Silvesterspitzen 2011: Der etwas andere (sechste) Jahresrückblick von Wolfgang Hörnlein

Wolfgang Hörnlein, Betreiber der Presse- und Bildagentur pdh, serviert zum sechsten Mal seine Silvesterspitzen und verschont dabei im „fiktiven südhessischen Landkreis“ niemand.
Für sein Bild zur nächtlichen Plakataktion des Opfervereins Glasbrechen [s.u.] wurde er in diesem Jahr vom Deutschen Journalistenverband DJV (Hessen-Thüringen) ausgezeichnet. Der sehenswerte Ausstellungskatalog ‚PresseFoto Hessen-Thüringen 2011‘ kann als pdf hier heruntergeladen werden.

Südhessen (pdh) Aus gut informierten Quellen hat die südhessische Presseagentur -pdh- die wichtigsten Ereignisse des Jahres 2011 in einem fiktiven südhessischen Landkreis zusammengetragen. Trotz penibelster Recherche kann nicht für alle Meldungen die Gewähr für Richtigkeit übernommen werden…

Das Jahr fängt gut an. Der Landesjustizminister kommt zum Kommunal- und Bürgermeisterwahlkampf in eine der westlichen Gemeinden des Kreises und sagt von dort dem Landrat den Kampf an. Er habe die Wähler im kleinen Kreis betrogen, sagt der liberale Landesvorsitzende, denn er habe sich als Spitzenkandidat seiner Partei für die Kommunalwahl aufstellen lassen. Es sei ein besonders skrupelloses Verhalten gerade von Freien Wählern, die sich gern als „Volkes Stimme“ gerierten, wenn diese den treuen Anhängern einen Kandidaten präsentierten, der die entsprechende Funktion gar nicht anstrebe und auch nicht annehmen würde. So kam es dann auch. Diagnose: Wahlbetrug

Im selben Ort gewann später der Kandidat der Schwarzen erstmals seit Jahrzehnten die Bürgermeisterwahl. Am Wahlabend noch konnte eine vordringliche Aufgabe des neuen Verwaltungschefs ausgemacht werden: Ortsmitte und Rathaus liegen in einem Funkloch, Berichte und Fotos vom Wahlsieger konnten aus dem Rathaus nicht an die Zeitungsredaktionen gesendet werden. Da sollte dringend Abhilfe geschaffen werden.

Auch die Bewohner des größeren Nachbarorts im Westen des Landkreises haben Grund zur Kritik an ihrer Gemeindeverwaltung. Dort erscheint ein Amtsblatt, das als besonders bürgerfeindlich eingestuft werden kann. Während in den anderen Kreisgemeinden wöchentlich die Blättchen erscheinen und den Bürgern, Vereinen, Kirchen und Schulen viel Platz zur Selbstdarstellung bieten, erscheint dieses Amtsblatt nur vierzehntägig und gewährt den eigenen Bürgern und Institutionen keinen Platz zur eigenen Berichterstattung. Stattdessen müssen die armen Leser fast ausschließlich Werbung und Berichte aus anderen Kreisgemeinden ertragen. Auch Gemeindegeiz soll nicht immer geil sein. Bürgernähe geht ganz anders.

Selbstdarstellung im Übermaß bietet hingegen ein Printmedium, das früher einmal als solide Tagezeitung galt, dann zum Zentralorgan der Freiwilligen Feuerwehren und Karnevalsvereine mutierte und mittlerweile die Mitmachzeitung des kleinen Kreises ist. Von Journalismus hält man dort gar nichts mehr, hingegen sollen Leser, Gemeinden und Vereine ihre eigenen Texte und Bilder zum Abdruck einschicken, natürlich umsonst. Daraus basteln dann acht (8!) Redakteure die tägliche Ausgabe, nicht ohne tatkräftig Fehler einzubauen und Sinnzusammenhänge zu zerstören.

Das Mutterhaus der südlichen Mitmachzeitung hat es auch nicht leichter. Zusammen mit einem anderen Medienunternehmen hat man unlängst ein 100 Millionen Euro teures neues Druckzentrum errichtet, was ein für die Region ansehnliches Bauvolumen darstellt. Nur konnte man die Einweihung nicht gebührend feiern. Es kamen zwar ein paar Politiker zum fast internen Einweihungsfest, auch der Intendant des Landessenders, aber er durfte keine Kamerateams mitbringen, auch Presseagenturen waren nicht erwünscht. Grund: Man arbeitet im neuen Druckzentrum mit Dumpinglöhnen, hat zunächst alle Drucker rausgeworfen, um einige dann wieder ohne Tarifvertrag billiger einzustellen. Und die Hintergrundberichte über diese üblen frühkapitalistischen Zustände wollte man sich auf Verlegerseite doch gern ersparen.

Unser kleiner fiktiver Südkreis verfügt auch (noch) über einen eigenen Kreistag. Und dessen politische Mehrheit weiß virtuos mit dem geltenden Recht umzugehen. Beispiel:

Wie bekommt man den gewünschten Ersten Kreisbeigeordneten ins Amt? Indem man einen gleichqualifizierte Bewerber gar nicht erst zur Wahl zulässt und nicht einmal zum Bewerbungsgespräch bittet. Später erklärt man dann, der einzig übrig gebliebene Kandidat hätte sich in der Regionalpolitik besser ausgekannt.

Problematisch dabei die Haltung der völlig unfähigen Opposition, die diesen Vorgängen weitgehend schweigend oder hilflos gegenüberstand. So lässt sich komfortabel regieren im kleinen semiseriösen Südkreis. Bei der entscheidenden Abstimmung fehlen dann vier Oppositionspolitiker – der Kreistag ist und bleibt auf der einen Seite eben ein Amateurpolitiker-Verein, eine völlig überforderte Selbsterfahrungsgruppe.

Die Grünen machen einen sowieso sprachlos: In der ihnen eigenen verwurstelten Wahrnehmung der Realität kommen sie in derselben Sitzung zu der Erklärung, sie seien prinzipiell gegen einen Hauptamtlichen Beigeordneten – aber wenn er eine Frau mit Schwerpunkt erneuerbare Energie und Umwelt wäre, könnte man dann doch zustimmen. Oh je, du arme provinzielle krude grüne Politikwelt.

Nun gibt es also zwei Hauptamtliche Kreisspitzen in unserem kleinen Südkreis. Sie verrichten jetzt gemeinsam die Aufgaben, die zuletzt ein gesundheitlich stark angeschlagener Landrat ganz allein recht souverän geschultert hatte. Die vielen wortreichen Erklärungsversuche dieser skrupellosen Selbstbedienung der Freien und Roten dienten nur einem Ziel: Von einem insolventen Kreishaushalt vor dem Total-Zusammenbruch noch schnell das Maximale abzugreifen.

St. Florian muss entgegen anderen Überlieferungen doch evangelisch gewesen sein. In einer westlichen Kreisgemeinde schwangen auch Vorstandsmitglieder der evangelischen Kirche geistreiche Sätze über die sexuellen oder pädophilen Verfehlungen katholischer und nahegelegener regionaler schulischer Verantwortungsträger.

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Sehr schnell wurden die evangelischen Moralapostel absolut schweigsam, als ein Geistlicher aus den eigenen Reihen, nicht zum ersten Mal, außerehelich und interkonfessionell seinem hormonellem Drängen nachgab und sich nach der extern ausgelebten Nächstenliebe sogar ein Veilchen einfing. Was man der anderen Fakultät liebend gern vorwirft, wurde indes zunächst in den eigenen Reihen eiligst und gründlich unter den Teppich gekehrt. Kreiseigenes evangelisches Landrecht! Penetrante Mitbürger sorgten in der Folge für Öffentlichkeit und Konsequenzen, die von dem Protagonisten nicht wirklich verstanden oder gar als notwendig erachtet wurden.

Die Kommunalwahlen im Kreis hinterließen Spuren dort, wo man sie nicht vermutet hatte. Selbstherrlich und ohne Absprache mit den Kreispolitikern hat die Doppelspitze der schwarzen Partei ihre Kandidatenliste im stillen Kämmerlein aufgestellt und der überraschten Kreispartei als „alternativlos“ präsentiert, man lernt eben von der politischen Vorturnerin. Ein so genannter Siebener-Ausschuss muss über die Aufstellung der Kandidaten entscheiden, klammheimlich reichten in diesem Fall auch drei Juroren. Ergebnis der konspirativen Aktion: Weg mit altgedienten Kadern, deren Zeit ist vorbei, frisches Blut muss in den Kreistag. Das Ergebnis war kein frisches, aber böses Blut, eine heftige Krisensitzung und ein fragiler Burgfrieden, aber dennoch Rückzug der Älteren in die innere Immigration. So richtig hat die Kreisspitze die Situation der Partei bis heute nicht begriffen, dazu würde nämlich Kommunikation in den eigenen Reihen gehören, und ein Mindestmaß an politischem Fingerspitzengefühl.

Es galt, eine Schleimspur zu beseitigen. Ohne Rücksprache mit den Kreispolitikern seiner Partei hatte sich der Fraktionsvorsitzende der Schwarzen vor den „Koalitionsverhandlungen“ in einer Kreistagssitzung bei den Freien Wählern in einer Weise angebiedert, dass es selbst alten Hasen die Sprache verschlug. Es war ein letzter hilfloser Versuch, die fünfte Kolonne der Roten doch noch ins bürgerliche Lager zu ziehen. Dieser Versuch schlug grandios fehl, und der Hausmeister der im Volksmund so genannten „Ernst-Thälmann-Halle“ soll zwei Tage an der Beseitigung der massiven Schleimspur gearbeitet haben.

In der Nacht zum 18. August einigten sich nach monatelangen Streiks die deutschen Zeitungsverleger mit den festangestellten Redakteuren und Journalisten auf einen neuen Tarifvertrag ohne die angedrohten Gehaltskürzungen. Zuvor waren, ebenfalls monatelang, Zeitungen mit Notausgaben auf den Markt gekommen, auch die in unserem virtuellen Süd-Landkreis. In der hiesigen Leserschaft hatte man allerdings nicht bemerkt, dass es sich eine Zeitlang um Notausgaben handelte, weil das Blatt inhaltlich auch sonst immer wie eine solche daherkommt. Dennoch bedauern die letzten noch verbliebenen Leser der Mitmachzeitung das Ende des Streiks, denn vor den redaktionellen, meist verunglückten, Eingriffen der Hauptamtlichen in die eingesandten Texte von Freien, Firmen und Vereinen, war der Text noch verständlich und lesbar.

Nachtrag: Im Oktober besucht ein Redakteur der Mitmachzeitung eine Kooperative Gesamtschule im westlichen Teil des Kreises und diskutiert Pressearbeit mit den Gymnasiasten. In seinem Bericht beklagt sich der Redakteur später darüber, dass sich nur acht Prozent der Schüler für die Regionalseiten der Zeitung interessieren. Ja, was denn, hat er sich nie selbst von der bemitleidenswerten Qualität dieser Seiten überzeugt?

Die Piraten eroberten den nördlich angrenzenden Landkreis, einige größere Städte in Land und Bund, nun auch die Bundeshauptstadt. Ein Standbein der Freibeuter ist das Internet und der Umgang mit ihm. Wenn es danach geht, wird der fiktive kleine Südkreis eine leichte Beute für die Seeräuber. Für viele Parteien im Kreis und in den Gemeinden, und vor allem ihre leicht oder stark angestaubten Vorsitzende, ist eine Partei schon modern und netzaffin, wenn sie jährlich einmal ein paar Texte auf die eigene Homepage setzt, die in der Regel einen grellbunten Seitenaufbau vom letzten Jahrtausend aufweist. Wenn sie überhaupt einmal im Jahr gepflegt wird. Dass das Internet die Kommunikationsbasis der Zukunft ist, wird zwar immer wieder festgestellt, auch von der Politik, aber der Erkenntnis folgt, wie so oft, keine Umsetzung. Noch im November 2011 wünschen einige Ortsverbände ihren Mitgliedern ein frohes und gesundes….2011. Noch Fragen zum Zustand der Provinzparteien?

„Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr“ wird Paulus im Römerbrief zitiert. Gottes Bodenpersonal allerdings hält nicht viel von solchem religiösen Brimborium, sondern vergilt lieber höchstselbst. Ein ehemaliger Pfarrer, heute schwarzer Bürgermeister der Kreisstadt und Verlierer mit Fusionsplänen und bei der Landratswahl im Nachbarkreis, verfolgt innerparteiliche Kritiker noch jahrelang. Dazu bedient er sich sehr weltlicher Methoden, nämlich der Parteieintritte von Freunden und Gleichgesinnten. Die dann bei parteiinternen Wahlen plötzlich die Mehrheit stellen und altgediente, wenn auch kurskritsche, Parteimitglieder aus den Parteiämtern drängen. Nur der Ordnung halber sei hinzugefügt, dass selbiger schwarzer Politiker auch der oben erwähnte ist, der im Kreistag den schwarzen Anführer gibt und auch dort zuletzt mit der Listenaufstellung zur Kommunalwahl ein schweres Chaos in der eigenen Partei angerichtet hat. „Oh Herr, er weiß nicht, was er tut“. Oder doch?

Im Jahresrückblick 2008 berichteten wir vom Totalversagen der kreiseigenen Tourismuswerbung. Drei Jahre später können wir konstatieren, dass auch jährliche sechsstellige Euro-Beträge zu keiner bemerkenswerten Verbesserung geführt haben. Immerhin bekommt die Presse mittlerweile monatliche Werbe-Newsletter aus dem bewohnten Mittelgebirge… allerdings vom Nachbarlandkreis, aus einem anderen Bundesland…

…und hier unser Dauerbrenner: die mit öffentlichen Mitteln herausgegebene Postille „Kreis regional“ wird noch immer kostenlos an alle Haushalte im kleinen Kreis verteilt. Es handelt sich um eine Selbstbeweihräucherung der Ämter und Eigenbetriebe im Landkreis, die sich und ihre Leistungen in der Tagespresse nicht ausreichend gewürdigt und bejubelt fühlten. Dies erledigen sie seit Jahren penetrant selbst. Der Landrat fand bisher nicht die Kraft, die ursprünglich als rote Wahlkampfbibel konzipierte Streitschrift einzustellen, sondern nutzt es jetzt zu eigenen Zwecken. Eigenwerbung finanziert aus öffentlichen Mitteln auf Kosten der Steuerzahler, das ist ja auch extrem verlockend. Die Bürger des kleinen Kreises kostet das unsägliche periodische Pamphlet jährlich weit mehr als 100.000 Euro. Zusammen mit den Kosten für den neuen Ersten Kreisbeigeordneten schlagen unnötige Ausgaben im Kreis mit etwa einer viertel Million Euro zu Buche, beziehungsweise dem Bürger auf den Magen.

Geschäftsmodell Erpressung: Die Mitmachzeitung bedient sich jetzt auch süditalienischer Arbeitsmethoden. Um sicherzustellen, dass sie auch tatsächlich zukünftig völlig kostenlose Artikel und Fotos zugeschickt bekommt, lässt sie eine westliche Gemeinde im Kreis per E-Mail sinngemäß wissen, dass „über Ihre kulturellen Großereignisse in unserem Blatt leider nicht mehr berichtet werden kann“, wenn etwa an die Autoren Honorar gezahlt werden müsse. So lässt sich herrlich Zeitung machen.

Als erster im Bundesland will unser kleiner fiktiver Südkreis in wenigen Tagen flächendeckend das schnelle Internet-Breitband eingeführt haben. Da freut sich Bevölkerung und Wirtschaft. Aber nicht überall. Anscheinend haben die Bodenarbeiten während der Kabelverlegungen die vorhandenen Netzte des traditionellen Anbieters beschädigt, so dass ganze Ortschaften wochenlang mit ständig wechselnder Betroffenheit ohne jede technische Kommunikation dastanden. Stand etwa Absicht dahinter? Um nämlich in den Genuss des schnellen breiten Bandes zu kommen, müsste man zum örtlichen Anbieter wechseln, und dazu besteht wenig Neigung, weil ein hoher Anteil Nutzer von ihren traditionellen Providern nicht nur Internet, sondern auch mobiles Telefon und Fernsehprogramme bezieht. Wollte man der Wechselneigung vielleicht etwas nachhelfen?

Für einen Studiendirektor aus dem westlichsten Zipfel unseres kleinen Landkreises endete das alte Jahr mit einer Überraschung. Das Bundesverfassungsgericht gab ihm umfassend Recht bei einem Verfahren gegen das Kultusministerium. Was war geschehen? Er hatte sich um einen Direktorenposten einer Gesamtschule beworben, neben vier anderen Kandidaten. Der Verlauf der Stellenbesetzung kam ihm danach reichlich spanisch vor. Genervt hatten bereits drei Mitbewerber aufgegeben, ein anderer sollte auf dubiosen Wegen den Job erhalten. Unser Kandidat forderte eine Überprüfung, und, oh Wunder, wie in diesem Bundesland mittlerweile bei Stellenbesetzungen üblich, waren keine Unterlagen und Protokolle mehr vorhanden. Warum sollte es im Kultusministerium auch anders zugehen als im Innenministerium bei der Suche nach einem Leiter der Bereitschaftspolizei? In der Urteilsbegründung machte sich das Bundesverfassungsgericht fast noch lustig über die vielen „verschwundenen“ Unterlagen und kassierte gleich drei vorherige Urteile des Verwaltungsgerichts und des Verwaltungsgerichtshofs des Bundeslandes. Und jetzt? Alles auf Anfang!

Prosit Neujahr!

[Alle Hervorhebungen sind von uns]

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