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October 7, 2010

Offener Brief an Christian Wulff: “… als hätte ein Bundespräsident im Jahre 1980 nicht die Mauerspringer, sondern den real existierenden Sozialismus umarmt”

von @ 9:19. Kategorien: Religiöses

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Es gibt Tage, da lohnt ein Blick in den Tagesspiegel. Nachdem dort vor zwei Tagen schon Monika Maron die “Islam”-Rede von Christian Wulff treffend kommentiert hatte, findet sich heute in der Berliner Zeitung ein an den Bundespräsidenten gerichteter, offener Brief von Henryk M. Broder und Reinhard Mohr. Sie sagen, was noch zu sagen war und sprechen mir aus meiner (areligiösen) Seele:

>[...] Aber wir verstehen natürlich: Sie meinten die Kultur des Abendlandes. Doch hier fehlt dann wieder das entscheidende Wort: Aufklärung. Es kommt in Ihrer Rede nicht vor. Weder Kant noch Voltaire, weder Spinoza noch Moses Mendelssohn. Das ist kein Zufall, denn auch die alten Römer und Griechen kommen bei Ihnen ja nicht vor, weder Aristoteles noch Sokrates oder Seneca. Kurz: Die gesamte europäische Geschichte von Aufklärung, Revolution und Humanismus ist Ihnen keinen einzigen Satz wert. Dabei ist sie doch die Grundlage unserer demokratischen Republik.

Apropos Republik: Indem sie „den Islam“ gleichberechtigt neben Christentum und Judentum stellen, erwecken Sie trotz Ihrer rhetorischen Relativierung des adebei den Eindruck, als sei das vereinte Deutschland keine zivile, säkulare Republik freier Bürger, sondern die Summe seiner Religionsgemeinschaften, eine Art multikulturelle Glaubenskongregation, ein einziger fortwährender Kirchentag unter dem gemeinsamen Vorsitz von Margot Käßmann, Kardinal Meissner, Charlotte Knobloch und dem Zentralrat der Muslime.

Absurd genug, aber selbst wenn es so wäre, müssten wir erst recht fragen: Und was ist, bitteschön, mit den Baha’i und den Buddhisten, mit Hindus und Anhängern evangelikaler Sekten, mit orthodoxen Juden und Paderborner Diaspora-Katholiken? Und was mit den frei schwebenden Esoterikern aller Glaubensrichtungen, Vegetariern und Veganern, den Apokalyptikern und Verschwörungsliebhabern aller Bundesländer?

Unsere dringendste Nachfrage, verehrter Herr Bundespräsident, betrifft allerdings uns selbst, zugegeben: merkwürdige Menschen, die, obzwar zutiefst in der christlich-deutsch-jüdisch-polnisch-hessischen Geschichte verwurzelt, gar nicht religiös sind und, pardon, keiner Glaubensgemeinschaft wirklich angehören.

Kurz: Was ist mit uns Ungläubigen und Agnostikern, uns ewigen Zweiflern, Kritikastern und Rotweintrinkern?

Gehören wir auch dazu? Sind Sie auch unser Bundespräsident, womöglich mit derselben “Leidenschaft”, mit der Sie Präsident aller Muslime sind? Und worin würde sich diese Leidenschaft dann offenbaren?

Vielleicht gar in der öffentlich geäußerten Erkenntnis, dass sich Demokratie, Freiheit und Menschenrechte in unserer „christlich-jüdischen Geschichte“ fast immer im Kampf der Aufklärung gegen die Macht der Religion und des Glaubens durchgesetzt haben? [...]

Es wäre richtig gewesen, die Muslime in Deutschland willkommen zu heißen und bei dieser Gelegenheit darauf hinzuweisen, dass sie – ebenso wie die DDR-Bürger vor dem Fall der Mauer – mit den Füßen abgestimmt haben. Dass sie aus Ländern gekommen sind, in denen es keine Demokratie, keine Meinungsfreiheit, keine Gewaltenteilung, keine Gleichberechtigung, nicht einmal das Recht gibt, seinen Ehepartner frei zu wählen.
Indem Sie aber den Islam willkommen geheißen haben, haben Sie auch all das willkommen geheißen, wovor Millionen von Moslems geflohen sind. Es ist, als hätte ein Bundespräsident im Jahre 1980 nicht die Mauerspringer, sondern den real existierenden Sozialismus umarmt. [...] < [Links und Hervorhebungen von uns]

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Ein Kommentar zu “Offener Brief an Christian Wulff: “… als hätte ein Bundespräsident im Jahre 1980 nicht die Mauerspringer, sondern den real existierenden Sozialismus umarmt””

  1. Andy Krock schreibt:

    Schön, dass es mal wieder auf den Odw-Geschichten was zu lesen gibt.
    Einem glaubensfreien Menschen, für den ich mich halte, missfällt, was da für Verbeugungen vor Privatangelegenheiten gemacht werden. Hätte man das vor 40 Jahren für möglich gehalten, was dem Irrationalem wieder für ein öffentlicher Raum gegeben wird? Ja vielleicht schon. Man denke an den Bhagwan und Hare Krischna.
    Mag glauben, wer da glauben will, ich habe nichts dagegen, verachte diese Leute nicht, kann sie verstehen, respektiere sie, in einem gewissen Sinn, nehme Rücksicht, aber ich habe wahrlich keine Sympathien für sie. Da muss diesem allem immer stets Ehrerbietung dargebracht werden? Schon was Anhänger verschiedener Religionen voneinander denken, übereinander sagen, spricht dagegen. Eines eint sie, wie dann stets als verbindendes Element hervorgehoben wird: Sie glauben an einen Gott. Ja.
    Ein bisschen Gott muss sein, das ist so gut für die Kindererziehung, wegen der Wertvermittlung, gibt uns Sinn, tröstet im Moment der Verzweiflung und schafft durch Rituale und Abgrenzungen das wohlige und stärkende Gemeinschaftsgefühl, gibt Sicherheit. Wird aber auch immer politisch missbraucht und eingespannt. Hat stets eine gewichtige Rolle beim Machterhalt gespielt! Die Allianz der Mächtigen und der Religion: Eine Interessengemeinschaft.
    In jeder Religion steckt ein Anspruch auf letzte, absolute Wahrheiten, dies ist, so banal das klingt, eben auch eine der realen Gefahren, die von Religionen immer ausgehen werden. Die Geschichte des Christentum kann das genauso bezeugen auch wenn ihm inzwischen die Zähne gezogen worden sind.
    Es ließe sich noch endlos fortsetzen, klar. Auch die Vernunft ist ein Glaube, mag jetzt der ein oder andere sagen. Aber es ist wenigstens ein relativ vernünftiger. Allerdings zweifle ich – etwa bei der Rede des Bundespräsidenten – auch immer mehr an diesem Glauben.

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