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Sonntag, 9. Dezember 2007

Dr. Bernd Graff rettet die Ehre von Print 1A und demaskiert das Web 2.0: “Es darf nicht jeder überall mitschreiben”

von @ 7:44. Kategorien: Presse

Das war aber auch Zeit. Endlich ist da ein renommierter Journalist, Dr. Bernd Graff, stellvertretender Chefredakteur der Online Redaktion der Süddeutschen Zeitung, der zu dem ganzen Web 2.0 - Rummel sagt, was zu sagen war. Dass es sich in Wirklichkeit um ein Web 0.0 handelt, einen Lokus, in dem “neue Idiotae” den Marsch Richtung Zukunft vorgeben wollen.

Zustimmed zitiert Graff Nicholas Carr:

>”Die ekstatischen Visionen des Web 2.0 setzen die Hegemonie des Amateurs voraus. Ich kann mir nichts vorstellen, was furchterregender wäre“, schreibt er: “Das Internet vermindert unsere Wahlmöglichkeiten, anstatt sie zu erweitern. Die Wikipedia mag neben der Encyclopaedia Britannica verblassen, aber weil sie von Amateuren gemacht wird und nicht von Profis, ist sie gratis. Und gratis siegt stets über Qualität.”< [[Hervorhebungen von uns]

Graff ist promovierter Theaterwissenschaftler. Garantiert steht sie bei ihm zu Hause, die Encyclopaedia Britannica. Wahrscheinlich die 15. Ausgabe, herausgegeben 1974-1995, 28 Bände umfassend, angeschafft, nachdem man sie sich endlich leisten konnte und der englischen Sprache einigermaßen mächtig war.

Wer so was sein eigen nennen kann, kann später nur mitleidig auf jene Dödel herabschauen, die sich Informationen und Wissen durch die Suchmaske der Wikipedia verschaffen wollen. Igitt!
Das ist was für den Plebs und den Pöbel, aber nicht für Dr. Bernd Graff, der laut SZ-Impressum “eine bedeutende Tageszeitung (hat), für die er seit 1992 schreibt”. “Außerderdem leitet er das Ressort Kultur.”
Wir finden auch ihn persönlich so bedeutend, dass durch Fettschrift das eine oder andere Detail seines Daseins und seines Wirkens im Zitat hervorgehoben wird.

Graff rettet in seinem großen Artikel über das Web 0.0 bzw. das zu einem “Debattierclub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunziantenverkommene Internet nicht nur (absolut verdient) die Ehre der britischen Enzyklopädie sondern zugleich die Ehre des Print-Establishments, also der “etablierten Formen der Informationsbildung, zum Beispiel aus Tageszeitungen und Magazinen“.
Weil kaum eine Tageszeitung seit Jahrzehnten so (am Markt) etabliert ist, wie die überall sicht- und greifbare BILD-Zeitung, erinnern wir mit Bildzitaten an deren wertvollen Beitrag zur Informationsbildung.
Dort gibt es nämlich “rigide Aufnahmeverfahren” und “es darf also eben nicht jeder überall mitschreiben“.
Gleiches galt und gilt für das seit Jahrzehnten etablierte Wochen-Magazin STERN, das seinen Einfluss auf die Informationsbildung in unnachahmlicher Weise mit seiner Titelgeschichte über Hitlers entdeckte Tagebücher (und dessen Initial FH / FK?) ) unter Beweis stellte. Schtonk!

Dass bei journalistischem Fehlverhalten in den Printmedien Sanktionierungen praktiziert werden, weiß Graff aus dem eigenen Hause.
Nachdem Tom Kummer über mehrere Jahre hinweg der Süddeutschen Zeitung gefälschte Interviews untergejubelt hatte, beendete man die Zusammenarbeit mit ihm und entließ sogar die beiden Chefredakteure Ulf Poschardt und Christian Kämmreling. Es darf eben nicht jeder überall mitschreiben. (Bloggen die heute, oder schreiben sie für die Wikipedia?)
Dort (in der Wikipedia) liest man zum Fall Tom Kummer auch noch das:

>Im Jahr 2000 löste er einen Presseskandal aus, als herauskam, dass er mehrere Interviews mit Prominenten teilweise gefälscht hatte. Zwei Redakteure des SZ-Magazins verloren deshalb ihren Job. Im Herbst 2004 veröffentlichte der Spiegel eine fünfseitige Story, in der u.a. dargelegt wird, dass Kummers Borderline-Journalismus von den Chefredaktionen zum Teil eingefordert worden sei.
[…]
Nach mehreren Jahren Pause erhält Kummer von der Berliner Zeitung nach dem Skandal eine neue Chance auf dem deutschsprachigen Printmarkt. 2005 erweist sich eine von Kummer veröffentlichte Reportage als Konvolut aus zwei Texten, die er bereits in der NZZ und im SZ-Magazin veröffentlicht hatte. Obwohl es in der Branche als nicht ungewöhnlich gilt, bereits veröffentlichte Stories wiederzuverwerten, bricht die Berliner Zeitung die Zusammenarbeit sofort ab, weil die Redaktion nicht darüber informiert war, dass es sich um alte, schon veröffentlichte Texte gehandelt hatte.<

Man sieht also, dass in der Print-Branche wirklich knallhart sanktioniert wird.

Dr. Bernd Graff wird bestimmt nicht sanktioniert werden. Schließlich schreibt er nichts als die Wahrheit über “das zum Debattierclub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten” “verkommene” Internet - das damit rundum treffend charakterisiert wurde.
Wer das Web (0.0 /1.0 / 2.0) noch nicht kennt, wird es nach Graffs Print-Artikel erst gar nicht kennen lernen wollen, auch nicht die (”vor Fehlern strotzende”) Wikipedia. Dafür, dass ihm all das erspart bleibt, kann er sich bei Graff bedanken.

Nun aber nur noch dessen O-Ton:

>Obwohl etablierte Formen der Informationsbildung, zum Beispiel aus Tageszeitungen und Magazinen, als “Mainstream Media” verspottet werden (sie gelten als korrumpiert, hierarchisch, hirngewaschen, langsam und überaltert), obwohl der Schwarmgeist also triumphieren möchte, darf erinnert werden: Es macht immer noch den Unterschied, wer etwas sagt. Und wo er es tut.

Die etablierten Medien verfügen über rigide Aufnahmeverfahren und praktizieren bei journalistischem Fehlverhalten im besten Fall Sanktionierungen. Es darf also eben nicht jeder überall mitschreiben - und der, der schreibt, macht dies nie unbeobachtet und zum Beispiel auf der freien und anonymen Wildbahn der Wikipedia, die so einfach anzuklicken ist und wohl auch deshalb vor Fehlern strotzt.
Was aber wiegt dann mehr? Dass das immer elitäre Denken der Mainstream-Medien im Zweifel undemokratisch ist? Oder, dass daraus Qualität entsteht?

“Die Mainstream-Medien”, schreibt Nicholas Carr, “können Dinge tun, die anders sind als die Dinge, die Blogs tun können - und, ja, sie sind auch bedeutender.”
[…]
Schirrmacher hat auf die Polemik und die Eskalation im Netz reagiert und bei Spiegel Online eine Art kommentierter Lesehilfe nachgereicht. Auch diese Gebrauchsanweisung wurde natürlich wieder kommentiert. Unter anderem so: “Was soll man denn davon halten, wenn Schirrmacher . . . die Vorteile der Tageszeitungen quasi als Gegenmittel gegen die negativen Momente und Folgen des Internets anpreist? Hier wird natürlich ein Qualitätsgegensatz zwischen beiden Medien herbeigeredet.”

Nein, ihr Lieben, der wird nicht herbeigeredet. Der besteht.

“Die Menschen”, schreibt Norbert Bolz, “werden immer mehr zu - wie man im Mittelalter sagte - idiotae: also zu eigensinnig Wissenden. Die neuen Idiotae lassen sich ihr Wissen, ihre Interessen und Leidenschaften nicht mehr ausreden.” Mag sein. Verlangt ja auch keiner. Aber sollen wir uns deshalb von jeder Idiotie in die Zukunft führen lassen?< Quelle: sueddeutsche.de, Die neuen Idiotae: Web 0.0 - Das Internet verkommt zu einem Debattierklub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten. Ein Plädoyer für eine Wissensgesellschaft mit Verantwortung, 7. 12. 2007 [Hervorhebungen und Links von uns]

Graff hat bestimmt auch Gerhard Grünewald aus der Seele gesprochen. Der Chef des etablierten, örtlichen Käseblattes “Odenwälder Echo” hat heute wieder einen bemerkenswerten Artikel über einen (nun aufgeflogenen und zerschlagenen) “Dealerring aus 20 Odenwäldern” geschrieben, der sich kaum schlechter liest als der Originalartikel der südhessischen Polizeidirektion.

Robert Basic dagegen sieht in Graff einen “Narren”, der mit seinem Idiotae-Pamphlet sich selbst und die Süddeutsche entblöße. Klar, dass der das so parteiisch sieht. Schließlich führt Alpha-Blogger Basic den “Debattierclub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten” mit seinem von lauter Web-Idiotae hochfrequentierten Weblog Basic Thinking gewissermaßen an.


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Ein Kommentar zu “Dr. Bernd Graff rettet die Ehre von Print 1A und demaskiert das Web 2.0: “Es darf nicht jeder überall mitschreiben””

  1. mein-parteibuch.com » R.I.P. SZ schreibt:

    […] der letzten Woche hat sich ein weithin unbekannter Feuilletonist mit Namen Bernd Graff zum Gespött der Blogosphäre gemacht. Meinungsäußerungen im Internet seien gefälligst mit eigenem Namen zu […]

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