Fußball WM 2006: Klinsmanns Erfolg blamiert das deutsche Dreckblatt BILD


Mit einem peinlich wirkenden journalistischen Fallrückzieher („Klinsi, das war schweinimalig!“) will die BILD-Zeitung jetzt vergessen machen, dass sie lange Zeit eine Kampagne gegen Fußball-Bundestrainer Jürgen Klinsmann betrieb.
Wer sehen will, was das Boulevardblatt vor dem erfolgreichen WM-Auftritt der deutschen Mannschaft über deren Trainer schrieb, kann es in einigen hundert BILD-Artikeln nachlesen, die noch immer online sind.
Typisch für die Kampagne war ein Kommentar des stellvertretenden BILD-Chefredakteurs und Sportchefs Alfred Draxler über „Klinsmanns Unverschämtheit“ Draxlers widerlegter Schlusssatz: >Denn Klinsmann hat mit seinem unprofessionellen Verhalten inzwischen für so viel Unruhe gesorgt, daß eine erfolgreiche WM mit ihm als Bundestrainer kaum noch möglich sein dürfte.<
Noch deutlicher und noch dümmer waren die (Dementia) Präcox-WM Kommentare des unsäglichen BILD-Kolumnisten Franz-Josef Wagner: „Lieber Jürgen Klinsmann, für mich werden Sie immer mehr ein Fremder. Ein Fremder ist wie fließendes Wasser…“ (BILD: 6. 3. 2006). Mehr dazu natürlich auch beim BILDblog.

Einen exzellenten Einblick in die ungute Melange von BILD und Ball bietet Roger Repplinger im kritischen Fußballmagazin RUND, aus dem hier auszugsweise zitiert wird:

>Wer verstehen will, warum die „Bild“-Zeitung seit Monaten eine Kampagne gegen Bundestrainer Jürgen Klinsmann fährt, muss bis in das Jahr 1984 zurück. Am 26. Juni trat Jupp Derwall nach einer verkorksten Europameisterschaft in Frankreich als erster Cheftrainer der DFB-Geschichte zurück. Franz Beckenbauer war als „Bild“-Kolumnist dabei und haute Derwall in die Pfanne. Beckenbauers Kolumnen schrieb Walter M. Straten. Heute ist der Autor Straten immer vorne dran, wenn es gilt, Klinsmann eins auszuwischen. Neben Straten kümmerte sich Mitte der 80er Jahre Raimund Hinko um Beckenbauer, heute bei „Sport-Bild“ und in tiefer Liebe dem FC Bayern München und Oliver Kahn und in ebensolcher Abneigung Klinsmann verbunden.

Jeder wichtige deutsche Nationalspieler hat bei „Bild“ einen speziellen, für ihn zuständigen Redakteur. Der ist Ansprechpartner, Kummerkasten, Image-Schöpfer, Helfer in der Not und Verkäufer, wenn es, wie bei Stefan Effenberg, gilt, ein Buch loszuschlagen. Der Spieler gibt Infos, der „Bild“-Redakteur nimmt, der „Bild“-Redakteur gibt gute Spielnoten, der Nationalspieler nimmt und steigert so seinen Marktwert, erhält bessere Verträge. Der „Bild“-Redakteur steigt mit auf und weiß mehr als die Konkurrenz. […]
Völlers Nachfolger Klinsmann ist ein Feind. Schon als Jungprofi bei den Stuttgarter Kickers hielt er Distanz zu „Bild“. Stets war des Stürmers Privatleben tabu. Die Boulevardzeitung rächte sich und streute subtil das für einen Fußballer tödliche Gerücht, Klinsmann sei homosexuell. Harald Schmidt griff dies während der WM 1998 auf und verhöhnte Klinsmann als Schwabenschwuchtel. Der DFB erstritt eine Unterlassungserklärung.
Als Klinsmann bei Bayern München spielte, störte er die Mauscheleien zwischen Bayern-Führung und „Bild“, indem er auf die schädliche Wirkung von Beckenbauers Kolumnen für Mannschaft und Trainer Otto Rehhagel hinwies. Er kritisierte, dass Matthäus „Bild“ Interna steckte. Anfang 1996 brach der Konflikt zwischen Klinsmann und Matthäus offen aus. Auffällig war, dass „Bild“ und seine Schwesterblätter in diesem Streit gerne Partei gegen Klinsmann ergriffen.[…]
Die Feindschaft schlummerte, bis Klinsmann Bundestrainer wurde. Für „Bild“ ist der Bundestrainer so wichtig wie der Bundeskanzler. Mit beiden ist Auflage zu machen. Der Sport ist für „Bild“ lebensnotwendig, vor allem die Nationalmannschaft, um die Kompetenz, die „Bild“ für sich beansprucht, nachzuweisen. Doch obwohl auf Druck von „Bild“ eine „Trainerfindungskommission“ installiert wurde, in der mit Beckenbauer auch ein „Bild“-Kolumnist saß, gelang es nicht, den eigenen Kandidaten, den notorischen „Bild“-Informanten Matthäus, durchzusetzen.
DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, ein alter, konservativer, schwerhöriger, unberechenbarer Mann, wollte nicht irgendeinen, er wollte den richtigen Trainer. Einen, dem er zutraute, Nationalelf und Umfeld zu reformieren. Er traf sich im Sommer 2004, nach einem Tipp von Vogts, in einem New Yorker Hotel mit Klinsmann, während Beckenbauer in Deutschland unverdrossen für Matthäus warb. Eine Niederlage. Eine Blamage für „Bild“.
Bild Draxler Bild Zeitung Kampagne
Unter den Spielern der aktuellen Nationalmannschaft hat „Bild“ keinen Informanten. Angeblich hat Oliver Kahn für die Zeit nach der Weltmeisterschaft einen Exklusivvertrag mit der Zeitung. Umso blindwütiger greift „Bild“ Klinsmann an. Dies geschieht vor allem durch WM-OK-Chef Beckenbauer, der, so hört man, eine Million Euro pro Jahr für seine Tätigkeit bei „Bild“ bekommen soll und den uns das ZDF trotzdem als unabhängigen Experten verkauft. Über „Bild“-Kolumnist Günter Netzer, den die ARD als unabhängigen Experten verkauft.[…]
Klinsmann steht für alles, was „Bild“ ablehnt: Neue Formen der Trainingsarbeit, Wissenschaft, neue Taktik, Risiko, neue Führungscrew, internationaler Trainerstab – „Bild“ ist national. Klinsmann bedeutet einen Verlust von Macht und Einfluss. Deshalb muss Klinsmann weg. Sonst saust die sinkende Auflage weiter in den Keller.
„Bild“ hat den Nachfolger schon positioniert: Matthias Sammer. Dessen Medienberater heißt Ulrich Kühne-Hellmessen und war Chefreporter bei „Bild“.< Quelle: Roger Repplinger in Rund-Magazin.de, Bumm Bumm Bild.
Auch das NDR-Magazin ZAPP berichtete Mitte März über die Hintergründe der BILD-Kampagne gegen Klinsmann.
Oliver Fritsch analysierte zur gleichen Zeit in der Frankfurter Rundschau die Kampagne gegen den Trainer: >Suspekt ist vielen Klinsmanns „amerikanischer“ Optimismus, sein „american way of life and work“ und sein Wohnort. Daß der Fußballbundestrainer, Inhaber des dritthöchsten Amts im Land, in Kalifornien lebt, gilt der Springer-Presse als Verrat am Vaterland.< Der Artikel kann vollständig im Weblog indirekter-freistoss.de nachgelesen werden, der täglich eine „Presseschau für den kritischen Fußballfreund“ zusammenstellt.

2 Gedanken zu „Fußball WM 2006: Klinsmanns Erfolg blamiert das deutsche Dreckblatt BILD“

  1. Ich kann zwar diesen Fußballwahn nicht abhaben, aber wenn es darum geht der BILd rechtmäßig eins reinzuwürgen, bin ich dabei! Das so dermaßen typisches Verhalten. Wenn man sich die Auflage anguckt wird es einem schlecht. Die Tatsache dass so viele Deutsche diese „Blatt“ lesen, legt es einem wirklich nahe das Land zu verlassen!

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