Wiesenmarkt entlockt Schloss(ver)käufern Bekenntnisse: „Koch hat es mit uns durchgepeitscht“ und für den Grafen war es ein „ganz schwerer Entschluss“


>Was monatelang im Odenwald und weit darüber hinaus für Gesprächstoff und hitzige politische Debatten sorgte, stand am Samstag zur Eröffnung des Erbacher Wiesenmarkts ein weiteres Mal im Mittelpunkt des öffentlichen Geschehens. Der im Juni vollzogene Verkauf des historischen Schlosses und seiner Sammlungen an das Land Hessen fehlte in keiner der Ansprachen. In Anknüpfung an die Tradition betonten die Redner beim Empfang im Innenhof auf den Zusammenhang zwischen Grafenhaus, Schloss, Stadt und Wiesenmarkt.
Bürgermeister Harald Buschmann (CDU) untertrieb, als er zu Beginn noch „von einer kleinen Übergabe“ sprach, nachdem Wissenschaftsminister Udo Corts (CDU) ungeschminkt einen kurzen Rückblick wagte: „Ein Damoklesschwert hing über uns: Wird das Schloss und seine Sammlung verloren gehen?“ Es sei darum gegangen, „das Juwel für die Stadt, den Landkreis und das Land zu retten“. Mit Blick auf die massiven parlamentarischen und öffentlichen Widerstände betonte Corts, auch „Ministerpräsident Roland Koch (CDU) hat es mit uns durchgepeitscht“.
Graf Franz II. zu Erbach-Erbach sprach von einem „ganz schweren Entschluss“. Ursprünglich wollte er nur die Sammlungen an das Land verkaufen, doch „Koch wollte auch die Hülle dazu“. Mit dieser Lösung könne die Grafenfamilie in Erbach präsent bleiben; er hätte es sich nicht vorstellen können, „eines Tages durch die leeren Schlossräume zu gehen“. Buschmann leitete mit den Worten „Was wäre die Stadt ohne die Grafengeschichte?“ über zum Wiesenmarkt, den Graf Franz I mit den Worten „ein Vater macht seinen Kindern Spaß“ im Jahr 1802 ins Leben gerufen hatte. <
>Seine Freude über den gelungenen Verkauf des Erbacher Schlosses brachte Graf Franz II. zu Erbach-Erbach (links) im Beisein von Bürgermeister Harald Buschmann beim Empfang im Innenhof zum Ausdruck.<

>Bei angenehmen Temperaturen strömten am Samstag die Menschen auf den Marktplatz, um bei der offiziellen Eröffnungsfeier des 203. Erbacher Wiesenmarkts dabei sein zu können. Nach der Tradition eröffnete Graf Franz II. zu Erbach-Erbach das größte Volksfest im südhessischen Raum. Zu den Ehrengästen zählten Hessens Wissenschaftsminister Udo Corts (CDU), der Intendant des hessischen Rundfunks, Helmut Reitze, und Odenwälder Bundes-, Landes- und Kommunalpolitiker.
Begleitet von den Klängen der gräflichen Jagdhornbläser drückte Franz II. vom Balkon des Schlosses „seine Dankbarkeit an den Stifter des Festes“, seines Vorfahren Franz I., aus. Ursprünglich am Sommer- und Jagdsitz der Grafenfamilie als Eulbacher Markt veranstaltet, wechselte dieser nach dem Tod des Stifters 1824 – zunächst provisorisch – nach Erbach, wo das Fest bis heute gefeiert wird. Bürgermeister Harald Buschmann sprach von einer „echten Herzensangelegenheit“, denn „zum Wiesenmarkt sind alle Gäste Erbacher Bürger geworden“. Er begrüßte die Vertreter der Partnerstädte. Zur Unterhaltung spielte das philharmonische Orchester aus Ansiào in Portugal sowie das Fanfarencorps des Erbacher Carnevalvereins.
Mit Blick auf das Schloss versicherte Udo Corts: „Wir investieren in die Zukunft der Region.“ Ähnlich äußerte sich HR-Intendant Helmut Reitze, der versprach, Werbung für die Region zu machen. Im anschließenden Festumzug präsentierten sich Erbacher und Odenwälder Vereine, Initiativen, Kindergärten, Schulen und Firmen. Neun Böllerschüsse verkündeten über die Stadtgrenze hinaus den Beginn des zehntägigen Treibens. Wie schon im Vorjahr gelang Udo Corts auf Anhieb der Bieranstich im Fest- und Eventzelt. <
Texte und Bild: pgi (Manfred Giebenhain)

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