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Freitag, 19. März 2010

Odenwaldschule: Ex-Direktor Gerold Becker gesteht und bedauert sexuellen Missbrauch von Schülern

von @ 9:28. Kategorien: Odenwaldschule

Gerold Becker - Archivfoto der Odenwaldschule

… in einem kurzen Brief an den Vorstand und die Leitung der Odenwaldschule. Der (vollständige?) Inhalt von Gerold Beckers Schreiben wird in einem aktuellen Artikel des Darmstädter Echo wiedergegeben.

>Schüler, die ich in den Jahren, in denen ich Mitarbeiter der Odenwaldschule war (1969-1985), durch Annäherungsversuche oder Handlungen sexuell bedrängt oder verletzt habe, sollen wissen: Das bedaure ich zutiefst und bitte sie dafür um Entschuldigung.
Diese Bitte um Entschuldigung bezieht sich ausdrücklich auch auf alle Wirkungen, die den Betroffenen erst später bewusst geworden sind.
Personen und Institutionen, mit denen ich in den vergangenen 40 Jahren zusammengearbeitet habe und die durch mein Verhalten beschädigt worden sind, bitte ich ebenfalls um Entschuldigung. Die von mir vor zwölf Jahren geäußerte Bereitschaft zu einem Gespräch mit betroffenen Schülern wiederhole ich noch einmal.<

Damit entspricht Becker (s. Bild links) einer Aufforderung seiner früheren Schülerin Amelie Fried.
Ihr bewegender Text, der vor 5 Tagen in der FAZ erschien, endete mit diesen Worten:

>Mein zweiter Text würde sich deshalb am Ende an den Hauptverantwortlichen für den Missbrauchs-Skandal an der Odenwaldschule wenden, an Gerold Becker: War das, was Du uns auf der OSO beigebracht hast, ernst gemeint? Konflikten nicht aus dem Weg gehen. Sich für andere einsetzen. Mutig sein. Dann gehe Konflikten nicht aus dem Weg! Sei mutig! Entschuldige dich und bitte Deine Opfer um Verzeihung!
Dann wäre die Odenwaldschule, die für manche die Hölle war und für andere die Rettung, wieder die Schule, auf die wir stolz sein können, „unsere OSO“.<

Doch das Geständnis und die Entschuldigung von Becker allein wird die Unschuld der Odenwaldschule nicht wiederherstellen. Nichts wird wieder so sein, wie es war.

Das lässt sich bereits erahnen, wenn man den Echo-Bericht von Hans Dieter Erlenbach liest. Der schreibt zuletzt:

>Unterdessen wächst der Druck auf den Vorstand des Trägervereins der Odenwaldschule. Dieser weigert sich noch immer, während der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 27. März zurückzutreten und den Weg für Neuwahlen freizumachen, wie es Schulleiterin Margarita Kaufmann fordert.
Unterstützt wird Kaufmann durch einen einstimmigen Beschluss der Lehrerkonferenz, durch die an der Schule organisierten Altschüler und durch ehemalige Missbrauchsopfer.
Nach Informationen des ECHO macht jetzt auch der Elternbeirat mobil. Er will dem Vorstand wohl das Misstrauen aussprechen. Sollte er sich weigern, seine Ämter zur Verfügung zu stellen, wollen die Eltern damit drohen, ihre Kinder von der Schule zu nehmen. Die Mitglieder des Vorstands scheuen offenbar die Öffentlichkeit. Zahlreiche Versuche, sie telefonisch zu erreichen, scheiterten.<

Angeblich planen einige der früheren Schüler auch eine Demonstration, um den Rücktritt der Vorstands zu erzwingen.

Wie die Frankfurter Rundschau schreibt, sieht sich nun auch das hessische Kultusministerium und die Staatsanwaltschaft Darmstadt Vorwürfen ausgesetzt:

>Das tatsächliche Ausmaß des Skandals blieb seinerzeit jedoch im Verborgenen, auch weil einflussreiche Weggefährten Beckers eine schonungslose Aufklärung zu verhindern verstanden.
Der Anwalt eines Opfers warf am Freitag zudem dem hessischen Kultusministerium und der Staatsanwaltschaft Darmstadt skandalöse Untätigkeit vor.<

Sollte sich herausstellen, dass die Tätigkeit oder Untätigkeit der Staatsanwaltschaft Darmstadt tatsächlich auch in diesem Fall skandalös war, es würde nicht verwundern.
Wer sich ein Bild davon machen möchte, wie in dieser (”Ermittlungs”-) Behörde vorgegangen wird, wenn die Interessen “einflussreicher” Personen tangiert sind, möge die folgenden Artikel lesen:

 

Einige Fragen wurden bislang auch in der Causa “Gerold Becker” kaum oder gar nicht gestellt. War der Theologe, Pädagoge und Pädophile Mitglied einer bestimmten Partei?
Eine bestimmte Parteizugehörigkeit konnte in Südhessen nämlich schon immer Wunder wirken. Gerade bei der Staatsanwaltschaft Darmstadt, wo gleich mehrere Abteilungen von parteipolitisch aktiven Oberstaatsanwälten geleitet wurden.
Auf der Website der Frankfurter Rundschau gibt es zu einem sehr interessanten Bericht (”Die Schutzmauer um die Odenwaldschule“) eine interessante Zusatzfrage einer Leserin: “Wer gehörte denn noch … zu der Schutzmauer um die Odenwaldschule?
Zumindest im Fall von Gerold Becker könnte nicht nur ein Kollege (und Nachfolger) “aktiven Täterschutz” betrieben haben, auch (Partei-) Freunde da oder dort könnten schützende Hände ausgehalten haben.

Vor 8 Jahren machte ein anderer Fall Schlagzeilen im Odenwaldkreis. Ein Lehrer der Georg-August-Zinn-Schule Reichelsheim (GAZ) hatte seine Kollegin im Vorbereitungsraum für den Biologie-Unterricht vergewaltigt. Angeblich war der als Alkoholiker bekannte Mann in den Jahren zuvor von einem politisch einflussreichen Freund protegiert worden.

BildDas Odenwälder Echo schrieb am 4. Januar 2002:

>Der Vorwurf wiegt schwer. Er richtet sich gegen einen 42 Jahre alten Lehrer aus dem südlichen Odenwaldkreis. Der Pädagoge soll am 28. August vorigen Jahres in einer Schule im zum selben Landkreis gehörenden Teil des Gersprenztals eine siebenunddreißigjährige Kollegin während der Unterrichtszeit vergewaltigt haben. Der entsprechende Verdacht hat sich inzwischen so erhärtet, dass die Staatsanwaltschaft Darmstadt Anklage erhoben hat. Vorgeworfen wird dem Lehrer schwere sexuelle Nötigung.
Diesen Sachstand hat am Donnerstag Oberstaatsanwalt Klaus Reinhardt, der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft, auf Anfrage dieser Zeitung mitgeteilt. Der Anklage zufolge kam es an einem Dienstag im Spätsommer vergangenen Jahres zwischen 11 und 11.30 Uhr im Vorbereitungsraum für den Biologie-Unterricht zu dem Sexualverbrechen, bei dem sich die Lehrerin energisch zur Wehr gesetzt habe. Erst zwei Tage nach dem Tatgeschehen, bei dem das Opfer Verletzungen im Intimbereich erlitten haben soll, traute sich die Siebenunddreißigjährige, den gravierenden Vorfall bei der Polizei anzuzeigen.<

Das eingeblendete Bild der Genios-Trefferliste zeigt die Schlagzeilen des Darmstädter Echo und der Frankfurter Rundschau vom 25. Juni 2002.


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