ein seltsames Gewand, lächelte selig und sagte, sein Name sei jetzt Benedikt. Er behauptete, der Stellvertreter Gottes auf Erden zu sein. Ich muß ein Fall für Oliver Sacks sein. Ich verwechsle nicht meine Frau mit einem Hut, aber bedenklich ist mein Zustand schon, denn es ist mir ja rational ganz klar, daß dieser Mann jetzt Benedikt der Sechzehnte, der Nachfolger Petri auf dem Heiligen Stuhl ist. Aber ich schaffe es nicht, daran zu glauben. Nicht an Petrus. Nicht an Jesus. Nicht an Gott.
Es könnte natürlich sein, daß ich mit meinem spirituellen Totaldefekt ein neurologischer Sonderfall bin. Aber ich kann nicht erkennen, daß die angebliche neue Konjunktur des Religiösen auch eine Änderung des Verhaltens, eine Intensivierung der spirituellen Praxis im Lande mit sich bringt. Mein Verdacht ist: Je mehr von Religion in den Medien die Rede ist, desto mehr zieht sie sich aus dem Leben der Zeitgenossen zurück. So wie in Indien, wo die Kinos wie verrückt Liebesfilme zeigen, weil die von den Eltern arrangierten Ehen ganz ohne romantischen Überschuß auskommen…
Paradoxerweise fällt es um so leichter, den Papst gut zu finden, je weniger er Einfluß nehmen kann auf die individuelle Lebensgestaltung, je mehr auch hierzulande katholische Milieus, wie sie noch Heinrich Böll beschrieben hat, erodieren: Selbst CDU-Spitzenpolitiker lassen sich scheiden, haben Freundinnen, leben in homosexuellen Partnerschaften. Vom Vatikan geht keine Gefahr mehr aus. Den Papst gut zu finden, weil er das Ende der Beliebigkeit ankündigt – das ist eine beliebte und beliebig revidierbare Haltung. Der unbefangene Jubel so vieler hat auch damit zu tun, daß die katholische Kirche für sie harmlos ist…< Quelle: Nils Minkmar (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) /spiegel.de

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