„Du hast bei uns nichts mehr zu suchen. Dein Vater ist ein Verbrecher.“ – Leonie Kumpf, Tochter des früheren Erbacher Bürgermeisters Dengler, erinnert sich an Inhaftierung ihres Vaters durch die Nazis

> Lebendigen und bis zur letzten Minute spannenden Geschichtsunterricht erhielten die 27 Schüler der Klasse 5a – Förderstufe – der Michelstädter Theodor-Litt-Schule am Montag früh. Mucksmäuschenstill lauschten die Zehn- und Elfjährigen dem Bericht von Leonie Kumpf (Erbach) und waren 90 Minuten lang höchst interessiert, von der Zeitzeugin etwas über Hitler-Deutschland von 1933 bis 1945, über Krieg, Holocaust und Untergang, zu erfahren.
Leonie Kumpf (78) wurde in eine Welt schärfster sozialer Gegensätze hineingeboren und wuchs mit den Idealen ihrer Eltern auf, für die Demokratie und Sozialismus gleichbedeutend waren mit Freiheit, Bildung, Gleichberechtigung, materiellem Fortschritt für alle und Teilhabe am politischen Leben. „Als die Nazis 1933 die Macht in Deutschland ergriffen, war ich gerade sieben Jahre alt. Bei der ersten militärischen Grenzüberschreitung – dem Anschluss Österreichs – war ich zwölf, als der Krieg begann 13 und als er endete 19.“ Ihr Vater Wilhelm Dengler war von 1919 bis 1933 Erbacher Bürgermeister und Sozialdemokrat.
Ihr erstes bitteres Erlebnis hatte die Siebenjährige am 13. März 1933: Nichts ahnend und fröhlich kam sie von der Schule nach Hause und sah auf der Haustreppe ihren Vater in Handschellen zwischen zwei Polizisten stehen. Ohne Prozess kam Wilhelm Dengler über das Michelstädter Gefängnis ins Konzentrationslager Osthofen. Am nächsten Schultag tuschelten ihre Freundinnen miteinander und erklärten ihr dann: „Du hast bei uns nichts mehr zu suchen. Dein Vater ist ein Verbrecher.“ Für das Kind Leonie brach eine Welt zusammen, sie fühlte sich ausgestoßen. Nur eine Mitschülerin sagte: „Ich bin jetzt deine Freundin.“ < Quelle: Echo

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