Gernot Rotter zum „Karikaturen-Streit“: „Kann es verwundern, wenn im Falle einer offensichtlichen Verbindung von Politik und Religion auch die Letztere entsprechend karikiert wird?“

>Im Koran wird die bildliche Darstellung von Mensch und Tier nicht ausdrücklich verboten. Dagegen findet sich im Hadith (Worte und Handlungen des Propheten) ein solches Verbot dergestalt, dass Maler oder Bildhauer, die Lebewesen darstellen, am Tag des Jüngsten Gerichts aufgefordert werden, diesen Wesen Leben einzuhauchen; und da sie dies nicht können, werden sie zur Hölle verdammt.[…]
In moderner Zeit (nicht zuletzt unter dem Einfluss der Fotografie) sind vornehmlich bei den Schiiten auch gemalte Darstellungen nicht nur des Vetters des Propheten, Ali, und seiner Nachkommen, sondern auch des Propheten selbst durchaus zu finden.
Um die bildliche Darstellung des Propheten geht es also gar nicht, sondern um die Art und Weise, wie er in den Karikaturen dargestellt wurde: Er wird, und dies ist das Wesen der Karikatur, lächerlich gemacht und verspottet.[…]
Eine der Karikaturen in der dänischen Zeitung zeigte Mohammed mit – nicht einmal unsympathischem – Gesicht und einer Bombe statt einem Turban auf dem Kopf. Man mag dies als bösartige antiislamische Verallgemeinerung betrachten, doch müssen sich die Kritiker in der islamischen Welt auch fragen lassen, weshalb ein Karikaturist auf eine derartige Idee verfällt.

Sind nicht Dutzende von Attentaten, von denen der 11. September ja nur der blutigste war, nicht im Namen des Islam verübt worden? Nennt sich nicht ein Staat, dessen Präsident einem anderen Staat mit der Vernichtung droht und an Atombomben bastelt, „Islamische Republik“?

Ein ägyptischer Autor, ein Muslim, hat einmal geschrieben, dass Politik ein schmutziges Geschäft sei und dass man, wenn man die Religion mit der Politik verbinde, die Religion mit in den Dreck ziehe. Recht hat er. Und Karikaturen dienen in erster Linie der Kritik an politischen Vorgängen. Kann es dann verwundern, wenn im Falle einer offensichtlichen Verbindung von Politik und Religion auch die Letztere entsprechend karikiert wird?
[…]
Inzwischen hat der islamistische Spuk auch die meisten sunnitischen Staaten erfasst, und kritische muslimische Intellektuelle wagen es kaum mehr, dagegen anzuschreiben, weil sie Angst um ihr Leben haben. Umso erschreckender ist die Hysterie des islamistischen Mobs gegen ein paar kritische Karikaturen.< Quelle: Gernot Totter in TAZ, Guter Mann Mohammed, 7. 2. 2006 [Hervorhebungen von uns]

Gernot Rotter ist seit 1984 Professor für Gegenwartsbezogene Orientwissenschaft am Asien-Afrika-Institut der Universität Hamburg. 1980 bis 1984 war er Direktor des deutschen Orient-Instituts in Beirut, 1987 bis 1991 Landtagsabgeordneter der Grünen in Rheinland-Pfalz. Rotter, 60, ist Co-Autor von: „Nahostlexikon, der israelisch-palästinensische Konflikt von A – Z“

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