Ein interessantes Interview führt Annika Giese in Telepolis mit Professor Gundolf S. Freyermuth:
Der an der Internationalen Filmschule Köln Ästhetik und Kommunikation lehrende Dozent vergleicht das für Publikationen “effektivere Distributionsmittel” Internet mit den klassischen Medien und ist “dramatisch überrascht – und zwar ausgesprochen positiv“.
Nachfolgend Auszüge aus diesem Interview:
Freyermuth: Der Beruf des Journalisten war einer derjenigen, die sich am spätesten professionalisiert haben. Die journalistische Ausbildung gab es erst nach dem zweiten Weltkrieg. Ich betrachte diese Professionalisierung durchaus mit ambivalenten Gefühlen. Solange eine gewisse Offenheit besteht, hat eine Vielzahl interessanter Charaktere die Möglichkeit, sich zu entfalten. Verhärten sich die Verhältnisse, gibt es klare Ausbildungen, schließt man eine Vielzahl aus. Hätte Karl Kraus je eine Journalistenschule überstanden? Wäre Tucholsky durch einen Publizistikstudiengang gekommen?
Das Internet eröffnet parallel zu den notwendigen Professionalisierungsanstrengungen einen Freiraum – einen Freiraum für diese einzigartigen Leute wie Kraus und Tucholsky, deren Talent Verschulung und formale Qualifizierungsprozesse möglicherweise nicht überleben würde. Der Umstand, dass im Internet jeder publizieren kann, ist ein großes, großes Geschenk an die Medienöffentlichkeit, weil die Professionalisierung im Bereich der etablierten Medien relativ weit fortgeschritten ist.
Freyermuth: Ein zentrales Mittel, um Falsches von Wahrem oder Tatsächliches von Erfundenem zu trennen, bringt das Internet gleich mit: Mit dem Peer-Review – also den Rezensionen und Kommentaren von Leuten, die sich für kompetent halten – können wir eine Vielzahl von Meinungen sammeln, die verschiedene Glaubwürdigkeitsstufen haben.
Freyermuth: Ich mag den Gegensatz von Journalismus “hier” und Journalismus im Netz nicht. Das Netz ist ein Distributionsmedium wie Papier. In den 50er und 60er Jahren hatten die Fernsehjournalisten ein negatives Image. Das hat sich inzwischen erledigt, und nun sind die Netzjournalisten die Parias. Es ist die einfachste Art, mit neuer Konkurrenz umzugehen, dass man sie schlecht macht. […]
Vor zehn Jahren gab es die große Furcht, das utopische World Wide Web könnte zu einem großen Supermarkt werden, wo Bertelsmann und Time Warner ihr Zeug verkaufen. Und dass alles technisch umgestellt wird auf Drücker-Mechanismen, also auf Push-Technologien. Aber von 2000 an haben die Nutzer die technischen Mittel der spontanen Interaktivität und Selbstdarstellung an sich gerissen und sich den organisierten Angeboten entgegengestellt. Sie haben sich selbst geschaffen, was sie wollten.
Mit diesen zwei Dingen hat mich das Netz dramatisch überrascht – und zwar ausgesprochen positiv. Ich glaube auch, dass das so weitergehen wird - dass der digitale Fortschritt mich auch in den nächsten zehn Jahren primär positiv überraschen wird.
Quelle: Telepolis, Ritter von der strahlenden Gestalt, 31. 1. 2006
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