Ludwigshafen: Wurde Feuertragödie durch Brandanschlag verursacht?

Neun Menschen starben am Sonntag bei der Brandkatastrophe in Ludwigshafen, unter den türkischstämmigen Opfern waren auch 5 Kinder.

>Es waren Bilder, wie man sie seit dem 11. September kennt, wenn Eingeschlossene keine Möglichkeit mehr sehen, ins Freie zu gelangen. Sprungtücher wurden aufgespannt. „Aber in ihrer Panik sind die Leute einfach daneben gesprungen“, berichtet ein Augenzeuge.

Die Ludwigshafener Oberbürgermeisterin Eva Lohse ist noch am Tag danach fassungslos. „Es war ein Bild des Schreckens. Ich werde es nie mehr vergessen.“ Dennoch wird sie nicht müde, das Engagement der Rettungskräfte zu loben, die bei der „größten Brandkatastrophe der Stadt seit dem Zweiten Weltkrieg unter Einsatz ihres Lebens alles Menschenmögliche getan haben“. […]
In den chaotischen Wirren der Nacht suchten Menschen stundenlang nach Angehörigen. Verängstigte Kinder wurden in Kliniken behandelt, ohne dass die Eltern wussten, wo sie sind. Andere haben ihre komplette Familie verloren. „Die Szenen waren so schrecklich, dass einige der Einsatzkräfte danach ihren Job aufgeben wollten“, sagte Polizeipräsident Fromm.< Quelle: vienna.at, Bilder des Grauens in Ludwigshafen, 4.2. 2008

Die Aussagen zweier Mädchen (s. Video), die vorher einen Fremden beim Zündeln im Treppenhaus gesehen haben wollen, lassen einen Brandanschlag als möglich erscheinen.
Ein bei YouTube eingestelltes (und zwischenzeitlich gelöschtes) Video sieht dies bereits als Tatsache an. Irritierend an diesem Video, das die Namen und Gesichter einiger Opfer zeigt, ist der Kontext, in den der „Brandanschlag von Ludwigshafen“ gestellt wird.
Die kleine filmische Chronik beginnt nämlich mit dem „Massaker von Sivas„, das Aleviten gegolten haben soll.
Die Wikipedia schreibt dazu:

>Am 2. Juli 1993 versammelten sich islamische Fundamentalisten nach dem Freitagsgebet vor dem Madimak-Hotel, das direkt gegenüber einer Moschee lag, in dem im Rahmen eines alevitischen Kultur-Festivals zum größten Teil alevitische Musiker, Schriftsteller, Dichter und Verleger logierten, darunter Kinder und Jugendliche. Das Hotel wurde schließlich in Brand gesetzt, während auf den Straßen die Massen mit Pflastersteinen bereit standen. Wegen der aufgebrachten, wütenden Menschenmenge vor dem Hotel konnten die Menschen im Gebäude nicht ins Freie: Über 30 Menschen verbrannten im Hotel; wenige überlebten, so auch der Autor Aziz Nesin, dem laut einigen Angaben der Anschlag in erster Linie gegolten hatte.<

Wenn es tatsächlich ein Anschlag war, der zu der Brandkatastrophe in Ludwigshafen führte, könnten seine Gründe – so die Aussage des Videos – in Fremdenfeindlichkeit zu suchen sein, aber auch in Konflikten zwischen türkischen Bevölkerungsgruppen.

Auf jurblog.de wird kritisiert, dass in Ludigshafen der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck, gleichzeitig SPD-Vorsitzender, angeblich „voreilig“ einen fremdenfeindlichen Hintergrund ausgeschlossen habe. Und weiter:

>Ein voreiliger Ausschluss einer fremdenfeindlichen Tat, scheint sich in Deutschland aber eingebürgert zu haben, wenn die Opfer Ausländer sind.<

[Was den Brandanschlag auf die Odenwälder Asylunterkunft „Wiesenmühle“ angeht, muss man dieser Aussage uneingeschränkt zustimmen. In diesem Fall konnte nicht einmal eine kriminelle Strafvereitelung durch die zuständigen Behörden ausgeschlossen werden.]

Indymedia listet zahlreiche Gründe auf, die für einen Brandanschlag mit rechtsextremistischem Hintergrund sprechen:

>-Zwei Kinder haben einen Mann gesehen, der im Haus Feuer gelegt haben soll. Der Mann soll dunkle Haare haben und deutsch sprechen. Die Kinder werden zur Zeit noch vernommen.

– Auf das Haus gab es bereits 2006 einen Brandanschlag. Zwei Unbekannte haben eine Fensterscheibe des Cafes im Erdgeschoss eingeschlagen und zwei Brandsätze ins Innere geworfen. Zum Glück gab es nur einen geringen Sachschaden. Die Tat wurde nie aufgeklärt. In einigen Medien ist hier von einem „fremdenfeindlichen Hintergrund“ die Rede.

– Daneben gibt es zahlreiche Spekulationen über angebliche Konflikte mit Neonazis und ähnliches. Außerdem war in dem Haus vor etwa 15 Jahren die Nazikneipe „Crazy Corner“ untergebracht. Über mehrere Jahre war dies der zentrale Treffpunkt der Ludwigshafener Naziszene. Nach dessen Schließung befanden sich verschiedene türkische Cafes in den Räumlichkeiten.<

An anderer Stelle schreibt indymedia:

>- In unmittelbarer Nähe des Wohnhausbrandes, etwa 50 Meter entfernt, wohnt der bundesweit bekannte Nazikader Matthias H., führender Kopf des Neonazinetzwerks „Aktionsbüro Rhein-Neckar“. H. wurde mehrmals in seiner Nachbarschaft geoutet. Die Nachbarn sollten über die Umtriebe H. bescheid wissen. Ein möglicher Konflikt mit migrantischen Nachbarn ist daher nicht unwahrscheinlich.

– Im Umfeld des Hauses finden sich zahlreiche rechtsextreme Schmiereien (Hakenkreuze, rassistische Sprüche, Anti-Antifa-Parolen…) und Aufkleber.

– Ludwigshafen zählt in der Rhein-Neckar Region als Nazi-Hochburg (wird von Seiten der Stadt natürlich nicht so gesehen). Es gibt eine offene Naziszene, bekannte Treffpunkte und zahlreiche Propaganda im Alltag des Ludwigshafener Stadtlebens.<

Spiegel-Online berichtet heute, dass ein Konklikt zwischen Deutschland und der Türkei drohe:

>Die Brandkatastrophe von Ludwigshafen weitet sich indes zu einem Konflikt zwischen deutschen und türkischen Regierungsvertretern aus. Innenminister Wolfgang Schäuble reagierte laut „Frankfurter Allegemeine Zeitung“ verschnupft auf eine Äußerung des türkischen Botschafters Ali Irtemçelik in Berlin. Irtemcelik hatte kritisiert, ihm komme es „seltsam“ vor, dass ein fremdenfeindlicher Hintergrund ausgeschlossen werde, bevor die Brandursache feststehe.

Schäuble griff Irtemçelik laut „FAZ“ mit scharfen Worten an: „Manchmal muss man auch Botschaftern Manieren beibringen.“ Das werde er dem Botschafter demnächst auch persönlich sagen, so Schäuble. <

Die Spannungen zeigen sich auch in der Berichterstattung türkischer Medien.
So lässt ein türkischer TV-Sender in einem Film über die Brandkatastrophe (s. Video oben) am unteren Bildrand eine deutsche Flagge vorbeigleiten, der ein Hakenkreuz aufgesetzt wurde.

Der Mannheimer Blogger Wilhelm Entenmann will rund um die Brandkatastrophe einen anderen Skandal bemerkt haben: Ein bei YouTube eingestelltes Video, das von Jugendlichen während der Rettungsaktionen erstellt wurde.
Die Katastrophe soll zynisch kommentiert worden sein. Einer der Jugendlichen (Muhammed K., wahrscheinlich ein Schüler des Ludwigshafener Carl-Bosch-Gymnasiums), soll von „Scheiß Juden“ gesprochen haben.

Entenmann schrieb deswegen einen offenen Brief, der u.a. an den Mannheimer Morgen gerichtet wurde:

>Nach dem Brand des Wohnhauses in Ludwigshafen, bei welchem am 03.02.2008 neun türkischstämmige Mitmenschen Ihr Leben verloren, tauchte noch am gleichen Abend auf dem bekannten Internet-Videoportal YouTube ein Amateurvideo des Brandes auf.
Das Video mit dem Titel “Hausbrand in Ludwigshafen” wurde laut Angaben auf der YouTube-Seite von einem Muhamed K. vom CBG gedreht, welcher sich dabei in Begleitung von Denis S. und Andreas K. befunden haben soll.
(Anmerkung: CBG steht wohl für das Carl-Bosch Gymnasium in Ludwigshafen.)
Das Video mit einer Laufzeit von 3:27 Min. ist nicht nur Ausdruck eines widerlichen Voyeurismus in Angesicht der verzweifelten und sterbenden Menschen (z.B. Stimme: “Endlich passiert mal was im Hemshof.” 0:52 Min.), sondern enthält an Position 3:07 Min. die deutliche Äußerung eines Jugendlichen mit türkischem Dialekt: “Scheiss Juden!”

Das besagte Video, welches auch diverse türkische Jugendliche in Aktion zeigt, wurde am 04.02.2008 gegen 16:40 Uhr gelöscht. Ebenso verschwand der Account des Users “oOTBAOo”, welcher das Video online gestellt hatte.<

Auf Entenmanns Blog blog.schoggo-tv.de meldete sich kurz darauf der „Übeltäter“ Muhammed K. („Ich wurde in Mazedonien geboren und bin 15 Jahre alt“) mit einem Kommentar und erklärte und entschuldigte sich so:

>Beim Spazierengehen sahen wir zufällig vom Europaplatz aus Rauch aus dem brennenden Haus kommen. Meine Freunde und ich machten uns sofort auf den Weg zu diesem Haus.
Sogar anderen Leuten erzählte ich an dem Tag, dass es zum Glück keine Tote gab, jedoch hatte ich mich geirrt, denn ich war nicht dabei, als die Bewohner von der Feuerwehr gerettet wurden. Erst am nächsten Tag wurde mir gesagt, dass 9 Menschen ums Leben gekommen sind. Daraufhin, habe ich das Video aus dem Internet gelöscht.
Denn wenn ich gesehen hätte, wie Leute schreiend sich aus dem Balkon geworfen hatten, hätte ich ganz bestimmt anders gehandelt, und hätte die Sache ernster genommen. Noch in Karnevalsstimmung nahmen ich die Situation mit meinem Handy auf und schrie “ja wohl”.
Kurz darauf benutzte ich den unangenehmen Ausdruck: “Scheiß Juden”. Ich möchte mich bei denjeniegen entschuldigen, die sich betroffen fühlen, denn ich war noch im Karnevalrausch und konnte mich nicht dabei kontrollieren. ´
Jetzt fragen sich viele, wie ich überhaupt dazu gekommen bin diesen Ausdruck zu erwähnen, obwohl das ganze mit Juden überhaupt nichts zu tun hat. Unter Freunden waren wir es gewohnt blöde (rassistische) Sprüche zu benutzen, dabei ist es nicht unsere Absicht uns gegenseitig zu verletzen, sondern wir meinen es immer ironisch.<

4 Gedanken zu „Ludwigshafen: Wurde Feuertragödie durch Brandanschlag verursacht?“

  1. Im Bundesland Sachsen verlor vor kurzem eine fünfköpfige (deutsche) Familie durch einen Hausbrand ihr gesamtes Hab und Gut nebst Dach über dem Kopf. Kein Mensch denkt in der Ursache an einen deutschfeindlichen Anschlag und kein Bund wie kein Land zahlt pro "überlebender" Person EUR 5.000,-.
    Fremdenfeindlichkeit wird durch unsere (Ausländer-)Politik geschürt und hat wahrlich wenig neonazistischen Hintergrund.

  2. 07. Februar 2008 Nach der Brandkatastrophe in Ludwigshafen hat die Alevitische Gemeinde in Deutschland schwere Vorwürfe gegen die türkische Regierung und türkische Medien erhoben. Der Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde, Ali Ertan Toprak, verwahrte sich am Mittwoch gegen die „Instrumentalisierung“ der neun Todesopfer durch die Türkei, die alle Mitglieder dieser zweitstärksten muslimischen Glaubensrichtung in Deutschland waren.
    „In dieser Situation der Trauer muss man das Verbindende und das Menschliche in den Vordergrund stellen und darf nicht die Gesellschaft spalten“, sagte Toprak im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Hetzerische Presseberichte“ in türkischen Medien, die der deutschen Polizei und Feuerwehr mangelhafte Ermittlungen sowie verzögerte Rettungsbemühungen vorwerfen, seien fehl am Platze.
    „Respektlos gegenüber den Opfern“
    Toprak warf den Vertretern türkischer Organisationen, die sich am Brandort in der Ludwigshafener Innenstadt „vor den Kameras gedrängelt“ hätten, „Respektlosigkeit“ gegenüber den Opfern vor. „Dass es Aleviten waren, wurde unter den Teppich gekehrt.“ Er selbst sei von einem türkischen Journalisten als „Nestbeschmutzer“ beschimpft worden.
    Die türkische Regierung versuche nun, aus der Trauerfeier einen „Staatsakt“ zu machen, statt die Wünsche der Angehörigen zu respektieren. Die Aleviten, die sich in ihrem Glaubensverständnis stark von der sunnitischen Mehrheit in der Türkei unterscheiden und deswegen dort oft angefeindet werden, besuchen keine Moscheen. Die Trauerfeier für die neun Opfer soll deshalb entweder im Freien oder im alevitischen Gemeindehaus in Mannheim stattfinden.
    Toprak, der sich am Mittwoch bei den überlebenden Angehörigen aufhielt, sprach den deutschen Behörden auch im Namen der betroffenen Familien das Vertrauen aus: „Die Ermittlungen sind sehr schwierig, das braucht seine Zeit. Wir vertrauen der deutschen Polizei.“ Toprak nannte es „befremdlich“, dass die türkische Regierung eigene Ermittler nach Ludwigshafen schicke, um Hinweisen auf einen möglichen fremdenfeindlichen Brandanschlag nachzugehen.
    „Die türkischen Experten sollten viel lieber ihre Energie für die Aufklärung der tausenden politischen Morde in der Türkei stecken.“ Zahlreiche kapitale Verbrechen in der Türkei, wie die Brandanschläge auf Aleviten 1993 in Sivas, bei
    denen 35 Personen, unter ihnen der Schriftsteller Nesin, ermordet wurden, seien bis heute nicht aufgeklärt. „Die Attentäter von Sivas leben unbehelligt in Deutschland, weil die türkischen Behörden sich bis heute weigern, einen Auslieferungsantrag zu stellen“,

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