
Kurioses tat sich gestern und heute auf SPIEGEL-Online: Am Vormittag wurde dort getitelt: “Abstimmung in der Schweiz: Europas Rechte bejubeln Minarett-Verbot“
Weiter hieß es:
>Das Votum gegen neue Minarette in der Schweiz begeistert fremdenfeindliche Parteien in ganz Europa. Rechte in Italien, Frankreich und in den Niederlanden feiern die “mutigen” Eidgenossen und fordern ähnliche Initiativen.
Viele gemäßigte Politiker sind entsetzt über die raumgreifende Intoleranz.< [Hervorhebungen von uns]
In einem Online-Voting durften die SPIEGEL-Leser schon seit gestern abstimmen, ob denn auch in Deutschland Minarette verboten werden sollten.
Das verblüffende Resultat: Während in der Schweiz “nur” ca. 57% für ein Minarett-Verbot stimmten, waren es bei SPIEGEL-Online satte 79%.
[Dies war der Stand am 28. November um 23:21 Uhr.
Insgesamt hatten sich zu diesem Zeitpunkt 15 747 Leser an der Umfrage beteiligt.]
Muss die SPIEGEL-Redaktion nun entsetzt sein über die “raumgreifende Intoleranz” ihrer eigenen Leser?

Inzwischen wurde die Umfrage “vorzeitig abgeschaltet“, begründet wird das so:
>Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels konnten SPIEGEL-ONLINE-User in einem Vote über das Schweizer-Minarett-Verbot abstimmen. Nach Hinweisen, dass diese Abstimmung von außen manipuliert wurde, hat die Redaktion das Vote vorzeitig abgeschaltet.< [Hervorhebungen von uns]
Man würde gerne wissen, in welcher Weise da “von außen manipuliert” wurde.
Ist es denkbar, dass gar keine Manipulation vorlag und der Redaktion lediglich das Resultat bzw. der Trend nicht behagte?
Bei einem technisch derart professionell aufgestellten Online-Magazin sollte es doch möglich sein, eventuellen Voting-Manipulationen vorzubeugen, sie zumindest einzugrenzen
Man stelle sich nur vor, dass auch eine Volksabstimmung “vorzeitig abgeschaltet” werden könnte, wenn das sich abzeichnende Ergebnis den Regierenden nicht behagt - “Hinweise“, dass irgendwie “von außen manipuliert wurde“, ließen sich als Begründung problemlos konstruieren.
Auf stern.de läuft eine Umfrage zum gleichen Thema. Bei einer deutlich geringeren Beteiligung (derzeit ca. 1400 Stimmen) sagen 78%:
“Das (Schweizer) Ergebnis ist nachvollziehbar und richtig”.
Auch BILD.de lässt abstimmen. Von gegenwärtig 72 608 Stimmen sagen dort 84%:
“Religionsfreiheit ja, aber Minarette gehören nicht ins Bild eines westeuropäischen Landes“.
Wurde auch bei BILD “von außen manipuliert“? Hier mag man die Abstimmung nicht vorzeitig abschalten, sie soll weiterlaufen bis zum 23. Dezember. Erst an Heilig Abend soll die Abstimmung und jeder religiöse Streit ein vorläufiges Ende haben.
Erstaunliche Stimmen zum Schweizer Minarett-Verbot kommen auch aus einer anderen Ecke.
Mina Ahadi, Mitglied des Politbüros und ZKs der Arbeiterkommunistischen Partei Irans, sowie Chefin des Zentralrats der Ex-Muslime kommentiert die Schweizer Abstimmung gegenüber der Leipziger Volkszeitung so:
>Ich begrüße die Entscheidung. […] Das Nein zu Minaretten ist eigentlich ein Signal gegen Islamismus, Scharia und Kopftuchzwang.
Das Minarett steht da nur als Symbol für eine begründete Furcht vor
dem politischen Islam. Es ist deshalb gut, dass die Schweizer Bürger in diese Entwicklung eingegriffen haben und deutlich Nein gesagt haben.[…] Wir hoffen sehr, dass Säkularismus und westliche Menschenrechte auch weiter verteidigt werden.<
Dass SPIEGEL-Autor Henryk M. Broder zum Votum der Eidgenossen Provokantes vermerken würde, war zu erwarten:
>Unabhängig davon, wie man das Ergebnis bewertet - nicht die Moslems sind die Verlierer, die niemand in der Schweiz daran hindert, ihre Religion zu praktizieren, es sind die Gutmenschen, die eine andere Kultur immer verteidigenswerter finden als die eigene, die Trittbrettfahrer, die schon immer für totalitäre Versuchungen anfällig waren, und die Appeaser wie die Schweizer Außenministerin, die sich Sorgen um mögliche Reaktionen in der arabisch-muslimischen Welt machte und dem Export Schweizer Produkte zuliebe die Demokratie nach Schweizer Art ein wenig entschärfen wollte. […]
Die Schweizer sind die erste europäische Nation, die sich in einer freien Abstimmung gegen die Islamisierung ihres Landes entschieden hat.
Nicht gegen die Religionsfrehiet, nicht gegen Lokale, in denen halal gegessen wird, nicht gegen den Islam als Religion.
Nur gegen eine Asymmetrie, die auch in anderen Ländern als naturgewollt hingenommen wird.
Moslems dürfen in Europa Gebetshäuser bauen, Christen in den arabisch-islamischen Ländern dürfen es nicht (von den Juden und anderen Dhimmis nicht zu reden). In Afghanistan und Pakistan droht Konvertiten die Todesstrafe, Touristen dürfen nach Saudi-Arabien nicht einmal Bibeln im Gepäck mitführen. Das sind Zustände, die nicht toleriert werden können. […]
Wenn iranische Frauen in Vollverschleierung durch München flanieren können, müssen europäische Frauen in der Kleidung ihrer Wahl durch Teheran oder Isfahan gehen dürfen, ohne von den notgeilen Greifern der Sittenpolizei belästigt zu werden.<
SPIEGEL-Online zitiert heute auch islamische Politiker, die erwartungsgemäß “entsetzt über (das) Minarett-Verbot” sind:
>Yahya Mudschahid, ein Sprecher der islamischen Hilfsorganisation Jamaat-ud-Dawa, der eine Nähe zur Terrorgruppe Lashkar-e-Toiba nachgesagt wird, nannte die Schweizer Entscheidung einen “Schlag gegen die interreligiöse Harmonie“. “Diese Entscheidung verletzt die Prinzipien der gegenseitigen Verständigung und der religiösen Toleranz.”<
>Im saudi-arabischen Dschiddah forderte die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) Muslime in aller Welt zu einer “friedlichen und demokratischen Reaktion” auf. In dieser Organisation sind 57 islamische Länder vertreten. Ihr Generalsekretär Ekmeleddin Ihsanoglu nannte das Ergebnis der Abstimmung “enttäuschend und beunruhigend“.
Es sei das jüngste Beispiel für das Schüren von Angst vor dem Islam durch fremdenfeindliche Politiker, sagte der aus der Türkei stammende Ihsanoglu.
Die westlichen Gesellschaften befänden sich in der Geiselhaft von Extremisten, die Muslime als Sündenböcke ausnutzten, um an die Macht zu gelangen. Er sagte, das Minarett-Verbot sei eine “bedauerliche Entwicklung, die das Bild der Schweiz als ein die Pluralität, Religionsfreiheit und Menschenrechte achtendes Land trübt“.<>Auch der türkische Kulturminister Ertugrul Günay kritisierte das Schweizer Minarett-Verbot als Zeichen religiöser Intoleranz. Die Volksabstimmung über den Neubau von Minaretten in der Schweiz sei “unzeitgemäß und uneuropäisch”, sagte Günay. “Die Schweiz ist ein Land, das zwar in Europa liegt, das aber Europa nicht verinnerlicht hat.” Günay sagte, er rechne mit Protestaktionen in der islamischen Welt, die auch wirtschaftliche Formen annehmen könnten.<[Links und Hervorhebungen von uns]
Muslimische Politiker litten und leiden nicht allein an fehlender, religiöser Toleranz in den westlichen Gesellschaften.
Daran erinnert Wikipedia in ihrem Artikel zum gegenwärtigen türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan:
>Im April 1998 wurde Erdogan vom Staatssicherheitsgericht Diyarbakir wegen Missbrauchs der Grundrechte und -freiheiten gemäß Artikel 14 der türkischen Verfassung nach Artikel 312/2 des damaligen türkischen Strafgesetzbuches (Aufstachelung zur Feindschaft auf Grund von Klasse, Rasse, Religion, Sekte oder regionalen Unterschieden) zu zehn Monaten Gefängnis und lebenslangem Politikverbot verurteilt.
Anlass war eine Rede bei einer Konferenz in der ostanatolischen Stadt Siirt, in der er aus einem religiösen Gedicht, das Ziya Gökalp zugeschrieben wurde, zitiert hatte: Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unserer Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.<
Eine lesenswerte Abhandlung zur Rolle der Gewalt in den abrahamitischen Religionen findet sich im “Middle East Quaterly”.
Raymond Ibrahim fragt dort: “Are Judaism and Christianity as Violent as Islam?“
Ibrahim schreibt am Ende:
>Die Kreuzzüge demonstrierten ein für allemal, dass unabhängig von religiösen Lehren – in der Tat im Fall dieser so genannten christlichen Kreuzzüge, trotz dieser – der Mensch oft empfänglich ist für Gewalt.
Aber das wirft die Frage auf: Wenn dies ein Verhalten ist, das Christen an den Tag legten – denen geboten ist zu lieben, zu segnen und ihren Feinden Gutes zu tun, die sie hassen, verfluchen und verfolgen – wie viel mehr kann von Muslimen erwartet werden, denen, während sie dieselben gewalttätigen Tendenzen teilen, darüber hinaus von ihrer Gottheit geboten ist Ungläubige anzugreifen, zu töten und zu plündern?< [Links und Hervorhebungen von uns]
[powered by WordPress.]
| M | D | M | D | F | S | S |
|---|---|---|---|---|---|---|
| « Aug | ||||||
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | ||
| 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 |
| 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 |
| 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 |
| 27 | 28 | 29 | 30 | |||
"Denn hier ist nichts, was es scheint.". Albert Ettinger über Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald".
45 queries. 0.636 seconds
Dezember 1st, 2009 at 3:18
Was zeigt uns die Spiegelumfrage zum Minarettverbot in der Schweiz?
1. Fast alle CH- und EU-Politiker stehen nicht hinter der Volksmeinung. Sie sind Minderheitsvertreter.
2. Der Unterschied der zwischen EU-Bürgern und den Schweizer-Bürgern ist, dass Schweizer über ihre Meinung und Überzeugung demokratisch abstimmen können, die EU-Bürger sollen gefälligst die Schnauze halten.