Kind aus Eritrea im Koma: Was geschah an Fronleichnam im Schwimmbad von Ober-Ramstadt?

Administrator, 24 Mai 2008, 6 comments
Categories: Polizei

Emotainment, Journalismus am Scheideweg

Was gestern von der Polizei in Südhessen gemeldet wurde, erinnert vordergründig ein wenig an einen Fall, der sich vor 11 Jahren in Sebnitz zugetragen hatte.
Im Schwimmbad der sächsischen Kleinstadt war am 16. 6. 1997 der sechs Jahre alte Joseph Kantelberg-Abdullah ertrunken.
Die Eltern des Jungen gaubten bzw. behaupteten, ihr Sohn sei von Rechtsradikalen ertränkt worden.
Die Mutter des Jungen, Renate Kantelberg-Abdullah, war vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder empfangen worden, der so der Familie seine Solidarität bekunden wollte – die Familie sei nämlich auch „Beschimpfungen und Pöbeleien … durch Rechtsradikale … ausgesetzt“ gewesen.
Der Fall gilt heute als aufgeklärt. Das Kind soll an einem angeborenen Herzfehler gestorben sein, seine Familie habe im (unverantwortlichen) Zusammenspiel mit Medien einen falschen Verdacht auf drei junge Leute gelenkt, die angeblich aus einem rechtsradikalem Umfeld kamen.
Es kann, so sah es hier zumindest aus, auch falsch verdächtigt werden.

Es kann aber auch vorschnell „Fremdverschulden“ verneint werden, obgleich ein ernster Verdacht durchaus bestehen kann.
Wozu in dieser Hinsicht die Odenwälder Polizei bereit ist, hat sich im bis heute unaufgeklärten Brandanschlag auf die Asylunterkunft Wiesenmühle erwiesen: Die „Ermittlungen“ in diesem mit hoher Wahrscheinlichkeit fremdenfeindlich motivierten Anschlag waren ein Skandal.

Was sich am Donnerstag dieser Woche, wegen Fronleichnam war schulfrei, im Schwimmbad von Ober-Ramstadt zutrug, kann tatsächlich „nur“ ein „tragischer Badeunfall“ gewesen sein. Badegäste entdeckten dort kurz nach 12 Uhr, dass ein Kind leblos im Waser trieb.
Im Polizeibericht heißt es:

Ein Zeuge hatte schließlich bemerkt, dass der Junge … leblos im Wasser trieb. Bisher ist noch unklar, wie lange dieser Zustand dauerte. Dies könnten durchaus einige Minuten gewesen sein.“

Es sollen sich „zu diesem Zeitpunkt … vergleichsweise wenige Badegäste (im Becken) aufgehalten“ haben. In einem heute erschienenen Bericht im Darmstädter Echo heißt es ergänzend:

>Zum Zeitpunkt des Unglücks war die Saison in Ober-Ramstadt noch keine vier Stunden alt. Rund fünfzig Badegäste waren am Vormittag zum Saisonauftakt gekommen. […] Wegen der kühlen Temperaturen hielten sich nur wenige Badegäste im Wasser auf. Um 12 Uhr dann habe jemand Alarm geschlagen, sagt Bürgermeister Schuchmann.<

Kann es sein, dass diesen „rund fünfzig Badegästen„, sowie Schwimm- und Bademeister wirklich erst nach „einigen Minuten“ auffällt, dass hier ein Kind leblos im Wasser treibt – und deswegen viel zu spät Hilfe geleistet wird?
Das ist ein Punkt, der hier stutzig macht.
Was ebenfalls verwundert ist diese Aussage im Polizeibericht:

>Den bisherigen Ermittlungen zufolge kann bei dem Vorfall, der sich kurz nach 12.00 Uhr ereignet hatte, ein Fremdverschulden ausgeschlossen werden.<

Die „bisherigen Ermittlungen“ können aber nur wenige Stunden gedauert haben, der Bericht wurde am Tag darauf um 11:45 veröffentlicht.
Da erscheint die Behauptung reichlich vorschnell, dass ein „Fremdverschulden ausgeschlossen werden kann„. Zumindest müsste doch wohl eine gründliche medizinische Untersuchung abgewartet werden. Ein herzbedingter Unfall – vielleicht in Verbindung mit der kühlen Temperatur – scheint bislang jedenfalls nicht nachgewiesen.

Auch die „übereinstimmenden Zeugenaussagen„, auf die sich die Polizei dabei stützt, sollten doch zumindest hinterfragt werden.
Schließlich könnten sich diese Zeugen auch einer unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht haben und ihre Aussagen daher (sehr) „subjektiv“ getönt sein.

Erstaunlich ist, dass der Junge sich angeblich schon vorher – und zwar nicht leblos – mit dem Kopf im Wasser habe treiben lassen.
Dies soll wohl erklären, warum dann zu spät reagiert wurde. Und wenn diese Aussage gar nicht stimmt, wenn sie nur zweckbestimmt war, um sich keine unterlassene Hilfeleistung vorwerfen zu lassen?

Das Kind war farbig, seine Eltern kommen aus Eritrea. Es kam laut Polizeibericht etwa eine Stunde vor dem Vorfall „ohne Begleitung in das Schwimmbad.“
Ein Kind muss nicht farbig sein, um in einem Schwimmbad von anderen Kindern oder Jugendlichen (aus Spaß) mutwillig unter Wasser gezogen zu werden – erst recht, wenn schützende Freunde oder Eltern nicht da sind.

Es kann nicht von vornherein ausgeschlossen werden, dass derartiges nun in Ober-Ramstadt geschah. Dass offenbar weitere Kinder und Jugendliche an diesem Tag im Schwimmbad waren, auch solche, die den Jungen kannten, ergibt sich aus dem Polizeibericht. Es heißt darin:

>Zunächst war die Identität des Jungen nicht eindeutig geklärt, da von Kindern und Jugendlichen verschiedene Namen und Anschriften genannt wurden. Mit diesen nützlichen Hinweisen und der Hilfe von Einwohnermeldedaten konnte noch am Nachmittag der Junge und damit seine Eltern in Ober-Ramstadt identifiziert und verständigt werden. <

Auffallend ist auch, dass in einem heute veröffentlichten Polizeibericht eine Korrektur vorgenommen wird. Es heißt darin:

>Im Gegensatz zu ersten Pressemeldung war die Schwimmmeisterin in das Becken gesprungen und hatte das Kind aus dem Wasser gezogen. <

Außerdem heißt es nun:

>Zusammen mit dem Bademeister hatte sie die ersten Hilfsmaßnahmen eingeleitet<

In der Überschrift wird betont: „Erste Hilfsmaßnahmen durch beide Schwimmmeister“ [Hervorhebung von uns] schwimmbad ober-ramstadt
Schwimmbad Ober-Ramstadt

So oder so: Schwimmmeister und Bademeister werden sich auf weitere Fragen einstellen müssen.

Hier der vollständige Polizeibericht von gestern:

>Bei einem tragischen Badeunfall ist am Donnerstag im Schwimmbad in Ober-Ramstadt ein zehnjähriger Junge lebensgefährlich verunglückt. Ein Badegast konnte das leblose Kind aus dem Wasser ziehen und zusammen mit einer Schwimmmeisterin erste Rettungsmaßnahmen einleiten. Der Junge wurde schließlich von einer herbeigerufenen Notärztin reanimiert. Der Zehnjährige, der in einem künstlichen Koma liegt, ringt in einem Mannheimer Krankenhaus weiter um sein Leben. Sein Zustand ist kritisch.

Den bisherigen Ermittlungen zufolge kann bei dem Vorfall, der sich kurz nach 12.00 Uhr ereignet hatte, ein Fremdverschulden ausgeschlossen werden.
Nach übereinstimmenden Zeugenangaben sei das Kind eine Stunde vor dem Vorfall ohne Begleitung in das Schwimmbad gekommen, habe sich ausgezogen, seine Kleidung auf eine Bank gelegt, ein Kickboard daneben gestellt und anschließend in das Schwimmerbecken gegangen.
Dort habe der Zehnjährige alleine gespielt, mehrfach Tauchübungen gemacht, seinen Kopf nach unten in das Wasser gelegt und sich treiben lassen. Zu diesem Zeitpunkt hätten sich vergleichsweise wenige Badegäste im Becken aufgehalten.
Ein Zeuge hatte schließlich bemerkt, dass der Junge nicht mehr seine Tauchübungen machte, sondern leblos im Wasser trieb. Bisher ist noch unklar, wie lange dieser Zustand dauerte. Dies könnten durchaus einige Minuten gewesen sein. Ebenso ist die Ursache, die zu dem tragischen Unfall führte, noch unbekannt.

Zunächst war die Identität des Jungen nicht eindeutig geklärt, da von Kindern und Jugendlichen verschiedene Namen und Anschriften genannt wurden. Mit diesen nützlichen Hinweisen und der Hilfe von Einwohnermeldedaten konnte noch am Nachmittag der Junge und damit seine Eltern in Ober-Ramstadt identifiziert und verständigt werden. Die Familie, die aus Eritrea stammt, wird derzeit von der Notfallseelsorge betreut. Auch die Stadt Ober-Ramstadt hat inzwischen Unterstützung zugesagt.< Quelle: ots/polizeipresse.de, Tragischer Badeunfall | Notärztin reanimiert Zehnjährigen | Künstliches Koma, 23. 5. 2008 [Hervorhebungen von uns]

Heute wurde dies von der Polizei mitgeteilt:

>Nach wie vor ist der Zustand des zehnjährigen Jungen, der in einer Mannheimer Klinik in einem künstlichen Koma liegt, kritisch. Er war -wie bereits berichtet – am Donnerstag in einem Schwimmbad in Ober-Ramstadt lebensgefährlich verunglückt.
Ein Badegast hatte den leblosen Jungen in einem Schwimmbecken bemerkt und ihn über Wasser gehalten.
Im Gegensatz zu ersten Pressemeldung war die Schwimmmeisterin in das Becken gesprungen und hatte das Kind aus dem Wasser gezogen, wobei sie von dem Badegast unterstützt wurde. Zusammen mit dem Bademeister hatte sie die ersten Hilfsmaßnahmen eingeleitet. Die Reanimation erfolgte schließlich durch die alarmierte Notärztin.< [Hervorhebungen von uns]

Ein am letzten Mittwoch auf Südtirol Online erschienener Bericht über einen vergleichbaren Fall, der sich vor knapp 2 Jahren in Brixen zugetragen hatte, zeigt, dass sich die Frage nach der möglichen Mitschuld Dritter mitnichten derart salopp wegwischen lässt, wie dies hier in den ersten Polizeiberichten versucht wird.
Wir zitieren einige Auszüge:

Bild> Für zwei Verantwortliche für den Betrieb im Brixner Schwimmbad „Acquarena“ sowie für zwei Bademeister hat der Ertrinkungstod des achtjährigen Ergis Cara am 10. Juni 2006 gerichtliche Folgen.
Richterin Carla Scheidle hat bei der Vorverhandlung die Einleitung am Dienstag des Hauptverfahrens wegen fahrlässiger Tötung gegen sie verfügt. Der Prozess beginnt am 3. Oktober vor der Außenstelle Brixen des Bozner Landesgerichtes.[…]

Staatsanwalt Guido Rispoli verdächtigt die Bademeister Alex Gusella und Eric Petrini, das Becken, in dem Cara Ergis ertrunken ist, nicht mit der entsprechenden Sorgfalt überwacht zu haben.
Cara Ergis sei drei Minuten lang mit dem Kopf unter Wasser gewesen, bevor dies bemerkt wurde
.
Othmar Michaeler, Vertreter der Gesellschaft „Michaeler & Partner GmbH“, die mit der Führung der „Acquarena“ betraut ist, sowie Geschäftsführer Stefano Cicalò, wirft Rispoli Fahrlässigkeit vor. […]
Dass sich auch die Lehrpersonen, die als Begleitpersonal im Schwimmbad waren, wegen einer möglichen Mitschuld am Todes von Cara Ergis verantworten sollen, ist unwahrscheinlich.
Staatsanwalt Rispoli ist der Ansicht, dass die Lehrpersonen bei Ausflügen und anderen Aktivitäten außerhalb des Schulgebäudes zwar die Verantwortung für das Wohl der Kinder haben.
Vom Moment an aber, in dem sich die Kinder in eine möglicherweise gefährliche Lage begeben – wie z. B. im Schwimmbad – müssten die Verantwortlichen der Infrastruktur für die Sicherheit der Kinder Sorge tragen.< [Hervorhebungen von uns]

 

Comments

6 Responses, Leave a Reply
  1. Netzfigur
    24 Mai 2008, 1:49

    Der Unfall ist ohne Frage sehr tragisch. Doch auch in diesem Sommer werden die deutschen Rettungsdienste wieder einige Kinder nur tot aus Schwimmbädern und Badeseen bergen können. Diesen Unglücksfall medienwirksam auszuschlachten und einen Skandal zu propagieren, wo keiner ist, ist einfach nur respektlos gegenüber dem Jungen und der Ersthelfern.

  2. Administrator
    24 Mai 2008, 2:12

    @Netzfigur: Es wird kein Skandal propagiert. Der ausdrückliche Verweis auf Sebnitz soll schließlich zeigen, wie problematisch auch leichtfertige Schuldzuweisungen sein können.
    Andererseits: Bei Schwimmbädern muss es eine Aufsicht geben. Es ist nicht in Ordung, wenn in einem öffentlichen Schwimmbad ein Kind  minutenlag leblos im Wasser treiben kann.
    Wofür sind Schwimm- und Bademeister da, wenn nicht dafür, genau so etwas zu verhindern? Es stellt sich sehr wohl die Frage nach verletzter Aufsichtspflicht und auch nach (zu lange) unterlassener Hilfeleistung.
    Im Gegensatz zu Ihnen ist für mich noch offen, ob hier eine Schuld oder Mitschuld anderer Personen vorliegt.

  3. Hoffmann
    25 Mai 2008, 8:34

    Info: Dienstag 27.05.2008, 22.45 Uhr "Hier irrt das Recht: Wer schützt uns vor der Justiz?" in der Sendung Menschen bei Maischberger ARD.
    Dazu ein Zitat vom  ehemaligern Direktor des Amtsgerichtes Soltau, Rundt: " Vorliegend ist das Interesse der Öffentlichkeit an einem hohen Ansehen der Justiz höher zu bewerten, als das Interesse, der Justiz Fehler nachzuweisen…"

  4. Netzfigur
    27 Mai 2008, 7:58

    "Den bisherigen Ermittlungen zufolge kann bei dem Vorfall, der sich kurz nach 12.00 Uhr ereignet hatte, ein Fremdverschulden ausgeschlossen werden."

    Hervorzuheben ist hier "bisherige Ermittlungen". Der Artikel beschäftigt sich detailiert mit jeder Formulierung, hat es aber versäumt zu erwähnen, dass in späteren Pressemeldungen von Ermittlungen zur Unfallursache und Zeugenbefragungen die Rede ist, was durchaus davon zeugt, dass Ermittlungen angestellt werden. Dieser Eindruck wird durch den Artikel allerdings nicht erweckt.

    Gleichzeitig ein Lob für umfangreiche Recherche.

  5. SoundBl@ster
    13 Oktober 2008, 6:47

    Hm. Schon irgendwie traurig. Mich hätte vor allen Dingen mal interessiert, wie es dem Jungen geht? Es bleibt nur die Befürchtung, dass das nicht gut ausgegangen ist.
    So oder so: schon nach 3 Tagen kein Diskussionsbedarf mehr? Hm. Wie im wahrsten Sinne kurzlebig ist die heutige Zeit doch… 🙁
    SB.

  6. Leser 2
    14 Oktober 2008, 1:22

    Kommt in diesen Kreisen immer mal wieder vor, hier die Antwort auf eine Anfrage aus dem Jahr 99 zu einem Unfall es Innenministers von Mecklenburg Vorpommern.

    http://www.landtag-mv.de/dokumentenarchiv/drucksachen/3_Wahlperiode/D03-0000/Drs03-0643.pdf

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