Winnenden und Eislingen: Wenn der nette Junge von nebenan zu morden beginnt

In blinder Wut: Warum junge Menschen Amok laufen

Etwas gespenstisch ist es nun doch. Da ermordet vor 5 Wochen ein 17-Jähriger in einem irren Privatkrieg 15 Menschen, während der auf seine Weise ebenfalls irre Krieg der RAF gegen den deutschen Staat immerhin 2 Jahrzehnte brauchte, um auf einen Blutzoll zu kommen, der gerade einmal doppelt so hoch war wie der des nicht lange zuvor konfirmierten Tim Kretschmer.
Nun scheint gewiss, dass gerade einmal 4 Wochen später unweit von Winnenden ein mit 18 Jahren wenig älterer Jugendlicher für die Ermordung seiner zwei Schwester und seiner Eltern verantwortlich ist.
Der Vierfachmord ereignete sich in Eislingen in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag.

Der SPIEGEL schreibt heute:

>Die beiden mutmaßlichen Vierfachmörder haben die Tat den Ermittlungen zufolge in der Manier professioneller Killer ausgeführt.
Nach Polizeiangaben vom Freitag erschossen sie zuerst die beiden älteren Schwestern des 18-Jährigen, während die Eltern mit Freunden in einer Gaststätte saßen.
Anschließend sollen der 18-Jährige und sein 19-jähriger Freund eine Stunde lang zu den Eltern in die Kneipe gegangen sein. Kurz vor Mitternacht seien die jungen Männer in die Wohnung zurückgekehrt, um auf die Eltern zu warten. Eine Stunde später, am frühen Karfreitagmorgen, wurden der Heilpraktiker und seine Ehefrau im Eingangsbereich der Wohnung getötet.<

Ausführlicher ist in der WELT die „Rekonstruktion einer unfassbaren Tat„: 31 Kugeln Hass.

Auf dem Internetportal eislingenonline.de findet sich ein Bild, auf dem der tatverdächtige Andreas H. in anderem und löblichem Kontext zu sehen ist.
Der Jugendliche pilgerte im Sommer letzten Jahres gemeinsam mit einem Freund auf dem Jakobsweg nach Santiago de Campostella.
Über seine (spirituellen?) Erfahrungen in diesen dreieinhalb Wochen berichtete er im Rahmen eines Diavortrags im Luthergemeindehaus von Eislingen/Süd.
Der Artikel in Eislingen-Online steht unter der Überschrift „Wir sind dann mal weg!
So ließe sich auch überschreiben, was dem 18-Jährigen und seinem Freund Frederic B. bevorstehen dürfte. Eine sehr lange Haftstrafe wegen gemeinsam verübter Morde.

Die FAZ prophezeite schon gestern:

Gestehen sie, wird das Weltbild einer ganzen Kleinstadt zerstört sein.“

Das dürfte geschehen sein, auch wenn bislang nur der 19-Jährige ein Geständnis ablegte.
Was gestern Reinhold Manz über die Kleinstadt Eislingen, den vermutlichen Täter und seine Familie schrieb, ähnelte auffallend dem, was einen Monat zuvor über Winnenden , Tim Kretschmer und dessen Familie zu lesen war.
Manz schreibt:

>Andreas, der nette, aufgeschlossene, 18 Jahre alte Sohn des Heilpraktikers Hansjürgen H., der im Erdgeschoss des Hauses der Familie seine Praxis hat. […]
Fast zu genau passt in das Bild, dass beide Mitglied im Schützenverein der schwäbischen Kleinstadt waren. Und dann wurden aus dem Schützenhaus im Oktober auch noch mehr als 20 Waffen und über 1.000 Schuss Munition gestohlen. Bis heute ist kein Stück des Diebesguts wieder aufgetaucht. Nie gab es konkrete Hinweise auf die Diebe. Außer, dass sie aus dem Verein selbst kommen könnten: Sie wussten nämlich, wo der versteckte Tresor war, in dem sich der Schlüssel zum Waffentresor befand.[…]
Haben Andreas H. und Frederik B. also die Waffen gestohlen und damit die H.s erschossen? Für Hansjörg Schmidt, den Vorsitzenden der Schützengilde Eislingen, ist das unvorstellbar: „Das kann ich nicht glauben, dass der Andreas das war. Das müsste ein guter Schauspieler sein, dass er im eigenen Verein die Waffen klaut und danach ganz normal weiter zum Schießtraining kommt.“ Ein lieber, netter junger Mann sei Andreas, auch das Verhältnis zu seiner Familie sei gut gewesen. Auch andere Leute sagen: „Die beiden Jungs? Das kann ich mir nicht vorstellen!“[…]
Der Lehrer und Schulleiter beschreibt die beiden als freundliche und offene junge Menschen, die gut ins Schulleben integriert gewesen seien. Der Nachbar, der seit zehn Jahren gegenüber wohnt, erinnert sich, dass Andreas noch am Nachmittag vor der Tatnacht zusammen mit einer seiner Schwestern hinter dem Haus die Terrasse sauber gemacht hat.
Vor dem Haus der H.s in einer ruhigen Wohngegend der 20.000-Einwohner-Stadt stehen Kerzen. Zwischen den Blumen und Briefen liegt ein Zettel, der an Andreas H. gerichtet ist: „Wir glauben an dich und deine Familie und senden Liebe. Andy mach kein Scheiß! Wir sorgen uns um dich. Wir sind für dich da. Scheiß auf die Medien etc. Deine dich liebenden Mädels…“<

Der BILDblog weist darauf hin, dass Opfer und Täter nur wenige Tage nach der Tat via Web und SocialNetworks (StudiVZ) auch ihrer Anonymität beraubt sind.
Die Lokalpresse nennt ohnehin den vollständigen Namen.
Alle Namen und viele Details werden auf der (antikirchlichen) Website theologe.de zusammengetragen. Die Deutungsversuche sind skurril – so wie nahezu alles, was „Theologe“ Dieter Potzel aus Wertheim verkündet. (Richtig verstehen kann das vielleicht die Sekte „Universelles Leben„, der Potzel angehören /angehört haben soll.)

Wird sich jetzt auch herausstellen, dass der bzw. die Täter nicht nur im örtlichen Schützenverein waren, sondern am PC auch passionierte Killerspieler waren?
Im Vergleich zu dem, was sich in Eislingen abspielte, war jedenfalls der jüngst geschehene „Brudermord“ im südhessischen Ober-Ramstadt eine zwar ebenfalls tragische, aber eher eindimensionale Tat.

Alles zusammengenommen freilich fragt man sich, was mit diesen jungen (Fast-) Männern los ist.

Henning Engeln sieht sie und nicht nur sie in der Sinnkrise. Im SPIEGEL schreibt er über „das vergessene Geschlecht„:

>Jungen unterliegen Mädchen in vielen Schuldisziplinen, erweisen sich als unflexibler, gewalttätiger und anfälliger für Krankheiten. Kurz: Das einst so stolze starke Geschlecht schwächelt. Forscher finden verblüffende Erklärungen für den Niedergang.[…]
Offenbar hat die Bereitschaft zugenommen, Konflikte körperlich aggressiv und mit Brutalität zu lösen – zumindest innerhalb einer kleineren Gruppe von Jugendlichen, die zudem immer jünger werden.[…]
Fest steht zudem: Aggression ist ein Problem, das vor allem die Jungs betrifft – unter den Tatverdächtigen bei Körperverletzungen sind 83 Prozent Jungen. Parallel dazu gibt es weitere beunruhigende Daten und Fakten über das männliche Geschlecht. Sie offenbaren eine besorgniserregende Entwicklung.

So sind Jungs drei- bis neunmal häufiger als Mädchen von der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung betroffen (die Angaben schwanken je nachdem, welche diagnostischen Kriterien angewendet werden). Und Schätzungen zufolge kommen auf ein Mädchen mit Leseschwäche zwei bis drei Jungen.

Noch dramatischer ist die schulische Bilanz der Jungs: Sie sind später schulreif, bringen schlechtere Leistungen, bleiben häufiger sitzen und brauchen mehr Nachhilfeunterricht. An Haupt-, Sonder- und Förderschulen machen Jungen heute rund 70 Prozent der Schüler aus.

Und: Unter den rund 80.000 Jugendlichen, die pro Jahr die Schulen ohne Abschluss verlassen, sind doppelt so viele männliche wie weibliche Schüler. Zudem erreichten 2006 von den 18- bis 21-Jährigen nur 26,1 Prozent der Jungen die Hochschulreife, während es bei den Mädchen 33,8 Prozent waren.<

Auf opinio.de erkennt bzw. vermutet ein Kommentator „Frauenhass“ als gemeinsames Motiv der Taten in Winnenden und Eislingen:

>Innerhalb von 4 Wochen wurden in Winningen und Eislingen 13 junge Frauen kaltblütig erschossen. Die Täter, 17, 18 und 19 Jahre alt, sind Sportschützen.
Für Psychologen ist Frauenhaß eine auf Frauen bezogene soziale Störung, der oft eine Minderwertigkeitskomplex zugrunde liegt. Woher kommt diese Aggression gegen junge Frauen! Fühlen sich ganz besonders junge Männer gegenüber Frauen benachteiligt? Entwickelt sich bei Männern ein undifferenzierter Haß auf Frauen? […]
Für mich ist es zumindest nicht normal, daß die drei junge Männer bei Ihren Mordtaten wohl nicht zufällig zuerst auf Frauen losgegangen sind.

Die beiden gemeinsamen Täter des Verbrechens in Eislingen sind am Leben. Über ihr Motiv haben sie sich bisher nicht ausgelassen – vielleicht brechen sie diesbezüglich doch noch ihr Schweigen … <

2 Gedanken zu „Winnenden und Eislingen: Wenn der nette Junge von nebenan zu morden beginnt“

  1. Wie ein frischer Konfirmant 16 Leut umbringen kann ist mir aus christlich Moralischer Sicht bislang ein Rätzel gewesen.
    Ich habe mich das selbstständig mit der Bibel beschäftigt und grausames gefunden was für mich beängstigend ist. Pfarrer erzählen immer nur ausschnitthaft davon. Aber hier ein Beispiel:
    Laut Bibel soll Gott "ausrotten" mit Dir!
    "Er, der HERR, dein Gott, wird diese Leute ausrotten vor dir, einzeln nacheinander. " (5. Mose 7,22)

    Ich finde es auch Schrecklich für alle aber bei jemanden im dem soetwas passiert hat sicher einen langen Leidensweg hinter sich und Opfer sind oft auch die Täter…

    Der Religionsunterricht und andere Pädagogen haben da nicht geholfen und sicher haben die auch nicht zugehört….

  2. Es soll ja Verbindungen geben zu dem Mord in Eislingen mit dem Mord in Winnenden.

    Der Heilpraktiker, der erschossene Sohn eines psychatrischen Arztes, der erschossene Klinikmitarbeiter….ich glaube hinter diese Sache steckt ein Komplott solchen Außmaßes, dass kaum jemand daran denken würde.

    Ich glaube das weder Tim K das mit dem Amoklauf war, noch dass Andreas seine Eltern und Schwestern umgebracht hat.

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