Missbrauch an Odenwaldschule: Direktorin Kaufmann spricht von „aktivem Täterschutz“ – Bislang 33 Opfer

Administrator, 11 März 2010, 2 comments
Categories: Odenwaldschule, Skandale

oso 11 mz 2010 kaufmann> Heppenheim (pdh) Eine ausweichende Antwort ist auch eine, so darf getrost die Replik gedeutet werden, die Schulleiterin Margarita Kaufmann einem Journalisten gab, der während der Pressekonferenz am Donnerstag nach den fehlenden Mitgliedern des Vorstands der Odenwaldschule fragte. Sie sei immerhin im Vorstand, und der anwesende Geschäftsführer der Odenwaldschule, Meto Salijevic, ebenso.

Die Antwort ging selbstverständlich an der Frage vorbei, denn natürlich wollte die Presse wissen, warum die Vorsitzende Sabine Richter-Ellermann und ihre weiteren Vorstandsmitglieder nicht zur Pressekonferenz gekommen waren, nachdem in den letzten Tagen von kompletten Rücktritt des Vorstands berichtet worden war, dieser anscheinend jedoch überhaupt nicht daran denkt, die Verantwortung für die Vertuschung während der letzten Jahre zu übernehmen.

Stattdessen wird kolportiert, dass die offensive Aufarbeitung des Missbrauchsskandals durch die heutige Schulleitung nicht die ungeteilte Zustimmung des Gesamtvorstands findet.

Im Rahmen einer Pressekonferenz an der Odenwaldschule in Heppenheim hat Schulleiterin Margarita Kaufmann am Donnerstag weitere Details des Skandals veröffentlicht. Sie beschuldigte ihren Vorgänger Gerold Becker schwerer Vergehen und hatte dabei Mühe, Tränen zurückzuhalten.

Wir haben die ehemaligen Schüler um Vergebung gebeten„, sagte sie in der Pressekonferenz. „Die Schule hat große Schuld auf sich geladen. Nichts kann das Leid ungeschehen machen.“

Bis zum Donnerstag haben sich 33 ehemalige Schüler gemeldet und von Missbrauch berichtet, davon etwa 40 Prozent Mädchen. „Was wir gelesen und gehört haben, hat uns verstummen lassen„, sagte Margarita Kaufmann am Donnerstag. oso 11 mz 2010 medien

,,Wir sind zutiefst erschüttert„, sagte die Schulleiterin unter Tränen, ,,und sind beschämt, was an unserer Schule jungen Menschen angetan wurde. Wir sind betroffen über das Leid, das ihnen zuteil wurde.“

Man wisse, dass der frühere Schulleiter von Schülern und Eltern darauf angesprochen worden war, dass ein Lehrer Übergriffe an Jugendlichen durchführte.
Der Schulleiter habe diesen Lehrer geschützt. ,,Das war aktiver Täterschutz„, sagte die Schulleiterin. Die Missbrauchsvorgänge sollen sich von den sechziger Jahren bis 1991 zugetragen haben.<
Text und Fotos: Presseagentur -pdh- [Links und Hervorhebungen von uns]

pdh-Anmerkung zum obigen Foto: „v.l. Max Priebe, Schülervertreter, schreibt einen Tag nach der PK seine Biologie-Abiturarbeit, Schulleiterin Margarita Kaufmann entschuldigt sich bei den Opfern, Uwe Klotzsch, Didaktischer Leiter der Odenwaldschule in der Pressekonferenz“

Auf der Wikipedia findet aktuell eine interessante Diskussion statt. Wikipedia-Autor ‚Cethegus‘ möchte den Artikel über Gerold Becker löschen. Es fehle dem Artikel „am nötigen Gehalt“.
Dies wird nun umfassend und kontrovers diskutiert.

Einer meint:

>Gerade als ein Pädagoge, der sich entschieden der Reformpädagogik zugehörig fühlt, und zudem als – nach Fremd- und Selbsteinschätzung – „linker“ Pädagoge, zu allem Überfluss auch Bewunderer Hartmut von Hentigs, plädiere ich nachdrücklich (!!!!!) für die Beibehaltung des Stichworts Gerold Becker. Es kann überarbeitet werden, aber weder seine Verdienste noch die Verdächte dürfen verschwiegen werden. Das hat nichts mit einem Verstoß gegen die Unschuldsvermutung zu tun; vielmehr ist es doch einfach skandalös, dass GB sich der Aufklärung (ein Begriff, dem er sich selbst verpflichtet fühlte, so oft ich ihn traf oder las) 1999 druch sofortige Flucht aus der Linie entzogen hat und nichts, aber auch gar nichts getan hat, um seiner Nachnachfolgerin alle diese Peinlichkeiten und seiner Odenwaldschule – und dem Andenken an Geheeb und Minna Specht – diese Belastung zu ersparen. <

Ein „regional vor Ort Wohnender“ schreibt:

>Unbedingt behalten Relevanz der Person ist gegeben – und das sage ich nicht nur als regional vor Ort Wohnender. Aufgrund seiner langen Amtszeit als Schulleiter hat er nachhaltig die Odenwaldschule geprägt.
Die Ausgestaltung des Artikels und zu dem Missbrauchsvorwurf sollte unabhängig von dem Löschantrag diskutiert werden. Vielmehr betrachte ich die Relevanzfrage und den LA als klammheimlichen, aber vergeblichen Versuch den „lästigen“ Missbrauchsvorwurf von der Person Gerold Beckers fernzuhalten und den Vorwurf über diesen „eleganten“ Weg auszuhebeln.
Bei aller Pikanterie tut schonungslose Offenheit und Aufarbeitung not. Öffentliches Benennen der sexuellen Ausrichtung einer Person ist bei Missbrauchsvorwürfen o.ä. meines Erachtens gegeben.<

Comments

2 Responses, Leave a Reply
  1. Wolfgang Görner
    14 März 2010, 2:50

    mal ne hypothetische frage:
    was wäre denn, wenn heute noch ein oso-lehrer pädophil veranlagt wäre und andere lehrer wüßten davon?sollten sie ihn denunziieren und aufklärungsarbeit leisten oder nicht?
    immerhin hinge ihr arbeitsplatz von dem weiteren fortbestehen der oso ab!
    und nicht nur der arbeitsplatz.

    wie würde man mit einem solchen “verräter” künftig umgehen?
    würde man ihn feiern oder ächten?

    vielleicht äußern sich gerade deshalb keine oso-lehrer, die bei becker und harder schon an der schule, teils als lehrer, teils als schüler waren , über die aufgedeckten vorfälle.

    über den vorstand der odenwaldschule kann man sich sicher streiten, jedoch ist der aufruf von frau kaufmann, der vorstand solle geschlossen zurücktreten, völlig daneben.

    der ehemalige betriebsratsvorsitzende klaus bregler hat immer gesagt: der vorstand ist wie eine drehtür.
    schulleiter und geschäftsführer gehen hinein – kommen heraus – und sagen: der vorstand hat gesagt…

    im klartext heißt das, daß der vorstand das abgesegnet hat was schulleiter und geschäftsführer wollten.
    insofern sind diese beiden personen in erster linie für gedeih und verderb der schule verantwortlich.im übrigen ist noch folgendes zu erwähnen:
    es gibt -meiner ansicht nach- keine gründe, warum gerade ab 1991, mitten in der harder-ära, die mißbräuche tatsächlich aufgehört haben sollen.
    oder kann mir jemand einen grund nennen?

  2. Anne Flock
    12 April 2010, 9:49

    Frau Kaufmann ist eine der mutigsten Frauen unserer Zeit. Sie muss geradestehen für das was (Mann) ihr hinterlassen hat. Nicht die Täternamen stehen an erster Stelle . Nein ihr Name steht dort. Ich Danke Frau Kaufmann und wünsche ihr viel Stärke. Die Geschichte lehrt uns das diejenigen die für Aufklärung sorgen oft die Ersten sind, die den Hut nehmen müssen. Sexueller Missbrauch kostet der Gesellschaft ein Vermögen. Es zieht seine "Blue Spur" über Generationen. Mein "Suchlauf" hat mir viel Mut abverlangt. Solche Geschichten hat man nicht in der eigenen Familie. Aus solch einen Sumpf möchte keiner kommen. Schauen sie auf meine Seite http://www.adoptionsv.com 
    10 Jahre meines Lebens habe ich gesucht gefunden, geforscht. Lesen sie wie Missbrauch sich weiterführt. Mit freundlichen Grüßen Anne Flock

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