Pädagogik und Pädophilie: Geht die Odenwaldschule am Sexskandal zugrunde?

Administrator, 09 März 2010, No comments
Categories: Odenwaldschule, Skandale

BildDie Odenwaldschule hat einen gewaltigen Imageschaden erlitten. Er wird an ihr haften, auch wenn der Missbrauch von Schülern Vergangenheit ist.
Es spricht einiges dafür, dass sie zumindest in ihrer jetzigen Form nicht überleben wird.
Der frühere Schulleiter Wolfgang Harder regte laut taz an

>das Internat im hessischen Oberhambach aufzulösen und neu zu gründen. „Das System Internatsschule ist als Ganzes in Frage gestellt„, sagte Wolfgang Harder, der 1999 an der Aufklärung des ersten Missbrauchsskandals beteiligt war.< [Anm.: Letzteres erscheint fraglich.]

Wer wird sein Kind für viel Geld noch auf ein Internat schicken, wenn dessen Zukunft ungewiss ist und zudem die spätere Erwähnung im Lebenslauf an einen konkreten oder auch nur diffusen Makel erinnert?

Sinkt schließlich die Zahl der Anmeldungen, kommt schnell eine Abwärtsspirale in Gang, die kaum noch umzukehren ist.
Das dürfte bitter sein für viele frühere Schüler, die sich gerne an ihre Zeit in Oberhambach erinnern.
Das nämlich wird aus den gegenwärtig fast 500 Kommentaren deutlich, die sich im Internet unter der Adresse misalla.wordpress.com finden.
Wer sie liest, sieht einerseits die Missbrauchsvorwürfe gegen den früheren Schulleiter Gerold Becker mehrfach bestätigt, andererseits zeigt sich in vielen Kommentaren auch bleibende Verbundenheit mit und Wertschätzung für die bei Heppenheim gelegene Einrichtung.
Auch etwas anderes überrascht: Nach ‚Elite‘ klingt nahezu nichts, was da von Ehemaligen zu lesen ist.
Einer witzelt sogar, er sei „Inhaber des Hambacher Not-Abiturs„.
Egal wie gut sie damals waren oder heute sind, sicher ist nur: Die Eltern der OSOianer hatten Geld.
Da verwundert es auch doppelt, dass sie von den Zuständen unter dem damaligen Rektor Becker scheinbar nichts erfuhren – oder ignorierten, was tatsächlich erfahr- und hörbar war.

Der schon 1999 in der Frankfurter Rundschau berichtete Skandal, der erstaunlicherweise erst jetzt, 10 Jahre später, in allen Medien und in aller Munde ist, ist nicht nur für die Schule selbst ein Desaster.
Auch der Odenwald, an dessen westlichem Rand sie liegt, kommt schlecht weg. Ist er sonst schon kaum bekannt, verbindet sich sein Name nun ausgerechnet mit einem Missbrauchsskandal.
Das wenige, was da in Südhessen wirklich vorbildlich erschien, eine renommierte Schule oder auch ein wegweisendes „Bioenergie-Dorf“: Alles Lüge, jedenfalls partiell.

Immerhin ist der Odenwald jetzt dort, wo er sonst nahezu nie ist: In den Schlagzeilen, sex sells.
Erste Meldung in den Abendnachrichten des ZDF – aus dem Mund von Petra Gerster. Haufenweise Artikel auf SPIEGEL ONLINE und ebenso ein Forum. Direkt daneben eine Anzeige, die für „unbeschwertes Lernen“ in der Odenwaldschule wirbt.
Selbstverständlich ist auch BILD dabei: „In dieser Schule stand Missbrauch auf dem Stundenplan
Jörg Schindler war der erste, der in der Frankfurter Rundschau von dem Skandal berichtete.
Lesenswert ist sein letzter Artikel zum Thema: „Wer protestierte, wurde als Spießer geächtet„.

In einem Kommentar behauptet ein Leser (wok1234):

>Die Heppenheimer Polizei wusste seit Jahrzehnten von den sexuellen Missbräuchen an der Odenwaldschule. Ich habe damals bei der Polizei in Heppenheim angerufen und um Aufklärung der Vorwürfe an der Odenwaldschule gebeten. Doch es ist – nichts – passiert!<

[In der Tat eine der interessantesten Fragen: Wer schaute warum weg? Hielt jemand sogar schützend seine Hände über Gerold Becker, der später auch als Berater im Hessischen Kultusministerium unterwegs war?]

Auf Facebook, natürlich, finden sich in der Gruppe OSOaner endlos viele Informationen und eine kaum überschaubare Zahl von gegenwärtigen oder früheren Schülern und Lehrern. So plakatiert sich die Gruppe:
Einst eines der kühnsten Bildungsprojekte seiner Zeit, heute das einzige Internat mit integrierter Gesamtschule. Eine außergewöhnliche Schule wird hundert!

Auf Telepolis weitet Rudolf Maresch seine kritischen Betrachtungen auf die gesamte Reformpädagogik und den Rousseauismus aus: „Knabenliebe zum pädagogischen Prinzip erhoben„.
Er schreibt:

>Brisant werden die Vorfälle, Ereignisse und Übergriffe aber erst mit dem Namen des Beschuldigten. Geleitet wurde die Odenwaldschule in den Jahren 1972-1985 nämlich von Gerold Becker, einem Intimus, Schützling und langjährigem Vertrauten von Hellmut Becker, jenem „Bildungsbecker“ (U. Raulff), der den Diskurs, die Reformidee und die Geschichte der Bildung in der Bundesrepublik durch seine kluge und geschickte Vernetzungspolitik maßgeblich mitbestimmt und mitverfasst hat.

Nicht zu unrecht nannte Ulrich Raulff die Seilschaften, die Hellmut Becker heimlich um sich gesponnen hatte, und zu dem neben dem Leiter der Reformschule vor allem auch Hartmut von Hentig gehört haben, „protestantische Mafia“. Den bildungspolitischen Weg, der hierzulande eingeschlagen werden sollte und zum großen Teil auch wurde, war geprägt vom Gedanken des „Landschulheims“.
Die Bundesrepublik, so die Idee der George-Jünger, sollte demnach in ein „Landerziehungsheim“ umgewandelt werden, weg von Noten, Ausfragen und Hierarchien, zurück zur „platonischen Höhle“, zu den Idealen von Erziehung und Menschenbildung.<

In einem Kommentar auf ZEIT.de wird nachgelegt:

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>1. Der betroffene Leiter, der ein Missbrauchssystem von oben herab geschaffen hat, war Lebensgefährte des Pädagogen Hartmunt von Hentig. Wie weit war er ins System einbezogen?

2. Es gab vielfältige übergreifende Kontakte zwischen den Spitzen der Reformpädagogik (Hentig, Gerold Becker, Enja Riegel, Reinhard Kahl, Hans Brügelmann): gemeinsame Symposien, Bücher, Gremien, Arbeit an Lehrplänen, auch nachdem die Missbrauchsfälle bekannt wurden. Welche Schlüsse muss man für die Reformpädagogik ziehen? Gab es hier ein Vertuschungssystem? Oder zumindest eine gemeinsame Kultur des Wegschauens?

3. Es gab pädagogische Initiativen, die selbstbestimmtes Lernen und selbstbestimmte Sexualität zugleich in den Fokus nahmen. Was hat das unter dem Licht der Missbrauchsfälle zu bedeuten?

4. Absolventen der Schule forderten just zu dem Zeitpunkt, als dort ein Missbrauchssystem herrschte, die Straffreiheit für sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen. Hat das eine mit dem anderen zu tun?<

Der katholischen Kirche, die selbst mit immer neuen Enthüllungen über Missbrauch in ihren religiösen Reihen konfrontiert war, verschafft die Affäre um die Odenwaldschule eine Atempause.

Auf meedia.de thematisiert Stefan Winterbauer, früher Volontär bei der Odenwälder Zeitung, ein „Versagen der Lokalpresse“.

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Er schreibt:

 

>Ich begebe mich ins Archiv, gebe in die Sucheingabe „Odenwaldschule“ ein. Und erhalte null Treffer.
Bei Google News erzielt die Eingabe „Odenwald Schule “ hunderte Treffer, keiner ist von der Lokalzeitung. Spiegel Online, Focus Online, Stern.de, Welt Online, Hamburger Morgenpost, auch der gar nicht so ferne Mannheimer Morgen – alle berichten ausführlich über den Skandal.
Eigentlich müsste die Homepage einer Lokal- und Regionalzeitung zugepflastert sein mit so einem Thema.
Die Reporter und Redakteure müssten bei der Ehre gepackt sein, jetzt zu zeigen, dass sie die kompetenten Journalisten vor Ort sind. Eigentlich. Stattdessen gibt es 08/15 Agenturmaterial über die Oscar-Verleihung und lobhudlerische Vereinsmeierei. Als Slogan der Zeitung steht groß über der Website „Die Region ist unsere Welt“. Schön wär’s.<

Winterbauer hätte neben seinem Volontariat bei der Odenwälder Zeitung gelegentlich auch die (alten) „Odenwald Geschichten“ lesen sollen. Dann wäre ihm das „Versagen der Lokalpresse“ schon früher aufgefallen.
Noch immer ist die „Unterschriftenaktion Meinungs- und Pressefreiheit“ online, welche von lokalen Medien die Wahrnehmung ihrer „Kritik- und Kontrollfunktion“ verlangt.
Winterbauer kann sich daran beteiligen.

Bei dem Skandal um die Odenwaldschule ist eines tatsächlich kurios: Die Vorwürfe gegen Gerold Becker waren seit 1999 bekannt. Auch das Darmstädter bzw. Starkenburger Echo hat davon erfahren.
In einem Bericht vom 21. 1. 2002 („Entwicklung vorweggenommen – Erziehungswissenschaftler diskutieren über die Odenwaldschule der fünfziger und sechziger Jahre„) findet sich dazu aber nicht ein Wörtchen.
Becker wird – als „Schulleiter der OSO und später Berater im Hessischen Kultusministerium“ – zu denen gezählt, die „Reformelemente der Odenwaldschule in die bildungspolitische Diskussion“ Eingang finden ließen.
Der Artikel wurde in Gänze auch in die „oso-nachrichten“ (Heft 69) aufgenommen.

Aktuell wird auf echo-online.de durchaus über den Skandal berichtet. Es gibt dort ein Interview mit der Rektorin Margarita Kaufmann, es gibt einen aufschlussreichen Bericht („Schule war ein rechtsfreier Raum„) über den Darmstädter Bildhauer Gerhard Roese, der in der 70er Jahren OSO-Schüler war und Missbrauch erlebte. Gestern gab es einen langen Bericht über „neue Verdachtsfälle„.

Darin heißt es auch:

>Die Staatsanwaltschaft Darmstadt hat am Montag gegen einen namentlich bekannten und weitere unbekannte ehemalige Lehrkräfte der Odenwaldschule ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.
,,Veranlassung hierfür sind die aktuellen Informationen, nach denen es zumindest nicht auszuschließen ist, dass es auch in noch nicht rechtsverjährter Zeit zu Übergriffen auf Schülerinnen und Schüler dieser Schule gekommen ist.“<

Auffällig war, wie gut sich vor 10 Jahren der Skandal begrenzen ließ. Der Informationsdienst Genios erlaubt einen Blick zurück in die damalige Presselandschaft.

BildDemnach gab es den ersten Artikel am 17. 11. in der Frankfurter Rundschau („Der Lack ist ab“ von Jörg Schindler), die nächsten und letzten Berichte erschienen dann am 18. November.
Mit Ausnahme der Stuttgarter Zeitung scheinen nur regionale Zeitungen über die Sache berichtet zu haben (Darmstädter Echo, Frankfurter Rundschau, Frankfurter Neue Presse, Wiesbadener Kurier, Rhein-Main-Zeitung).
Das ist jedenfalls das Bild, das sich nach einer Recherche in Genios bietet.
Heute wird sich dieser Skandal nicht mehr so leicht begrenzen lassen.

Ein Ex-Schüler der Odenwaldschule hatte damals auch öffentlich dagegen gehalten. Florian Lindemann soll einen „Missbrauch des Missbrauchs“ beklagt haben.
Lindemann war noch im Oktober 2002 presserechtlich verantwortlich für den ‚Goetheplatz‘, das offizielle Organ des Altschülervereins und des Förderkreises der Odenwaldschule e.V.

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