Donnerwetter und Hagelstange: Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Karl Carstens, Richard von Weizsäcker versammelt auf dem Erbacher Friedhof – Wenn die Provinz sich bläht

Administrator, 08 Januar 2008, 2 comments
Categories: Literatur, Menschen, Musik, Politik, Presse, Video

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Wer es vergessen haben sollte: Der langjährige SPD-Vorsitzende und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt war von 1969 bis 1974 Bundeskanzler, sein Nachfolger Helmut Schmidt regierte die Bundesrepublik bis 1982, Helmut Kohl übernahm sein Zepter für die nächsten 16 Jahre, bis 1998. Richard von Weizsäcker war in der Zeit von 1984 bis 1994 Bundespräsident, Karl Carstens, sein Vorgänger, war es von 1979 bis 1984.
Sie alle hatten sich im August 1984 auf dem kleinen Friedhof in der kleinen Kreisstadt Erbach im Odenwald versammelt (Kohl übrigens als amtierender Bundeskanzler und von Weizsäcker als amtierender Bundespräsident).
Außerdem kamen zahlreiche weitere Prominente, etwa der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll und der damalige „Kirchenpräsident“ Helmut Hild.
Was für ein Tag, was für ein Anlass, was für ein Ort – und was für ein Blödsinn!

Zu lesen war das am 3. Januar 2008 im bundesweit bekannten Zentralorgan für unfreiwilligen Humor, dem Odenwälder Echo. In einem absolut ernst gemeinten, ca. 300 Wörter umfassenden Artikel wurde der Hintergrund und der Anlass des historischen Gipfeltreffens auf Odenwälder Boden ausgebreitet. Ein „wortgewaltiger und zeitlose Orientierung gebender Dichter“ war gestorben und wurde dort begraben, wo er und überhaupt der große Geist seit jeher ihre Wahlheimat hatten: Im Odenwald.
Kein Wunder also, dass sich hier, in der Kreisstadt Erbach die politische und künstlerische Elite Deutschlands ein historisches Stelldichein gab. Verabschieded wurde von seinen engen und höchsten Freunden der Schriftsteller Rudolf Hagelstange.
Da das Odenwälder Echo nicht nur eine hohe Kompetenz bei allem Historischen innehat, sondern auch für seinen investigativen Journalismus bekannt ist, für das Aufdecken von Affären, wundert es nicht, dass der historisch, literarisch und politisch kenntnisreiche Artikel über das Begräbnis von Rudolf Hagelstange auch einen unerhörten Skandal zur Sprache bringt. Man lese also dies:

>Dreizehn Jahre bis zu seinem Tod hat der Epiker, Lyriker, Essayist, Chronist und Journalist in Erbach gewohnt, ist aber heute selbst in der Stadtbücherei und im Buchhandel mit seinen Werken nicht vertreten.
Angesichts dieses Umstandes zeigten nicht nur die Referentin, sondern auch die Zuhörer eine gewisse Betroffenheit.<

In aller Bescheidenheit begann dieser Artikel also nicht mit der unerhörten Prominenz des Wahl-Erbachers, sondern mit dem erstmals erhörten völligen Versagen der Erbacher Stadtbücherei und des (nur lokalen?) Buchhandels.
Erst um dieses Versagen in seiner vollen Dimension verständlich zu machen, erwähnt der Artikel dann gewissermaßen en passant, wer hier so schmählich vergessen wurde und wer damals in stillem Schmerze angereist kam für das letzte Geleit. Ja, der damalige Bundeskanzler Kohl ließ sogar seine Amtsgeschäfte ruhen.
Aber zitieren wir doch direkt, warum sich eine „gewisse Betroffenheit“ einstellen muss:

>Dies auch angesichts der vielen Prominenten, die zu dessen Begräbnis auf den Friedhof von Erbach kamen.
Nicht nur der Schriftsteller Heinrich Böll hatte sich dazu eingefunden. Unter den Trauergästen waren auch Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Carl Carstens, Richard von Weizsäcker und Kirchenpräsident Helmut Hild. Der Autor war Träger des Verdienstordens mit Stern der Bundesrepublik Deutschland gewesen.<

Der Verfasser dieses Artikels ist leider nur mit seinem Autorenkürzel benannt: „e„. Wahrscheinlich steht „e“ redaktionsintern für „exzellent“.
In der Tat ist allein der unerhörte Fleiß des Autors exzellent. Nahezu jeden Tag bereichert „e“ das Odenwälder Echo. Es hallt von ihm in allen Ecken des Odenwaldes. Er schreibt so exzellent, dass sich Chefredakteur Gerhard Grodenwald die Mühe redaktioneller Überarbeitung meist schenken kann.
„e“ ist auch bescheiden, er bleibt gerne im Hintergrund und würdigt lieber die, von denen er schreibt. Hier, in dem gerade betrachteten Artikel, würdigt er die Referentin Inge Löw.

>Die Referentin Inge Löw zeichnete demnach engagiert, kenntnisreich und kompetent den Lebensweg Hagelstanges von Nordhausen bis nach Erbach nach.<

Bis hin zu seinem letzten Gang, möchte man hinzufügen, „kenntnisreich und kompetent“ bis hin zu denen, die Hagelstange auf seinem letzten Weg begleiteten: Brandt, Schmidt, Kohl, Weizsäcker, Carstens, Böll … Gab es zum Gedenken auch Böller?

Hinzufügen muss man, dass „e„, der Hauptautor und -akteur des Odenwälder Echo, nicht nur „kenntnisreich und kompetent“ über andere „Kenntnisreiche und Kompetente“ berichten kann, immer höflich im Hintergrund, er ist auch ungemein geduldig.
Der Event, über den er am 3. Januar 2008 im Ächo berichtete, lag da schon fast 3 Wochen zurück.
Die Literarische Teestunde in der Frauenwerkstatt der Evangelischen Kirchengemeinde von Erbach im Odenwald hatte nämlich stattgefunden am Freitag dem 14. (Dezember 2007).
(Leider wurde im Ächo-Artikel der genaue Termin nicht genannt. Es hieß dort nur: „War Rudolf Hagelstange ein verhinderter Seelsorger oder ist er ein vergessener Dichter? Dieser Frage ging dieser Tage in einer literarischen Teestunde, initiiert von der Religionspädagogin Hanne Aulich, ein interessierter Kreis im evangelischen Gemeindehaus nach.“ Die Hervorhebungen sind wieder von uns).
Warum waren „e“ und sein Redakteur Grünewald so geduldig und ließen sich für den Abdruck der Geschichte fast 3 Wochen Zeit?

Der Grund liegt natürlich in der besonderen Sorgfalt, die ein Bericht über ein so herausgehobenes Odenwälder Ereignis erfordert. Wann schon versammelt sich die gesamte politische Elite in Erbach?
Da muss sorgfältig recherchiert werden, das kostet Zeit, da sind 3 Wochen fast nichts.

Um so erstaunter, nein, umso enttäuschter ist man, wenn man heute dieses Demenzi im Ächo liest:

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>So groß die Hochachtung in Politik, Literatur und Gesellschaft für Rudolf Hagelstange (1912 – 1984) auch gewesen ist – bei der Beerdigung des zuletzt 13 Jahre in Erbach ansässigen Schriftstellers war die Prominenz bei weitem nicht in der Vielzahl und Stärke vertreten, wie der ECHO-Bericht über einen Erinnerungsabend der evangelischen Kirche falsch besagt hat (Ausgabe vom 3. Januar: „In Wahlheimat fast vergessen“).
Bei der wiedergegebenen Liste von Persönlichkeiten handelt es sich nämlich nicht um die der Trauergäste bei der Beerdigung, sondern um jene aller Kondolenzen, also auch der per Brief übermittelten Beileids- und Anerkennungsbekundungen.
Für die Fehlinterpretation bittet die Redaktion um Entschuldigung.<

Unterschrieben ist dieses Demenzi von Gerhard Grodenwald alias „gg“. Warum? Warum, möchte man ihn fragen, warum verdirbt er uns den Spaß?
Ist es nicht besser, an Gott zu glauben als an gar nichts, das fragte kompetent und kenntnisreich schon Blaise Pascal in seinen Pensées.
Und ist es für einen Odenwälder nicht auch besser, an ein politisches und spirituelles Mega-Gipfeltreffen im Odenwald zu glauben als an keines?
Wann ist man je wieder so bedeutsam?
Warum also verdirbt Gerhard Grodenwald seinen treuen Lesern den Spaß und den Glauben? Es geht, das sagt er doch auch, nicht um falsche Fakten, sondern nur um eine Fehlinterpretation.
(Unklar bleibt dabei freilich, wer was falsch interpretierte. Haben die Leser die falschen Fakten im Bericht – das „falsch besagte“ also – falsch oder richtig interpretiert?)
Jedenfalls sollte Gerhard Grodewald seine Leser die Geschichte doch weiter nach eigenem Gusto interpretieren lassen.
Wir wollen, weil es so schön und so traurig ist, weiterhin daran glauben, dass es nach dem Hambacher Fest (1832, westlicher Odenwald) und der Frankfurter Nationalversammlung (1848-1849, nördlicher Odenwald) nur noch ein weiteres, vergleichbares Zusammentreffen der demokratischen, republikanischen Repräsentaten Deutschlands gab: Auf dem Friedhof in Erbach (1984, zentraler Odenwald).
Es lebe der Zentralfriedhof und alle seine Toten!
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Das Demenzi von Gerhard Grodenwald (der nebenbei aus Karl Carstens undemenziert Carl Carstens machte) sollte nicht vergessen machen, dass seine Redaktion sich ganz im Sinne von Dr. Bernd Graff (Süddeutsche Zeitung) als eine Instanz des printigen Qualitätsjournalismus begreift.

Diese selbstbewusste Haltung demonstrierte wenige Tage vor dem Hagelstange-Artikel Grodenwalds Stellvertreter Elmar Streun.
Der berichtete am 29. 12. 2007: „Wenn eine Behörde sich um Kinder kümmert – Jugendamt trennt drei Tage vor Weihnachten eine Pflegefamilie in Höllerbach von ihren Zöglingen„.
Kein Spaß und keine Ironie, wohlgemerkt. Ein Titel, der absolut ernst gemeint war. Im Ächo, das sich irgendwo noch immer als Odenwälder Amtsblatt begreift, würde man nur im äußersten Notfalle Kritik an einem örtlichen Amt üben.
Eine sublime Kritik äußert Elmar Streun daher nur an einem anderen Odenwälder Pressedienst, dem von ihm zu Beginn erwähnten Pressedienst Hörnlein.

BildDer wird von ihm später – leicht verklausuliert – als „unbedarfter Beobachter“ etikettiert, weil aus dessen (bereits publizierter) Sicht das behördliche Vorgehen „nicht richtig“ war.
Nun ist aber keiner unbedarft, nur weil er etwas für falsch hält. Er ist es nur dann, wenn er dafür keine guten Gründe hat.

Es könnte sich bei Streuns Artikel um so etwas wie eine konzertierte Aktion gehandelt haben, denn genau einen Tag zuvor hatte das Odenwälder Landratsamt dem kritisch berichtenden Pressedienst vorgehalten:

>Die …Vorwürfe gegen die Behörde erweisen sich bei einer an der Wahrhaftigkeit orientierten Betrachtung des Sachverhalts als unzutreffend.<

Was heißen sollte, dass der (vom Landratsamt namentlich genannte) Pressedienst nicht an Wahrhaftigkeit orientiert sei.
Zur Erinnerung: Vom heimischen Computer einer Abteilungsleiterin in Horst Schnurs Odenwälder Landratsamt waren vor einiger Zeit unter dem Pseudonym „Micky“ Lobeshymnen zur Arbeit eben dieser Abteilung abgesandt worden. Als Kommentar für die Odenwald Geschichten.
Als unschlagbares Beispiel „einer an der Wahrhaftigkeit orientierten Betrachtung des Sachverhalts“.
Viele lachten über die Geschichte, die Frankfurter Rundschau berichtete darüber, das Odenwälder Ächo berichtete darüber nie – es berichtet lieber, als „bedarfter Beobachter“ über die in Erbach versammelten Trauergäste Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Karl Carstens, Richard von Weizsäcker und Heinrich Böll.

Comments

2 Responses, Leave a Reply
  1. Bibi
    30 August 2008, 10:14

    Helmut Kohl war ein großartiger Politiker.

  2. Ivan Zilic
    01 September 2008, 11:41

    Wo haben Sie das her?
    Meinen Sie die kriminelle Machenschaften in der Leuna Affaire oder etwas was die Bundesbürger nicht kennen.

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