Es ist erstaunlich: Nachdem in verschiedenen Web-Foren herbe Kritik an dem Polizeieinsatz an Heilig Abend in Heppenheim geübt wurde, erfährt die Öffentlichkeit (erst) 4 Tage später nun eine neue Variante des Tathergangs - die freilich nicht mit einem (angeblichen) Augenzeugenbericht übereinstimmt.
Im Leser-Forum der WELT behauptete am 26. 12. ein (angeblicher) Augenzeuge mit dem Pseudonym “LONDONER”:
>Ich kann nur erzählen, was ich gesehen habe. Der Mann hatte in jeder Hand je ein Messer: eins war sehr groß (Fleischmesser) von etwa 20 cm. Das andere war kleiner aber auch scharf.
Die SEK-Männer waren in voller Montur: mit Helmen und Schutzwesten. Ich habe 2-3 von ihnen vor der Küchentür gesehen. Ich konnte sehen, wie er nur das große Fleischmesser geworfen hat.
Da war zwischen ihm und der Küchentür ca. 2-3 Meter.
Wo genau die Beamten in dem Moment standen, konnte ich nicht genau sehen: aber ich schätze ca. 2 meter entfernt, da sie genau in diesem Moment angefangen haben die Küche zu stürmen.<
Teilweise decken sich diese Aussagen mit späteren Mitteilungen der Staatsanwaltschaft - was für die Glaubwürdigkeit von “LONDONER” sprechen könnte. Eigentlich könnte bzw. dürfte aber nur ein bei dem Einsatz beteiligter Polizist gesehen haben, was “LONDONER” sah bzw. berichtete! Schwer vorstellbar ist jedenfalls, dass das SEK-Kommando einem Wohnungsnachbarn erlaubte, den Einsatz vom Flur aus zu verfolgen.
Auch ein Blick durch das Schlüsseloch oder von außen mit einem Fernglas in die im 5. Stock eines Hochhauses gelegene Wohnung dürfte kaum so detailgewürzte Beobachtungen ermöglichen. Sehr wahrscheinlich also, dass “LONDONER” ein beteiligter Polizist war, der seine (wahre? vollständige?) Aussage im Forum der Tageszeitung WELT vielleicht sogar mit Kollegen und / oder dem Einsatzleiter abgesprochen hatte. Wie auch immer. Keine Rede war jedenfalls vom Einsatz eines Elektroschockgeräts (Taser) - weder in den Polizeiberichten der folgendenen 3 Tage noch in dem Bericht von LONDONER.
Wohl aber war in mehreren kritischen Kommentaren gerügt worden, dass der Einsatz eines Taser (bzw. anderer, nicht letal wirkender Waffen) unterlassen wurde.
Nun also, nachdem sich die Kritik an dem Polizeieinsatz mehrt und ein (ernstzunehmendes?) Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde, hört man - nach 4 Tagen - dass angeblich doch ein Taser eingesetzt worden sei. SPIEGEL Online, FOCUS Online, WELT Online … sie alle konnten ihren Lesern nur die “halbe” Wahrheit mitteilen, weil die sonst um ihr öffentliches Prestige besorgte Polizei diesen nicht unwesentlichen Umstand in ihren ersten Berichten (scheinbar) “vergessen” hat.
HR-Online schreibt nun: “Die von dem Gerät verschossenen Elektroden seien im Oberkörper und Oberschenkel des 120 Kilogramm schweren Mannes gefunden worden, berichtete ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Freitag in Darmstadt.”
Es werden der Fragen wohl nicht weniger, sondern mehr. Zumal ein anderer Heppenheimer von einem Arzt erfahren haben will, der Renter sei auch in den Rücken getroffen worden.
Irgendwie bleibt die Abfolge der jeweiligen Aktionen dennoch dubios: Das SEK-Kommando (wieviel Mann?) dringt (gewaltsam?) in die Küche ein, der Rentner hält (eins? zwei?) Messer in seinen Händen. Es gibt Aufforderungen, Drohungen? Dann Schüsse mit dem Taser in Oberkörper und Oberschenkel des Rentners. Dann wirft der Mann ein Küchenmesser.
HR-online schreibt:
>Anders als von den Polizisten erwartet sei der Mann nach dem Elektroschlag aber nicht kampfunfähig gewesen, sondern habe mit großer Wucht eines seiner beiden Messer geworfen. Es habe mit dem Griff voran eine Sperrholzwand zerschlagen, nachdem es einen Polizisten leicht verletzte.<
Der Rentner hält noch immer ein (Küchen?) Messer in den Händen und ist im Begriff es zu werfen? Oder er stürzt damit auf die schwerbewaffneten Polizisten?
Jedenfalls ist dann auf den Mann, den man doch vor einem Suizid bewahren wollte, aus vollen Rohren geschossen worden. 12 Schüsse. Selbst bei einem Terroristen wäre man wohl sparsamer mit Munition umgegangen.
Es behauptet ja niemand, die beteiligten Polizisten seien wegen des Einsatzes an Heilig Abend frustriert gewesen und hätten dann ihre Frustration an dem verwirrten und dann auch aggressiven alten Mann ballernd abreagiert.

Nach Pfusch riecht hier freilich vieles.
Wer die Arbeit der Staatsanwaltschaft Darmstadt in den letzten Jahren verfolgte und zwar immer dann, wenn Parteifreunde oder “befreundete” Behörden ungut involviert waren, wird und braucht an eine seriöse Aufklärung des wahnwitzigen Dramas an Heilig Abend in Heppenheim nicht zu glauben.
Der laut Darmstädter Echo “erfahrene Oberstaatsanwalt” Arno Siebecker weiß jedenfalls schon jetzt, dass dieses Verfahren “keine Routine” ist und bei welchen Folgen es für die Verantwortlichen bleiben wird:
>Drei Tage nach dem gewaltsamen Tod eines 66 Jahre alten Rentners in Heppenheim gibt es auch aus Sicht der Staatsanwaltschaft mehr Fragen als Antworten. Für den erfahrenen Oberstaatsanwalt Arno Siebecker ist dieses Ermittlungsverfahren alles andere als Routine: „Die Dramatik ist unbeschreiblich. An Heiligabend versucht die Polizei, jemanden zu retten, und das Gegenteil tritt ein. Das ist ein Fall, den alle Beteiligten ihr Leben lang nicht vergessen werden“, so beschrieb Siebecker gestern die menschliche Seite dieses Falles, in dem die Darmstädter Ermittlungsbehörde zu klären hat, wie sich der Polizeieinsatz in der Heppenheimer Weststadt so zuspitzen konnte. […]
Ein sauberes Verfahren sei notwendig, um jeden Verdacht der Mauschelei zu vermeiden, sagte Siebecker.< Quelle: Darmstädter Echo, Kugeln in Arm, Beine und Körper, 27. 12. 2007 [[Hervorhebungen und Links von uns][UPDATE: Der hier zitierte Echo-Artikel “Kugeln in Arm, Beine und Körper” ist bei echo-online derzeit nicht abrufbar. Lediglich der Google-Cache zeigt den Artikel noch an. Versucht man dort, zur “aktuellen Seite” zu kommen, wird mitgeteilt, “dass der Artikel nicht mehr verfügbar ist oder inzwischen gelöscht wurde”. Auch im Online-Archiv des Echo ist der Artikel nicht mehr auffindbar.]
“Ein sauberes Verfahren sei notwendig, um jeden Verdacht der Mauschelei zu vermeiden, sagte Siebecker” …..
Wer die Behörde und die Herren schon etwas besser kennt, kann solche Aussagen als vorgezogenen Faschingsscherz deuten.
[Selbst das Darmstädter Echo, das mit dem Treiben der örtlichen Ermittlungsbehörden meistens sehr nachsichtig ist, sieht bereits “Parallelen zum Fall in Fürth“: “…Sechs Monate später, Anfang Februar 2007, wurden die Ermittlungen gegen die Beamten wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung eingestellt. Die Polizisten hätten aus Notwehr gehandelt, teilte die Staatsanwaltschaft Darmstadt mit. Der Schusswaffengebrauch sei gerechtfertigt gewesen; das hätten Gutachten und Zeugenaussagen belegt.”] UPDATE: In einem aktuellen Bericht des Darmstädter Echo, der vor wenigen Minuten online gestellt wurde, werden weitere Details genannt. Demnach hatte die Polizei die Wohnung des Rentners über mehrere Stunden hinweg observiert:
>Wie Siebecker berichtete, hatte die Polizei im Verlauf mehrerer Stunden die Wohnung observiert. Deshalb sei klar gewesen, dass sich der Mann mit zwei Schlachtermessern mit jeweils 30 Zentimeter langen Klingen bewaffnet hatte.[…] Die Polizei wusste, dass sich der Mann in der Küche verbarrikadiert und die Türklinke mit einem Stuhl blockiert hatte. <
Fatal sei der Einsatz also nicht verlaufen, weil die “Bewaffnung” und die Reaktion des in seiner Wohnung verschanzten Mannes nicht vorhersehbar war, fatal sei er verlaufen, weil der bis vor kurzem verschwiegene (angeblich eingesetzte) Taser versagt habe. So lautet auch die Überschrift des Artikels: “Schüsse, weil Elektroschocker versagt“. Die weiteren Details über den Ablauf decken sich teilweise wieder mit den Schilderungen von “LONDONER” - nur dass der von einem Elektroschocker nichts bemerkt hatte:
>Nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft haben drei Polizisten die Wohnung betreten. Ein SEK-Mitglied sei mit dem Elektroschocker ausgerüstet gewesen, ein Kollege habe ihn mit gezückter Pistole begleitet, der dritte habe ein Brecheisen eingesetzt.[…] Bis zu diesem Zeitpunkt sei alles nach Plan verlaufen, sagte der Oberstaatsanwalt. Auch der Schuss aus dem Elektroschocker sei vorschriftsmäßig gesetzt worden. Eine der Elektroden habe den Oberkörper getroffen, die andere das Bein. Doch anderes als zu erwarten war, fiel der 1,80 große und 120 Kilogramm schwere Mann nicht zu Boden, sondern warf mit einem der beiden Messer. Daraufhin hätten zwei der drei Polizisten das Feuer eröffnet. Wie groß die Wucht des Wurfes war, sei daran zu erkennen, dass das Messer zunächst die Hand eines der Polizisten streifte, diesen dabei leicht verletzte und anschließend mit dem schweren Griff die Sperrholzwand des Küchenschranks durchschlug. Geschossen hat laut Ermittlungsakte der Polizist, der zuvor mit dem Elektroschocker getroffen hatte, sowie der Kollege, der seine Dienstwaffe bereits gezogen hatte. Die Schüsse aus der Waffe, die der Beamte mit dem Elektroschocker abgab, seien in den Oberkörper eingedrungen. Wie berichtet, wurden nicht nur die Arme getroffen, sondern die Projektile drangen weiter bis zur Lunge und anderen Organen vor. „Der Elektroschocker wurde offenbar sachgemäß eingesetzt, aber er zeigte keine Wirkung“, so der Oberstaatsanwalt. Warum das Elektroschockgerät nicht wirkte, dafür gibt es keine Erklärung… möglicherweise lag das an seiner Körperfülle, so eine Vermutung der Staatsanwaltschaft.<Quelle: Darmstädter Echo, Schüsse, weil Elektroschocker versagt - Ermittlungsverfahren wird Monate dauern, 28. 12. 2007
Die Frankfurter Rundschau gibt die Erklärung der Staatsanwaltschaft Darmstadt so wieder:
>Die Rekonstruktion des Tathergangs fußt vor allem auf den Aussagen zweier Beamter, von denen einer von außen das Geschehen in der Wohnung überwachte. Nachdem die Verhandlungsgruppe acht Stunden versucht hatte, mit dem Bewohner ins Gespräch zu kommen, sei sie zur Überzeugung gelangt, dass dem Mann so nicht beizukommen sei.[…] Auf die Kontaktversuche habe der Mann aggressiv reagiert. Der außen postierte Beamte habe gesehen, wie er in der Küche immer wieder zu zwei Messern griff. Weil Gefahr bestand, dass er sich etwas antue oder aus dem Fenster stürze, sei gegen Mitternacht der Zugriff erfolgt. Mit einem Taser wollte das dreiköpfige SEK-Team den Mann überwältigen. Die Elektroschocks trafen ihn an Brust und Oberschenkel, verfehlten aber ihre Wirkung: Der 120 Kilo schwere Mann habe sich geschüttelt und ein Fleischermesser mit 30-Zentimeter-Klinge nach den Beamten geschleudert; das Messer habe mit dem Griff voran ein Möbelstück durchschlagen. Zwei Polizisten feuerten, derweil der 66-Jährige mit dem anderen Messer auf sie zugestürzt sei. Am Ende fielen laut Siebecker elf bis zwölf Schüsse, die den Mann in Beinen und Armen trafen. Einer der Schüsse drang in die Lunge vor, was zu den tödlichen Verletzungen führte. Welcher der beiden Beamten ihn abgefeuert hat, müsse ein Gutachten ergeben.< Quelle: Frankfurter Rundschau, Staatsanwalt untersucht tödlichen Einsatz - Elektrowaffe der Polizei wirkte nicht, 29. 12. 2007 [Hervorhebungen und Links von uns]

Warum hat einer der 3 Beamten das Geschehen in der Wohnung “von außen” überwacht? Er muss sich doch innerhalb der Wohnung befunden haben, um mit seinem Brecheisen die Küchentür aufzubrechen?
Erstaunlicherweise wird im Bergsträßer Anzeiger (morgenweb.de) am 29. 12. der Ablauf wieder anders dargestellt:
“unmittelbar nach dem Aufbrechen der mit Stühlen verbarrikadierten Küchentür (habe der Mann) ein Messer mit einer zirka 30 Zentimeter langen, spitz zulaufenden Klinge in Richtung der SEK-Beamten geworfen.”
Und:
“Im gleichen Augenblick feuerte einer der SEK-Spezialisten ein bis drei Schüsse auf den Rentner ab, der ein zweites Fleischermesser in seiner Hand hielt. Als dieser auf die Eindringlinge zugehen wollte, schoss ein weiterer Beamter eine ganze Salve ab.”
Wie Hohn klingt dann das:
“Aufgabe und Ziel des Polizeieinsatzes war es, den 66-Jährigen vor sich selbst zu schützen.”
Widersprüchlich geht es weiter:
“Wie Oberstaatsanwalt Siebecker aus den Vernehmungsakten eines Beamten zitierte, der nicht zu den Schützen zählte, zielten die Spezialisten auf die Beine des Mannes, woraufhin dieser zu Boden sackte und dann auf die Arme. Dabei soll ein fehlgeleiteter Schuss in die Brust des Heppenheimers eingedrungen sein.”
Während es in der Frankfurter Rundschau noch hieß, der Mann sei mit dem “anderen Messer auf sie zugestürzt“, heißt es nun, er sei nach Schüssen auf seine Beine “zu Boden” gesackt.
Warum danach von den “Spezialisten” weitergeschossen wurde (”eine ganze Salve“) - “auf die Arme” und “fehlgeleitet” in die Brust - war das vielleicht mit Übereifer zu erklären?
Gegen Ende des Artikels heißt es dann noch:
>Die Ermittlungsbehörde werde den Vorfall, auch im Hinblick auf die sensibilisierte Öffentlichkeit, einer “besonders sorgfältigen” Überprüfung unterziehen, erklärte Siebecker. Mit dem Ergebnis der Untersuchungen ist nicht vor dem Ablauf von einigen Monaten zu rechnen.< [[Hervorhebungen von uns]
Im Darmstädter Echo wurde der Zeitrahmen präziser gefasst:
“Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass das Ermittlungsverfahren frühestens Mitte des nächsten Jahres abgeschlossen ist.”
Warum eigentlich so spät?
Könnte das daran liegen, dass “frühestens Mitte des nächsten Jahres” ausreichend Gras über dem Grab des erschossenen Rentners gewachsen ist und die Öffentlichkeit den Fall mit seiner “unbeschreiblichen” Dramatik dann so weit vergessen hat, dass sie die vorhersehbare Einstellung des Verfahrens nicht mehr hinterfragt?
Oder deutlicher formuliert: Hofft man darauf, dass die “sensibilisierte” Öffentlichkeit, in 6 Monaten soweit desensibilisiert ist, dass man ihr das Ergebnis der “besonders sorgfältigen Überprüfung” besser verkaufen kann?
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"Denn hier ist nichts, was es scheint.". Albert Ettinger über Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald".
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