Bittersüße Heimat: Necla Kelek über Ehre und Morde, Tradition und Türkei

Bittersüße Heimat: Bericht aus dem Inneren der Türkei

Schon im August war hier auf lesenswerte Texte von Bert Steffens zum Thema „Würde, Ehre und Wahn“ hingewiesen worden.
[Sie sind weiterhin als pdf-Dokumente abrufbar: Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4]

Wie es ist, wenn eine vermeintlich verletzte „Ehre“ im kollektiv und kulturell genährten Wahn gänzlich unwürdig wird, darüber schreibt heute die türkische Frauenrechtlerin und Soziologin Necla Kelek in der FAZ.
Sie berichtet über eine „aufschlussreiche empirische Untersuchung“, die an der Dicle-Universität im ostanatolischen Diyarbakir durchgeführt wurde.
Unter der Leitung des Arztes und Psychiaters Aytekin Sir waren 443 Männer aus der Stadt und aus der Umgebung zum Thema „Ehre“ befragt worden.
Kelek zitiert aus der schon etwas älteren Studie erstaunliche Zahlen:

>Auf die Frage, was Ehre sei, antworteten 32,9 Prozent: die Frau, meine Familie. 18,4 Prozent sagten, Ehre sei, was ihre Religion ihnen befehle; für 13,7 Prozent war mit Ehre das Ansehen des Mannes in der Öffentlichkeit gemeint; und jeder Zehnte verstand darunter „das Benehmen der Frau in der Öffentlichkeit“.
„Ohne Ehre“ ist für fast jeden Zweiten (48,5 Prozent) der Befragten, wer „zina“, Ehebruch, begeht, für zwölf Prozent ist die Ehre verloren, wenn die Frau den Ehebruch begeht, und für jeden Zehnten, wenn die Braut, Tochter, Schwester vor der Hochzeit die Jungfräulichkeit verliert.[…]

Die Frage, ob die Frau bei „Ehrverlust“ bestraft werden müsse, bejahten 83,7 Prozent, 16,3 Prozent verneinten sie. Als „Strafe“, die ihr in einem solchen Fall „zustünde“, verlangten 37,4 Prozent: „Sie muss getötet werden“; 25,8 Prozent würden sie verstoßen und sich scheiden lassen; 7,6 Prozent sagten: „Sie muss ins Haus eingeschlossen werden“; 3,3 Prozent: „Sie muss Selbstmord begehen.“

An den Antworten wird deutlich, dass die „Ehre“ von allen befragten Männern als gesellschaftliche Norm akzeptiert wird, für deren Verlust fast vier von zehn Befragten zu töten bereit wären. Niemand verweist auf die Gesetze, die das verbieten. Die Umfrage zeigt in nüchternen Zahlen, dass in diesem Teil der Türkei der Mord an Frauen bei über einem Drittel der männlichen Bevölkerung auf Zustimmung trifft, auch wenn die befragten Männer das nicht Mord, sondern Verteidigung der Ehre nennen.<

Kelek, deren neues Buch „Bittersüße Heimat: Bericht aus dem Inneren der Türkei“ in Kürze bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen wird, mag die Barbarei nicht bemänteln:

>Wer diese barbarischen Taten mit Tradition, Sitte oder einer anderen „Kultur“ rechtfertigt, betreibt Schönfärberei. Wie kann man ein Handeln, das Frauen zu einem Besitz erklärt, über den andere verfügen, als „Kultur“ bezeichnen? Treffender wäre es, von krimineller Energie und von kriminellen Vereinigungen zu sprechen. Auch der Hinweis, diese Verbrechen seien tribale, also stammesegoistische Erscheinungen und hätten mit der Religion nichts zu tun, ist kaum überzeugend.
Denn die Täter und Opfer von Ehrenmorden sind Muslime – gleich welcher Richtung. Und im Koran und durch die Vorbeter finden sie für ihr Verhalten die Legitimation. Sunniten sind genauso involviert wie Aleviten und Schiiten. Nicht nur im Osten, sondern in der ganzen Türkei.
In den wenigsten Fällen sind bei den Ehrverletzungen, die den Frauen vorgeworfen werden, tatsächlich andere Männer im Spiel. „Widerspenstigkeit“ und Gerüchte, die über eine Frau gestreut werden, reichen aus, um das Mordkommando in Marsch zu setzen. […]
Die Türkische Republik, die sich so gern als starker Staat präsentiert, verfügt auf ihrem Staatsgebiet nicht über das Gewaltmonopol. Sie hat es den Männern nicht entwenden können – oder wollen. < Quelle: faz.net, „Ehrenmorde“ in der Türkei: Die Ehre ist immer gefährdet; [Links und Hervorhebungen von uns] 15. 9. 2008

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