Nach der Kirche die Schule: Sexueller Missbrauch am Elite-Internat Odenwaldschule wurde jahrelang vertuscht

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Es scheint, als seien die Wege in diesen späten Wintermonaten für „moralische“ Autoritäten besonders glatt.
Reihenweise nämlich purzeln sie, wobei der Fall der Margot Käßmann noch der harmloseste war. Sie stolperte über 1,5 Promille – mit soviel Alkohol im Blut darf und soll sich auch eine Bischöfin nicht verkehrsgefährend ans Steuer eines Autos setzen.

Weit schwerwiegender sind Enthüllungen über immer neue Fälle sexuellen und körperlichen Missbrauchs in der scheinbar duldsamen katholischen Kirche. Selbst an ehrwürdigsten Orten des Katholizismus soll solches geschehen sein – im Kloster Ettal und bei den Regensburger Domspatzen.

Aktuell gerät im Sog der Missbrauchsenthüllungen auch eine andere (lokale) Institution ins Zwielicht, die sich ebenfalls und exklusiv der Bildung junger Menschen verschrieben hat: Das bei Heppenheim gelegene Elite-Internat „Odenwaldschule‚. [Schulgeld laut FOCUS: 2000 € / Monat]

Über dessen traditionsreiche Geschichte heißt es in der Wikipedia:

>Die Odenwaldschule entstand in engem Zusammenhang mit der reformpädagogischen Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Gegründet wurde sie am 14. April 1910. Zu der Zeit gab es nur 14 Schüler, die alle im Goethehaus untergebracht waren.
Ihr Konzept war anfänglich geprägt durch die Grundsätze der Arbeitsschule, beispielsweise in der Einführung eines Kurssystems und dem Verzicht auf Jahrgangsklassen.
Zu den weiteren Merkmalen des pädagogischen Konzepts der Schule gehörte – lange vor dem Aufkommen der antiautoritären Erziehung – das Duzen der Lehrer.
Im Sportunterricht turnten Jungen und Mädchen bis zu einem gewissen Alter gemeinsam und immer nackt.<

Was alles in dem für kommenden Monat angekündigten Buch über „100 Jahre Odenwaldschule“ zu lesen und nicht zu lesen sein wird, darf man nach den jüngsten Ereignissen und Schlagzeilen mit einiger Spannung erwarten.

Heute ist auf Heute.de (ZDF) zu lesen:

>Diesmal betrifft es nicht die katholische Kirche, sondern die renommierte Odenwald-Reformschule. Bereits 1999 waren Vorwürfe bekannt geworden, nach denen der ehemalige Schulleiter Gerold Becker mindestens zwei Schüler massiv missbraucht haben soll. Nach aktuellen Recherchen der „Frankfurter Rundschau“ könnte es aber bis zu 100 Opfer gegeben haben und auch mehrere Täter.<

In einem 1996 gehaltenen Vortrag sagt Theologe Gerold Becker über sich:

>Geboren 1936, nach einigen Semestern Architektur Wechsel zur Theologie.
Nach Abschluß des Studiums mehrere Jahre im kirchlichen Dienst. Dann Studium der Pädagogik und der Psychologie, Assistent bei Heinrich Roth am Pädagogischen Seminar der Universität Göttingen. 1969-1985 Mitarbeiter an der Odenwaldschule (ab 1972 als deren Leiter). Derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hessischen Institut für Bildungsplanung und Schulentwicklung in Wiesbaden.<

Becker war und ist also nicht irgendwer. Becker war/ist außerdem der langjährige Lebensgefährte von Hartmut von Hentig. Der ist noch weniger irgendwer.
Jörg Schindler nennt den heute 85-Jährigen in der Frankfurter Rundschau zutreffend den „Nestor der deutschen Reformpädagogik„.

Schindler zitiert in seinem brisanten Artikel ehemalige Internatsschüler, die Hentig in einem Brief vom 19. 2. 2010 Mitwisserschaft vorhalten:

>Hartmut von Hentig … war auch durch seine häufigen Besuche in der OSO mit den Umgangsformen in Beckers ,Familie‘ vertraut.<

Über Becker (und dessen angebliche Opfer) heißt es dann:

>Weil sie es nicht länger ertragen konnten, dass Becker weiterhin als gefragter Handlungsreisender von Podium zu Podium eilt, wandten sich seinerzeit insgesamt fünf Altschüler an die Öffentlichkeit und berichteten über ihre Erfahrungen mit dem pädophilen Pädagogen.

Rund 400 Mal, schilderte etwa der heute 40-jährige Jürgen Dehmers (Name geändert), sei er von Becker sexuell missbraucht worden.
Damit von Dehmers schon 1997 schriftlich konfrontiert, antwortete Becker ausweichend, es gebe einiges, „für das ich mich schäme oder schuldig fühle“.
Die konkreten Vorwürfe ließ er unkommentiert, dafür sei er zu „müde und unkonzentriert“.
Dehmers wandte sich daraufhin hilfesuchend an die Schule. Deren Trägerverein bat Becker zum Gespräch, in dem dieser den Vorwürfen nicht widersprach und sämtliche Funktionen niederlegte, die er in der OSO noch hatte.
Auch den Vorsitz in der Vereinigung der Deutschen Landerziehungsheime gab er ab.<

Schindler schreibt ausführlich über das Kartell der Vertuscher:

>Der Ex-Lehrer Salman Ansari, der als einer der wenigen offen mit der FR geredet hatte, wurde vom damaligen Vorstandsmitglied und langjährigen SPD-Bundestagsabgeordneten Peter Conradi rüde abgekanzelt: „Nur dumme Lehrer sprechen mit Journalisten.“

Die FR selbst wurde aus der OSO-Gemeinde massiv beschimpft, sie wolle ein verdientes libertäres Pädagogik-Projekt zerstören.
Eine vom hessischen Kultusministerium nach der Veröffentlichung angekündigte Überprüfung der Schule fand nie statt.
Stattdessen verließ sich die abgeschieden im Odenwald gelegene Vorzeige-Anstalt der Reformpädagogik auf ein paar Seminare und Supervisionen und schuf einen „Ausschuss zum Schutz vor sexuellem Missbrauch“, besetzt mit internen Lehrkräften. Das war’s.<

Gegen Becker soll die Staatsanwaltschaft Darmstadt ein Strafverfahren geführt und eingestellt haben – wegen Verjährung.

Vor dem Amtsantritt der neuen Schulleiterin Margarita Kaufmann habe die Leitung der Odenwaldschule (abgekürzt OSO) systematisch die Vorgänge verniedlicht:

>Im Lauf der Jahre wurden Beckers Widerwärtigkeiten an der OSO dann zu „lange zurückliegenden angeblichen Übergriffen“, wurden die fünf Alt-Schüler konsequent zu zweien abgerundet.
Ansonsten galt das Wort von Beckers Nachfolger Wolfgang Harder, dass „alle Menschen auch von Herrn Beckers Wirken profitiert hätten„.

Und Gerold Becker tauchte nach zweijähriger Schamfrist ja auch wieder ungeniert auf: Bis ihn eine schwere Erkrankung stoppte, gab er Bücher heraus, hielt Vorträge, war im Vorstand der „Internationalen Akademie“ der Freien Universität Berlin. 2002 durfte er für den Friedrich Verlag ein Schüler-Heft zum Thema „Körper“ herausgeben.
In seinem Vorwort dazu heißt es: „Schule hat die Körper von Kindern und Jugendlichen lange missachtet.“ Niemand nahm daran Anstoß – außer Beckers langjährigen Opfern.<

Der Diplom-Psychologe Walter Schwertl, der im Frühjahr 2009 mehrere Gespräche zwischen Altschülern und der Schulleitung moderierte, hält „massive sexuelle Verbrechen an der OSO über Jahrzehnte hinweg für erwiesen.“
Sein mehrseitiger Bericht enthalte nicht nur Vorwürfe gegen Gerold Becker:

>Auch drei andere Ex-Lehrer … werden von ihnen als Sexualtäter bezichtigt. Sie und weitere sechs Lehrkräfte haben nach Aussagen der Schüler außerdem Schutzbefohlene gemobbt, geschlagen, mit Drogen und Alkohol versorgt oder gar beim gemeinschaftlichen Missbrauch eines Mädchens nicht eingegriffen.<

Durch den erheblichen Druck früherer Schüler sah sich die Odenwaldschule zu einer öffentlichen Erklärung gezwungen, die auch auf ihrer Homepage odenwaldschule.de veröffentlicht wurde.

Darin heißt es:

>Durch zwei ehemalige Schüler hatte die Odenwaldschule erstmals 1998 Kenntnis von sexuellem Missbrauch erlangt, den der damalige Schulleiter an Schülern unserer Einrichtung in den 1980er Jahren begangen hatte. Bis heute hat sich dieser nicht zu den Vorwürfen geäußert, in Konsequenz aber sämtliche Ämter im Zusammenhang mit der Odenwaldschule niedergelegt. Seither besteht seitens der Schule kein Täterkontakt mehr. Der Versuch der rechtlichen Klärung führte nach einer Strafanzeige eines der betroffenen Schüler zu der staatsanwaltlichen Feststellung der juristischen Verjährung der Straftaten.

Die Tatsache, dass der Täter nicht öffentlich zur Rechenschaft gezogen werden konnte, bedeutet für jedes Missbrauchsopfer eine erneute massive Verletzung und stellt uns heute vor die Frage, wie die Verantwortlichen der Schule mit diesen Verletzungen angemessen umgehen müssen, um der Schwere der Taten und den Opfern des Missbrauchs sowie ihren indirekt betroffenen Mitschülerinnen und Mitschülern gerecht zu werden. […]
Wie wir heute wissen, ist das Ausmaß des Missbrauches an der Odenwaldschule größer als noch zur Jahrtausendwende angenommen. Durch Aussagen mutiger ehemaliger Schüler unserer Schule müssen wir heute erkennen, dass weitere Kinder und Jugendliche in den Jahren von 1970 bis 1985 Opfer sexueller Übergriffe nicht nur durch den damaligen Leiter der Odenwaldschule geworden sind. Die vielen Begegnungen und Gespräche, die eine engagierte Altschülerin und die Schulleitung seit Anfang 2009 mit ehemaligen Schülern führten, haben uns bewusst gemacht, dass auch eine Institution wie die Odenwaldschule mit ihrem hohen pädagogischen Anspruch ihre Schüler nicht vor Missbrauch aus den eigenen Reihen schützen konnte.

In ihrem Selbstverständnis, ihrer Identität, ihren Strukturen und Abläufen ist die Odenwaldschule durch die Berichte der Opfer und das Ausmaß der Verbrechen massiv erschüttert und irritiert. Die Odenwaldschule erkennt den jahrelangen Missbrauch von Schutzbefohlenen durch Pädagogen ihrer Schulgeschichte an und versteht diese traumatische Erfahrung als Teil ihrer Identität. […]

Wir sprechen den Opfern der damaligen Missbrauchstaten unsere Solidarität aus und entschuldigen uns als Institution für das ihnen zugefügte Unrecht. <

Auch betroffene Ex-Schüler gehen via Web in die Öffentlichkeit.
Auf „Missala’s Blog“ ist zu lesen:

>Massiver sexueller Missbrauch in der Odenwaldschule.
Fragt man Zeitzeugen, heißt es: „Das haben doch alle gewusst.“ Frühere Mitarbeiter räumen heute ein, dass den Gerüchten (bei der Polizei heißt das Hinweise) um den Missbrauch nie nachgegangen wurde.<

Im Kommentarbereich des Blogs gibt es ein vielstimmiges Echo. Viele loben und verteidigen die Schule.

Ein „Altschüler“ beklagt:

>Bitte tragen sie diesen Konflikt nicht auf dem Rücken der jetzigen Schüler und Lehrer aus die nichts damit zu tun hatten und haben. Ich verstehe diesen Schrei nach Gerechtigkeit und das Verlangen die zu bestrafen die Unrecht getan haben aber mich kotzt es an, wenn hier der Eindruck entsteht als ob an der oso systematisch missbraucht worden wäre.<

Ein anderer schreibt:

>Ich wundere mich, dass fast nur von Gerold Becker die Rede ist. Ich könnte da noch den einen oder anderen pädophilen Lehrer nennen, der fast seine ganze OsO-Familie regelmäßig befummelt hat (und dabei ist es keineswegs immer geblieben). Menschen, die damals (1965-1974) auf der OsO waren, wissen genau, wer gemeint ist. Und dass Gerold männlichen Jugendlichen in die Hose gegriffen hat, die von ihm insofern abhängig waren, als der feine Herr Schulleiter über die Fortführung ihrer Stipendien zu entscheiden hatte, ist leider ebenfalls wahr. Das ist Unzucht mit Abhängigen im Wortsinn.

Es gab viele Lehrer, die von Gerolds Treiben wußten, aber nichts unternommen haben: Augen zu und durch und bis zur Rente die Schnauze halten. Einige sind aber auch einfach weggegangen und z.B. Leiter anderer Internate geworden. Einer von ihnen ist sogar richtig prominent geworden. Vielleicht sollte der sich mal melden und Stellung zu seinem Versagen nehmen. Wird aber nicht geschehen, seine Bestseller würden sich dann nämlich nicht mehr so gut verkaufen …<

Gemeint ist offenbar der Bestsellerautor („Lob der Disziplin“), Theologe und Pädagoge Bernhard Bueb , der laut Wikipedia von 1972 bis 1974 (1975?) an der Odenwaldschule arbeitete.

Schon am 17. 11. 1999 hatte Jörg Schindler in der FR unter der Überschrift „Der Lack ist ab – Der frühere Leiter des Unesco-Modellprojekts Odenwaldschule hat offenbar jahrelang Schüler missbraucht“ ausführlich über den Skandal berichtet und mit Details nicht gegeizt:

>Vor Gericht, sagt Dehmers, „würde das, was er getan hat, heute als Vergewaltigung gewertet“: Ständig habe Becker Schüler „begrapscht“, ständig habe er im Schülerbereich geduscht.
„Eine optimale Situation für Pädophile“, sagt Dehmers.
Torsten Wiest war 14, als er eines Morgens aufwachte, weil ihm Becker „an den Genitalien rumfuhrwerkte“. Stefan Diers war 14, als ihm Becker in sein Zimmer folgte und ihm „in den Schritt griff.
Michael Wisotzki war 13 oder 14, als er unter Beckers Bett „einen Berg von Kinderpornoheften“ entdeckte.
Rüdiger Groß war 15, als er seinen Spind mit „Pin-up-Girls“ pflasterte, „um Becker zu zeigen, dass da nix laufen wird“. Dessen „übliches Ritual“ sei es gewesen, seine Mitschüler morgens, „wenn man noch geschlafen hat“ , überall zu streicheln. „Ich habe ihn nicht rangelassen“, sagt Groß. Nicht zuletzt deswegen, glaubt er, habe ihn Becker im Familienbericht „richtig reingeritten“ und ihn als „asozial“ gebrandmarkt.
„Was mir bis heute aufstößt“ , sagt Michael Wisotzki, „ist, dass an der Schule keiner die Courage hatte, mal den Mund aufzumachen.“ Schließlich sei standig kolportiert worden, dass „der Gerold auf kleine Jungs steht“ . Zudem, so berichten Schüler und Lehrer, habe Becker exzessiven Konsum von Alkohol und Drogen nicht nur gebilligt, sondern sogar unterstützt: Bisweilen habe er 14-Jährige sonn-tags zum Bierholen nach Bensheim gefahren. Bereits in den 70er Jahren kündigten mehrere Lehrer, weil sie den Zustand der „inneren Unordnung und Regellosigkeit“ unter Becker nicht mehr ertrugen. Von dessen Pädophilie habe man damals nichts gewusst, sagt einer von ihnen heute, „man hat es gespürt“. Aber nie wurde den Vorwürfen gegen den als außerordentlich charismatisch geltenden Mann nachgegangen. Und so setzte Gerold Becker seinen Aufstieg zur bundesweiten pädagogischen Kapazität fort — bis ihm Jürgen Dehmers in die Quere kam.<

In einem Leserbrief schrieb damals Ulrich Lange:

>Auf Grund fast 20-jähriger Berufspraxis inklusive 3-jähriger Lehrertätigkeit an einem hessischen Landerziehungsheim, möchte ich behaupten, dass auch viele andere Internatsschulen Leichen wie den Reformpädagogen Becker im Keller haben.
Während meiner eigenen Lehr(er)jahre an dem hessischen Landschulheim „Burg Nordeck“ habe ich ganze Netzwerke homosexueller Päderasten auffliegen sehen. […]<

Reagiert hat auf den Skandal laut FR nun auch die Schriftstellerin Amelie Fried:

>Altschülerin Amelie Fried hat dem Vorstand mitgeteilt, sie werde im Juli „für keine wie auch immer geartete Jubel- oder Vertuschungsveranstaltung zur Verfügung stehen“. Sie werde nur kommen, wenn der vermeintliche Feier-Tag statt dessen dem Thema „Missbrauch, Aufarbeitung und Prävention“ gewidmet werde. Auch Fried fordert „den sofortigen und kompletten Rücktritt des Vorstandes des Trägervereins“.<

Alle Hervorhebungen und Links in den zitierten Texten sind von uns.
Bilder: presseagentur -pdh-

3 Gedanken zu „Nach der Kirche die Schule: Sexueller Missbrauch am Elite-Internat Odenwaldschule wurde jahrelang vertuscht“

  1. Zur "Elite" erzogen – Ohne Bewusstsein eigener Selbstbestimmtheit?   Von
    Bert Steffens Freier Philosoph Andernach  Ein Thema beherrscht derzeit die Medien: Der „sexueller Missbrauch“ an Schutzbefohlenen am Canisius-Kolleg in Berlin, am Aloisiuskolleg in Bonn, am Kolleg St. Blasien, der Sankt-Ansgar-Schule in Hamburg und, und, und… Aber: Nicht nur an religiös geleiteten Schulen und Internatsschulen geschah Strafrechtswürdiges, so auch beispielsweise in der Odenwaldschule in Heppenheim.
    „Sexueller Missbrauch“? Schon diese Wortwahl zeigt eine erlernte Verwirrung in den Köpfen der meisten Menschen und so auch in deren Sprache. Kinder, Jugendliche und andere Schutzbedürftige können nicht „gebraucht“ und somit auch nicht „missbraucht“ werden. Wohl aber kann deren Selbstbestimmtheit missachtet und diese so erheblich verletzt werden. Die Folge: Deren meist vorbehaltloses Vertrauen in ihre Erzieher, die oft genug Ersatz für die Eltern sind, wird erheblich gestört und damit auch deren mentale Entwicklung, meist für lange Zeit. In solchen Fällen gibt es aber noch mehr Verletzung: Die Verletzung der unbedingten Schutzpflicht derer, welchen die Kinder und Jugendlichen anvertraut wurden. Die Kinder und Jugendlichen wurden, insbesondere an Internatsschulen, den Lehrern auch zu dem Zwecke anvertraut, sie bis zur Schwelle zum reifen Menschen zu begleiten. Diese Schwelle ist durch ein Bewusstwerden und eine Gewissheit eigener Selbstbestimmtheit gekennzeichnet, also auch der sexuellen. Anbetracht der nicht erstmalig öffentlich gewordenen Vorkommnisse stellt sich die Frage durchaus: Sind religiös geprägte Schulen überhaupt dazu geeignet, junge Menschen zu solcher Reife zu führen? Vor Beantwortung dieser Frage, sei zunächst der Begriff „Selbstbestimmtheit“ näher betrachtet. Das wesentliche kennzeichnende Merkmal der Spezies Mensch ist dessen Erkenntnisfähigkeit. Nach Abschluss seiner Entwicklung zum „reifen“ Menschen – also nach Kindheit und Jugend – ist er im zunehmenden Maße befähigt seine Selbstbestimmtheit in ihrer Ganzheit zu erkennen und damit auch seine Elementar-Freiheiten und Elementar-Pflichten. Da die Selbstbestimmtheit ausnahmslos jedem Menschsein zu Eigen ist und der Mensch in der Regel nicht alleine lebt und dies auch nicht will, erkennt der in einer Menschengemeinschaft Lebende auch die dort notwendigen Schranken. Die wesentliche Schranke und die daraus erwachsende Pflicht lautet: Verletze nicht die Selbstbestimmtheit des anderen und auch nicht deine eigene. Diese oberste „ethische“ Pflicht zu beachten ist bereits der wesentlichste Wert, den ein Mensch zu erlernen befähigt ist – wenn es ihm denn gelehrt und vorgelebt wurde. Zugleich führt ihn die Beachtung dieses Wertes zur wahrhaften Autonomie, wenngleich auch stets im Kampf mit den eigenen Schwächen und den seiner Mitmenschen. Und da die Spezies Mensch sich sexuell vermehrt, kann er auch erkennen: Sexualität – das ist jenes, was den Unterschied von Frau und Mann ausmacht und zugleich evolutionäre Zweckbestimmung: Die Spezies Mensch und damit auch das Menschsein selbst bedingt Frau und Mann. Beide sind – nicht nur bildhaft gesprochen – wie eine funktionale, aber getrennte Einheit: Kein Teil ist verzichtbar, keiner von anderer Rangordnung, keiner mit anderer Würde und somit auch ohne gesonderte „Würde der Frauen“ oder „Würde der Männer“. Alles hat nur einen Zweck: Die Vermehrung der eigenen Spezies. Aber: Auch hiervon abweichendes sexuelles Verhalten ist ebenso achtenswerter Teil der Spezies Mensch. Hier, wie grundsätzlich gilt: Sexualität darf stets nur unter Beachtung der eigenen Selbstbestimmtheit und jener der anderen gelebt werden. Die Erkenntnisfähigkeit gestattet dem Menschen auch zu erfahren, dass Sexualität auch Freude bereiten kann – soweit er selbst und jener, der daran teilhat, dies ohne Verletzung ihrer Selbstbestimmtheit erfahren. Wenn dann noch Liebe, jene einzigartige Fähigkeit des Menschen hinzutritt, ist dies einer der anzustrebenden Idealfälle des Glücks. Wie schon ausgeführt: Selbstbestimmtheit ist jedem Menschen zu eigen. Aber: Er muss sich mittels des Fortschritts seiner mentalen Entwicklung auch dieser bewusst und gewiss geworden sein. Wird diese mentale Entwicklungsstufe nicht erreicht, weil in Kindheit oder Jugend beispielsweise Angsterlebnisse oder ein nicht beseitigbarer mentaler Mangel dies verhindert haben, ist solch ein Mensch oft schutzlos jenen ausgesetzt, die pflichtvergessen ihre Wünsche oder Zwänge ausleben.   Zuvor wurde bereits die Frage gestellt, ob religiös ausgerichtete Schulen für die Erziehung zur Selbstbestimmtheit überhaupt geeignet sind. Diese Frage besteht zu Recht, denn: Wie kann eine Schule ihre Schüler zum Erkennen und zur Gewissheit eigener Selbstbestimmtheit führen, wenn irreale Begriffe, wie Vorsehung, göttlicher Wille, Gottebenbildlichkeit, „Sünde“ und Schuld gegenüber einem Gott oder ein Jenseitsglaube und „Erlösung von Sünde“ Gegenstand des Lehrens sind; wenn weiter auch noch der Verzicht auf Sexualität als etwas Gottgefälliges dargestellt wird und, wenn die gelebte Sexualität von den Regeln der Kirche abweicht, dies als „Sünde“, ja als „Todsünde“ gilt? Wenn dann auch noch der Wahn einer „Elite“ anzugehören hinzutritt und die irrige Vorstellung, solche in der Schule erneut erzeugen zu können und weiter sich solches verbindet mit der „Herrenmenschenidee“ eines „einzig wahren Glaubens“ und diese kulturbestimmenden Irrtümer insgesamt zum Ausbildungsgegenstand der Schule erklärt werden, wie soll dann ein Schüler je die Selbstbestimmtheit seiner nicht „elitär“ erzogenen Mitmenschen achten? Das Ergebnis solch „elitärer“ Erziehung wird dann zu oft ein Mensch sein, der eben solchen oder anderen „Herrenmenschenideen“ anhängt oder er entwickelt sich – wurde seine Entwicklung hin zum reifen Menschen durch die Verletzung seiner sexuellen Selbstbestimmtheit ausgerechnet durch seine Lehrer verhindert – zu einem mental beschädigten Menschen, der, auch weit jenseits der Zwanzig, auf die Hilfe anderer angewiesen ist, weil er sich seiner Selbstbestimmtheit nie hat sicher werden können. Gerne wird hier von „seelischer Verletzung“ gesprochen – nur: Auch die sogenannte „Seele“ findet – im doppelten Sinne – nur im Kopfe statt, sprich ist Teil des mentalen Geschehens, also der mentalen Möglichkeiten oder des mentalen Unvermögens.   Und die „öffentliche“ oder „veröffentlichte Meinung“? Dort suhlen sich viele in Häme und zeigen mit öffentlichen Fingern auf jene, denen sie schon immer misstrauten – „sexueller Missbrauch“ von Schülern, pfui, ekelhaft! FocusOnline sprach von „Priester-Sex“ und „Schmutz-News“. Ekel? Schmutz? Sexualität selbst ist weder eklig noch schmutzig. Sie ist untrennbarer Bestandteil des Menschseins. Ekelhaft und verachtenswert ist die Gewalt und damit die Verletzung der Selbstbestimmtheit anderer – gleich wo, wie und gegen wen sie sich richtet! Gewalt ist auch die missbräuchliche Beherrschung junger, neugieriger, lebensunerfahrener Jungen und Mädchen durch Erwachsene. Dies auch dann, wenn deren Verhalten durch eigene Gewalterfahrungen in Kindheit und Jugend geprägt ist. Die Mehrheit in unserer Gesellschaft muss sich selbst fragen, wie es mit ihrer Einstellung zur Sexualität und damit zur eigenen Selbstbestimmtheit und der anderer steht. Man betrachte nur die Sprache und Darstellungen zum Thema Sexualität und Gewalt. Selbst das öffentlich-rechtliche Fernsehen bekleckert sich hier nicht mit Ruhm. Wenn Bischof Walter Mixa jüngst behauptete, die „sogenannte sexuelle Revolution“ sei „sicher nicht unschuldig“ an den sexuell motivierten Übergriffen von Lehrern an ihren Schutzbefohlenen, dann muss man einfach erkennen: Eine sexuelle „Revolution“ hat noch gar nicht stattgefunden, denn noch immer haben die meisten Menschen kein Verhältnis zu ihrer eigenen Sexualität, das frei wäre von Begriffen wie Verbot, Strafe, Schuld, Tabu, Angst, Scham, Ekel und Peinlichkeit. Offen gezeigte Nacktheit und sexuelles Handeln – was soll daran „revolutionär“ sein? Es ist ein Spektakel von geringer Lebensdauer, mehr nicht. Meist befreit es die Akteure und Betrachter nicht von ihrem unglücklichen Verhältnis zur eigenen Körperlichkeit. Sie identifizieren sich und andere im Wesentlichen über das Erscheinungsbild oder eine sexuelle „Leistungsfähigkeit“. Die Gewissheit, das Ausmaß und die grundlegende Bedeutung ihrer eigenen Selbstbestimmtheit und damit ihres eigenen, einmaligen Menschseins bleibt ihnen verschlossen.   Übrigens: Selbstbestimmtheit könnte dem „unbestimmten Rechtsbegriff Menschenwürde“ (BVerfGE 30, 25) einen Inhalt geben, denn noch ist „Menschenwürde“ jeder Beliebigkeit der Deutung ausgesetzt. Wenn aber nicht einmal der Artikel 1 Satz 1 des Grundgesetzes den Inhalt des Begriffs „Menschenwürde“ bestimmt, wie soll sich in Deutschland (und anderswo) an der selbstverständlich gewordenen, täglich sichtbar werdenden Verletzung der Selbstbestimmtheit anderer und auch an der Selbstverletzung eigener Selbstbestimmtheit etwas ändern? Und solange dies so ist, ändert sich nichts am Ausmaß massenhafter Verletzung der Selbstbestimmtheit beispielsweise durch Mitglieder der drei Organgewalten und durch weitere Mitglieder der Gesellschaft und so auch nichts an der gewaltsamen „Beglückung“ fremder Völker mit unseren Lebensvorstellungen.
    Es sieht nach wie vor so aus, als hätten wir im eigenen Land genug zu tun mit dem, was einer Bewusstwerdung, Aufarbeitung und Änderung bedarf. Gewalt hat viele Facetten. Sexuell motivierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist nur eine davon. Gewalt ist immer noch bestimmendes und oft auch angebetetes Element in unserer Gesellschaft. Das allgemein bewusst werden und zum Gegenstand öffentlicher, nachhaltiger Erörterung werden zu lassen – bereits das wäre wahrhaftig eine „Revolution“.

  2. Das kann doch einfach nicht wahr sein! Ich frage mich schon seid Jahren, warum es immer noch das Zölibat in der katholischen Kirche gibt. Denn ich bin mir sicher, dass es damit zusammenhängt! Wer möchte denn in der heutigen Zeit auf Familie und Sexualität verzichten? Das zieht doch einfach Menschen mit krankhaften Neigungen an und begünstigt ihren perversen Dran noch zusätzlich. Jeder Mensch hat sexuelle Wünsche und braucht Befriedigung auch ein Priester! Es ist einfach erschreckend, was oder passiert ist und das die Kirche bescheid wusste, aber nichts unternommen hat ist für mich ein Grund aus der Kirche auszutreten!

  3. "Böse Zungen" behaupten, der Zölibat sei nur deshalb eingeführt worden, damit das im Laufe ihres Lebens angehäufte Geldvermögen der Priester ungehindert und ungeschmälert in den Schoß der Röm.-Kath. Kirche zurückfallen kann.
    Aufgrund des Zölibats gibt es wohl keinen anderen Erben als die Kirche selbst.
    Geld war und ist auch bei vielen geistlichen Organisationsformen
    Triebfeder und Grundlage weitreichender Entscheidungen.

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