Beistand für Gerold Becker: Schriftsteller Adolf Muschg beklagt „Kampagne“ gegen Ex-Leiter der Odenwaldschule

BildMuschg schreibt dies in einem heute im Tagesspiegel erschienen Gastkommentar unter dem Titel „Nähe ist ein Lebensmittel, kein Missbrauch„.
Der Schweizer Schriftsteller wundert sich, dass eine solche Kampagne „menschenmöglich“ ist und sieht sich (indirekt) an die chinesische Kulturrevolution und das Dritte Reich erinnert.
Damit setzt er einen bemerkenswerten Kontrapunkt, wundern sich doch die allermeisten darüber, dass die Becker vorgeworfenen Taten gewissermaßen „lehrermöglich“ waren.
Wundern muss man sich auch, dass Adolf Muschg einen Mann rechtfertigt, der doch selbst bis heute nahezu nichts zu seiner Rechtfertigung sagen konnte oder wollte.
Zuletzt hatte Muschgs Kollegin Amelie Fried in einem Beitrag für die FAZ Fragen an Becker gerichtet:

>War das, was Du uns auf der OSO beigebracht hast, ernst gemeint? Konflikten nicht aus dem Weg gehen. Sich für andere einsetzen. Mutig sein. Dann gehe Konflikten nicht aus dem Weg! Sei mutig! Entschuldige dich und bitte Deine Opfer um Verzeihung! Dann wäre die Odenwaldschule, die für manche die Hölle war und für andere die Rettung, wieder die Schule, auf die wir stolz sein können, „unsere OSO“.<

Im Gegensatz zu Muschg weiß Fried, wovon sie schreibt. Sie war Schülerin der Odenwaldschule – zu einer Zeit, als Gerold Becker deren Leiter war.
Sie kann keinen Missbrauch bezeugen, der von dem Schulleiter direkt verantwortet wurde.
Was sie über ihren damaligen Lehrer und ‚Familienvater‘ schreibt, genügt freilich, um das „System Becker“ besser zu begreifen:

>Ich (muss) mich daran erinnern, wie mein „Familienvater“ sich zu uns in den Mädchen-Duschraum gedrängt und uns zu Strip-Poker-Runden in seiner Wohnung genötigt hat. Wie er mich höhnisch als „verklemmte schwäbische Spießerin“ bezeichnete, als ich sagte, dazu hätte ich keine Lust. Wie ich mich diesem Druck schließlich beugte, mich furchtbar schämte und die Erinnerung daran für Jahrzehnte verdrängte.
Bestimmt haben mich diese Vorfälle nicht nachhaltig traumatisiert, aber wenn ich heute daran denke, spüre ich wieder die Scham und das Gefühl, in meiner persönlichen Würde verletzt worden zu sein. Was hätte ich tun sollen? Kein Jugendlicher möchte als verklemmt oder spießig gelten, nichts ist in dieser Zeit schlimmer, als aus der Peergroup ausgeschlossen und zur Zielscheibe des Spotts zu werden. […]
Als Kind oder sehr junger Jugendlicher will man nicht glauben, dass ein Lehrer, der ja ein Vorbild ist und ansonsten auch ein netter Kerl, etwas Unrechtes tut. Lieber gibt man sich selbst die Schuld. So kam auch ich bald zur Überzeugung, gemeinsames Duschen und Strip-Poker seien normal und gehörten eben dazu, und dass ich es unangenehm fand, sei eben mein Problem, das Problem einer verklemmten schwäbischen Spießerin. Nach allem, was ich inzwischen weiß, ging es den missbrauchten Schülern ähnlich.<

Dazu Muschg aus räsonierender Absenz:

>Ich entschuldige Gerold Becker nicht – das wäre die reine Anmaßung. Ich habe aber auch keinen vernünftigen Zweifel daran, dass „Missbrauch“ das letzte Wort ist, das zu seiner Praxis als Lehrer passt. Nähe ist ein Lebensmittel, kein Missbrauch. Wenn er damit Schülern nahegetreten sein sollte, kann ich mir dafür keinen strengeren Richter denken als ihn. Den Schuldspruch des Vorurteils hat er nicht verdient; seine Anprangerung hat eine intelligente Öffentlichkeit nicht nötig.<

Gegenüber der Schweizer Zeitung „Der Bund“ erklärt Muschg noch einmal seine Position in dieser Sache:

>Ich bin inzwischen alt genug, um erfahren zu haben, welcher Umschläge der Zeitgeist fähig ist, und empfinde es als meine Pflicht, daran zu erinnern, wenn man einen Menschen heute schindet und pfählt, über den man gestern noch Hosianna gerufen hat. Gerold Becker hat das eine so wenig verdient wie das andere. Er wird nicht angeklagt, er wird besudelt, und wer sich da aufs Zuschauen beschränkt, macht sich mitschuldig. […]
Gerold Becker kenne ich seit einigen Jahren, mit Hartmut von Hentig bin ich schon vier Jahrzehnte befreundet. Aber ich betrachte meinen Text nicht als Freundschaftsdienst. […]
Als ich vierzig war, wurde eine befreite Sexualität als Durchbruch zu einer neuen Kultur gefeiert – es war die Zeit der Utopien, und sie haben vor der Beziehung zwischen den Generationen nicht Halt gemacht, so wenig wie denjenigen der Geschlechter. Der Glaube an ein neues Paradies war naiv und sogar missbräuchlich, wenn Sie die Zwei- und Vieldeutigkeit des Erotischen betrachten – aber ebenso missbräuchlich ist es, das Paradies heute als Hölle zu qualifizieren und die Gläubigen von gestern als Kinderschänder zu behandeln.<

Muschg, zu Anfang der 60er-Jahre Deutschlehrer an einer Oberrealschule, ist nicht der Einzige, der Gerold Becker beispringt.

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Mit Hartmut Barth-Engelbart äußerte sich jetzt ein gebürtiger Odenwälder, der es an Ruhm zwar bei weitem nicht aufnehmen kann mit dem Schweizer, aber sich doch auf die Kunst der kalkulierten Provokation mindestens so gut versteht wie Muschg.

Barth-Engelbart ist seit Jahrzehnten ohne jede Abirrung Kommunist, mit Worten kämpft er gegen den Kapitalismus, die USA und Israel und deren Feinde sind ihm nicht selten ferne Freunde (Ahmadinedschad, Mugabe und andere).
Seine Bitterkeit über Legionen von früher Linken, die in der Schlacht gegen das Kapital und überhaupt gegen das Böse allesamt fahnenflüchtig wurden oder die Seite wechselten, gießt der Dichter Barth-Engelbart in viele Verse.
Sein charakteristisches Stilmittel sind Wort- und Buchstabenspiele, deren Bedeutung sich zum Teil nur ‚Wissenden‘ mit ganz linker Vita erschließt.
Nun erhebt Barth-Engelbart, der ebenfalls als Lehrer an (Grund-) Schulen arbeitete, auf seiner Homepage sein mächtiges Wort gegen den „Missbrauch des Missbrauchs„.
Finstere Kräfte des Kapitals und deren literarische Söldner (Broder, Götz Aly, Gerd Koenen – allesamt linke Renegaten) wollten „Kuschelpädagogen“ (von Hentig, Jouhy und Co.) und „Kommunisten“ bzw. Alt68er zu Schuldigen erklären.
In waffenbesetzter Metaphorik konkludiert er:

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Man wüsste gerne, wie das von denen verstanden wird, deren physische und psychische Integrität in dieser oder jener Form von Becker und anderen lustgetrieben missachtet wurde.
Dem fehlt heute krankheitsbedingt zwar die Luft, aber deswegen müssen ihm nicht auch die Worte fehlen. Bevor andere ihn erklären, sollte er sich selbst erklären.

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Nachtrag: Schon vor zwei Tagen erschien in der WELT ein Text, diesmal von Josef Haslinger, einem österreichischen Literaten, der nicht minder kontrovers diskutiert werden dürfte: „Jetzt bloß keine Hexenjagd

Die Redaktion schickt voraus: „Dieser Text ist eine Grenzüberschreitung. Er hat auch in der Redaktion Diskussionen ausgelöst. Weil er provoziert und Gefühle verletzen könnte. Wir drucken ihn als Dokument.“

Haslinger schreibt, dass er im Alter von 12 Jahren von seinem Religionslehrer sexuell angegangen wurde. Als „grenzüberschreitend“ und „provozierend“ sah die Redaktion wohl Sätze wie diese:

>Ich muss mir heute eingestehen, dass es viele Möglichkeiten gegeben hätte, die damaligen sexuellen Kontakte abzuwehren und zu unterbinden. Ich habe diese Möglichkeiten nicht genutzt. Ich habe mich nicht gerade angeboten, dazu war ich zu schüchtern, aber ich habe, nach den ersten unerwarteten Annäherungen, schnell gesehen, wer aus einer bestimmten Neigung heraus sich umschaute. Und ich bin solchen Annäherungen nicht ausgewichen, sondern ich habe sie in gewisser Weise als Auszeichnung empfunden. […]
Ich verstehe, dass die Gesellschaft Pädophilen keinen Freibrief ausstellen kann. Aber ich weiß auch, dass sie zärtlich sind, fürsorglich, liebevoll und weitaus weniger egoistisch als man sich das gemeinhin vorstellt. Sie hätten das gar nicht nötig, weil es Kinder gibt, die sich mit Neugier darauf einlassen. Ich wurde von diesen Erwachsenen sicherlich ausgenutzt, aber ich fühlte mich auch ernst genommen.<

Bitter dagegen klingt, was Bodo Kirchhoff im SPIEGEL über den als Kind erlittenen Missbrauch schreibt:

>Ich war zwölf, und ich war schmutzig – verdorben, sagte man damals, nicht ahnend, wie treffend dieses Wort ist. Einerseits war ich nach Winnetou nie in Gefahr, mich auf andere Jungs oder später auf Männer zu werfen (obwohl mir Männer gefallen können), denn das Internat war zum Glück gemischt, und irgendwann gab es eine Mitschülerin und das dichte Schilf am Untersee; andererseits hat meine Sexualität bis heute etwas Verwahrlostes, einen Mangel an Verbindlichkeit, dem ich ständig sprachlich zu begegnen versuche. Ich habe sogar mein Studium danach ausgesucht (Psychoanalytische Pädagogik rauf und runter), und auch meinen Beruf – ohne dass ich eine Wahl gehabt hätte und ohne dass Schriftsteller ein echter Beruf wäre (eher eine noble Tarnung eigener Schwäche). Ein lebenslanges faustisches Bemühen, kann man sagen, um das sprachlose Schwanzkind durch Erkenntnis zu retten.<

Ein Gedanke zu „Beistand für Gerold Becker: Schriftsteller Adolf Muschg beklagt „Kampagne“ gegen Ex-Leiter der Odenwaldschule“

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