Endlich frei: Michelstadt dankt Christian Klar und der RAF und freut sich auf ein Wiedersehen

Administrator, 26 November 2008, No comments
Categories: Justiz, Terror

Der Baader-Meinhof-Komplex:

Im Darmstädter Echo findet sich zur bevorstehenden Freilassung des früheren RAF-Terroristen ein Bericht über „Christian Klars Spuren in Darmstadt„.
Klar hatte, zusammen mit Adelheid Schulz, Elisabeth von Dyck und Werner Lotze , am 19. März 1979 die damalige Bank für Gemeinwirtschaft in Darmstadt überfallen und dabei 49 000 DM erbeutet. In dem Bericht heißt es weiter:

>Zu dritt gingen die Terroristen damals am Vormittag unmaskiert in den Schalterraum. Mit vorgehaltener Waffe zwangen sie den Kassierer, ihnen das Geld auszuhändigen. Ein Kunde versuchte die schwer bewaffneten Terroristen aufzuhalten und wurde von einem Schuss im Knie getroffen. […]
Phantombilder brachten die Polizei schnell auf die RAF-Spur. Ein Auto der Täter wurde in der Garage des Darmstädter Staatstheaters entdeckt. […]
Klar wurde durch ein Lotterielos als Täter identifiziert, das Fahnder in dem Auto der Bankräuber sicherstellten und auf dem sich sein Fingerabdruck fand. Gefasst wurden die vier Terroristen zunächst jedoch nicht. Sie begingen einen weiteren Überfall in Nürnberg.<

Andere Spuren hinterließen Christian Klar und Adelheid Schulz im Odenwald, 7 Monate vor dem Banküberfall in Darmstadt.
Die brachten am 28. August 1978, also vor ziemlich genau 30 Jahren, sogar die kleine Odenwald-Metropole Michelstadt auf die Titelseite des Magazin SPIEGEL.
Dafür ist man dort den Terroristen dankbar, nicht offiziell natürlich! Aber eine „schweigende Minderheit“ freute sich denn doch, dass die sonst eher verschlafene Provinzstadt so auf einmal im Aufmerksamkeitsfokus der terrorbedrohten Nation war. (Zuletzt gelang das – näherungsweise – nur durch die gescheiterte Städtefusion mit Erbach)

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Es war eine gewaltige „Fahndungspanne“, die die politischen Gemüter erregte.
Christian Klar, Willy Peter Stoll und Adelheid Schulz, alle drei beteiligt an der nur 11 Monate zurückliegenden Schleyer-Entführung und gesucht in der größten Fahnungsaktion, die es je in der Bundesrepublik gab, hätte man am 6. August 1978 fast mühelos in Michelstadt fassen können.
Sie wurden observiert, BKA-Leute saßen ihnen am Wirthaustisch der Flughafengaststätte Waldhorn gegenüber, dennoch konnten die drei „Top-Terroristen“ entkommen.
Man muss sich die Athmosphäre jener Tage vergegenwärtigen, um die Bedeutung dieses (blamablen) Vorgangs zu erfassen.
Der SPIEGEL schilderte diese Athmosphäre so:

>Kanzler Helmut Schmidt gibt offen zu, Angst vor einem Anschlag auf sein Leben zu haben – wenn auch „nicht sonderlich„.
Seinem Vize Hans-Dietrich Genscher, der spätestens seit dem Münchner Olympia-Massaker als damaliger Innenminister auf den Todeslisten verschiedener Terrorgruppen ganz oben geführt wird, ist die Observation seiner Umgebung zur zweiten Natur geworden.
Ob bei Waldspaziergängen oder beim Stadtbummel, der Freidemokrat bleibt – unbewußt – immer wieder stehen und sichert in alle Richtungen.
Mit geschärften Sinnen bewegt sich auch Franz Josef Strauß. Der CSU-Chef, für den schon seit langen Jahren die höchste Sicherheitsstufe gilt, erinnert seine Mitarbeiter zuweilen „an einen Indianer, sein Blick geht stets rundum„.
Bange gehen die Sicherheitskräfte, die vom Personenschutz bis zur Vorfeldaufklärung das mögliche tun, der Wahlkampfzeit in Hessen und Bayern entgegen, wenn die Bonner Prominenz in Großstädten und Weilern den Kontakt zu den Massen sucht.<

Der damalige BKA-Chef Horst Herold wird am Ende so zitiert:

>Wenn wir die vier von Belgrad und diese drei (Anm.: in Michelstadt) gekriegt hätten, dann hätten wir den Terroristen einen tödlichen Schlag versetzt. Nun werden sie uns den tödlichen Schlag versetzen.<

Stattdessen hatten sich die Fahnder, darunter auch „fünf Ortspolizisten in Zivil“ verhalten wie „Trottel „, so das Verdikt eines BKA-Kollegen.

So soll sich die Geschichte abgespielt haben:

christian klar und adelheid schulz in michelstadt

>Die Observanten beobachteten das Trio bei Start und Landung in Michelstadt, schossen „prima Photos“ (Herold) und saßen den dreien, die vor dem Take-off auf der Flugplatzterrasse noch schnell eine Cola tranken, am Wirtshaustisch gegenüber.

Professionell vorbereitet war etwa die Sicherung von Fingerabdrücken. Da im Innenraum des Hubschraubers – an Stoff und Plastik – kaum verwertbare Abdrücke zu erwarten waren, hatten die Beobachter beizeiten drei Cola-Gläser präpariert. Und als die Wirtin der Flughafengaststätte die Getränke servierte, läutete im rechten Augenblick das Telephon. Mit einem „Bitte schenken Sie sich doch selbst ein “ lief sie an den Apparat, die Gesuchten mußten selbst anfassen.

Den am Flugplatz abgestellten Mercedes 230, mit dem die Terroristen angereist waren, untersuchten die Ermittler zwar „durchaus professionell“ (wie der BKA-Präsident lobte), beguckten sich Schrauben und Stempel des
Kennzeichens.

Aber „was man in jedem Kojak sehen kann„, urteilt ein BKA-Kollege, „haben die Trottel doch glatt vergessen„. Während der 110 Minuten, in denen der Helikopter „Augusta Beil 206 b“ über Hessen und Baden-Württemberg kreiste, wurde kein Peilsender am Auto angebracht. Er hätte eine Verfolgung des Wagens auch außer Sichtweite ermöglicht .

Wie hilfreich elektronischer Kontakt zum cremefarbenen Mercedes gewesen wäre, stellte sich heraus, nachdem die drei Gelandeten mit ihm davongefahren waren – hinterher sieben Wagen mit den BKA-Fahndern und fünf Ortspolizisten in Zivil. Nach einem kurzen Stopp, bei dem einer der drei in einer Telephonzelle telephonierte, begannen die Terroristen zu „schütteln“ (Polizeijargon): Sie fuhren mal schnell und mal langsam, um festzustellen, ob sie verfolgt werden.

Als sie nach 90 Minuten Fahrt plötzlich „wie wahnsinnig“ (ein Ermittler) an einem Bauernhof in der Gemeinde Ober-Beerbach bei Darmstadt in einen Weg abbogen und wendeten, wurden die sieben Verfolgerfahrzeuge allesamt abgehängt.
Ein letzter Versuch, den Terroristen zu Fuß zu folgen, blieb – wie die sogleich ausgelöste Fahndung nach dem Fluchtfahrzeug – erfolglos. Es geschah, was nach kriminalistischer Erfahrung bei 80 Prozent aller Observationen geschieht: Die Spur verbrennt, die Gejagten entkommen.

Unverständlich, warum die sieben Besatzungen den Funkkontakt untereinander nicht nutzten, den Kurswechsel nachzuvollziehen. Unverständlich auch, daß die Beamten in Ober-Beerbach den Wagen nicht kurzerhand stoppten und um die Personalien baten .< [Quelle: DER SPIEGEL 35/1978, Alle Hervorhebungen von uns]

Die Verantwortung für diverse Fahndungspannen lag laut SPIEGEL vor allem bei Gerhard Boeden, damals Leiter der BKA-Terrorismus-Abteilung.

Karin Rieger , die von den 3 RAF-Leuten engagierte Pilotin, hatte wegen auffälliger Beobachtungen das BKA zuvor auf deren Spur gebracht.

Willy Peter Stoll wurde nur einen Monat später, am 6. September, beim Versuch seiner Festnahme in Düsseldorf erschossen. Er war vorher von anderen Gästen in einem China-Restaurant erkannt worden.
Adelheid Schulz und Rolf Heißler erschossen knapp 3 Monate später, am 1. November, bei einem illegalen Grenzübertritt zwei niederländische Grenzbeamte.
Schulz wurde am 11. 11. 1982 in Heusenstamm bei Frankfurt festgenommen, gemeinsam mit Brigitte Mohnhaupt, der Führungsfigur der 2. RAF-Generation, Christian Klar wenige Tage darauf in einem Waldstück bei Hamburg.
Im November 1979 soll Klar noch an einem Banküberfall in Zürich beteiligt gewesen sein, in dessen Folge eine unbeteiligte Passantin getötet wurde.

Das Wochenende

Von Christian Klar gibt es noch eine weitere Spur in den Odenwald, genau genommen eine Blutspur. Der von ihm (und Brigitte Mohnhaupt) am 30. 7. 1977 erschossene Bankier Jürgen Ponto fand auf dem Waldfriedhof in Sensbachtal seine letzte Ruhestätte.

Nach Klars bevorstehender Freilassung werden bis auf Birgit Hogefeld alle vormals inhaftierten Mitglieder der RAF wieder auf freiem Fuß sein.
(Bernhard Schlink, Jurist und Schriftsteller, hat die Freilassung von Klar bereits literarisch verarbeitet – mit dem Roman „Das Wochenende„)

Einer der maßgeblichen Mitgründer und „Theoretiker“ der RAF, Horst Mahler (72), könnte sich demnächst allerdings erneut im Gefängnis wiederfinden – unter anderem wegen „Volksverhetzung„.
In einem Interview mit der Zeitschrift ‚Vanity Fair‘ hatte er den früheren stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedmann, mit folgenden Worten begrüßt: „Heil Hitler, Herr Friedmann „.

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