„Im Grenzbereich dieses Segments“: Gerhard Grünewald demonstriert mit Artikel über „in freier Gemarkung“ abgelegten „Frauenkörper“ lokaljournalistische Kompetenz und Dominanz

Einführung in den praktischen Journalismus

Wie erlerne ich die Hohe Kunst des Journalismus? Wie werde ich Redakteur des Odenwälder Echo? Wie werde ich Chefredakteur der Redakteure des Odenwälder Echo?
Das sind Fragen, mit denen immer wieder ehrgeizige Schüler ihre Deutschlehrer im Odenwaldkreis bedrängen.
Neben einem Praktikum kann man eigentlich nur die sorgfältige, tägliche Lektüre der renommierten Odenwälder Zeitung empfehlen.
Unverzichtbar bei einer die Kunst des Lokaljournalismus studierenden, ja inhalierenden Lektüre sind natürlich die Texte des Meisters selbst, der sich bescheiden hinter dem Namensinitial „gg“ verbirgt.
Beispielhaft, wie sich Gerhard Grünewald heute schreibend, mit Pietät und analytischer Schärfe, dem zunächst rätselhaften Tod einer jungen Litauerin nähert, dessen Hintergründe dank örtlicher, polizeilicher Kompetenz, vor allem dank „Vertrautheit mit Land, Leuten und Beziehungsgeflechten“ in kürzester Zeit aufgeklärt wurden.
(Deswegen empfehlen wir auch einem den Beruf des Kriminalisten anstrebenden jungen Menschen ein Praktikum bei der Odenwälder Polizei.)
Um dem Geheimnis seines journalistischens Könnens und Erfolges auf die Spur zu kommen, zitieren wir aus dem heutigen Artikel des Chefredakteurs und weisen dabei diskret – per Hervorhebung – auf die gelungensten Passagen hin:

>Die am Freitag bei Bad König tot aufgefunden Frau ist unter dem Einfluss von Alkohol und womöglich auch Drogen erstickt.
Seine besondere Tragik bezieht ihr Schicksal daraus, dass sie in der Nacht zuvor offenbar zwar in Gesellschaft kollabiert war, jedoch keinerlei Hilfe erfahren hatte.
Statt sich selbst in Lebensrettung zu versuchen und einen Arzt zu rufen, trieb den Mann an ihrer Seite wohl vor allem die Sorge um, dass die Verbindung der leblosen Begleiterin mit ihm selbst und dem Ort des Geschehens offenkundig würde.
Jedenfalls versicherte er sich der Hilfe zweier Bekannter, mit denen er den Frauenkörper in einen Wagen lud, in Richtung Bad König fuhr und dort in freier Gemarkung ablegte.
Wie berichtet, stieß dort dann am nächsten Morgen ein Spaziergänger auf die Leiche („Tote Frau auf Feldweg im Odenwald gibt Rätsel auf“, ECHO vom 13. Oktober).
Die betreffende Stelle beim Eichelshof liegt abseits des städtischen Lebens, lässt sich aber dennoch bequem mit dem Fahrzeug erreichen: Die Gemarkung wird von befestigten Wegen erschlossen, die mehr oder minder direkt an die Bundesstraße 45 anknüpfen.
Wie dem Sachstandsbericht des Darmstädter Polizeipräsidiums vom Wochenende zu entnehmen ist, gelang es den Kollegen der Erbacher Direktion aber nicht nur, binnen eines Tages die Hintergründe des zunächst rätselhaften Bad Königer Leichenfunds zu erhellen. Vielmehr ging damit die Ermittlung der drei Männer einher, in deren Umfeld sich das Opfer in seiner Todesnacht bewegt hat und die an der Beseitigung beteiligt waren.
[…]
Seine Helfer sind nach zwischenzeitlicher Festnahme wieder auf freiem Fuß; sie werden sich wohl allein wegen widerrechtlichen Verhaltens gegenüber einer Toten und der Öffentlichkeit verantworten müssen.[…]
Zustatten gekommen sind der Odenwälder Polizei bei ihrem schnellen Ermittlungserfolg ihre Szenekenntnisse, wie die Darmstädter Polizeidirektion in ihrer Berichterstattung lobend anmerkt. Die Vertrautheit mit Land, Leuten und Beziehungsgeflechten sei eben ein wichtiger Faktor polizeilicher Kompetenz, erläuterte Sprecher Karl Kärchner die Anmerkung auf Nachfrage.
Nicht verstanden haben wollte er dies als Hinweis auf ein bestimmtes Milieu wie etwa das der Prostitution.
In Grenzbereichen dieses Segments
könnte sich das Opfer allerdings durchaus bewegt haben; wie etwa das Breuberger Stadtgespräch nahelegt. Das Verhalten der drei Männer jedenfalls erschiene jenseits solcher besonderer Umstände noch schwerer verständlich als ohnehin.< Quelle: Odenwälder Echo, Statt Rettung die Beseitigung im Blick – Aufklärungserfolg: Tot aufgefundene Frau ist erstickt – Aus Breuberger Wohnung an den Fundort bei Bad König geschafft, 15. 10. 2007

Auch die Frankfurter Rundschau nimmt sich heute in einem Artikel zum gleichen Thema ein Vorbild an dem Erbacher Journalisten (zumindest bei der Gestaltung der Überschrift): Erst abgefüllt, dann abgelegt

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