Karl Plagge war „einfach gut“: Israelischer Maler Samuel Bak erinnert an den „Schindler“ von Darmstadt

Administrator, 17 Oktober 2007, No comments
Categories: Geschichte, Kultur, Literatur, Menschen

In Worte gemalt

Der 74 Jahre alte Autor und Maler, der heute in Tel Aviv und New York lebt, stellte am Montagabend bei einer Lesung in Darmstadts Jüdischer Gemeinde sein autobiographisches Buch vor: „In Worte gemalt – Bildnis einer verlorenen Zeit.“
In seinem Buch erinnert Samuel Bak auch an den Darmstädter Wehrmachtsoffizier Karl Plagge, dem er sein Überleben zu verdanken habe.

In einem Bericht des Darmstädter Echo heißt es dazu heute:

>„Damals war er einfach gut. Erst heute weiß man, dass er ein Held war“, sagt der jüdische Maler und Autor Samuel Bak über seinen Retter Karl Plagge. Durch den mutigen Einsatz des Darmstädter Wehrmachtsmajors in der Zeit von 1941 bis 1944 in Wilna überlebte Bak gemeinsam mit seiner Mutter den Holocaust. Für sein Engagement für verfolgte Juden ist Plagge durch den Staat Israel 2005 posthum als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet worden.
Bak wurde 1933 als Einzelkind in Wilna geboren. […]
Baks Vater war Zahntechniker. Da er sehr gut schweißen konnte, kam er in das von Plagge eingerichtete Arbeitslager. Zusammen mit seiner Mutter überlebte Samuel Bak den Holocaust in verschiedenen Verstecken, sein Vater wurde jedoch wenige Tage vor der Eroberung der Stadt durch die Russen von deutschen Soldaten erschossen.[…]
Mit seinem Besuch in Darmstadt schloss sich für Bak der Kreis. Sein Überleben bezeichnete er als Wunder, das er Plagge zu verdanken habe. Oft habe er Plagge durch das Lager gehen sehen und ihn stets erkannt, „weil der Mann hinkte“. Und damals „gab es nicht viele Männer in Uniform, die hinkten.“ […]
Genaueres über den „Darmstädter Schindler“ habe er erst durch das Buch von Michael GoodDie Suche – Karl Plagge, der Wehrmachtsoffizier, der Juden rettete“ erfahren.<

Über das Buch von Michael Good hieß es in der Berliner Zeitung:

>Die Eltern von Michael Good konnten im litauischen Wilna dem Holocaust entkommen. Gerettet hat uns und viele andere ein Wehrmachtsoffizier: Major Plagge, erzählen sie später ihrem Sohn.
Die Geschichte aber lebt nur in ihrer Erinnerung – sie ist nirgendwo dokumentiert. Wer war dieser mysteriöse Offizier? Was ist aus ihm geworden? Mehr als 50 Jahre später macht sich Michael Good auf, den Retter seiner Eltern zu suchen, ohne mehr zu kennen als seinen Namen und seinen Dienstgrad.
Die Recherche führt ihn über Jahre hinweg weltweit durch das Internet, bis er schließlich auf eine höchst ungewöhnliche Geschichte stößt. Das Buch erzählt die Geschichte der Juden von Wilna und die Geschichte eines Deutschen, der einen kleinen Teil von ihnen retten konnte.
Die Suche. Karl Plagge, der Wehrmachtsoffizier, der Juden rettete
Es stützt sich auf die Erzählungen der Familie des Autors, auf Interviews mit anderen Überlebenden und auf über 50 Jahre verschlossenene Wehrmachtsakten und Protokolle des Entnazifizierungsverfahren von Karl Plagge.
Nach und nach vervollständigt sich dabei das Bild eines Deutschen, der durch Menschlichkeit, Umsicht und Mut mehrere Hundert Juden vor der Erschießung und der Deportation in die Vernichtungslager rettete.
Es ist keine ganz bequeme Geschichte, die der jüdische Arzt Michael Good seit sechs Jahren in die Welt zu tragen versucht. Den Deutschen, so ahnt er, wird sie zeigen, dass Widerstand gegen den Holocaust auch in der Wehrmacht möglich war.
Juden wird sie beweisen, dass Nazis zu Lebensrettern werden konnten: Und dem Komitee Yad Vashem in Israel legte sie sogar die Bürde auf, ein NSDAP-Mitglied zu ehren. Es geht um die lang verschüttete, höchst ungewöhnliche Geschichte des Wehrmachtsmajors Karl Plagge aus Darmstadt.<

Die Wikipedia schreibt über den vor 50 Jahren gestorbenen Darmstädter u.a., dass er sich nach dem Krieg in einem Entnazifierungsverfahren auf eigenen Wunsch nicht als „Entlasteter“, sondern als „Mitläufer“ einstufen ließ:

>Karl Plagge studierte von 1919 bis 1924 Maschinenbau in Darmstadt.
1939 wird er als Ingenieuroffizier zur Wehrmacht eingezogen. Als Major war Plagge ab 1941 der Leiter des Heeres-Kraftfahr-Parks (HKP) 562 Ost im litauischen Vilnius.
Dank seiner stetigen Bemühungen, Juden in sein Arbeitslager zu holen und auch die Familien zusammenzuhalten, konnten etwa 250 Juden den Holocaust überleben. Er erkannte rechtzeitig, dass die Juden nur gerettet werden konnten, wenn sie unentbehrliche Arbeitsleistungen erbrachten. So ging die Gründung eines Arbeitslagers auf seine Initiative zurück und auch die Ansiedlung von privaten Textilfirmen, um Arbeitsplätze für die Frauen zu schaffen. In den Lagern wurden auch völlig ungebildete Arbeiter als „kriegswichtig“ eingestuft, was sie vor dem Zugriff der SS bewahrte.

Bevor die Wehrmacht 1944 Vilnius vor der anrückenden Roten Armee räumte, warnte Plagge die Zwangsarbeiter vor der drohenden Übernahme des Lagers durch die SS und verhalf vielen von ihnen zur Flucht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ er sich im Entnazifizierungsverfahren auf eigenen Wunsch als Mitläufer einstufen, obwohl er von der Spruchkammer als Entlasteter eingestuft werden sollte. Wie auch Oskar Schindler machte er sich bis zu seinem Tod Vorwürfe, zu wenige Menschen gerettet zu haben. Am 19. Juni 1957 ist Karl Plagge in Darmstadt an Herzversagen gestorben.<

Quelle: Wikipedia, [Hervorhebungen und Links von uns]

Der Verein „Geschichtswerkstatt“ konzipierte eine Ausstellung „Karl Plagge – Ein Gerechter unter den Völkern“. Sie ist noch bis zu den Herbstferien am Darmstädter Ludwig-Georgs-Gymnasium, das Plagge einst selbst besucht hatte, zu besichtigen.
Über die Eröffnung der Ausstellung hatte das Darmstädter Echo schon am 10. September berichtet.

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