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Sonntag, 6. August 2006

Fürth: Polizei erschießt Ruhestörer nach (angeblichem) Angriff mit einer Axt

von @ 10:28. Kategorien: Todesschüsse in Fürth, Medien, Polizei, Skandale


>Zum zweiten Mal innerhalb von nur drei Tagen hat sich die hessische Polizei nur mit Schüssen zur Wehr setzen können. In Fürth im Odenwald wurde am Sonntag ein 55 Jahre alter Mann erschossen. Er soll die Beamten zuvor mit einer Axt angegriffen haben.
Kurz nach 10 Uhr am Sonntagmorgen hatten Anwohner die Polizei in Heppenheim wegen Ruhestörung alarmiert. Massiver Baulärm drang von einer Baustelle, teilte das Landeskriminalamt (LKA) später mit.
Bei der Ankunft auf der Baustelle wurde die Streifenwagen-Besatzung auf einen 55-jährigen Mann aufmerksam, der sogleich mit einer Axt auf die Beamten losging. Die Polizisten konnten den Angriff nach Angaben eines LKA-Sprechers schließlich nur noch durch den Gebrauch ihrer Pistolen abwehren. Es fielen mehrere Schüsse. Der 55-Jährige starb noch am Tatort.
Vorschriftsmäßig hat die Staatsanwaltschaft Darmstadt ein Verfahren gegen die Polizisten eingeleitet. Eine Obduktion des Opfers wurde angeordnet. Die Ermittlungen des Landeskriminalamtes dauern noch an.< Quelle: hr-online.de, Notwehr: Polizei erschießt Ruhestörer; 6. 8. 2006 [Hervorhebungen von uns]

Ein Vorgang, der mehrere Fragen aufwirft. Vor einer doch wohl gut sichtbaren Axt (in der Hand eines Betrunkenen?) kann man sich normalerweise durch größeren Abstand schützen. Und Polizisten sollten so treffsicher sein, dass sie einen randalierenden (?) “Ruhestörer” etwa durch einen Schuss auf dessen Beine matt setzen können. Wurden tatsächlich beide Beamten angegriffen, konnten sie tatsächlich beide den Angrif “nur noch durch den Gebrauch ihrer Pistolen abwehren”, mussten sie mehrere Schüsse abgeben, die zudem wohl auf den Oberkörper oder Kopf des Getöten gerichtet waren?
Das Polizeipräsidium Südhessen hat auf seiner Website zu diesem fatal endenden Einsatz erstaunlicherweise bislang nichts mitzuteilen.
Nur das Landeskriminalamt meldet: “Axtangriff führt zum Einsatz der Schusswaffe nach einer Ruhestörung.”

Update: Aus zwei verschiedenen Quellen werden heute weitere Details dieses Einsatzes bekannt.
Wir stellen Auszüge aus dem Artikel des Odenwälder Echo neben Auszüge aus einem Bericht, der bei Nonstopnews erschien. Die beiden Berichte unterscheiden sich signifikant. Das Odenwälder Echo outet sich ein weiteres Mal als Blatt der (hier polizeilichen) Obrigkeit - es schreibt, was diese zu hören wünscht:

Odenwälder Echo Nonstopnews
>An diesem Haus in der Erzbergstraße in Fürth soll ein 55 Jahre alter Fürther seit Jahren gearbeitet haben. Nachbarn alarmierten immer wieder wegen Ruhestörung die Polizei. Am Sonntag kam es dort zu einem tödlichen Zwischenfall: Der Mann soll die Beamten mit einer Axt angegriffen haben; diese schossen auf ihn.
Zwei Polizisten haben am Sonntagmorgen in Fürth einen 55 Jahre alten Mann erschossen. Nach bisherigen Ermittlungen habe der für Gewaltdelikte bekannte Mann die beiden Polizeibeamten mit einer Axt angegriffen, teilte das hessische Landeskriminalamt (LKA) am Nachmittag mit.
Laut LKA haben Anwohner gehört, wie der Mann aufgefordert wurde, die Axt niederzulegen. Dann seien Schüsse gefallen, durch die der Mann tödlich verletzt wurde.
Ein Streifenwagen der Polizeistation Heppenheim sei gegen 10.20 Uhr wegen Ruhestörung nach Fürth gerufen worden, so das LKA. Anrufer hätten sich beschwert, dass dort aus einer privaten Baustelle am Rohbau eines Einfamilienhauses erheblicher Baulärm dringe, erläuterte LKA-Sprecher Udo Bühler. Nachbarn hätten sich in der Vergangenheit bereits mehrfach wegen des Baulärms bei der Polizei beschwert.
Das kann der Fürther Bürgermeister Gottfried Schneider bestätigen. Die Polizei sei häufig auf der Baustelle in der Erzbergstraße gewesen, berichtet Schneider.
Die Bauarbeiten an dem Haus dauerten bereits seit zehn Jahren an; erst vor wenigen Monaten sei das Dach auf den Rohbau gesetzt worden.
Der Mann habe öfters auf der Baustelle so laut geschrien, dass dies noch einige Straßen weiter zu hören gewesen sei. „Die Nachbarn waren stark gestört“, betont Schneider. Es habe seit Jahren immer wieder Anzeigen wegen Ruhestörung gegeben. <
Quelle: Odenwälder Echo, Polizisten erschießen Mann -Der Tote soll für Gewaltdelikte bekannt gewesen sein, 6. 8. 2006

Interessant ist, wie dieser “halbamtliche” Artikel den Leser manipuliert: “Der Tote soll für Gewaltdelikte bekannt gewesen sein“. Wer bezeugt das, welcher Art waren diese Gewaltdelikte, wie oft und in welchen Situationen kam es dazu? Wem war er “für Gewaltdelikte bekannt“?

Das kann der Fürther Bürgermeister Gottfried Schneider bestätigen.
Das hört sich an, als könne und würde der Bürgermeister (die “höchste Autorität” in Fürth) die gesamte polizeiliche Version “bestätigen”.
Tatsächlich bestätigt er nur, dass der Mann mitunter genervt hatte bzw. die Ruhe einiger Nachbarn störte.
Nebenbei bestätigt er allerdings, dass der Mann bei der Polizei bekannt war. Man konnte also wissen, dass er kein gefährlicher Gangster war, sondern (mehrfach) behindert war.

>[…]Ersten Angaben zufolge handelt es sich bei dem Getöteten offenbar um einen seit einem Arbeitsunfall geistig und körperlich leicht behinderten Mann, der auf der betreffenden Baustelle seit Jahren ein eigenes Haus baute und schon mehrfach Auslöser von Beschwerden wegen Baulärms war.
Zudem war er aufgrund einiger andere Zwischenfälle polizeibekannt.
Die tödlichen Schüsse wurden ersten, noch unbestätigten Angaben von einer jungen Polizistin abgegeben.
Warum die Beamten den Nachbarn zufolge als laut und merkwürdig, aber wohl ungefährlichen Mann als derartige Bedrohung ansahen, dass in ihren Augen der Einsatz der Schusswaffe nötig wurde, ist derzeit noch unklar; weitere Hintergründe sind zur Stunde ebenfalls noch nicht bekannt. Staatsanwaltschaft und LKA haben umfangreiche Ermittlungen zur Klärung des Zwischenfalls eingeleitet.
Nachbarn zeigten sich empört über die tödlichen Schüsse und zündeten am Tatort Kerzen an.
Das Opfer war nach einem Arbeitsunfall Frührentner und hatte war seit zwei Jahren mit dem Bau eines Hauses beschäftigt.
Der Bruder des Opfers erklärte, es habe zwar öfter lautstarke Auseinandersetzungen gegeben, aber körperliche Gewalt sei ihm nicht bekannt gewesen. Zudem muss überprüft werden, in wieweit eine Gefährdung und Bedrohung möglich war, wenn man bedenkt, dass das Opfer nach Angaben von Nachbarn und Angehörigen gehbehindert war.<

Nonstopnews zitiert außerdem den Bruder des Getöten und Nachbarn:
>O-Ton Lothar Litzinger, Bruder (spricht starken hessischen Dialekt) (alle O-Töne auszugsweise & sinngemäß): „…mein Bruder war krank, er brauchte medizinische Hilfe…“,….sind reingerannt und haben ihn totgeschossen - wie in einem Rambo-Film…“, „…er war nicht gewalttätig, sondern hat nur Theater gemacht; er war laut…“, „…nach einem anderen Vorfall musste er in die Psychiatrie; das war bekannt, da hätten die Polizisten wissen müssen, was sie erwartet…“, „…er wurde oft schikaniert…“, „…war nur ein kleines Beil…“, „…ich muss der Polizei einen Vorwurf machen, war keine unmittelbare Gefahr…“, „…mein Bruder sieht sehr schlecht, er hat sich wahrscheinlich erschrocken, als die Polizisten kamen…

O-Ton Sebastian Lichtenberg, Nachbar: „…sind durch Schüsse wach geworden…habe den Mann hin und wieder gesehen…“, „…war offenbar etwas behindert…“, „…er war auffällig, haben schon einiges mitbekommen…

- O-Ton Helmut Driemer, Nachbar: „…weiß auch nicht, was da passiert ist…“, „…er hat eigentlich nie jemandem etwas getan, kannte ihn nicht als bösen Menschen…“

- O-Ton Claudia Roos, Anwohnerin: „wir wollen eine Kerze und Blumen niederlegen, weil wir nicht richtig finden, was passiert ist…“, „…haben ihn öfter auf seinem Fahrrad gesehen…“

- Claudia Roos und Kinder legen Blumen nieder, schreiben Zettel „Warum?

- O-Ton (Anonyme Anwohnerin): „…machen sich die Menschen, die die Polizei gerufen haben, Vorwürfe?…“, „…hat die Polizei richtig reagiert?…

- O-Ton Dieter Mentel, Nachbar: „….Er war nach einem Unfall zu Frührentner geworden…“, „…er war etwas merkwürdig, hat laut mit sich selbst gesprochen und gesungen…“, „…er war nach einem Überfall in der Psychiatrie; das war auch der Polizei bekannt…“ „…hat zehn Jahre an seinem Lebenstraum gebaut und nicht eine Nacht darin geschlafen; das ist tragisch…er hat niemandem etwas getan; wurde nur aggressiv, wenn er gehänselt wurde…“, „…der Lärm hat mich eigentlich nie gestört; verstehe nicht, warum man die Polizei rufen musste…“, „…es hieß, er wäre als gewalttätig bekannt: So ein Blödsinn!“ <

Quelle: Nonstopnews, Tödliche Schüsse aus Polizeiwaffe auf Baustelle: Polizisten schießen Ruhestörer nieder - 55-Jähriger durch mehrere Schüsse getötet, 7. 8. 2006

[Alle Hervorhebungen von uns]

Nonstopnews zeigt neben diesem Bericht noch 16 Fotos.

Inzwischen berichtet auch Spiegel Online über den Fall:

>[…] Die Beamten wollten heute Vormittag auf der Baustelle für Ruhe sorgen, als sie den Arbeiter mit der Axt in der Hand antrafen. “Die Anwohner hörten, dass die Polizisten ihn aufforderten, die Axt niederzulegen, was dieser jedoch nicht tat“, berichtete der Sprecher des Landeskriminalamtes in Wiesbaden. Daraufhin seien mehrere Schüsse gefallen.
Der Mann sei zuvor bereits wegen Gewaltdelikten in Erscheinung getreten. Der genaue Hergang müsse noch ermittelt werden.
Die beiden Beamten hätten noch nicht vernommen werden können. Die Staatsanwaltschaft in Darmstadt hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und eine Obduktion des erschossenen Mannes angeordnet.< […]

Führte bereits die (angebliche) Weigerung, die Axt niederzulegen, zu dem finalen (Rettungs?) Schuss?
Hindert die beiden Beamten eine Schockstarre, oder muss man sich vor einer Vernehmung absprechen, wie denn nun eine womöglich fahrlässige Tötung oder ein möglicher Totschlag widerspruchsfrei als unvermeidliche “Notwehr” dargestellt werden kann?

Die Staatsanwaltschaft Darmstadt ist deutschlandweit für ihren bemerkenswerten “Ermittlungseifer” bekannt - in allen irgendwie “politischen” Fällen, in denen Rücksicht auf Personen zu nehmen ist, die gleicher als gleich sind.
So muss auch in diesem (für die Kollegen bei der Polizei) ziemlich peinlichen Fall mit einer brutalstmöglichen Aufklärung gerechnet werden.


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2 Kommentare zu “Fürth: Polizei erschießt Ruhestörer nach (angeblichem) Angriff mit einer Axt”

  1. Nach Todesschüssen in Fürth: Ermittlungsverfahren gegen Polizisten wegen Verdachts der fahrlässigen Tötung - Odenwald Geschichten schreibt:

    […] llen. Beide verlagerten aus unerfindlichen Gründen den Tatort von Fürth nach Wiesbaden. Weitere Informationen zu den Todesschüssen in Fürth auf dieser Seite.

    […]

  2. Mobbing-Opfer begeht Suizid « Die aktuelle Antimobbingrundschau schreibt:

    […] http://www.odenwald-geschichten.de/?p=1197 […]

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